vorwurf,
m. ,
mhd. vürwurf, vorwurf
mhd. wb. 3, 741; Lexer 3, 618;
frühnhd. fürwurf
teil 4, 1, 950 (
ebda ist auch die allmähliche ablösung des für-
durch vor-
in den nhd. wörterbüchern dargestellt); vorworff Diefenbach
gl. 387
a s. v. obiectum; vgl. mnd. vorwerp, vorworp Schiller-Lübben 5, 503; 510;
mndl. vorewerp, voreworp,
m. und n., Verwijs-Verdam 9, 1, 1141;
ndl. voorwerp, voorworp,
n., Dale 2, 1934.
vereinzelt auch mundartlich gebucht: vörworp Rovenhagen
Aachen 158; vörwurf Müller
Reuter-lex. 159; virworf
luxemb. 471
und vorwurf Fischer
schwäb. 2, 1689. II.
mhd. (
mnd. mndl.)
lehnübersetzung von lat. objectum: '
gegenstand'.
in dieser bedeutung kommt vorwurf (
eig. '
das vor die sinne geworfene'
und damit dem subjekt '
gegenüberstehende',
wie objekt < oculo obiectum
und griech. πρόβλημα,
worauf das lat. zurückgeht, s. Dornseiff
d. griech. wörter im dt. (1950) 27)
in der sprache der mystiker auf; dazu vorwürflich (1),
s. u.—
im frühnhd. gegenüber der parallelbildung gegenwurf
teil 4, 2302
zurücktretend, lebt es in religiöser (
pietistischer)
sprache des 17./18.
jhs. wieder auf (
s. u.A 1)
und geht unter einflusz des frz. objet
und sujet (
s. auch dt. wortgesch. 2 (1943) 156
Maurer-Stroh)
in den allg. sprachgebrauch über. der anwendungsbereich erweitert sich; bedeutsam wird vor allem die verwendung auf dem ästhetischen gebiet: '
gegenstand künstlerischer bearbeitung'.
dies setzt sich als geläufige bedeutung in neuerem sprachgebrauch durch, während es im übrigen von gegenstand (
s. teil 4, 2263) —
schon von Gottsched
beob. (1758) 106
und Adelung 4 (1780) 1702
als '
richtig'
empfohlen —
verdrängt wird. I@AA.
gegenstand subjektiven erlebens: gefühls-, verstandes- oder sinnesobjekt. I@A@11)
in mystisch-religiöser überlieferung: der mensche hât sich selber lip und bekennet sich selber, alleine her nicht allewege gedenket, daz her sich selber lip hât und bekennit, doch ist her ime selber ein hebelîch vorwurf sîner libe und sînes bekennes ... ouch ist got ein vorworf aller vornunfte glîchlîchen alse daz licht der sunnen ist ein vorwurf der ougen
dt. mystiker 1, 124
Pfeiffer, vgl. aus spätmhd. zeit noch die belege in: mhd. wb. 3, 741
a;
wiederaufgenommen in religiöser (
pietistischer)
sprache des 17.
u. 18.
jhs. (
s. A. Bach
gesch. d. dt. sprache (1949) 276
ff. und vgl. etwa teil 15, 5, 783 [7]
s. v. zerstreuen): woraus man klärlich erkennet, dasz nichts zeitliches, sondern lauter ewiges und unvergängliches wesen sei, welches der vorwurff unserer hoffnung ist J. W. Petersen
reich Jesu Christi (1693) 2, 165; von dieser wirckung
an, welche drei tage lang währete, ward meine seele, noch weit mehr, obgleich noch nicht völlig, in ihrem göttlichen vorwurf verloren
de la Motte-Guion, d. leben (1727) 2, 48; der mensch wand sich von gott ab und machte sich selbst zum vorwurf seiner liebe J.
