gelehrsamkeit,
f. 11)
gelehrigkeit, bei Adelung
als oberd. (
s. u.gelehrsam 1),
in den wbb. sonst nicht verzeichnet, auszer bei Ludwig 727
a (
nur in dieser bed.);
bei Frisch 1, 599
c nur ungelehrsamkeit,
indocibilitas. es ist früh in die folg. bed. übergetreten. 22) 2@aa)
als abstr. subst. zu gelehrt,
dessen subst. gelehrtheit
nicht durchdrang und heute völlig durch gelehrsamkeit
vertreten wird, auffallend genug, da gelehrsam
eigentlich nur gelehrig bedeutet (
vgl. auch gelehrig 3
für gelehrt);
seit dem 17.
jh.: man lässet billig den jetzigen zustand der gelehrsamkeit in seinem werth, der so bös nicht ist als manche glauben. Leibnitz
ermahnung an die Teutsche, weim. jahrb. 3, 94; der in schwang gehenden gelehrsamkeit, so auf den hohen und andern schulen getrieben wird.
op. philos. 419
a Erdm.; gelehrsamkeit ist nicht das gröste glück des menschen. Thomasius
monatsgespr. 1, Mmm 7
a (
daneben noch oft gelahrtheit, gelahrheit); Matth. Zimmermanni diatriba de eruditione eleganti comparanda, oder wie man eine galante gelehrsamkeit sich verschaffen solle. Tentzels
mon. unterr. 1689
s. 957 (
vgl.galant 3).
im wb. zwar noch bei Frisch
fehlend, aber schon bei Stieler 1128, Rädlein 349
b,
doch nur als nebenform von gelehrtheit; sonderbare gelehrsamkeit,
singularis eruditio, auch gottesgelehrsamkeit, rechtsgelehrsamkeit
und ungelehrsamkeit,
ineruditio, inscitia Steinbach (1734) 1, 1040; Varro hat lange nichts von seiner gelehrsamkeit sehen lassen,
silent musae Varronis. Weber (1745) 338
a; ein mann von groszer und gründlicher gelehrsamkeit.
das.; man spricht von tiefer (
gern auch, eben gelehrt, von profunder) gelehrsamkeit,
von kalter kritischer gelehrsamkeit Lessing 11, 495,
aber auch von unfruchtbarer, todter,
oder lebendiger ächter gelehrsamkeit (
Weichmann widm. zu Brockes 1, 5
a), schwerfälliger Wienbarg
ästh. feldz. 41
u. ä.; Mosheims sittenlehre ... ein werk des genies und der gelehrsamkeit. Gellert 6, 240; sie werden doch das, dasz sie deutsch können, nicht zu ihrer gelehrsamkeit rechnen? Lessing 1, 216; nun, wer noch nicht gestehen will, dasz zu viel gelehrsamkeit den kopf verwirre, der verdient es selber zu erfahren. 230. schulgelehrsamkeit, stubengelehrsamkeit (Herder
fragm. 1, 138). 2@bb)
der begriff im engsten sinne ist der eines groszen bücherwissens (
vergl. buchgelehrsamkeit): gelehrsamkeit ist eigentlich nur der inbegriff historischer wissenschaften.
Kant 4, 261; der aus büchern erworbene reichthum fremder erfahrung heiszt gelehrsamkeit. eigne erfahrung ist weisheit. das kleinste capital von dieser ist mehr werth als millionen von jener. Lessing 11, 747,
vergl. Kant
ähnlich: die wahre weisheit ist die begleiterin der einfalt, und da bei ihr das herz dem verstande die vorschrift gibt, so macht sie gemeiniglich die groszen zurüstungen der gelehrsamkeit entbehrlich. 3, 111 (
träume e. geisters. 66
Kehrb.).
wie hier von weisheit,
wird sie aber auch von wissenschaft
unterschieden, z. b. bei Adelung (
sie ist ihm '
die gründliche erkenntnis vieler mit einander verbundener nützlicher wahrheiten'): »
einige, welche gelehrsamkeit
noch von wissenschaft
unterscheiden, verstehen unter der ersteren eine historische erkenntnis, durch letztere aber eine vernünftige im engsten verstande«,
und: »
in der engsten bedeutung begreift die gelehrsamkeit
nur diejenigen mit einander verbundenen wahrheiten, welche durch das gedächtnis gefasset werden, da denn diejenigen, welche zunächst mit dem verstande begriffen werden müssen, zur wissenschaft
gerechnet werden«,
er unterscheidet nämlich die gelehrsamkeit
als besitz des einzelnen und als »
die mit einander verbundenen wahrheiten selbst«,
wofür jetzt wissenschaft (
als system)
vorgezogen wird, das ursprünglich eben auch das wissen des einzelnen bezeichnete (
ebenso früher gelehrt
oft gleich dem heutigen wissenschaftlich);
vergl. von der älteren formel 'künste und wissenschaften'
unter kunst 4,
c. 2,
e, γ (
schon Simpl. 4, 352
Kz., auch im sing. kunst und wissenschaft
schon Opitz 2, 268).
daher bei Adelung die gottesgelehrsamkeit, die rechtsgelehrsamkeit,
die arzneigelehrsamkeit,
heutzutage wissenschaft,
wie im folgenden die grenzen der gelehrsamkeit,
das reich der wissenschaft: vielen würde es lieber gewesen
sein .. wenn ich die grenzen der gelehrsamkeit mit einigen wieder hergestellten versen aus einer fabel des Ennius hätte erweitern können .. Gellert 1, xli (33).
