überwiegen,
v. das übergewicht haben. untrennb. verbindung. älter überwegen, überwä
gen. zur ausbreitung der ie-
formen über das ganze präsens vgl. u. das simplex wägen
th. 13,
sp. 422
f. und o. überwä
gen. prät. überwog;
part. überwogen.
die älteren formen überwag,
bzw. überwuog,
part. überwegen
s. oben bei überwä
gen. spontanes part. überwiegt
bei Lohenstein
Ibrahim Sultan 37.
einzelne der hier eingereihten belege aus frühnhd. autoren mit den alten lautgesetzlichen formen überwi(e)ge, überwi(e)gest, überwi(e)get
müssen zu inf. überwegen (-wägen)
gestellt werden, eine allgemeine entscheidung läszt jedoch der schwankende sprachgebrauch nicht zu. II.
das übergewicht haben: praeponderare Kramer (1678) 1076
b; Reyher
thes. (1686) n 3
ra und in allen neueren wbb. I@AA.
trans.: schwerer sein als ein anderes. I@A@11)
in eigentlichem sinne: so du schon hefftig feyszt wurdst und ein grossen leib überkumpst, wirstu doch nimmer so grosz, das du ein feyszten ochsen überwigest
M. Herr
sittl. zuchtbücher (1536) 63
a; gold überwiegt silber Ludwig
teutsch-engl. lex. (1716) 2075; G. Körner
böhm. bergwerk 36.
mit maszangabe: beim menschen überwiegt das grosze gehirn das kleine um ein vieles Herder 13, 124
S.; ich überwiege ihn um acht pfund Hilpert 2, 649
b; aber sie (
d. ameisen) vermochten den körper, der eine ameise wohl dreiszigmal überwog, nicht von der stelle zu bringen Rosegger
schr. II 15, 278. I@A@22)
in bildlichem und abgezogenem gebrauche: der masse, zahl, kraft, fähigkeit, dem werthe nach mehr sein als ein anderes, es übertreffen. schon mhd.: die hymelsche vrOede, dü aller welt vrOede überwiget alz daz mer ainen tropfen wassers
d. sogen. st. Georgener pred. 331
R. I@A@2@aa)
das bild der wage und des abwiegens bleibt deutlich in belegen wie Abrahams werck .. ist schwer und uberwiget alle werck auff erden Luther 24, 361
W.; 28, 743; darumb dasz er die seelen wigen musz, ob ihre gute werck und verdienst ire sünde und untugend überwigen Fischart
binenkorb (1588) 157
b; als die missethat des kaisers seine gutheit überwiegen sollte ..., kam der gesegnete Laurentius und warf schnell einen kelch in die wage Grimm
dtsche sagen (1891) 2, 99.
sprichw.: ein quintlein gold wol bereit überwigt ein zentner gerechtigkeit Mathesius
Sarepta (1571) 164
b; der göttliche segen, welcher sich durch kein irdisches centnergewichte überwiegen lässet Chr. Weise
polit. redner (1677) 47
b; Ziegler
asiat. Banise (1689) 341; Günther
ged. (1735) 77; Pietsch
geb. schr. (1740) 133; Göthe 15, 1, 160
W. aufwiegen: (
gehorsame dienstleute) syndt nicht myt gelde zu uberwigen Luther 34, 2, 104
W.; denn obwol eine hure mit eitel perlen und edelgestein von den fussolen an bis auff das heubt geschmückt were, so ist sie dennoch eine hure, da dagegen ein ander weib in einem kittel, das from ... ist, all iren hurnschmuck uberwieget und verstellet 16, 197; Fischart
von s. Dominici artl. leben 130
K.; Miller
briefw. 3
akad. fr. (1778) 1, 317; ich habe, herr, vor dir gesündigt sehr, mein unrecht überwiegt den kleinen sand am meer P. Fleming
dtsche ged. 1, 15
L. mit näherer bestimmung: weit, bei weitem, um viel etwas ü.: wenn man das gute gegen das böse helt, so ist warlich das gute so viel und so gros, das es das böse weit überwigt
M. J. Freder
ein dial. dem ehestand zu ehren (1545) N 1
a; ihr ... verstand überwieget bey weitem alle die schätze der äusserlichen schönheit Besser
schr. 1, 128; Göthe 41, 1, 146
W.; Jac. Grimm
kl. schr. 1, 8; das gute überwiegt so unendlich das schlechte Göthe 45, 194
W.; mein lob wird ... den tadel zehnfach überwiegen Meissner
Alcibiades (1781) 1, 99; ausz dem gar leicht ermessen wird, dasz leid die freud weit überwiget Hans Sachs 20, 240
K.-G. I@A@2@bb)
bei persönl. subj. u. obj.: mehr werth sein, übertreffen, meist mit näherer bestimmung: thätige geister ... überwiegen in der noth den schönen redner, der nur tröstet Klinger
neues theater (1790) 1, 141. jem. an etwas ü.: hatte jener mehr fertigkeit einen witzigen einfall vorzubringen ..., so überwog ihn dafür der intendant an scharfsinn J. G. Müller
kom. romane (1786) 2
2, 153; an feiner sitte Fouqué
