vorwerfen,
vb. ,
ahd. forauuerfan
kl. ahd. sprachdenkmäler 252
Steinmeyer (
Benediktinerregel)
; part. prät. forakiuuorfan
ebda 266, 28; furiuuorfan (9.
jh.)
ahd. gl. 1, 286, 2
St.-S.;
mhd. vorwerfen, vürwerfen
mhd. wb. 3, 736; Lexer 3, 460; 589;
frühnhd. fur-, vur-, vorwerffen Diefenbach
gl. 387
a s. v. obicere; fürwerffen Frisius
dict. (1556) 891
a s. v. objicio; s. ferner unter fürwerfen
teil 4, 1, 1, 935 ff.,
wo auch die allmähliche verdrängung des für-
durch vor-
in den nhd. wörterbüchern dargelegt ist (
sp. 937);
mnd. vorwerpen Lübben
hwb. 535;
mndl. vorewerpen Verwijs-Verdam 9, 1142
b;
ndl. voorwerpen Dale 2, 1934.
in heutigen mundarten: fürwierpen Bauer-Collitz
waldeck. 37; förwarpen Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 546; vôrwarpen Schambach
Göttingen 277; vörwerpe Rovenhagen
Aachen 158; vörwerfe Hönig
Köln 197; virwerfen
luxemb. 471; frwąrfən Hofmann
niederhess. 255
b; vorwerfen Martin-Lienhart
elsäss. 2, 848; Fischer
schwäb. 2, 1689
und 6, 2, 1942. —
unfeste zusammensetzung mit lokalem vor-,
die als wiedergabe von '
pro-jicere'
vereinzelt in der ahd. übersetzungsliteratur auftritt. auch in mhd., mnd. und mndl. überlieferung nicht allzu häufig, wird sie doch ein gängiges wort des nhd. und ndl.; in beiden sprachen entwickelt sich neben der ursprünglichen sinnlichen bedeutung eine übertragene (
vgl. die parallelentwicklung von vorschmeiszen
teil 12, 2, 1491; vorhalten
teil 12, 2, 1140; vorrücken
teil 12, 2, 1424). AA.
in sinnlich-räumlicher vorstellung (
vgl. vorwerfung 1
und vorwurf II A 1). A@11)
mit rascher bewegung nach vorn (
vorwärts)
bringen. A@1@aa)
sich selbst vom eigenen standort aus schwungvoll nach vorn bewegen, sich vorwärts (
hin)
werfen; in dieser reflex. verwendung nur vereinzelt zu finden: ... forauuerfe ... (
fragmentarisch erhaltene nachbildung von)
projiciat se ... kl. ahd. sprachdenkm. 252
Steinmeyer (
Benediktinerregel)
; ähnlich: fürwürffe dich
projicias te erste dt. bibel 4, 432
Kurr. (
la. zu Ruth 3, 4);
vgl. auch unter 2 c: Wieland
s. w. 26 (1856) 372; Hartig
lex. für jäger (1861) 575. A@1@bb)
teile des körpers —
besonders die hände —
nach vorn bewegen, schnell vorstrecken: gedenckt er so wenig an das, was er thut, als ein mensch, wenn er fällt, dasz er die hände vorwirfft Thomasius
vernunfftlehre (1691) 108; so fährt sie ... mit verwandtem angesichte, die hände vorgeworfen und den körper weit übergezogen, zusammen, indem plötzlich die empörte natur aus dem herzen der mutter heraufschreit Engel
schr. 7 (1804) 229; das jähe vorwerfen der hand (
gebärde der angst)
ebda 186; er warf die hand heftig vor Heyne
wb. 3 (1895) 1313;
von anderen körperteilen seltener: den oberleib vorgeworfen Welcker
alte denkm. (1849) 1, 498; wenn ich (
als Süddeutscher) sagte: 'der kaiser', sah er (
der ultrakonservative preuszische partikularist) mich mitleidig von oben herab an ... und sprach mit vorgeworfener brust: 'mein könig' Alfr. Steinitzer
aus dem unbekannten Italien (1911) 148; (
ein) füllen, das nach seiner mutter laut die ohren neckisch vorwarf Carl Hauptmann
Einhart, der lächler 2, 198
Marquardt; den kopf, die beine vorwerfen
d. grosze Duden, stilwb. d. dt. spr. (1934) 624
