vorwalten,
verb. ,
es gehört durchaus der neueren sprache an, scheint im 17.
jh. noch nicht vorzukommen, am ende des 18.
jh. ist der gebrauch vollkommen entwickelt; bei Göthe
ist es besonders häufig; zu beachten ist, dasz die abschwächung der bedeutung (
s. unten 10)
schon früh eintritt; in den wörterbüchern scheint es zuerst bei Adelung
verzeichnet zu sein: '
durch überlegene kraft sich vorzüglich äuszern, vorzüglich vor andern ähnlichen dingen empfunden werden; ein besonders im oberdeutschen übliches wort, wo es gemeiniglich fürwalten
lautet ... da es denn wohl auch von hochdeutschen schriftstellern nachgeahmet wird'. vorwalten '
ist meistens nur in kanzleyen üblich z. b. die gnade vorwalten lassen; da solche umstände vorwalten' Braun
dt. orthograph.-gramm. wb. (1793) 294
a;
die gleiche, mindestens für das ende des jahrh. wunderliche ansicht äuszert Heynatz
mit der anm.: '
einige gebrauchten vormals vorwalten
für prävaliren'
antibarb. (1796) 2, 605;
vgl. zeitschr. f. dt. wortf. 4, 132. Campe
bringt vorwalten
mit belegen aus Rabener, Herder
und Lessing. 11) Campe
bezeichnet, allerdings ohne beleg, eine bedeutung als der '
höheren, besonders der dichterischen schreibart'
angehörig: '
vor andern walten, herrschen, an gewalt überlegen sein, übertreffen'.
diese bedeutung, auf personen angewendet, im übrigen kaum gebräuchlich findet sich mehrfach bei Ranke: ich zweifle nicht, dasz die vorwaltenden fürsten das gefährliche dieses beginnens sehr wohl einsahen
s. w. (1867) 1, 91;
ebenso 1, 132; 7, 59; die vorwaltenden persönlichkeiten 31/32, 2; mit den vorwaltenden magnaten 8, 19.
leichter schon: in Schweden waltete die französische partei vor 30, 82. 22)
auf unpersönliches bezogen, wiederum eigentümlich bei Ranke: zwei vorwaltende länder, Sachsen und Pfalz 39,
anh. 97.
zu abstrakten: die vorwaltende autorität im reich 17, 108; die sitze der vorwaltenden macht 14, 3;
kühner: wenn eure verbundenen kräfte hier vorwalten, so wird durch euch die hölle gewisz nicht das geringste verlieren Zachariä
poet. schr. (1763) 9, 48; so fliegt sein schwert vorwaltend mit löwenkraft dem feind entgegen Kanngieszer
oden (1814) 89. (
gelangte) zu einer vorwaltenden stellung in Europa Ranke
a. a. o. 1, 14; Frankreich hatte dadurch seine vorwaltende stellung auf dem kontinent ausgebaut Stegemann
weltwende (1934) 132. —
sehr häufig dagegen und in den mannigfaltigsten beziehungen gebraucht ist vorwalten
mit einflusz
verbunden: lehren, deren einflusz auf das spätere praktische recht vorwaltet Jac. Grimm
rechtsalt.4 1, vii; den vorwaltenden einflusz am reichstag einzubüszen Ranke
a. a. o. 31/32, 32. 33)
zu grunde liegt der bedeutung des verbums die vorstellung eines irgendwie stärker wirkenden, deutlicher sich zeigenden, der vergleich eines stärkeren mit einem schwächeren; letzteres braucht jedoch nicht näher bezeichnet zu werden, und so nimmt das verb. die bedeutung von '
besonders wirksam sein, sich besonders bemerkbar machen, empfunden werden'
u. ä. an. von innern zuständen, regungen, kräften, eigenschaften u. s. w., auf einzelpers., gruppen, gesamtheiten bezogen: dasz bei einigen brüdern noch ein bedenken vorwaltete A. G. Spangenberg
leben Zinzendorfs (1773) 780; ob bey seinem betragen güte und gerechtigkeit vorwaltet Bode