zauberring 2, 80; an ... schlauheit Fichte
s. w. 6, 271; ein andrer mag als dichter höher fliegen, — — — — — — — — — — — — — — — — wird einer ihn (
Gleim) an tugend überwiegen? Seume
ged. (1804) 260. I@A@2@cc)
der menge, stärke, dem werthe nach mehr sein und dadurch den ausschlag geben, bzw. das andere überwinden, bezwingen: so überwiege doch sein verlangen, dem gemeinen wesen zu dienen, alle andere bedencken Lohenstein
Arminius 1, 28
a; das moralische gesetz (
ist) ein durch keine sinnliche bedingung zu überwiegender bestimmungsgrund Kant 4, 129; man fasset ... einigen unwillen gegen ihn ..., doch überwiegt dieser unwille nicht das mitleid Lessing 10, 133
M.; leute, wo der kopf das herz überwiegt Göthe 37, 164
W.; 11, 33; das schöne ist ... die erscheinung, in welcher die form der idee die materie überwiegt Solger
vorles. ü. ästh. (1829) 18; der innere ... drang ... überwog jeden zweifel E. Th. A. Hoffmann 2, 45
Gr.; diesmal überwog ... das interesse der eigenen macht die rücksicht auf die verbündeten Ranke
w. 15, 186; Mommsen
röm. gesch. 2, 154; 3
4, 94; Raumer
gesch. d. germ. philol. (1870) 21. I@A@33)
der im simplex wegen (
und in bewegen)
liegende bewegungsbegriff, tritt in einigen heute veralteten wendungen deutlich hervor, so in der bedeutung '
durch übergewicht zum umkippen, zum stürzen bringen': das haupt wird im zu schwer und wird überwogen, das er hinder sich zurücke fellet H. Braun
kinderspiegel (1610) 128; (
soldaten,) die auf dem grossen fährpram sich salvieren wollen, (
sind,) indeme sie denselben auf der einen seite überwogen, umgeschlagen und ... ersoffen Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648), 58.
reflexiv u. übertragen: eine gewalt ... die von keinem rechten verstande ... unterstützt wird, überwiegt sich selbst und fällt übern haufen E. Francisci
trauersaal 1, 1001; (
der thron,) der durch zu schwere last sich selbsten überwieget, weil sein geschwächter grund auf menschenknochen lieget Pietsch
geb. schr. (1740) 55. I@A@44)
aus 3,
bzw. 2 c)
weiter entwickelt zu überwältigen, bezwingen. im 18.
jahrh. veraltend und von neueren wbb. nur in rücksicht auf die bibelspr. gebucht, s. Adelung 4, 784. I@A@4@aa)
mit personalem obj. es sas aber ein jüngling ... in einem fenster und sanck in ... schlaff ... und ward vom schlaff überwogen und fiel hinunter
apostelgesch. 20, 9; Hans Sachs 14, 238
K.-G.; er ... sihet sie (
die königin) nacket ... also überwigt er die böse fraw, das sie an irem herren brüchig wird Mathesius
Sar. (1571) 161
a; Hercules, vom zorn überwogen J. v. Sandrart
iconologia deorum 125
a; wenn vernünftige leute schwach genug sind, sich von denselben (
den vorurtheilen) überwiegen zu lassen Zimmermann
v. d. nationalstolze (1758) 16; Weichmann
poesie d. Niedersachsen 1, 59; Zinzendorf
teutsche ged. (1766) 202. I@A@4@bb)
mit sachobj.: ist sie (
die hitze) gros ..., so ist sie dem mercurio zu starck und hebt in auff, das ist sie überwigt ihn und treibt ihn als ein holtz, das von der übrigen sonnenhitz ... brenn Paracelsus
op. (1616) 1, 44; (
der neid hat die gewohnheit,) das er den zeumt, mit sporen reit, wenn ern zum ersten überwigt und in des Neidharts klawen kriegt B. Waldis
Esop 2, 193
K. I@BB.
intrans.: schwerer sein, sodann bildlich das übergewicht haben, die oberhand behalten, mehr gelten. I@B@11)
vom bilde der wage: ich hör, ich höre fern schon der wage klang, nah ihr der gottheit stimme, die richterin, o wäre sie, der bessern thaten schale so schwer, dasz sie überwöge Klopstock
oden 1, 66
M.-P.; w. 10, 108; wie wägete die waage? was überwog? Herder 28, 387
S.; mein glückstand hält die wag auf alle weise dem seinigen, wo er nicht überwiegt
Shakespeare 1, 182. I@B@22)
in abgezogenem sinne: das der gerecht offt unterligt und der ungerecht überwigt Hans Sachs 7, 250
K.; ich sorg, das bös werd überwiegen und das gut werd gar unterliegen Fischart
von st. Dominici artl. leben 3587
K.; denn es könnte dieses kurze gute so grosz seyn und das langwierige übel so klein, dasz dennoch das gute überwöge Leibniz
dtsche schr. 2, 41; Wieland 2, 475
akad. ausg.; Göthe 16, 267
W.; 15
I, 127; seine neugierde überwog A. v. Arnim 9, 192.