Basler; dazu das part. prät. in adject. verwendung: die vorgeworfene lippe wäget worte Herder 26, 292
S.; an ihm (
Simon auf dem gemälde des abendmahls) ist die vorgeworfene unterlippe, welche Leonard (
da Vinci) bei alten gesichtern so sehr liebte, am übertriebensten Göthe I 49, 1, 243
W. A@1@cc)
in neuerer zeit auch von truppenteilen, '
rasch in vorderster linie einsetzen', '
an die front werfen',
vgl. vorschieben (3)
teil 12, 2, 1460, vortreiben (1 d)
ebda 1783
und 1vorziehen (A 2 a): dann rückte er mit vorgeworfenen blänkern (plänkern
zu plänkeln,
s. teil 7, 1893) ... gegen die waldung an Fouqué
altsächs. bildersaal 2 (1818) 460; (
ort,) in den man stündlich zum kampfe vorgeworfen werden kann
qu. v. j. 1928;
auch in der wendung mit vorgeworfenen abteilungen ein ziel erreichen. A@1@dd)
bildliche einzelanwendung: 'weisz sind die eier' wäre zwar grammatisch möglich; aber es ist kaum eine echte sprechsituation ausdenkbar, wo heiszes gefühl und drängender wille 'weisz' an die ausdrucksstelle (
satzanfang) vorwerfen würde Drach
grundgedanken d. dt. satzlehre (1937) 27. A@22)
etwas mit rascher bewegung vor jemanden (
bzw. vor etwas)
hin bewegen, jemandem vor die füsze werfen, hinwerfen. A@2@aa)
vereinzelt in allgemeiner verwendung mit objekten verschiedener sachgebiete: (
wenn man) den wust vor unsere häuser ... mit sollichem ungehewren gstanck vorwirfft und auszschütt Guarinonius
grewel der verwüstung (1610) 504; (
die soldaten haben säuglinge) von einander gehawen und den müttern vorgeworffen (1618)
acta publica 1, 245
Palm; erst hier erwacht der kläger, hebet den handschuh seines feinds empor und wirft den seinigen ihm vor Alxinger
Doolin v. Mainz (1787) 165; du wirfst dem walfisch, wie das sprichwort sagt, zum spielen eine tonne vor (
s. teil 11, 1, 1, 788
s. v. tonne 1 c
β) H. v. Kleist
w. 2, 351
E. Schmidt; mit verächtlichem beisinn (
vgl.b
β): einem entblöszt dastehenden etwas sich zu decken vorwerffen Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1334
b; da wirfst du mir (
dem bettler) die dreier vor Brentano
ges. schr. (1852) 1, 472. A@2@bb)
häufig in der besonderen verwendung '
speise vor jem. hinwerfen': A@2@b@aα)
vor allem vom füttern der tiere: wenn es (
brot) den schweinen sol vorgeworffen ... werden Pape
bettel- und garteteuffel (1586) V 2
a; (
weil er) einen andern castellanen zu kleinen stücken gehawen und unter den träbern vermenget den sewen zu fressen vorgeworffen Rätel
J. Curaei chron. (1607) 71; auf den abend um 8 uhr wirft man ihnen (
ochsen) ein wischlein heu vor
viehbüchlein (1667) 11; ein hund gehöret an die kette, dem wirfft man harte knochen vor Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 2, 455; (
der adler) seinen raub denen jungen im vorbeyfliegen, ohne dasz er fuszet ... vorzuwerffen weisz Göchhausen
notab. venatoris (1741) 143; wenn sie (
vögel) das vorgeworfene futter schleunig fraszen Löwen
schr. (1765) 3, 91; brod den fischen stückweise vorwerfen
Holston u. Augusta (1780) 42; Jason warf ihm (
dem drachen) die einschläfernden kräuter vor Klinger
w. (1809) 2, 194; hatte 'vader' den kühen ihr letztes futter vorgeworfen Storm
s. w. (1898) 3, 141.