M. von Loen
d. einzige wahre religion (1750) 2, 53 (
vgl. d. 1.
beleg). I@A@22)
in den allgemeinen sprachgebrauch übergegangen. I@A@2@aa)
sinnfälliger gegenstand, ding (
vgl. unter A 1
dt. mystiker 1, 124 vorwurf der ougen):
objet ein object; ding, dasz einem vorkommt, vorwurff
objectum Stoer
dict. (1663) 1, 581; das ist dem gesicht ein angenehmer vorwurff, daran ergötzt sich das gesicht
that is a pleasant object to the sight Ludwig
dt.-engl. (1716) 2353; erst irrt er hin und her mit ungewissem tritt, bis dasz sich seinem aug ein schöner vorwurf wiese Drollinger
ged. (1743) 43; in diese ruhe und gleichsam in den genusz seiner selbst, mit gesammelten und von allen äuszeren vorwürfen zurückgerufenen sinnen, ist der ganze stand dieser edlen figur gesezet Winckelmann
s. w. (1825) 6, 287.
gelegentlich gleichbedeutend mit '
umwelt' (
die dem subjekt gegenüberliegende, dieses umgebende objektseite): wie der cameleon die wandelbare haut nach seinem vorwurf färbt und nie wird gleich geschaut, so weiss sich die natur gestalten anzudichten, und lässt sich nicht nach dem, was sie uns scheinet, richten Wieland
ges. schr. I 1 (1909) 53
akad. I@A@2@bb)
gegenstand seelischer anteilnahme (
erscheinungen der gesamten erlebnissphäre —
konkreta wie abstrakta —
können dazu ausersehen werden)
; verstandesobjekt: der gedanke, der nur auf das nothwendige, das bequeme, das zierliche einer einzigen person, oder höchstens einiger weniger gehet, heisset klein; oder der vorwurf des gedankens ist etwas kleines; ... seelen, die sich blos mit dergleichen kleinen sachen beschäftigen, nennt man gerade zu kleine seelen Th. Abbt
verm. w. 1 (1768) 20;
besonders aber gegenstand des gefühls und affekts sowie ihrer äuszerungen, in mannigfaltiger anwendung: dasz Ramiro der einzige gegenstand seiner zärtlichkeiten und Fadrique, o welche grausamkeit! der vorwurf seines hasses ist Lessing
w. 10, 127
Petersen; die vorzügliche gunst, die er (
der könig) den gelehrten und fähigen männern erzeigte, machte die wissenschaften zum vorwurfe der algemeinen verehrung A. v. Haller
Alfred (1773) 60; der vorwurf dieses gefühls ist nicht, was trieb, freundschaft und gefälligkeit angreifen, sondern, was der innere, feinere sinn ... empfindet Winckelmann
s. w. (1825-29) 1, 245; jetzt ruft aus einer höhle, vor deren tiefen ihm schwindelt, der liebe vorwurf ihm zu: ... E. v. Kleist
w. 1, 241
Hempel; vereinzelt noch in neuerem sprachgebrauch: ein dumpfer verstand, der in zahlreichen schwankhaften erzählungen vorwurf des spottes ist Jan de Vries
altgerm. rel.-gesch. 1 (1935) 284. I@BB.
gegenstand einer tätigkeit bzw. bearbeitung: '
materie'. I@B@11)
allgemein: wenn man eine gute sache zum vorwurfe seiner beschäftigungen wählt Hippel
s. w. 10 (1828) 160.
mit dem beisinn von '
ziel' (
gegenstand des strebens): das ist der vorwurf unsrer thätigkeit, die mohren aus Granada zu vertreiben Rückert
ges. poet. w. 10 (1882) 326. I@B@22)
gegenstand geistiger tätigkeit bzw. bearbeitung. I@B@2@aa) '
inhalt, thema (
gedanklichen austausches)': diese gedanken billiget der redner und macht sie zum vorwurf seiner rede Albr. v. Haller
tageb. (1787) 1, 13; so dasz die oper der vorwurf aller unterredungen ward Lessing
w. 13, 115
Petersen, s. auch ebda 20, 121 (streitigkeiten, welche die wahrheit zum vorwurfe haben); dies soll der vorwurf unseres gesprächs seyn Heinsius 4 (1822) 1465;
vgl. auch: weise, nüchtern, keusch, fromm sein, wer machte daraus heute den hauptvorwurf der unterweisung? Gutzkow
ges. w. (1872) 8, 248. I@B@2@bb) '
forschungsgegenstand, objekt wissensch. betrachtung oder untersuchung, aufgabe, problem (
wohl von πρό-
βλημα bedeutungsmäszig beeinfluszt)': die linien, die der vorwurf der betrachtung sind Kant
s. w. 8, 110
Hartenstein; ein der untersuchung würdiger vorwurf
ebda 9, 4; die kunst der Griechen ist die vornehmste absicht dieser geschichte, und es erfordert dieselbe, als der würdigste vorwurf zur betrachtung und nachahmung ... eine umständliche untersuchung Winckelmann
w. 4 (1811) 4 (
hier hat vorwurf
den beisinn von '
muster',
vgl. dazu noch: er musz sich aber auch die besten dichter zum vorwurfe wählen: denn allen auf einmal nachzuahmen, das würde unmöglich seyn; und die schlechten zum muster zunehmen, das wäre thöricht Schwabe
volleingeschancktes tintenfäszl (1745) 82); von unserer darstellung musste das ballet ausgeschlossen bleiben, da es internationaler natur ist, wir aber nur die in Deutschland vorkommenden volks- und gesellschaftstänze zum vorwurf gewählt haben Böhme
gesch. d. tanzes (1886) 4.