vorwiegen: der bei weitem gröszte theil des landes ist auf der nördlichen hemisphäre zusammengedrängt; in der südlichen überwiegt in auffallender weise das wasser Daniel
lehrb. d. geogr. (1845) 13; in Ruszland überwiegt einseitig die bodenproduktion W. H. Riehl
d. dtsche arbeit 31; Wimmer
gesch. d. dtschen bodens (1905) 108. über etwas ü.: weil in diesen fabeln das wunderbare über das wahrscheinliche ... herrschet und überwiegt, werden sie ... wunderbare ... fabeln genennet Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 1, 188; in Schubarts begabung überwog sinnlichkeit ... über verstand und willen D. Fr. Strausz
Schubarts leben 1, 4. I@CC.
part. überwiegend
als adj. u. adv. in der neueren sprache allgemein bei abstr., selten bei personen. I@C@aa)
vorherschend, ausschlaggebend: epische ... dichtung verlangt eine hauptfigur, die bei vorwaltender thätigkeit durch den mann, bei überwiegendem leiden durch die frau vorgestellt wird Göthe 41, 2, 6
W.; Tell, zu dem mich jetzt eine überwiegende neigung zieht Schiller
br. 7, 57; E. Th. A. Hoffmann 10, 119
Gr.; die gräfin ... hat einen überwiegenden hang zur schwermuth Iffland
theatr. w. (1827/8) 3, 61; überwiegenden einflusz haben, nehmen, gewinnen,
z. b. M. I. Schmidt
gesch. d. Dtschen 3, 291; Göthe 46, 74
W.; ü. macht Herder 3, 120
S.; gewalt Thümmel
reise 4, 22; der v. beweiset ... mit überwiegenden gründen
allgem. dtsche bibl. (1765) 1, 104; es lassen sich verschiedene andere verbesserungen denken, keine von überwiegender wahrscheinlichkeit Müllenhof
denkm.3 2, 215
zu XXXIV 26, 1; eine bei weitem überwiegende majorität Ranke
w. 2, 295; Moltke
ges. schr. u. denkw. 7, 140; (
Carolinens natur ist) politisch-erotisch: doch möchte das erotische wohl überwiegend seyn Fr. Schlegel
in Caroline 1, 190
W.; es lag etwas so bestimmtes, überwiegendes in seinem ganzen wesen Hauff
s. w. 5, 372. I@C@bb)
selten einfach steigernd für '
auszerordentlich, hervorragend': aus achtung, die ich für ihre überwiegenden fähigkeiten habe Tieck
schr. 6, 117; auch hatte sie am zeichnen .. überwiegende freude A. v. Arnim 7, 18; (
eine) einrichtung, die von einem überwiegenden genie geschaffen ... nach dessen scheiden ... untergeht J. Schopenhauer
reise nach England etc. (1818) 1, 107; ihr (
Maria Theresias) verhältnisz zu den überwiegenden persönlichkeiten Ranke
w. 30, 6. I@C@cc)
ungewöhnlich bei personen: in auffassung des äuszeren ... ist er (
Byron) ebenso grosz als Shakespeare ..., aber Shakespeare ist als reines individuum überwiegend Göthe
gespr. 5, 148
B. I@C@dd)
adverbiell: es musz ... wenigstens überwiegend wahrscheinlich seyn Adelung
magazin f. d. dtsche spr. 2, 2, 108.
vorwiegend: Joachimsthal war .. überwiegend von Sachsen bewohnt Steffens
was ich erlebte 8, 335; Lagarde
dtsche schr. 14; (
eine) überwiegend demokratische zusammensetzung Bismarck
reden 1, 108
K.; sein hof sprach überwiegend hochdeutsch Scherer
lit. gesch. 41; die aspiration ist am überwiegendsten im hebräischen Fr. Schlegel
s. w. 1, 127.
reichlich: dieser verlust ... wird durch die gröszere faszlichkeit (
der. 2.
aufl.) ... überwiegend ersetzt Kant 3, 25
akad. ausg. IIII. etwas überwiegen,
es überprüfen, überlegen. selten, da in dieser bedeutung überwägen (
in anlehnung an erwägen)
häufiger; heute überhaupt obsolet. überwiegen,
überdenken Voigtel
wb. 3, 450
a; Adelung
a. a. o. die folgenden belege sind wohl durchaus zu inf. überwägen
zu stellen: dann wer es überwiegt, der sieht, dasz ... Opitz
op. (1690) 4, 305; die gemeinen stedte der deutschen Hense ... hetten ernstlich überwogen und mit vleisse betrachtet ... Schütz
hist. rer. pruss. 3, Z 3
a.