auch beides verbunden, z. b.: sie (
diese art gelehrten) haben eine starke neigung complote und gesellschaften mit einander zu machen .. dasz sie niemandem, als denen aus ihrem mittel, wissenschaft und gelehrsamkeit einräumen wollen. Bodmer
mahler der sitten 1, 411. 2@cc)
auch von einer andern seite erfuhr der begriff, der anfangs die herrschaft über das ganze geistige gebiet hatte oder in anspruch nahm (
vergl. u. gelehrt 3,
a noch Göthe),
eine beschränkung, wie dort in seinem eigensten bezirk durch wissenschaft,
nämlich durch bildung, die zwar auch lange unter gelehrsamkeit
mit begriffen wurde, wenn z. b. Abrt
von gelehrsamkeit einer ganzen nation
spricht lit. br. 17, 122 (
vergl. u. gelehrt 2,
e),
oder bei Adelung: so kam es, dasz diese mundart (
die obersächsische) .. nach und nach die hofsprache der gelehrsamkeit wurde, welches sie auch bisher geblieben ist.
wb. d. hd. mundart 1774 1, viii.
aber die trennung beider begriffe konnte nicht ausbleiben, wie sie z. b. Herder
in den fragmenten aussprach: nur werde dieser ton der welt (
statt des gelehrten tones) allgemeiner, er misrathe nicht auch bessern schriftstellern oft, er werde herrschend in allen schriften der bildung, die ich hier von gelehrsamkeit unterscheide. II, 57
Suph.; die bedeutung des neuen unterschiedes wird deutlicher durch das vorhergehende: und gottlob, dasz wir schon so halb auf dem wege sind, schon so weit, dasz die lateinische sprache nicht mehr für die sprache Apollos gilt, so weit, dasz unsere barbarische muttersprache uns schon anfängt die liebste zu werden, so weit, dasz die schriftsteller der bildung nicht (
mehr) allein auf schulen und akademien leben dörfen oder nicht wie auf schulen und akademien schreiben,
d. h. lateinisch, denn von haus aus ist eben gelehrt
gleich lateinisch gebildet (
vergl. Lessing
u. a),
nun aber stieg ein begriff von gebildet
auf, der sich vom gelehrten
löste und ihn selbst zu übersteigen trachtete. 2@dd)
das geschah nicht ohne kampf unter den vertretern der alten und der neuen geistesbildung, ein kampf in dem sich die innere neugeburt unsres volkes vollzog und noch vollzieht (
vergl.gelehrt 3,
d).
er wird auch bezeichnet als kampf zwischen gelehrsamkeit
und geschmack,
z. b.: nimmer labt ihn des baumes frucht, den er mühsam erziehet, nur der geschmack genieszt, was die gelehrsamkeit pflanzt. Schiller XI, 169,
mit der überschrift der gelehrte arbeiter (
urspr. der philister); und diese verhältnisse werden forterben, bis sich gelehrsamkeit und geschmack, wahrheit und schönheit, als zwo versöhnte geschwister umarmen. III, 510, 24. 2@ee)
das 18.
jahrh. hatte noch mit dem alten begriff seine arbeit begonnen, daher die '
schönen wissenschaften'
auch als gelehrsamkeit
bezeichnet wurden (
vergl. u. kunst 4,
c): die academíe der überschriften und der zierlichen gelehrsamkeit (
in Paris). König
bei Canitz 270 (418),
l'ac. des inscriptions et belles lettres; gründlichkeit in den anweisungen zu der angenehmen gelehrsamkeit. Gottsched
auszug aus Batteux s. 2,
vergl. sein neuestes aus der anmuthigen gelehrsamkeit
Lpz. 1751
ff.; wenn die Teutschen es in den freyen künsten, die mit zur gelehrsamkeit gerechnet werden, noch nicht so weit gebracht haben, als die alten Griechen und Römer oder als die heutigen Franzosen ..
vern. tadl. 2, 105; so ist gewiss die poesie eine von den wichtigsten freien künsten, ja der vornehmste theil der gelehrsamkeit.
crit. dichtk. 67 (I, 1 § 1);
vergl. Weichmann
vor Brockes ird. vergn. 1.
bd. widmung 5
a,
wo er an dessen gedichten eben so viel anmuth als gelehrsamkeit
rühmt, und noch Gellert
in der rede vom nutzen der regeln in der beredsamkeit und poesie: wenn man nicht genie, nicht gelehrsamkeit besitzt, so werden uns die regeln in der ausarbeitung zu nichts helfen, als .. 5, 153 (116),
jetzt etwa gelehrte bildung
zu nennen. der herausgeber von Günthers gedichten beginnt mit einer vertheidigung der poesie gegen ihre verächter: wie mancher hält nicht davor, es stünde die poesie und eine gründliche gelehrsamkeit wunderselten beisammen?
vorr. a 2
a,
mit folgender langer ausführung, die eigentlich den satz ausführt: man spricht, ein poet sei ein centrum eruditionis. J. G. Neukirch
anfangsgr. zur reinen teutschen poesie 16.
s. auch u. gelehrt 3,
c. 33)
bemerkenswert meine gelehrsamkeit,
d. h. ich als gelehrter (
wie noch meine wenigkeit): seines herannahenden hohen alters ohngeacht vermeinte mein vater (
ein dorfschulmeister und schneider und leinweber zugleich) dennoch so lange zu leben, meine gelehrsamkeit sich zum substituten setzen zu lassen, derowegen muszte ich gleich von der wiegen an nicht nur die anfangsgründe von der schulmeisterei, sondern auch von der schneider- und leinweberei lernen.
Felsenb. 2, 425,
wie meine gelahrthaftigkeit 427,
vergl. meine gelahrtheit (3);
doch scheint jenes, nach der zuziehung der beiden handwerke, auf dem übergang von gelehrigkeit zu gelehrtheit zu stehen.