Montaigne (1793) 1, 336; ein musicalisches talent scheint bey ihm vorwaltend Göthe IV 37, 21
W.; vgl. I 24, 125; 49, 45; und auch hier waltete sein lieblingshang vor Schiller 4, 266
G.; in der that ist es ein vorwalten der vernunft in ihnen Schopenhauer 1, 658
Gr.; die milde und sinnige frömmigkeit, die in dem zarten charakter der gnädigen frau vorwalten sollte Hauff (1890) 2, 70; man konnte sich der täuschung hingeben, dasz gegenseitiges wohlwollen vorwalte Holtei
erz. schr. (1861) 26, 151; (
menschliche stimme,) der sein (
Mozarts) genius mit weit vorwaltender liebe sich zuneigte R. Wagner
bei O. Jahn
Mozart (1856) 4, 128; bei der mäszigung, welche unsrerseits und damals auch noch bei dem könige in bezug auf die bedingungen des friedens vorwaltete Bismarck
ged. u. erinn. 2, 51
volksausg. 44)
bei der beziehung des verbums auf die im vorhergehenden abschnitt bezeichneten begriffe kann dann von bestimmten personen mehr oder minder abgesehen und ein allgemeiner zustand des verhaltens, der ansichten, der stimmungen u. s. w. bezeichnet werden; es waltet kein zweifel vor Adelung; (
hat nicht) blinde autorität, pedantische groszsprecherei ... lange, zu lange vorgewaltet? Herder 24, 365
S.; (
lehre des Luthertums,) das sündhafte im menschen als vorwaltend anzusehen Göthe 28, 104
W.; IV 29, 11; auf dieses gepräge aber und innre vorwalten der fantasie kommt es eigentlich an Fr. Schlegel (1846) 5, 245; damit weder feigheit noch tollkühnheit vorwalte, setzte man ... fest Raumer
gesch. d. Hohenstaufen (1823) 1, 495; in Südeuropa wird immer das naturell, im norden die intelligenz vorwalten Gutzkow (1872) 9, 442; die ideen von staat und kirche, welche damals vorgewaltet hatten Ranke (1867) 4, 62; waltet das gedächtnis vor, ... überwiegt die phantasie Wackernagel
poetik, rhetorik u. stilistik (1873) 47; das vorwalten des kriegerischen genius ... bestimmt über den sieg v. Alten
hdb. f. heer u. flotte (1909) 4, 87. 55)
einzelne häufigere verbindungen sind zu beachten: weil über das wort idealismus mancherlei misverständnisse vorwalten Herder 21, 150
S.; Ric. Huch
d. grosze krieg (1920) 3, 124; es müsse hier ein irrthum vorwalten Chamisso (1836) 4, 264; A. v. Droste-Hülshoff
br. an Lev. Schücking (1893) 268; Hans Grimm
volk ohne raum (1928) 2, 520. — der dabei vorwaltende gesichtspunkt Ranke (1867) 40/41, 183; 31/32, 116. — es waltete in Wien der ... unberechtigte eindruck vor, von den bundesgenossen unzulänglich unterstützt zu sein Bismarck
ged. u. erinn. 2, 59
volksausg. — soweit das eben bezeichnete bedürfnisz beim eisenbahnbau vorwaltet
ders. polit. reden 1, 192
Kohl. — vorwaltende interessen
u. ä. 66)
besonders häufig von dem bestimmenden, leitenden im schaffen, dem besonders hervortretenden im geschaffenen, in künstlerischen werken: wenn im ersten bilde (
des Polygnot) das historische, im zweiten das symbolische vorwaltete Göthe 46, 111
W.; IV 20, 336; hier (
in Goethes Egmont) ist keine hervorstechende begebenheit, keine vorwaltende leidenschaft Schiller 6, 81
G.; wegen der in diesem kirchenstyl vorwaltenden idee Fr. Schlegel (1846) 6, 182; in seinen werken, wo schönheit und ausdruck vorwaltet H. Meyer
