wiegen ,
st. vb. herkunft und form. die jüngernhd. verben wiegen — wog — gewogen
und wägen — wog — gewogen (
selten wägte — gewägt)
gehen gemeinsam zurück auf mhd. wëgen (wige — wac, wâgen — gewegen) '
bewegen',
ahd. wëgan,
got. gawigan,
an. vëga,
ags. wëgan,
afrs. wëga,
zur idg. wurzel *egh- '
bewegen' (
näheres hierzu s. unter wägen teil 13,
sp. 422).
beide nhd. wörter haben in der hauptsache nur noch die speziellen bedeutungen '
soundso schwer sein' (
intrans.)
und '
das gewicht eines gegenstandes (
mit der waage)
bestimmen',
auch '
wertend schätzen' (
trans.).
die heutige allgemeine verbreitung der (
landschaftlich bereits mhd. auftretenden)
ausgleichspräsentien auf -i(wiegen)
und -e- (wägen)
ist das ergebnis einer schriftsprachlichen entwicklung im 17.
und 18.
jh., die sich nur auf schmalen mundartlichen boden stützt. auch die formen wog
und gewogen,
die hier und da schon im 16.
jh. begegnen, sind erst seit dem ausgehenden 17.
jh. allgemeingültig geworden, ohne mundartlich überall aufnahme gefunden zu haben. während das part. prät. gewogen (
seit dem 15.
jh. vorkommend)
sich direkt gegen das ursprüngliche gewegen (
im 17.
jh. versiegend)
durchsetzt, geht dem prät. wog, wogen
zunächst ein wug, wugen (
mhd. -uo-)
voraus, das seit dem 13.
jh. im md. auftritt, seit dem ende des 15.
jhs. gegen wag,
wagen ins obd. vorrückt und im ausgehenden 16.
und älteren 17.
jh. herrschend ist (
anstelle des unter wägen
sp. 425
für das 17.
jh. gebuchten prät. ihr waget Abr. a
s. Clara
Judas [1687] 1, 20 [
druckfehler]
steht in anderen ausgaben die sinngerechte konjunktivform ihr wöget [1686] 1, 34; [1702] 1, 22). —
zu dem nachstehenden überblick über die wandlungen des flexionsschemas ist die ausführliche darstellung der geschichte der einzelformen unter wägen,
teil 13,
sp. 424
bis 427,
stets mit heranzuziehen; vgl. auch H. Paul
dt. gramm. 2, 230
f. und 233 (§ 168
nebst anm. 6).
im 16.
jh. ist im obd. noch die intakte mhd. vokalreihe wegen, wige — wag, wagen — gewegen
sprachüblich, vgl. z. b. bei Wickram: wegen (
inf.)
w. 2, 263
lit. ver.; wigt (3.
sing. präs.) 5, 8; wag (3.
sing. prät.) 8, 199; wagen (3.
pl. prät.) 3, 177; (
du hast) gewegen 4, 75;
bei Hans Sachs: wigt (3.
sing. präs.)
w. 21, 42, 29
lit. ver.; wag (3.
sing. prät.) 11, 54, 21; (
er hat) gewegen 12, 133 (
neben wag
auch wg, wugent,
s. u.);
bei Fischart
mit ausgleich des vokalwechsels im präsens: wiegen (
inf.) 2, 373
Hauffen; wieget (3.
sing. präs.)
ebda; wag (3.
sing. prät.)
Garg. 218
ndr.; wagen (3.
pl. prät.)
ebda; (ab)gwägen
binenkorb (1581) 177
a (
neben wag
auch wog,
s. u.).
daneben steht (
vom md. auf das obd. übergreifend)
die reihe wegen, wige — wug, wugen — gewegen,
z. b. bei Aventin: wegen (3.
pl. präs.)
s. w. 4, 367, 32
bayer. akad.; wigt (3.
sing. präs.) 4, 915, 20; wueg (3.
sing. prät.) 4, 323, 19; wuegen (3.
pl. prät.) 4, 49, 16; (
hat) gewegen 4, 417, 7;
bei Mathesius: wegen (
inf.)
Sarepta (1571) 166
a; wigt (3.
sing. präs.) 166
b; wug (3.
sing. prät.) 168
a; wugen (3.
pl. prät.)
ebda; gewegen 166
a (
daneben gewogen 166
b);
bei Fronsperger: wegen (3.
pl. präs.)
kriegsbuch (1573) 1, 95
a; wigt (3.
sing. präs.)
ebda; wug (3.
sing. prät.) 3, 199
a;
dazu erwegen (
part. prät.) 1, 95
a.
die geltung dieser im allgemeinen vorherrschenden flexionsweisen wird jedoch durch häufige vokalische schwankungen beeinträchtigt. Luther
gebraucht in der regel die reihe wegen, wige — wug, wugen — gewogen,
z. b.: wegen (
inf.)
1. chron. 23, 3; (3.
plur.)
ps. 62, 10; wieget (3.
sing.)
Jes. 40, 12; wigt (3.
sing)
w. 10, 1, 1, 531
W.; wug (3.
sing.)
1. Mos. 23, 16;
2. Sam. 14, 26;
tischr. 4, 702
W.; gewogen
2. Sam. 18, 12;
Esra 8, 33;
tischr. 5, 31
W.; daneben aber -i-
für -e-: wiegen (
inf.)
w. 7, 682
W.; er ... wige (
konj. präs.)
w. 8, 305
W.; auch -e-
für -i-: du wegest (
indik. präs.)
Sirach 28, 29;
als konj. prät. findet sich wöge (3.
sing.)