im bilde: (
bestien) wie laster und sünde, ... denen ich die ruhigen stunden und tage meines lebens wie gemordete tauben und lämmer zum gierigen frasze vorwerfen müszte Seb. Brunner
erz. u. schr. (1864) 1, 326; etwas den hunden
oder säuen vorwerfen,
meist eine redewendung des hasses oder der verachtung: wirf deine arzneyen den hunden vor (
throw physic to the dogs) Wieland II 3, 126
akad. (
Shakespeare's Macbeth 5, 3); Hektorn schleif ich herbei und werf ihn den hunden zum frasz vor (
δώσειν κυσὶν ὠμὰ δάσασθαι Ilias 23, 21) Bürger
s. w. 241
Bohtz; das herz reisz ich ihm aus und werfs den hunden vor Grabbe
w. 1, 36
Bl.; kühner: nein, deine worte sind zu kostbar, um sie den hunden vorzuwerfen
Shakespeare (1797) 4, 181;
mit beziehung auf Matth. 7, 6: werffet eure perlen nicht den säuen vor Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1334
b; doch fühlt er, dasz er seine perlen den säuen vorwirft Knigge
umgang mit menschen (1796) 3, 115.
anders als begräbnisbrauch: etliche ... völcker haben die toden denen geyern vorgeworffen Chr. Weise
polit. redner (1677) 569; bekanntlich warfen die Perser ... ihre leichen den hunden vor, wie noch heute die Mongolen J. Grimm
kl. schr. 2 (1865) 212;
als tötungsart: er nun solte in den todt gehen und den heiszhungerigen löwen vorgeworffen werden Dannhawer
catech.-milch (1657) 9, ):( 4
b; wie man die leiber der blutzeugen den bestien vorgeworfen
anmuth. gelehrsamk. (1751) 3, 727
Gottsched; ... den prinzen nimm und wirf ihn wilden thieren vor Platen
ges. w. 4 (1843) 120; 119.
von hier aus auch ganz allgemein '
etwas der gefahr ausliefern': dasz ihr sie (
eure kinder) ... dem verderben überwiesen, ja vorgeworfen habt Simrock
dt. volksbücher 5, 13; hab ich mehrermals meinen leib gewagt und der gefährlichkeit vorgeworffen Kirchhof
discipl. milit. (1602)
vorr.; wil er des käysers grimm sein einig kind vorwerffen? A. Gryphius
trauersp. 570
lit. ver.; mit einem tritt warf er den Rixinger den knechten vor Gaudy
s. w. (1844) 3, 127; wenn die helden, so gott feierlich erhoben, dem schwert der heiden wehrlos vorgeworfen sind Treitschke
hist. u. polit. aufsätze (1886) 1, 50. A@2@b@bβ)
in herabsetzendem sinne wird vorwerfen
gebraucht von speise, die menschen gegeben wird; beachte den gegensatz zu vorsetzen: men om (
dem kranken) to lest sine spise vorwarp als eim hunde (
anf. d. 15.
jhs.)
städtechron. 7, 188 (
Magdeburg); von einem vorgeworffenen bissen erstickt niemand Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1334
b; (
der wirt) warf mir ... die abgeschälten überbleibsel einer schöpsenkeule vor Pfeffel
pros. versuche (1810) 1, 182.