gesch. d. bild. künste (1824) 1, 118; dasz dieselbe formelle künstlichkeit ... in den späteren meisterliedern vorwaltet J. Grimm
kl. schr. 4, 17; jener unbewuszten sagenpoesie, wie sie in den drei ersten evangelien vorwaltet D. Fr. Strausz (1876) 3, 198; die zartere empfindung waltet vor (
in einem quartett) O. Jahn
Mozart 4, 470. 77)
in mannigfaltiger allgemeiner und freier anwendung: das vorwaltende hindernisz Adelung; es waltet noch ein anderer grund vor Campe; aber bei Fixlein waltete ein nebenumstand vor Jean Paul 3, 106
H.; es müssen hindernisse vorgewaltet haben Gentz 1, 226
Schlesier; was für ursachen mögen doch vorwalten Holtei
erz. schr. (1861) 24, 197. — (
einzusehen,) dasz in Berlin ein wunderliches leben, thun und treiben vorwalten musz Göthe IV 38, 97
W.; die bunte seide waltete vor, doch war auch das gold nicht verschmäht I 24, 294; was ist eigentlich alt? was jung? jung, wo die zukunft vorwaltet Novalis 3, 102
Minor; (
mannweib oder weibmann,) je nachdem dieses oder jenes geschlecht vorwaltet Creuzer
symbol. u. mythologie (1810) 1, 350; alle regeln, die hier vorwalteten Johanna Schopenhauer
reise durch d. südl. Frankreich (1824) 2, 9; (
in England,) wo Goliardus vorwaltet (
statt Primas
und Archipoeta) J. Grimm
kl. schr. 3, 46; (
in Österreich) konnte man den protestantismus im jahre 1578 noch immer als vorwaltend ansehen Ranke (1867) 38, 52; da bei Christus die goldfarbenen, bei den engeln ... die blauen heiligenscheine vorwalten
realencycl. für d. protestant. theol. u. kirche3 7, 566. —
in besonderer wendung auf eine person bezogen: durch den bei allen sakramenten als die hauptsache vorwaltenden priester Gutzkow
d. zauberer v. Rom (1858) 6, 240. 88)
auf einen überwiegenden bestandteil innerhalb einer zusammensetzung, auf den besonders hervortretenden entwickelten teil eines ganzen u. ä. bezogen: vorwaltendes quarzgestein auf der nächsten höhe Göthe III 3, 272
W.; (
man konnte) gewisse tendenzen mit dem vorwalten gewisser organe in verbindung setzen I 35, 202; das so sichtbare vorwalten dieser kopfseite (
eines vogels) Naumann
naturgesch. d. vögel (1822) 4, 338; man nennt diesen dann den vorwaltenden gemengtheil (
eines gesteins) Oken
allgem. naturgesch. (1833) 1, 477; der syenit, in welchem feldspath stets vorwaltet A. v. Humboldt
kosmos (1845) 4, 163; (
verbindung) bei vorwaltender salzsäure Liebig
hdb. d. chemie (1843) 462; einem besonders (
an einem baume) vorwaltenden kronenaste Roszmäszler
d. wald (1853) 219; zurücktreten bildlicher darstellung und vorwalten der schrift (
auf münzen) Luschin v. Ebengreuth
münzkde (1904) 45; das vorwalten von laubholzbeständen Wimmer
gesch. d. dt. bodens (1905) 214. —
von dieser anwendung aus übertragen: gespräch, beschreibung und reflexion wechseln im Meister mit einander ab. das gespräch ist der vorwaltende bestandtheil Novalis 3, 16
Minor; lauter maler, die auch zugleich dem vorwaltenden musicalischen elemente ein gegengewicht sein sollten Hoffmann v. Fallersleben (1890) 8, 154; eine mischung von monarchie und bundesgenossenschaft, in welcher jedoch dieses zweite element vorwaltete Ranke (1867) 1, 70. 99)
eine feste wendung ist vorwalten lassen: den glimpf, die gnade vorwalten lassen Adelung; (
der herr,) der bey der strenge noch gelindigkeit vorwalten läszt J.