Hiob 6, 2. —
das part. gewogen
tritt sonst im 16.
jh. zunächst noch selten auf, zu den wenigen unter wägen
sp. 425
angeführten beispielen vgl. noch Planitz
berichte 36
Wülcker (1521)
und Reutter v. Speir
kriegsordn. (1595) 101;
bei Mathesius
wechselt -o-
mit häufigerem -e- (
s. o.).
stärker machen sich die schwankungen im finiten prät. bemerkbar; so begegnet -u-
neben -a-
im Teuerdank: wug 85, 30; wag 7, 16
und bei Hans Sachs: wugent 7, 202, 6
lit. ver.; wag 11, 326, 13. -o-
findet sich neben -a-
in der Zimmer. chron.: wog
21, 191; wag 274
und bei Fischart: wog
w. 1, 160
Hauffen; wag
Garg. 335
ndr.; später dann -o-
neben -u-
bei Rollenhagen: wog
froschm. (1621) O 3
a; wug N 6
b;
bei Grimmelshausen: wog
Simpl. 285
Scholte; wug (
la. derselb. stelle) 1, 350, 8
Kurz; (
dazu gewogen
Simpl. 247
Sch.);
bei Zesen: erwoog
Ibrahim (1645) 1, 417; wug
Simson (1679) 206.
im präsens tritt durchgeführtes -i-
oder -e-
neben dem ungleich häufigeren lautwechsel im 16.
jh. nur wenig hervor. wi(e)gen
findet sich seit dem 12.
jh., zuerst im rheinfränk. und auch später namentlich im westmd., z. b. vielfach bei Diefenbach
gl. s. v. appendere, compensare, equipensare, librare, pensare, ponderare, taxare, trutinare (
vgl.wägen sp. 424).
ausgleichsformen auf -e-
begegnen nur ganz sporadisch (
s. ebda).
im mittelfränk. (
s. u.)
beheimatetes weigen,
z. t. mit sekundärablaut nach der i-
reihe, s. unter wägen II 4,
sp. 426 (
mhd. wigest, wiget
scheint hier zu wîst, wît
kontrahiert, das -î-
auch in die übrigen präsensformen verschleppt und diphthongiert worden zu sein);
vgl. noch weich (3.
sing. prät. trans. u. intr.)
Karlmeinet 447, 49
u. 51
Keller; hait zusammen gewiegen 27 loit silbers
bei Heinzerling-Reuter
Siegerl. 313; wygen (
trans.), weych (
prät. intr.) Chr. Wierstrait
historij des beleegs von Nuys (1476) 482
u. 486
Meisen. die frühnhd. verhältnisse in der präsensbildung sind, wie der folgende überblick zeigt, mundartlich bis in die neuere zeit bewahrt geblieben. im obd. und im nd. hat sich sehr weitgehend der alte lautwechsel erhalten (
einzelne abweichungen s. u.),
vgl.: wäge
n, wīg (-š, -t) Fischer
schwäb. 6, 345; wäge, wig, wigsch, wīgt
etc. Seiler
Basel 308
a; i wige, mr wäge Hunziker
Aargau 285;
ich wîk, mər wákə (
Oberelsasz) Martin-Lienhart
elsäss 2, 796; ich wig, wir wegen Schmeller-Fr.
bayer. 2, 871. —
im nd. ist in der 1.
pers. sing. -e-
eingetreten: ik weg, du wiggst
etc. Mensing
schlesw.-holst. 5, 571; wegen, wigt Richey
id. Hamburg. (1743) 347; wäg, wiggst Danneil
altmärk. 242
b; wëje, wichst Damköhler
Nordharz 224
b; wëge, (wögst
und) wegst, wegt (ë < ë, e < i) Schambach
Göttingen 291
a. —
im westmd. herrscht in einem binnenstreifen, der vom moselfränk. zum hessischen zieht, die form weigen: waiə(n), weiə
n (
nördl. u. östl. Lothr.) Follmann
Lothr. 535; weien
wb. d. luxemb. ma. 480;
nösn. weigen,
moselfrk. weiən Kisch
vgl. wb. 244
b; weijen Christa
Trier 216
b; weie Autenrieth
pfälz. 150; weie Crecelius
Oberhessen 914.
nördlich hieran grenzt ripuarisches woge (
zu wooch, wooge '
waage',
s.wagen,
vb., III,
teil 13,
sp. 393): Wrede
Köln 293
b; Müller-Weitz
Aachen 263; Müller-Schlosser
Düsseldorf 269
a.
zwischen diesem westmd. -ei-
und -o-
gebiet und dem obd. und nd. geltungsbereich des e/i-
präsens liegen beiderseits mundarten, in denen wiegen
durchgeführt ist. der südliche streifen zeichnet sich im rhein-, süd- und ostfränkischen bis ins westerzgebirgische ab: wijə
im nördlichsten Elsasz (
damit identisch wēje
im übrigen Unterelsasz) Martin-Lienhart 2, 804
b; wijə(n), win
im südl. Lothringen Follmann
a. a. o.; wie Autenrieth
a. a. o.; wiige Meisinger
Rappenau 231; wiije Lenz
Handschuhsheim 77
b; wīche (
wenn nicht swv.) Heilig
Taubergrund 75; wiicən, wiing (
westl. Erzgeb.) Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 665.
im norden kommt -i-
in südniederdeutschen und angrenzenden md. mundarten vor: wîgen Woeste-
N. westfäl. 324; wijje Heinzerling-Reuter
Siegerland 313
b (
in teilen des gebietes; daneben wēje,
wie auch im köln. bei Wrede
a. a. o.); w
eīg
en Bauer-Collitz
Waldeck 112
b; wijən Hofmann
Niederhess. 264; wiegen '
statt wägen' Grassow
Kassel 87; wijen Lademann
Teltow 281
a;
vgl. auch wiegeschale '
wageschale' Trachsel
Berlin 64. —
für die ostmd. mundarten mangelt es an ausreichenden buchungen; vgl. noch wê (
part. prät. trans. gewêd,
intrans. gewójen) Hertel
Thür. 252; wään (
östl. Erzgeb.) Müller-Fraureuth
a. a. o.; namentlich fehlen angaben für Schlesien, das in der jüngeren schriftsprachlichen entwicklung zuerst mit trans. u. intr. durchgeführtem wiegen
hervortritt (
s. u.).
ausgleichspräsens zugunsten von -ie-
oder -ä-
findet sich schlieszlich noch neben dem e/i-
präsens vereinzelt im ober- und niederdeutschen, vgl. ich weg
etc. Schmeller-Fr.
a. a. o.; wäg, wäggst, wäggt Mi
Mecklenb. 104; wëgen (
trans.)
neben wigen (
intrans.)
unter schriftsprachl. einflusz bei Fischer
a. a. o.;
vgl. ferner: 'wîgn
und wègn
werden beide für hd. wiegen
und wägen
verwendet' Lexer
Kärnten 257; 'wiegen
wird oft mit wägen
verwechselt' Hupel
Lief- u. Ehstl. (1795) 263.