im bilde: leben? — das ist der stein, als speis uns vorgeworfen Immermann
w. 16, 351
Hempel; wenn man euren glanz will schauen, wirft man euch ein körnlein vor, und man lockt euch wie die pfauen Hoffmann v. Fallersleben
ges. w. (1890) 4, 152; ein teil entbehrungsmüd sich um die brocken balgt, die ihm der freche sieger vorwirft ... Stefan George
d. neue reich (1928) 37;
von geistiger speise: hat Schakespear wirklich keinen weitern endzweck, als blos ein groszes stück nach dem andern aus der geschichte herauszuheben, und den klumpen, so wie er da ist, den zuschauern vorzuwerfen? Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 161
lit.-denkm.; von dem ochsigen menschenverstand, der da so ledern an der krippe steht und das ungeeignete futter sich vorwerfen läszt Bettine
dies buch gehört dem könig (1843) 1, 160;
dann auch: einige sätze dem leser vorwerfen
nord u. süd 3 (1877) 393. A@2@cc)
etwas (
sich)
vor jemanden (
vor etwas)
hin werfen. A@2@c@aα)
als sperre oder hindernis, vgl. dazu aus älterem sprachgebrauch die belege unter fürwerfen
teil 4, 1, 935 (c): ein new corpus (
korps) zurichten, solches dem feinde vorzuwerffen Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 471; vorgeworfne hindernisse Ramler
einl. in d. schön. wissenschaften (1758) 2, 39; und cherub Michael fährt nieder und rollt des vorgeworfnen steines last hinweg von seines königs (
Christi) gruft Ramler
lyr. ged. (1772) 364.
refl. in der jägersprache: '
wenn man wild zu koupieren und ihm zu pferd zuvorzukommen sucht, so nennt man dies: sich vorwerfen' Hartig
lex. f. jäger (1861) 575,
s. auch Zeisz
dt. weidmannsspr. (1932) 133
s. v. vorlaufen. A@2@c@bβ)
als schutz oder deckung: ... indem er voll edelmuth sich dem bruder zum schilde vorwirft Wieland
s. w. 26 (1856) 372;
häufig vom schild (
im eigentlichen sinne),
den man vor sich bringt: (
die ritter) wurffen die schilt fúr und schlugen sich sere druff und uff die helm
Lanzelot 1, 234
Kluge; es ist zu spat, den schild fürwerffen, wenn man die streich hin hat Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) 2, 7
a; der nährlich den schild vorgeworffen und die brust verwahret hatte Helwig
Ormund (1666) 219; es (
ein mädchen) warf den schild hoch in die höhe vor und schwang den spiesz Ayrenhoff
s. w. (1814) 5, 275;
vom schützenden schleier: ... ihr gesicht verhehlte ein vorgeworfner faltenreicher flohr Nicolai
verm. ged. 4 (1780) 7. A@33)
gelegentliche verwendungen. A@3@aa)
jem. einen musterwurf als vorbild zeigen (
s. teil 12, 2, 809 vi): vorwerfen ...
vor einem andern ... werfen, damit er es sehe, oder damit er nachwerfe Campe 5 (1811) 521
b. A@3@bb)
als erster werfen (vor-
temporal): vorwerffen, vorauswerffen; wer wirfft vor
chi getta il primo Kramer
teutschital. 2 (1702) 1334
b (
vgl. vorwurf II A 3). BB.
von der räumlichen vorstellung (A 2)
aus übertragen: einen geistigen gegenstand vor jemandes sinne bringen, vor augen '
werfen' (
halten, rücken).