forschungsgegenstand einer gelehrten disziplin: die landwirthschaft hat also zu ihrem vorwurf und object 1) den erdenbau ... 2) die viehnahrung
allg. haushalt.-lex. (1749) 2, 183
a; so merke man, dasz die mathematiker, die sich dieser (
mechanischen) erklärung (
der elastizität) bedienen, sich in dasjenige mengen, was sie nicht angeht ... und was eigentlich ein vorwurf der naturlehre ist Kant
s. w. 8, 79
Hartenstein. I@B@33)
gegenstand künstlerischer bearbeitung bzw. darstellung: '
stoff, thema, motiv'. I@B@3@aa)
der poesie: so reimt getrost, ihr werten brüder! ... nur sucht eüch doch was würdigs aus zum vorwurf eürer schwären lieder! Drollinger
ged. (1743) 97; sonach würde auch die häszlichkeit, ihrem wesen nach, kein vorwurf der poesie seyn können Lessing 9, 139
L.-M.; Rousseau rühmte es an dem Plutarch, dasz er erhabene verbrecher zum vorwurf seiner schilderung wählte Schiller 2, 357
G.; die verklärung des handelnden menschen im leidenden menschen ist der vorwurf der tragödie (
hier mit dem beisinn von '
absicht, aufgabe',
vgl. unter c
den letzten beleg); ... dasz in beiden büchern fast dieselben probleme den vorwurf der einzelnen szenen bilden Storm
brief v. 7. 4. 1863
in: ein rechtes herz 234
Loets; er (
Georg Thym) erhielt den schönen sagenstoff ... aus der v. Wallmoden'schen familie ..., aber ... hausbacken, wie er war, verstand er nichts weniger als den vorwurf dichterisch zu gestalten
allg. dt. biogr. 38 (1894) 235; er (
Shakespeare) hat die psychologischen möglichkeiten, die in dem vorwurf (
Hamletstoff) liegen, nicht bis zu jeder tiefe erschöpft. wie denn ein solcher gegenstand seinem wesen nach überhaupt unerschöpflich ist Gerhart Hauptmann
ges. w. I 5 (1942) 204 (
griech. frühling); im bordell trifft der jüngling das mädchen wieder, das er geliebt, und das ihn auf alle weise geknechtet und gequält hat, wofür er nun wiedervergeltung übt. hübscher vorwurf Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 343; vorwurf dichterischer behandlung Mühsam
namen u. menschen (1949) 234; wir finden diese stoffe (
des epos) ... auch als wesentliche vorwürfe des neuen romans Spiero
gesch. d. dt. romans (1950) 1. I@B@3@bb)
der bildenden kunst: aber vielleicht ist die pest kein vortheilhafter vorwurf für die mahlerey Lessing 9, 89
L.-M., vgl. ebda 10, 258 (ein gemählde, ungefehr des nehmlichen vorwurfs); es musste lange dauern, ehe die ... schönheit des gottes (
Apollo) vorwurf der bildnerei sein konnte K. O. Müller
d. Dorier (1824) 1, 357; wie behandelt Rembrandt diesen vorwurf? Göthe I 37, 320
W.; wir waren ein vorwurf für Hogarths grabstichel W. Raabe
s. w. I 6, 358
Klemm; der dorf-friedhof böte da manch wirksamen vorwurf für einen maler Hörmann
Tiroler volksleben (1909) 184; (
passende) vorwürfe für bilder von bauwerken und innenräumen Friedli
bärndütsch 6 (1925) v; auch bei ernsten und würdigen vorwürfen frappieren die menschen oft durch ihre häszlichkeit. die Eva Jan van Eycks auf dem Genter altarwerk ist nichts weniger als idealisiert Friedell
kulturgesch. d. neuzeit (1929) 164;
übertragen: gestalten wie Ibsen, Gerhart Hauptmann ... sind für ihn (
Thomas Mann) keine 'interessanten' vorwürfe für literarische portraits Arnold Bauer