abweichende formen s. noch bei Grimme
plattdt. maa. (1922) 92.
die entwicklung zu dem jüngernhd. nebeneinander von wägen
und wiegen,
z. t. mit differenzierung in transitiven und intransitiven gebrauch, ist also ein überwiegend schriftsprachlicher vorgang, der aber infolge der landschaftlichen gegensätze bis heute zu keinem ausgeglichenen ergebnis gekommen ist. die im 17.
jh. sich vollziehenden wandlungen des flexionsschemas genauer zu verfolgen, lassen die spärlichen belege dieser zeit nicht zu. jedenfalls verbinden sich mit dem ausgleichspräsens wiegen (
für das e-
präsens fehlen ausreichende unterlagen)
anfangs noch unterschiedliche präteritalformen, vgl. wigen (
inf.), gewegen (
part. prät.),
dazu das nomen agentis wiger (
Weinheim 1489)
oberrhein. stadtrechte 1, 395; Fischart
gebraucht wiegen — wag (wog) — gwägen (
s. o.);
der zweite Frankfurter druck (1580)
von Aventin
s bair. chron. hat wiegen (
inf., statt wegen)
s. w. 4, 367, 32; gewogen (
statt gewegen) 417, 7;
vgl. auch bei Sebiz wigt (
imperat. plur. neben koordiniertem nemet)
feldbau (1580) 16; wiget (3.
sing.) 134
und dazu selten bezeugtes gewagen 197 (
vgl.wägen sp. 426). —
immerhin läszt sich vermuten, dasz später das part. prät. gewogen (
wohl durch Luther
s sprachgebrauch nachhaltiger gefördert, z. b.: man hat dich ... gewogen und zu leicht funden
Daniel 5, 27)
mit dem ausgleichspräsens wiegen
in ein festeres verhältnis trat, und dasz diese verbindung es nahelegte, schlieszlich auch wug, wugen
durch wog, wogen
zu ersetzen, so dasz das zeitweilig irregulär gewordene verb an die ablautreihe fliegen — flog — geflogen
angeglichen wurde (
zeugnis für deren einflusz scheint auch die form weugt [3.
sing. präs.]
bei Garzoni schawplatz [
Frankf. 1641] 656
b zu sein; daneben wieget
ebda).
andererseits finden sich aber ähnliche umbildungen auch neben unverändertem e-
präsens bei heben (hub — gehaben > hob — gehoben)
und weben (wab — geweben > wob — gewoben),
und ebenso stellen sich denn die präteritalformen mit -o-
zu dem ausgleichspräsens wägen,
das, wie weben,
zugleich ein schwaches prät. und part. prät. ausbildet. die belege des späteren 17.
jhs. erwecken den anschein, dasz sich zunächst Schlesien und Obersachsen-Thüringen als zentren einer konsequenteren regelung gegenüberstehen, und zwar ersteres mit gänzlich durchgeführtem wiegen,
letzteres mit differenzierung zwischen trans. wägen
und intrans. wiegen.
zwar findet sich bei Schlesiern des frühen und mittleren 17.
jhs. noch wägen: es würde leichter wägen Gryphius
t. ged. (1698) 2, 94;
auch, der späteren schriftsprachlichen unterscheidung entgegengesetzt, intrans. wägen (3.
plur.)
neben trans. wiegen (
inf.) Logau 665
und 323
lit. ver.; seit der zweiten hälfte des 17.
jhs. hat sich hier aber offenbar wiegen
gefestigt, so bei Lohenstein: wiegen (
inf. trans.)
Arminius (1689) 2, 1427
a; wiegt (3.
sing. trans.)
türk. trauersp. 154
Just; wigt (3.
sing. intr.)
ebda 184; wiegen (3.
pl. intr.)
Arminius 1, 151
b; soviel wiegendes silber 91
b;
bei Neukirch: wiegen (
inf. trans.)
ged. (1744) 669; 808; wiegt (3.
sing. intr.) 149.
auch wo allein die trans. verwendung bezeugt ist, wird nunmehr in der regel zugleich intrans. wiegen
vorauszusetzen sein: wieg (
imperat.) Abschatz
poet. übers. u. ged. (1701)
verm. ged. 152;
so auch später: die börse wiegend Holtei
erz. schr. (1861) 18, 186.
dem schles. gebrauch scheinen auch die nördlich anschlieszenden randgebiete zu folgen: wieget (3.
sing.) Knittel
poet. sinnenfr. (1677) 120; Warnecke
poet. vers. (1704) 133; wiegt (3.
sing.)
Z. Werner
ged. (1789) 3; Gaudy
s. w. (1844) 1, 125.
für teile des westmd. darf wohl gleichfalls wiegen
vorausgesetzt werden, doch mangelt es hier an belegen; vgl. aber oben und unter wägen,
sp. 424,
frühnhd. wiegen
in Frankfurter drucken, ferner in Lehmann
s floril. polit. (
Frkf. 1662)
intrans. wigt 1, 352; wiegen 3, 35
und trans. wiegt 1, 35; 2, 954. —
die obersächs.-thür. unterscheidung zwischen intrans. wiegen
und trans. wägen
ist weniger gut zu belegen. Stieler
exemplifiziert: das kalb wiegt dreyszig pfund
und sich wägen lassen, wie schweer man sey
stammb. (1691) 2521;
dazu stimmt bei J. E. Schlegel: wägt (3.
sing. trans.)
w. (1761) 1, 394; 4, 86.
bei Lessing: wägt (
imperat. pl.) 1, 137
L.-M.; wägen (
inf. trans.) 2, 247; wieget (3.
sing. intrans.) 2, 444.
bei Thümmel: wägen (
inf. trans.)
reise 8 (1803) 59.
als '
sächsisch'
bezeugt wird die genannte unterscheidung durch einen zeitgenössischen schwäbischen grammatiker: '
ist disz wort ein neutrum, und heiszt: auf der wage schwer sein, so conjugirt man es in Sachsen: ich wige, du wigst ...
etc. heiszt es, auf der wage untersuchen, wie schwer etwas sei, und ist mithin ein activum, so conjugirt man es: ich wäge, du wägst ...