M. Miller
pred. fürs landvolk (1776) 1, 126; so wollten wir doch die apostolische sanftmuth vorwalten lassen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 2, 477; so wird er (
bei der erklärung des gedichtes) den innern, höhern, faszlichern sinn vorwalten lassen Göthe 41, 1, 329
W.; 31, 83; 44, 351; IV 16, 169; (
wenn wir) bei den guten das plus oder licht — bei schlimmere(n) das minus oder den schatten vorwalten lassen Schiller
br. 1, 112
J.; mit der charakterstärke, die sie S.
bitten vorwalten lassen Caroline 1, 282
Waitz; dasz Mozart ... die zartere oboe vorwalten läszt O. Jahn
Mozart 3, 280
anm. 12. 1010)
schon bei einigen der in den vorhergehenden abschnitten angeführten beispiele war die neigung bemerkbar, die vorstellung des besonders wirkenden, besonders hervortretenden mehr oder minder zurücktreten zu lassen. diese abschwächung kann weiter gehen, so dasz das verbum schlieszlich nur das '
in erscheinung treten, ja das vorhanden sein'
bezeichnet. der grad der abschwächung, die vor allem in der älteren sprache sich zeigt, kann natürlich sehr verschieden sein; vgl. die gleiche bedeutungsentwicklung bei obwalten. — umstände, verhältnisse, fall: (
da) neue (
aufsätze) zu fertigen weder mein amt, noch andere vorwaltende umstände verstatten wollen Rabener (1777) 1, 77; alle die besondern umstände, die dabei vorgewaltet hatten Wieland (1794) 3, 328; wir hatten ... von den vorwaltenden umständen geredet Knigge
roman meines lebens (1781) 2, 169; unter vorwaltenden umständen Göthe IV 41, 15
W. — da ihnen die vorwaltenden verhältnisse am besten bekannt sind IV 23, 18; IV 19, 191; die stärke des kavalleriekorps richtet sich nach den vorwaltenden verhältnissen Wilhelm I.
milit. schr. (1897) 1, 381. — bedenke, dasz hier ein ganz besonderer fall vorwaltet Wieland (1794) 8, 395. —
andere beispiele: wenn es ... wahr wäre, dasz hier mehr als wortspiel vorwaltete Lessing 13, 405
M.; ob einmal eine unterhandlung der Morisken mit Heinrich IV. in Frankreich vorgewaltet
br. d. neueste litt. betr. 20, 57; der grosze handelsverkehr, der zwischen beiden völkern vorwaltete Wieland (1794) 7, 327; dasz zwischen der griechischen urbanität und unsrer ... höflichkeit ein unterschied vorwaltete
ders., Lucian (1788) 2, 139; doch unterbrach der präsident die vorwaltende untersuchung nicht
John Moore tagebuch (1794) 2, 14; die lücken, die noch in den vierzig bänden vorwalten Göthe III 11, 201
W.; in dem hier vorwaltenden zusammenhange Schleiermacher
Platon (1804) 6, 578; kein druckfehler oder sonstiges versehen waltet dabei vor J. Grimm
br. an Benecke (1889) 14; (
tractat), in welchem die voraussetzung vorwaltet, dasz ... Ranke (1867) 2, 228. —
in besonderer anwendung: der major, der das vorwaltende (
eben stattfindende) gespräch eigentlich nur als mittel ansah, seine zwecke zu befördern Göthe 24, 297
W. 1111)
das part. präs. als adverb, '
vorwiegend': geschwülste, die vorwaltend aus knorpelgewebe bestehen Sömmerring
v. baue d. menschl. körp. (1839) 8, 1, 193; Australiens klima ist vorwaltend durch trockenheit ausgezeichnet Ratzel
völkerkde (1885) 2, 7; die tundren Sibiriens sind vorwaltend wellig ... gestaltet Middendorff
bei Nehring
tundren u. steppen (1890) 7. 1212)
zum verbum gebildet, vorwalter, m.: es wird ein vorwalter bestellt (
bei kriminalsachen)
allg. dt. bibl. 90, 418. —