Thomas Mann (1946) 90. I@B@3@cc)
der musik: nichts kan also dem stylo theatrali zum vorwurffe dienen, als dasz er nicht gelegenheit habe (
d. h. bei jedem '
gegenstand'
hat er gelegenheit), lauter ... vollstimmige fugen ... hören zu lassen Heinichen
generalbasz (1728) 29; kann ... eine wollüstige und unvernünftige unterhaltung wallender regungen der vorwurf der musik seyn? J. A. Scheibe
d. crit. musicus (1745) 54; es ist charakteristisch für Händel, dasz ihm gerade dieser vorwurf am besten gelang. hier hatte er einen wirklichen und groszen gegenstand Chrysander
Händel (1858) 1, 160; es versteht sich von selbst, dasz Bach die stimmung des poetischen vorwurfs in ihrer feinsten schattierung erfaszt A. Schweitzer
Bach (1948) 430.
vereinzelt auch '
gegenstand der tanzkunst': die eigenthümliche absicht und der vorwurf des tanzes Gerstenberg
recensionen 324
lit. denkm. IIII.
frühnhd. nominalbildung zu vorwerfen,
mit den (
substantiv-)
bedeutungen des verbums; im nhd. jedoch wird allein der übertragene gebrauch üblich: '
vorhaltung, vorrückung' (
s. u.B. 2). II@AA.
in sinnlich-räumlicher vorstellung. II@A@11)
nomen actionis, '
das vorwerfen, die vorwerfung (
s. dort u. 1)': und als bald söllend burdnann (
moles) in ain kraisz geworffen werden (
praeiaciuntur), ... also wiert die ungestimikait des mers mit dem fúrwurff der burdinan zerbrochen H. Österreicher
Columella 2, 154
lit. ver.; bald darauf stellte die cattische fürstin ... das wette-rennen der Atalanta mit dem Hippomenes vor; darinnen sie mit granat-aepffeln artlich spieleten; durch derer vorwurff Hippomenes Atalanten aufgehalten ... haben soll Lohenstein
Arminius (1689) 1, 1424
b; der vorwurf ... '
die handlung, da man etwas vorwirft' Campe 5 (1811) 522
b;
ähnlich: Heyse
hwb. 2 (1842) 174-9; vor wurf (das vorwerfen)
action de jeter qc. devant Mozin
wb. 4 (1856) 1134. II@A@22)
konkretisiert: '
das vorgeworfene (
zu vorwerfen A 2)'. II@A@2@aa)
die vorgeworfene sperre (
riegel, querbalken, damm, hindernis u. ä.; vgl. an. fyrirvarp Cleasby-Vigfússon 183
und mnd. vorwerp Schiller-Lübben 5, 503);
vereinzelt im frühnhd.: frschub, -schieber, -wurf
vel sperling Diefenbach
gl. 387
a s. v. obex (
zu '
obicere')
; ähnlich bei Frisius
dict. (1556) 891
a s. v. obex, ebda auch: fürwurff vnnd fürschlussz 891
b s. v. obiectaculum und s. v. obiectus, ebenso Calepinus
XI ling. (1598) 967
a; '
vorgelegener (
sperrender, schützender)
damm, aufwurf': Amack oder Amacker (
insel Amager), anderthalb meil lang, aber nit so breyt, ... macht Coppenhagen der haubtstatt in Denmarck mit jhrem vorwurff einen guten und bequemlichen schiffhafen Georg Braun
beschr. u. contrafactur (1574) 4
reg. + + 2
a. II@A@2@bb)
das vorgeworfene aas, lockspeise, luderung, vorschutt (
s. teil 12, 2, 1529);
im wesentlichen auf die jägersprache beschränkt (
vgl. vorwurfsbrocken): Stahl
forst-, fisch- und jagd-lex. 4 (1780) 1033; Adelung 4 (1780) 1702; Campe 5 (1811) 522
b; Behlen
forst- und jagdkunde (1840) 6, 172; Sanders 2, 2 (1865) 1679
a; Dombrowski
dt. waidmannsspr. (1939) 247;
vereinzelt auch in literarischem sprachgebrauch: ich bin doch kein gedungener bandit, der mit zerstückelten kindern den wilden thieren des waldes vorwürfe macht Nestroy
ges. w. (1890) 2, 215.