die wahre und kurze lehre disz wortes ist die: wegen,
es sei activum oder neutrum, wird nur ... abgewandelt: ich wege (
nicht wige
oder wiege), du wigst ...
das sächsische wigen,
oder gar wiegen,
wie sie es schreiben, beleidigt unsre ohren, und ist uns obendrein unverständlich' Nast
d. teütsche sprachforscher (1777) 1, 135
in: PBB 28, 381;
vgl. auch als bair. zeugnis: 'ich wäge, du wiegst, er wiegt ...
einige machen den unterschied, und sagen wägen
sey das activum, wiegen
aber das neutrum' H. Braun
orthogr.-gramm. wb. (1793) 305
b.
diesen landschaftlichen verhältnissen entspricht öfteres schwanken zwischen trans. -ie-
und -ä-
bei gebürtigen Oberdeutschen, z. b. bei Schubart: (
du) wägst
s. ged. (1825) 2, 78; wiegt (3.
sing.)
ebda 1, 258; 2, 70.
bei Rückert: wiegen (3.
pl.)
ges. poet. w. (1868) 1, 24
neben intrans. (!) wägt (3.
sing.) 2, 168
und trans. schw. partiz. prät. gewägt 1, 121 (
aber intrans. gewogen 3, 180).
vgl. auch bei Wieland: zu boden wägen
ges. schr. I 22, 413; II 4, 374
akad.; zu boden wiegt I 10, 1, 15; er wiegt I 13, 236.
dasselbe begegnet, infolge ähnlicher voraussetzungen, bei norddeutschen autoren; bei Goekingk: wägt (3.
sing.)
ged. (1780) 1, 17; wiegt (3.
sing.) 2, 211;
selbst intrans. wägen (
inf.)
findet sich bei Möser
patriot. phant. (1775) 1, 122 (
dafür wiegen [1778] 1, 122);
vgl. auch trans. du wiegest Brockes
ird. vergnügen (1721) 1, 126
gegen wägt (3.
sing.) Hagedorn
s. poet. w. (1771) 2, 68.
im übrigen wird von gebürtigen Niederdeutschen eher trans. wägen
bevorzugt, vgl. bei Klopstock: wägt (3.
sing.)
w. (1798) 10, 106;
dazu wog
ebda; bei Kosegarten: wägst
rhapsodieen (1790) 2, 7;
bei Immermann: wägen (
inf.)
Münchh. 21, 141;
bei Geibel: wägt (3.
sing.)
ges. w. (1883) 2, 238; wägend 4, 39;
dazu wog 6, 10.
indessen scheint bei den Schweizern des 18.
jhs. wiegen
durchgedrungen zu sein; zwar gebraucht Bodmer wegen (3.
plur. intrans.)
Noah (1752) 87; (
inf. trans.) 89;
dazu schwaches prät. sie wegte 305;
doch findet sich trans. wiegen
bei Haller: wieget
ged. 16
Hirzel; wiegt 46;
dazu gewogen 54; Zimmermann: wiegt
einsamk. (1784) 2, 2;
dazu wog 1, 59; Lavater: wigt
br. an Philemon 1 (1785) 446;
dazu wog
physiogn. fragm. (1775) 1, 46 (
vgl. aber: '
im schweizerischen schriftdeutsch ist der unterschied [
zw. wiegen
u. wägen]
noch lebendig, und wer hier sagen wollte ich habe mich wiegen lassen
würde ausgelacht werden' Blümner
z. schweiz. schriftdeutsch [1892] 32).
auch spätere Baiern haben trans. -ie-,
vgl. wiegen (
inf.) Rosegger
schr. (1895) I 7, 10;
selbst in der mundartdichtung: wiegen (
inf.) K. Stieler
ged. 3, 25.
diese landschaftlichen verhältnisse werden nun aber in der zeit der klassik und später von einer tendenz überlagert, in gehobener stilhaltung die differenzierung zwischen intrans. wiegen
und trans. wägen
durchzuführen. nach Adelung 5 (1786) 218
ist trans. (
und intrans.) wiegen '
so wohl im gemeinen leben, als in der edlern schreibart üblich, wägen
aber kommt nur in der letzteren vor'; wägen (wog, gewogen
und '
zuweilen' wägte, gewägt)
ist ebda 19
nur als trans. angeführt. hierzu stimmt Göthe
s wortgebrauch; er hat intrans. wiegt (3.
sing.)
gespr. (1889) 2, 290
Biederm.; dazu wog I 44, 32, 14
W.; gewogen IV 8, 88;
trans. wägt (3.
sing.) I 13, 1, 177, 22;
dazu schwaches prät. (
er) wägt' I 2, 188, 36; gewogen I 8, 271, 7;
in umgangssprachl. ausdrucksweise jedoch auch trans. wiegt (3.
sing.) I 47, 373, 17 (
notiz); wiegen (
inf.) I 31, 57, 22. (
vgl. bei A. v. Humboldt: die wägbaren stoffe
kosmos 5, 11,
aber brieflich das wiegbare
in: Lichtenberg
nachlasz 180, 10
Leitzm.).
trans. wägen
neben intrans. wiegen
ist ferner nachzuweisen bei Schiller: wiegt 2, 91
G.; wägt 3, 141; wägen 11, 332;
dazu wog 13, 179; gewogen 12, 57; J. G. Forster: wiegen
s. schr. (1843) 2, 217; wiegt 8, 82;
dazu wog 2, 343; wägt
w. 9, 55
akad.; dazu wägte
ebda; Klinger: wiegt
neues theater (1790) 1, 117; wägen
w. 2 (1832) 346;
dazu wog 3 (1815) 195; Grillparzer: wiegt
s. w. 20, 26
Sauer; wäg (
imperat.) 5, 46;
dazu gewogen 1, 226; C.
F. Meyer: wiegt
br. 63
L.; wägen
Engelb. (
151907) 44. —
intrans. undtrans. wiegen
findet sich noch bei Lichtenberg: wiegt (
intr.) (1784)
br. 2, 160
L.-Sch.; wiegen (
tr.)
ebda 330;
verm. schr. (1800) 5, 16; Mommsen: wiegt (
intr.)
röm. gesch. 1 (
21856) 585; wiegen (
tr.) 1, 190; A. v. Droste-Hülshoff: wiegt (
intr.)
ges. schr. (1878) 1, 204; wiegt (
imp. plur. trans.) 2, 296.
für die umgangssprache darf in jüngster zeit trans. und intrans. wiegen
als sehr verbreitet angesehen werden, während wägen
sich nur noch landschaftlich hält. bedeutung und gebrauch. AA.
intransitiv '
soundso schwer sein, ein bestimmtes gewicht haben',
wie wägen III 1,
sp. 427;
s. ebda die herleitung der bedeutung aus dem alten transitiven gebrauch von ahd. wëgan,
mhd. wëgen
für '
etwas bewegen, zu bewegen vermögen' (
nämlich das gegengewicht auf der waage vermöge des eigenen gewichtes);
die gewichtsangabe im akkusativ ist also ursprünglich echtes objekt. A@11)
in realer verwendung: wundert euch viel meher der schwäntz an den scytischen schafen, welche meher als dreissig pfund wigen Fischart
Garg. 228
ndr.; das schwerste musz am meisten wiegen Lehmann
floril. polit. (1662) 3, 35; einen diamant ..., welcher roh dreytausend sechshundert pfefferkörner gewogen hätte Lohenstein
Arminius (1689) 2, 412
b; seine kleidung wiegt den drittel dessen, was sein gantzer cörper
discourse d. mahlern (1721) 2, 175; erdbirnen ... da ein stück etliche pfund wiegt
d. Leipziger avanturieur (1756) 2, 165; indem das gold neunzehnmal mehr als das wasser wiegt Hegel
w. (1832) 7, 1, 192; sechzehn gefässe von gold, die 150 mark goldes wogen A. v. Arnim
s. w. 5, 2 (1857) 41; draus hab ich ein paar ochsen angebunden, recht feist und dick, die wiegen ihren mann Tieck
schr. (1828) 1, 179; ein pfund holz wiegt ja genau so viel wie ein pfund blei, allein ein kubikzoll blei wiegt über eilfmal mehr wie ein kubikzoll holz Liebig
chem. br. (1844) 76; das mischverhältnis beträgt 900 teile silber und 100 teile kupfer, so dasz 90 mark in silbermünzen 1 pfund wiegen (1873)
münzgesetz, art. 3, § 1,
abs. 2; am vierten tage endlich gar der Kaspar wie ein fädchen war, er wog vielleicht ein halbes loth, und war am fünften tage todt H. Hoffmann
Struwwelpeter 17; sie wiegen nur sechzig kilo, sagte er (
der arzt), und das ist bei ihrer grösze zu wenig Renn
adel im untergang (1947) 250.
dazu die seit dem frühnhd. geläufige, doch gegenwärtig wohl veraltende verbindung schwer wiegen '
schwer von gewicht sein'
oder auch nur pleonastisch '
soundso schwer sein': welches rosz mehr silbers wehrt ist, dann es schwer wiegen mag
buch d. liebe (1587) 22
b; ja wiegt der beutel nur fein schwer, so wird der bräut'gam flugs erwehlet J. Chr. Günther
ged. (1735) 560; und kehrt in einem augenblick mit einer feisten gans zurück, die schwerer als er selber wieget Pfeffel
poet. versuche 10 (1810) 130; wie schwer ein einzelnes atom wiegt, sein absolutes gewicht, ist nicht bestimmbar Liebig
chem. br. (1844) 61; das kindchen war bildhübsch ... es wog schon ganz schwer Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 71. A@22)
häufig metaphorisch, namentlich in der wendung schwer wiegen,
aber auch in zahlreichen analogen verbindungen und in prägnanter verwendung. A@2@aa) schwer wiegen '
gewichtig, von groszer erheblichkeit sein, stark ins gewicht fallen' (
vgl. schwerwichtig teil 9,
sp. 2593,
wofür heute gewöhnlich die zusammenrückung schwerwiegend
gebraucht wird): ist einiges unglück unter der sonnen, dasz so schwer wieget als das meinige? Rist
d. friedewünsch. Teutschland (1648) 130; so steigt die schönheit der person auf den erhabnen fürstenthron, und pflegt bey adlichen noch halb so schwer zu wiegen Stoppe
Parnasz (1735) 14; ich hab in gleicher wage recht gewogen das leid, das unser krieg schafft, das wir dulden; und was uns drückt, wiegt schwerer, als der fehl
Shakespeare (1825) 1, 293
Tieck; ein wort im streite musz so schwer nicht wiegen Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 8, 212; diese diplomatischen siege ... wogen schwerer, als die militärischen erfolge Häusser
dt. gesch. (1854) 2, 75; dies begriffen und, was schwerer wiegt, dies gethan zu haben, ist die ... unvergängliche ehre des römischen senats Mommsen
röm. gesch. 1 (
21856) 585; sagt eure meinung, ihr wiszt, dasz sie schwer bei mir wiegt W. Raabe
s. w. I 4, 202; denke immer daran, dasz ein versäumnis im einzelnen jetzt nicht schwer wiegt H. Hesse
glasperlenspiel (1943) 1, 316; das dingliche eigentum wiegt schwerer als das geistige, und die versündigung an ihm ist moralisch schwerer
N. Hartmann
ethik (
21935) 549. A@2@bb)
in entsprechender auffassung. A@2@b@aα)
namentlich leicht wiegen (
in realer anwendung literarisch nicht bezeugt, aber umgangssprachlich oder landschaftlich zweifellos geläufig): o himmel, kann ich denn kein leichtes glück empfangen! sprach der im suchen schon ganz miszvergnügte mann. was aber klag ich doch! hier treff ich meines
an. es wieget leicht
poesie d. Niedersachsen (1721) 2, 373
Weichmann; dasz diese einwürfe ... nicht leicht wogen Mommsen
röm. gesch. 2 (1865) 94; ein zerwürfnis zwischen dem vasallen und seinem herrn wiegt nicht leichter als eine tödliche sünde Reinh. Schneider
Philipp II. (1931) 19; so leicht wiegt für sie ein menschenleben? L. Frank
jünger Jesu (1956) 251. A@2@b@bβ)
so auch viel, mehr, wenig, nichts wiegen
usw., desgleichen mit interrogativem was: drauff bleibet zwischen ja vnd nein disz fräwlein stehen, sie zweiffelt, ob sie sol zurücke wieder gehen, die ehr vnd die gebühr allhier viel bey jhr wigt Dietrich v.