in der sprache der forstwirtschaft bezeichnet vorwurf '
das den mäusen vorgeworfene futter-reisig (
um sie vom eigentlichen waldbestand abzuhalten)': so wurden die dichtesten buchenhorste durchforstet und das so gewonnene reisig als vorwurf benutzt Ratzeburg
waldverderbnis 2 (1868) 211;
s. u. vorwurfsreisig. II@A@33)
gelegentliche verwendung (
zu vorwerfen A 3 b): vorwurff oder erster wurff
premier coup, prior jactus, ut in lusu trunculorum Duez
dict. (1664) 2, 647
a;
vgl. mnd. vorworp Lübben
hwb. 537
und ndl. voorworp Dale 2, 1934. II@BB.
übertragen. II@B@11) '(
vorgebrachte)
entgegnung, einwurf, einwand' (
zu vorwerfen B 4),
im frühen nhd. lexikalisch gebucht (
vgl. als literarischen beleg H. Sachs
unter fürwurf
teil 4, 1, 1, 950 [5]):
objectio et objectum ein vorwurff oder einrede.
ad objectionem respondere auf einen einwurff antworten Corvinus
fons lat. (1646) 425;
objection ou instance ... ein vorwurff oder fürwurff, einwurff, gegenwurff vnd einspruch Duez
dict. (1664) 1, 671; vorwurff ... ein einwurff oder widerspruch
an objection, an opposing Ludwig
teutsch.-engl. (1716) 2353;
in ähnlicher sinnesfärbung noch vereinzelt in neuerem sprachgebrauch: so wären gewisz deine vorwürfe und einwände gegen uns nicht heute noch dieselben wie in den diskussionen unsrer knabenzeit Hesse
glasperlenspiel 2 (1946) 48. II@B@22) '
vorhaltung, vorrückung' (
zu vorwerfen B 5,
vgl. auch vorwerfung 2). II@B@2@aa)
als sprachliche äuszerung (
vgl. vorwurfsbrief, -frage);
in mehreren bedeutungsschattierungen. II@B@2@a@aα) '
miszbilligende vorhaltung, tadel, verweis' (
hierher —
nicht wie teil 4, 1, 1, 950
angesetzt —
gehört wohl bereits die meistersingerische verwendung des wortes, so viel wie sinnverwandtes straflied
teil 10, 3, 673;
beide sind ihrer art nach reizunge [
s. Kolmarer meisterlieder 12; 266; 718
Bartsch] '
reizlieder'
: herausfordernd, spöttisch-mahnend bzw. verweisend, satirisch-didaktisch. vgl. dazu: dysz sin furwurff vnd strafflied
Kolmarer meisterlieder 29
und 369;
s. ebda 53
und 480, 482: ein furwurff ... ein ander straffliet;
ebda 16
steht ein vorwurf
gegensätzlich zu vorher aufgeführtem prisz liet): zum dritten meynt D. Luther, er treff mich mit dem fürwurff Carlstadt
erklärung d. 10.