d. Werder
hist. v. ras. Roland (1636) 2, 65; hatte sie noch eine besondere ursache, es mit ihm zu halten; eine ursache, die darum nicht weniger wog, weil sie solche in petto behielt Wieland
ges. schr. I 10, 193, 5
akad.; auf! sagt der hauptmann, was wiegt ein freund nicht Schiller 2, 91
G.; der eine satz, dass der mensch als solcher rechtssubjekt ist, wiegt mehr als alle triumphe der industrie Jhering
geist d. röm. rechts (1852) 100; ein schwert wiegt viel in solchen zeiten W. Hauff
s. w. (1890) 1, 61; was wog das wohlwollen des gesandten, da sein herr unerbittlich blieb? Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. (1897) 1, 352; herr Kortüm hätte nie gedacht, dasz die sachen in dieser welt fast nichts wiegen, aber die nebensachen astronomische gewichte haben Kluge
Kortüm (1938) 99; ob mensch oder tier, der unterschied wog gering A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 153.
anders: meinst du denn, ich frage die leute, mit denen ich umgehe, wie ein Engländer: wie viel wiegst du? (
wie hoch ist dein vermögen) W. Hauff
s. w. (1850) 5, 99. A@2@b@gγ)
öfters in mehr bildlicher ausdrucksweise: der hunger, welcher pfündig wieget, ist offtermahls damit vergnüget, wenn er nur qventgen kriegen soll Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 2, 342; dasz monsieur bey den Deutschen zwey pfund weniger, als herr, und mamsell zwey pfund mehr wiegt, als jungfer! Hippel
lebensläufe (1778) 1, 367; auf! kronen wiegt des flüchtigen augenblicks mannhafte wahl Stägemann
kriegsgesänge (1812) 9; bretonisch wort wiegt gold, sagt das sprichwort H. Laube
ges. schr. (1875) 4, 110; dies papier, mylords, wiegt eine gewonnene schlacht Brecht
stücke 2 (1955) 50. A@2@b@dδ) mit wiegen (
gewöhnlich: auch mit wiegen) '
gleichfalls von gewicht, von bedeutung sein': bei den weibern zählt einer wenigstens mit, wiegt er auch nicht mit. sie schätzen die courmacher nach der zahl, nicht nach dem gewichte Göthe
gespr. (1889) 2, 290
Biederm.; ich und mein gefolg' — wir wiegen auch ja mit Fouqué
altsächs. bildersaal (1818) 1, 340; in einer moralischen untersuchung über schuld und unschuld wiegt auch eine absicht mit A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 431. A@2@b@eε)
prägnant wiegen '
gewicht und geltung haben': ist der gesang ein feiges spiel geworden? wiegt fürder nur der degen und die lanze? Uhland
ged. (1898) 1, 115; der gebildetere stand, der, bei dem nationalgefühl, vaterlandsliebe und hoffnung wiegen Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 138. A@2@cc)
dieselben oder ähnliche wendungen begegnen mitunter auch in abgewandelter auffassung (schwer wiegen
ist hier gleichfalls am häufigsten). A@2@c@aα)
von persönlichkeiten, auch leistungen o. ä., auf deren gewichtigkeit, bedeutung, inneren gehalt oder äuszere wertschätzung bezogen: denn grosse leut die feylen auch, nicht viel besonders wigen Ringwaldt
handbüchlin (1581) B 8
a; wer dir das sagte, wollte dich nur furchtsam machen. Aristides wiegt nicht schwer Fessler
Aristides u. Themistokles (1792) 1, 138; es haben sich männer ihm angeschlossen, die nicht gering wiegen Fr. L. Jahn
w. (1884) 1, 460; hofrat Küstner wiegt wohl nicht schwer. ein litterarischer petit-maître Grillparzer
s. w. 20, 26
Sauer; minnesang und ritterschaft wiege nun weit unter dem pfennig Gervinus
gesch. d. dt. dichtg. (1853) 2, 154; er (
Michelangelo) erkannte die anderen unparteiisch an, aber auch sie sollten ihn nicht für leichter nehmen als er in der tat wog Herman Grimm
Michelangelo (1890) 1, 223; hätte er nur eine geeignete anrede für diesen mann, der im rang nicht höher steht als er, gesellschaftlich aber und als person soviel mehr wiegt A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 21. A@2@c@bβ)
etwa wie '
lasten' (
bes. auf dem gemüte jmds): sie können nicht glauben, wie schwer meinem herzen dieses vermeynte opfer wiegt S. v. Laroche
frl. v. Sternheim (1771) 2, 180; alles was noch in mir wog und zog, waren einige schwere gedanken ... über wichtige puncte des vergangenen so wohl als künftigen lebens Lichtenberg
verm. schr. (1800) 5, 432; dem wandrer wiegt der wicht'ge schlaf auf dem sonst leichten augenlied Fouqué
held d. nordens (1810) 2, 147; eine verantwortung, die von hundert schultern getragen, dennoch für jeden einzelnen schwer genug wiegen muss Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 7, 134; wie schwer das rasche, incorrecte vorgehen meiner tochter ... auf meiner seele wiegt W. Raabe
d. hungerpastor (1864) 3, 15. BB.
transitiv '
das gewicht eines gegenstandes ermitteln'
; sicherlich desselben ursprungs wie A,
nur in reziproker auffassung, nämlich '
etwas (
durch gegengewichte bekannter schwere)
zur bewegung bringen'.