cap. Cor. 1 (1525) b 3
b; ... er habe seinem commando übel vorgestanden, dieser vorwurff verdrosz ihn hefftig Olearius
verm. reise-beschr. (1696) 2,
anh. 35; ... seelen, die vernünftig lieben, und die kein vorwurf tadeln kann Gottsched
ged. (1751) 126; ich werde in dieser zweyten lieferung (
der horen) deinen vorwurf, dasz ich kantisiere, leider noch mehr verdienen (19. 12. 1794) Schiller
br. 4, 83
Jonas; nein, lobt mich nicht, ich bin's nicht werth! ich will den schlimmsten vorwurf dulden A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 75; an tadel oder vorwurf ihrerseits ist nie zu denken Fontane
ges. w. I 4 (1905) 39.
sachbezogen (
vgl. vorwerfen B 5
letzter absatz): oft ist gegen diese geniale und höchstverfeinerte ehebruchsdichtung (
die wahlverwandtschaften) von philisterlicher seite der vorwurf der unmoral erhoben worden Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 240.
vereinzelt entspricht vorwurf
auch der urspr. bedeutung von tadel (
s. teil 11, 1, 1, 8) '
fehl, makel',
besonders in der präp. wendung ohne vorwurf '
untadelig': seynd ... die zeügen vor gericht gegenwärtig und werden ohne allen tadel und vorwurff befunden, so soll ... jhnen ... der gewöhnliche zeügenaydt ... gegeben ... werden
peinl. halsgerichtsordnung Josephs I. f. d. Sudetenländer (1707) 9, § 3; ihre familie war zwar nicht von adel, aber doch ohne allen vorwurf und tadel Kortum
Jobsiade (1799) 3, 161. II@B@2@a@bβ) '
beschuldigende vorhaltung, anklage, anschuldigung': gnädige richter, ... eh ich des widerthails fürwurf angreife, will mich vonnöten sein Fischart
podagr. trostbüchl. 68
nat.-lit.; o wie beglückt ist der, auf dessen reine schätze nicht fluch noch schande fällt, noch vorwurf der gesetze Hagedorn
poet. w. (1769) 1, 26; ernste beschuldigungen und vorwürfe Cramer
Neseggab (1791) 1, 24; kein unglück berechtigt uns, einen unschuldigen mit vorwürfen zu beladen Göthe I 22, 52
W.; (
der) vorwurf tückischen meuchelmords Häusser
dt. gesch. (1854) 1, 513
anm.; ein paar unschuldige flecke (
im tischzeug) ... wurden der gegenstand ihrer höhnischen anschuldigungen, und wie sehr der groszvater sich auch bemühte, sie durch ... scherzhafte zurufe zu ermahnen, so wäre sie doch eigensinnig bei ihren vorwürfen geblieben Rilke
ausgew. w. 2 (1948) 107; sich gegen den vorwurf der 'lüge' und 'fälschung' zu verteidigen Th. Mann
Faustus (1948) 581; ein beliebter vorwand zu diesem hinbestellen (
zur gestapo) war neben dem vorwurf des verdeckten (
juden-) sterns die anklage, greuelnachrichten verbreitet zu haben Klemperer
l. t. i. (1949) 196.