vgl.wägen III 2,
sp. 430. B@11)
in realer verwendung. B@1@aa)
den gebrauch der waage voraussetzend: sollen alle linwober ... haben ein rechte gewichte, damit sie dann den luten ire garn wiegen (
Miltenberg 1379)
oberrhein. stadtrechte 1, 314; rechenmeister sollen allen wesselern und wigern lassen verbieden, nymantisz silber, perlin oder golt zu wigen, sunder solichs sollen die wigen, die der rad darzu beschieden und daruber gesworn han (1444) Bücher
Frankf. berufswb. 114
a; 'so wiegets, dasz ich wisz den kauff.' 'nicht sag von wiegen', sprach der wirtt Fischart
w. 2, 373
Hauffen; wie viel hat ein loth tabac rauch? die asche kanstu wiegen; was dir mangelt, ist gewiss an dem rauche weg gestiegen Logau
s. sinnged. 323
lit. ver.; wer oehle wieget, besalbet sich die finger Winckler 2000
gutte gedancken (1685) J 7
a; unter währendem singen und tantzen liesz Meleager das schwein wiegen Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1427
a; eine alte frau so gold wiegt Göthe I 47, 373
W.; wir erstaunen, metallische und erdige massen, welche der auszenwelt, den himmlischen räumen angehören, betasten, wiegen, chemisch zersetzen zu können A. v. Humboldt
kosmos (1845) 3, 594.
auch: er (
Newton) wiegt die innre kraft, die sich im körper regt, den einen sinken macht und den im kreis bewegt (1729) Haller
ged. 46
Hirzel. dazu gegen etw. wiegen
zu einem gegenstand einen anderen des gleichen gewichtes mit der waage ausmitteln: packt den Juden, wiegt ihn gegen ein schwein! A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 296 (
wohl verbreiteter, vgl. wägen III 2 b,
sp. 432). — sich etwas klingend wiegen lassen (
bildlich) '
es sich in barer münze bezahlen lassen' (
auf den altertümlichen brauch, geldmengen nach gewicht zu bestimmen, anspielend, vgl. wägen III 2 b,
sp. 431
und klingen II 1 d,
teil 5,
sp. 1183): auch habe er sich die gebete um segen für die lebendigen ... klingend wiegen lassen Rosegger
schr. (1895) I 7, 10. B@1@bb)
vom abschätzen des gewichtes in der hand (
vgl.wägen III 2 c,
sp. 432). B@1@b@aα)
prägnant: er wiegt und wählt aus einem haufen speere sich den, der ihm die meiste schwere zu haben scheint Wieland
ges. schr. I 13, 236
akad.; wiegt einmahl, Wallrod, mein haar ist seit kurzem gewachsen und schwerer maler Müller
w. (1811) 3, 141; er wiegt den stock, und denkt bei sich: ei lebt ich jetzt, euch wollte ich! Gaudy
s. w. (1844) 1, 125; Rebekka ... fragte, die börse wiegend, ist das für dich, Oswald? Holtei
erz. schr. (1861) 18, 186. B@1@b@bβ)
gebräuchlich ist in (mit) der hand wiegen: holdselig lächeltest du, als ich deine langen glänzenden haare bewundernd ... in meinen händen wog maler Müller
w. (1811) 1, 90; sie ... wog es (
ein paket) in der hand und glaubte ein gewaltiges messer gefunden zu haben Holtei
erz. schr. (1861) 3, 150; wog er den vogel mit freier hand und nannte die zahl der pfunde, auf die er ihn schätzte Ganghofer
schlosz Hubertus (1917) 469; manche mahlen das korn der vergangenheit und wiegen das mehl in ihrer hand E. Wiechert
missa sine nomine (1950) 145. B@1@b@gγ)
hierbei kann sich leicht die schwache flexion einstellen, wenn die redensart auf den bewegungsvorgang bezogen und daher als anwendung von 2wiegen (
denominativ zu wiege '
cuna')
aufgefaszt wird (
s. d. und vgl. weitere bedeutungsmischungen unter 2 b): als herr Ehrenthal das document nachlässig in der hand wiegte G. Freytag
ges. w. 4 (1887) 49; er wiegte die tatzen des toten (
bären) prüfend im arm; juhuhu, das wird ein festschmaus Scheffel
ges. w. (1907) 2, 159. B@22)
übertragener gebrauch (a, b)
und abweichende verwendungen (c, d). B@2@aa) '
wertend abschätzen',
seit alters geläufig (
gern auch unter dem konkreten bilde der waage),
jedoch wird in modernerer sprache hierfür wägen
bevorzugt (
s. d. III 2 d,
insbes. ε,
und vgl. erwägen,
das jüngernhd. keine bildung mit -ie-
neben sich hat): wer kan nach rehte daz gewigen
Elisabeth 8378
lit. ver.; drumb lasset dem Luther tzu, das er der concilien gesetz wige nach dem euangelio Luther 8, 305
W.; also wurden auch die tapfersten überstimmet, wie es insgemein zu geschehen pfleget, wo die meynungen gezehlet, nicht gewogen werden Lohenstein
Arminius (1689) 1, 59
b; er (
der nachruhm) wieget nicht den werth der dinge, genug, dasz ein verrath gelinge, sein meister wird unsterblich sein Haller
ged. 16
Hirzel; er (
d. geschmack) lehret einen geist, was schön ist, schnell empfinden, ... er giebt ihm ein gesetz, nach dem er alles wiegt, und niemals in der wahl des schönen sich betriegt Giseke
poet. w. (1767) 62
Gärtner; habe ich ... das ... gute oder böse talent, mit dunckelem gefühl ihren (
einer satire) gehalt fast etwas triebmäszig wiegen zu können (1788) Lichtenberg
br. (1901) 2, 330; man musz sie (
die menschen) nur mit dem krämergewicht, keineswegs mit der goldwage wiegen Göthe I 31, 57
W.; je sorgfältiger man dieses alles untersuchet und wiegt, desto eher erhellet das wahrhaftig gute der einsamkeit Zimmermann
über d. einsamkeit (1784) 2, 2; er (
Scipio) wog Roms schicksale im stillen
ebda 1, 59; wer legt den jammer meiner tage, wer meine leiden, meine qual, wer leget sie auf eine wage, und wiegt die felsenlast einmal? Schubart
sämmtl. ged. (1825) 1, 258; ich trieb privatpatriotismus und gab eine zeitschrift heraus: die wage. ach himmel! an gewichten fehlte es mir nicht, aber ich hatte nichts zu wiegen Börne
ges. schr. (1829) 1, ix. B@2@a@aα)
speziell worte wiegen (
vgl.wägen III 2 d
ζ): der die wahrheit der worte wiegen konnte, fühlt jetzt blosz ihre glätte Lichtenberg
verm. schr. (1800) 5, 16; alle seine thaten und worte wigt er (
der christ) vor dem auge des allgegenwärtigen und allerheiligsten Lavater
brief an Philemon (1785) 1, 446; wer kann jedes wort wiegen? Kotzebue
sämmtl. dram. w. (1827) 1, 209. B@2@a@bβ)
in opposition mit wagen,
wofür heute wägen
und wagen
gebräuchlich ist (
in den beiden ersten belegen liegt noch der reguläre imperativ zum e/i-
präsens wegen
vor): nit wigs, wags S. Franck
sprüchw. (1545) 1, 22
b; ehe wigs, dann wags
sprichw., schöne weise klugreden (1548) 42
a; wagen thuts offt besser als wiegen Lehmann
floril. polit. (1662) 2, 875; gut ding musz haben gute weil, ehe wiegs, dann wags, so triffst das ziel Agyrta
grillenvertreiber (1670) 20; bedenklichkeit und ängstlichkeit, die vor lauter wiegen und wägen nicht zum wagen und handeln kommt
realencycl. f. protest. theologie 312, 529, 58. B@2@a@gγ)
in der koppelung wägen und wiegen: im wägen und wiegen und abschätzen der sünden Fischart
binenkorb (1581) 105
b; o herz, was hilft dein wiegen und dein wägen Mörike
ges. schr. 1, 139
Göschen. B@2@bb)
verschiedene anwendungen gehen von der vorstellung der ausgewogenheit oder des pendelnden gleichgewichtes aus. im letzteren falle liegen übergänge zum sinn des schwachen verbums 2wiegen
nahe (
s. u.α u. γ).