auch von innerer selbstbeschuldigung, im sinne von '
reue, gewissenspein' (
s. auch unter vorwurfs-bisz, -qual, -sturm
und -wurm): wahr ist's, dasz jeder, ... wenn er über solche gegenstände scherzt ..., einen innern vorwurf des gewissens fühlt Göthe I 47, 50
W.; und miszmuth, reue, vorwurf, sorgenschwere belasten's (
das herz) nun in schwüler atmosphäre
ebda I 3, 22
W.; glücklich der, den in des herbstes tagen vorwurf nicht und reue nagen Brentano
ges. schr. (1852) 2, 598; ... dasz die frau ... hingestorben war in gram und elend, aber ohne vorwurf und ohne reue Fontane
ges. w. I 1 (1905) 87;
vgl. auch: neigung zu selbstanklagen und -vorwürfen begleitete (
die schwäche nach der überstandenen krankheit) A. Zweig
einsetzung eines königs (1950) 265. II@B@2@a@gγ) '
schimpfliche vorhaltung, anwurf, schmähung': dasz er sie (
das ehebrecherische weib) drum selbst gestraft, auch das kind entleibet hätte, dasz es nicht hören müszte den vorwurf, dasz es ein hurkind wäre Luther
tischr. 6, 278
W.; da sich auch zwischen ihnen (
eheleuten) einiger widerwill ... solte ereignen, soll der mann seinen unlust nicht durch lästern, spitz-namen, fluchen und schelten, gifftige stockereyen oder vorwurff eines oder des andern natürlichen gebrächens unverschämt heraus schaumen Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 94; er nennt ihn kahlkopf: dieses war zu der zeit ein schimpflicher vorwurf Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 3, 141; beleidigungen und schmähhändel ... sind ... solche beschimpfungen und vorwürffe, die keine landgerichtsmäszige uebelthat, sondern mindere verbrechen oder lediglich gebrechen der natur enthalten (
z. inhalt haben)
constitutio criminalis Theresiana (1769) 271; den beschimpfenden vorwürfen meiner feinde preisz gegeben Schubart
leben und gesinnungen (1791) 1, 169; fast in allen andern ländern ists eine ehre, vater zu heiszen, wenn aber zu Tahiti ein Errioy jemanden den vaternamen beilegt, so hat er es als einen verächtlichen schimpfnamen und vorwurf anzusehn J. G. Forster
s. schr. (1843) 2, 99;
ähnlich noch in neuerem sprachgebrauch: selbstverständlich geschah das (
die aufführung eines musikalischen werkes) ... nicht, ohne dasz der vorwurf der kunstverhöhnung, des nihilismus, des musikalischen verbrechertums, oder, um den geläufigsten schimpfruf von damals einzusetzen: der vorwurf des 'kultur-bolschewismus' mit erbitterung laut geworden wäre Th. Mann
Faustus (1948) 615.
auch im sinne von '
verunglimpfung, schmach, schimpf'
: probrum ... dedecus, ignominia, injuria, crimen schmach, schimpff, vorwurff Faber
thes. (1710) 1828 (
vgl. aus älterer zeit: opprobrium ... ein fürwurff, schande
bei Faber
thes. (1587) 649
b und Corvinus
fons lat. (1646) 662); vielleicht dulde ich einen vorwurf an meinem guten namen Gellert
s. schr. 6 (1839) 120; übrigens haftet die schande einer öffentlichen hinrichtung in England nicht auf des hingerichteten familie und gereicht derselben nie zum vorwurf J. G. Forster
s. schr. (1843) 5, 58
anm.; wo wir (
Deutsche) in der zweiten (
reihe) sind ..., wird dies von der ganzen nation als ein vorwurf, als ein makel auf ihrem schilde empfunden Mommsen
reden und aufsätze (1905) 5. II@B@2@a@dδ) '
mahnende vorhaltung': es ist mir (
als kurfürstliche antwort auf eine bewerbung) der vorwurf gemacht worden, ich sollte in Italien reisen (
mahnung zur Italienbewährung angesichts zu groszer jugend) (3. 10. 1777) Mozart
br. 1, 70
Schiedermair; die ermahnungen und vorwürfe, welche die mutter von ihrem thron herab auf das haupt des taugenichts ... schüttet, (
werden) in empfang genommen und richtig quittiert durch — einen tollen streich W. Raabe
s. w. I 1, 113
Klemm; vielfach mit klagendem unterton: auch liegt ihm die Edelreich täglich hart an mit ihren vorwürfen und klagen Schiller 2, 62
G.; ihre (
der römischen frauen) thränen und ihre vorwürfe erweichten das harte herz des landesfeinds (
Coriolans) Niebuhr
röm. gesch. (1811) 1, 440;
in ähnlicher sinnesfärbung: August ... ermüdete nicht, sich in vorwürfen und klagen über den verrat an unserer freundschaft mit ihm zu ergehen Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 235. II@B@2@bb)
der vorwurf 2 a (
α-
δ)
ist nicht an sprachlichen ausdruck gebunden; oft bleibt er unausgesprochen, vorwurf
bezeichnet dann die innere, miszbilligende haltung, die stumme vorhaltung (
s. auch u. vorwurfsvoll): laute und stille vorwürfe verfolgten ihn Göthe I 22, 69
W.; es führt nie zum guten, auch wenn äuszerlich alles glatt abläuft und keine verwünschung ausgesprochen und kaum ein stiller vorwurf erhoben wird Fontane
ges. w. I 5 (1905) 298.