im übrigen kann hier neben der transitiven auffassung auch die intransitive eintreten. —
singulär begegnet noch (
an den begriff der quantitierenden metrik angelehnt): so lang ich meinen vers nach gleicher art gewogen, (
sc. dem niederen geschmack folgend) ... so war auch ich ein mann von hohen dichtergaben Neukirch
ged. (1744) 143. B@2@b@aα)
auf sehr unterschiedliche zusammenhänge beziehen sich formulierungen wie etwas gleich wiegen, gleich gewogen sein
u. ä.: unz er (
Pilatus) dar was gestigen (
sc. dem range nach), dâ erz glîch begunde wigen mit herren Paynô
Pilatus 466
Weinhold (
z. f. d. phil. 8, 284); die streitkräfte waren einigermaszen gleich gewogen Mommsen
röm. gesch. 2 (1889) 231.
mit der bedeutung des schwachen verbs verflieszend: (
A.:) lassen wir ... einen geraden körper, ... ein lineal schweben, was suchen wir in ihm? (
C.:) seinen schwerpunkt ...; ist der körper regelmäszig ..., so finden wir den schwerpunkt in seiner mitte; zu beiden seiten wiegen sich seine beiden arme gleichförmig Herder 22, 47
S.; wiege zwischen kälte und überspannung dich im gleichgewicht Göthe I 16, 266
W. B@2@b@bβ) gegeneinander wiegen '
miteinander auswiegen, ausgewogen sein',
von den teilen eines ganzen; ähnlich auch in prägnantem partizipialen gebrauch: darum hat er (
der mensch) diese, nicht mehr und nicht andre sinne — alles wiegt gegen einander! ist ausgespart und ersetzt! mit absicht angelegt und vertheilt Herder 5, 69
S.; wie helle er (
Shakespeare) in die seele gesehen, und seelen gemahlt! umstände und gegenumstände zusammen und gegeneinander gewogen, dasz der getäuschte leser gleichsam das gesetz der fatalität empfindet
ebda 242; weil in ihm (
dem Straszburger münster) so vieler menschen werk so einträchtig und geschlossen und gewogen auf festem grunde steht (1822) Görres
ges. br. (1858) 3, 36. B@2@b@gγ)
die verbindung hin und her wiegen
neigt in der auffassung mehr zum schwachen verbum 2wiegen (
s. d. 7);
hier sind nur die verwendungen im sinne von '
erwägen, abwägen' (
bedächtig oder unentschlossen)
anzuführen (
vgl. a): edel-ernst, ein halbthier liegend, im beschauen, im besinnen, hin und her im geiste wiegend, denkt er (
der zentaur) groszes zu gewinnen Göthe I 3, 124
W.; die redaction und anordnung ihrer aufsätze macht mir täglich mehr vergnügen, ich wiege sie hin und her, lasse sie schreiben und abschreiben, es wird ein liebenswürdiges ganze
ders. IV 32, 74
W.; das unentschiedene wiegen der dinge hin und her, die gleichgültigkeit führt nothwendig zu einer zweifelsucht und unthätigkeit Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 165. B@2@cc)
nur ganz selten ist die unter wägen III 3 e
angeführte bedeutung '
mit hebelkraft behandeln'
auf wiegen
übergegangen; sie musz wohl etwas weiter gefaszt werden, etwa '
einen unwiderstehlichen druck oder zug ausüben, wuchten'
u. dgl.; hierher gehören: (
der esel des ziegelstreichers klagt:) die stein mich wiegen vmb vnd vmb, die ich auff meinem rücken trag Burkard Waldis
Esopus 1, 116
Kurz; jetzo mit der kraft des stranges wiegt die glock mir aus der gruft Schiller 11, 319
G. Wieland
hat neben zu boden wägen (
ges. schr. I 22, 413; II 4, 374
akad.),
vielleicht auf schwäbischem lautwechsel beruhend, auch: (
dasz der verfasser) einem gewährmanne gefolget ist, dessen ansehen alle Aeliane und Athenäen zu boden wiegt (1776) I 10, 1, 15. (
vgl. hierzu noch: een mugghe steket my een doetwonde, een kleyne plumeken mach my neder wegen Joh. Veghe
wyngaerden der sele 243
Radem.). B@2@dd)
vereinzelt findet sich auch wiegen '
foltern',
wie wägen III 3 f (
s. d. und vgl. wiege 3 a
β für ein folterinstrument, statt wage): glich als ob man ein wygt, vntz das er sagen müs was man will (
glosse)
Terenz (1499) 69
a (als ob er in an die wag füren wolte, die warheit vsz ym zuo bringen
ebda).