vielfach bezeichnet vorwurf
den tadelnden oder anklagenden ('
vorwurfsvollen',
s. dort)
klang der stimme: nicht wie vorwurf klinge dieses wort Körner
w. 3, 119
Hempel; (
sie) sprach ... mit schmerzlichem vorwurf E. v. Handel-Mazzetti
Stephana Schwertner (1927) 3, 133; klang ein vorwurf aus deiner stimme? Bergengruen
grosztyrann (1947) 22;
ein bestimmtes verhalten, einen blick (
vgl. vorwurfsauge),
einen gesichtsausdruck oder eine haltung: sieht er nicht in meiner anhänglichkeit an Lotten einen eingriff in seine rechte, in meiner aufmerksamkeit für sie einen stillen vorwurf? Göthe I 19, 144
W.; (
er) übergiebt den brief dem Octavio mit einem blick des vorwurfs Schiller 12, 396
G.; nicht der kleinste zug von vorwurf ... lag in ihrem gesicht Fontane
ges. w. I 5 (1905) 227; die gäule (
vor einem fuhrwerk, das in der mitte des kleinen platzes vor der kirche stand) hielten die köpfe nach unten und schienen eingeschlafen zu sein; ihre haltung drückte den ewigen vorwurf der sprachlosen kreatur vollkommen absichtslos aus E. Langgässer
d. unauslöschliche siegel (1946) 92.
zuweilen bezeichnet vorwurf
tadel, mahnung oder anklage, die aus der bloszen existenz eines wesens oder dinges sprechen: ich liebte diesen hausgenossen um so weniger, als er zuweilen ein stiller vorwurf für mich war, trotz seines keineswegs mustergültigen charakters G. Keller
ges. w. (1889) 2, 132; ein herzzerreissender vorwurf für alle wohlgekleideten war der anzug dieses verdienstvollen mannes (
des armenlehrers) W. Raabe
d. hungerpastor (1864) 1, 47; aber eben in dieser schwierigkeit und unverdaulichkeit war er inmitten einer so geklärten und geordneten kleinen welt eine beständige lebendige unruhe, ein vorwurf, eine mahnung und warnung Hesse
glasperlenspiel 1 (1946) 385; gerade weil madame sie hielt wie ein aschenputtel ..., blieb Simones blosse gegenwart ein vorwurf für onkel Prosper Feuchtwanger
Simone (1950) 203. II@B@2@cc)
bildlich, metaphorisch belebt (
s. auch u. vorwurfsvoll): dein vorwurff setzet mir ein messer an die kehle Günther
ged. (1735) 624; ich fühle des vorwurfs ganze last Lessing 3, 127
L.-M.; drück' nicht des vorwurfs stachel in dein herz Schiller 14, 95
G.; des vorwurfs ernste stimme ...
ebda 12, 411; wenn nur nicht manchmal die kalte hand des vorwurfs ihr über das herz gefahren wäre! Göthe I 21, 44
W.; ... des vorwurfs glühend bittre pfeile
ebda I 15, 3; vorwurf erhebt starr sich gegen vorwurf Droysen
Äschylus (1842) 102; wenn ich mich in der schuszlinie so scharfer vorwürfe ohne murren befinde, so glaube ich auch die nachsicht der hohen versammlung in anspruch nehmen zu dürfen Bismarck
pol. reden 1, 23
Kohl. II@CC.
komposita zu vorwurf II.
meist gelegenheitsbildungen, die seit dem 18.
jh. im sprachgebrauch einzelner schriftsteller auftreten: vorwurfsauge, n., vorwurfsvolles auge (
zu vorwurf II B 2 b;
s. auch unter vorwurfsvoll): ... dann sieht jede blume ihn mit vorwurfsaugen an Bierbaum
ges. w. (1913) 1, 356; rotierende sonnenflecken drängten sich zwischen die geschlossenen lider, farbige kreise mit bohrend starren pupillen in der mitte, augen, leidende vorwurfsaugen ... es waren Gabriels und Stephans armenische augen, die von ihr nicht ablieszen Werfel
d. vierzig tage des Musa Dagh 1 (1947) 356. —