diese bedeutung findet sich ansatzweise in verschiedenen schattierungen, geläufig wird jedoch allein der übertragene gebrauch in der negativen verengung '
verweisend vor augen rücken' (
s. u. 5). B@11)
als aufgabe vorlegen, zur beurteilung oder bearbeitung darbieten. der zusammenhang mit der sinnlichen grundbedeutung ist noch erkennbar: und in der selben wîse warf er (
der hochmeister Dîterîch) mir vor der crônken bûch von Prûzin, ... und hîz dî sinne mîne mich darûf arbeitin unde in dûtsch bereitin Nicolaus v. Jeroschin
kron. v. Pruzinlant 305
Strehlke; von fragen (
problemen): wir vinden in der alten ê und an der schrift noch vrâge mê die man im vür sol werfen hie Konrad v. Würzburg
Silvester 3573
Gereke; 3619; 4007; ein schwäre frag fürwerffen oder fürhalten
ponere alicui quaestiunculam Frisius
dict. (1556) 1100
a. B@22)
anzeigen, kundtun, erkennen lassen: die zit und ouch die stunde (
seines todes) sinen brudern er (
Martinus) vorwarf
passional 609
Köpke; also kam er dar zuo, daz er wart gewarnet und wart ime fúr geworfen, daz in dem schine des selben bildes verborgen legi valscher grunt ungeordenter friheit und bedecket legi groze schade der heiligen kristenheit Seuse
dt. schr. 327
Bihlmeyer; der priester erschrackt des hart der frag und auch des sehens (
zuteil gewordene vision), das der edelman fürwarff Joh. Hartlieb
dialogus miraculorum 211
Drescher. B@33)
vorschlagen, zuweilen wohl auch als terminus beim wahlvorgang (
vgl. vorwerfung 2 a): dasz hinfürter die neuen und alten vier burgermaister nach der jerlichen ratswahl 12 erbar menner von den zunften ... mögen fürwerfen (1552)
städtechron. 32, 271 (
Augsburg); bald wirdt mir für geworffen, soll den meszpriester lassen zu ime abhollen (
ca. 1616) Hans Ulrich Krafft
reisen und gefangenschaft 154
Haszler. B@44)
vorbringen, geltend machen, anführen (
vgl. vorwurf II B 1):
allegare furwerffen mit worten der warheit und gezeugnisz Diefenbach
gl. 23
c; so seye (
sagen die evangelischen) gott auch mächtig gnug, uns vor dem teuffel zu bewaren, ... wiewol nicht ohn, was von gottes allmächtigkeit wird vorgeworffen ..., so ist hin wider doch auch onwidersprechlich, dasz ... Kirchhof
wendunmuth 2, 145
Ö.; dann auch '
als einwand vorbringen, entgegnen' (
schon mit negativem beisinn): und ob sie (
Eva) sich etwas wehrete und gottes gebot vorwarf, liesz sie sich doch gar leicht überreden J. Böhme
s. w. 3, 191
Schiebler; ja, möchte mir jemand vorwerffen, das waren heilige gottergebene menschen Grimmelshausen
Simpl. 12
Scholte; ich bild mir aber wohl ein, es werden etliche einwenden und vorwerffen, die Griechen haben vor zeiten ... Caro
neue hall- u. thonkunst (1684) 55. B@55)
verweisend vor augen rücken, tadelnd oder anklagend vorhalten (
vgl. vorwerfung 2 b
und vorwurf II B 2): und habe von Martino vernomen, das sy euch (
Balthasar Ungerathen) vorwerfen mit rede das gelt, das mir gesanth ist (
um 1420)
bei Steinhausen
privatbr. d. mittelalters 2, 134; (
dasz mir) mein voriges wesen werd auffgerücket und vorgeworffen Pape
bettel- und garteteuffel (1586) H 1
b; doch sie kamen nicht weiter, als dasz sie einander ihre gebrechen vorwarffen Chr. Weise
drey kl. leute (1675) 37; meine vorwürfe? was habe ich ihnen (
anrede) denn vorzuwerfen? Lessing 2, 102
L.-M.; wie oft muszte ich mir das verwünschte puppenspiel vorwerfen lassen Göthe I 21, 8
W.; dasz einer dem andern die ... begangenen fehler vorwarf Ranke
s. w. 9 (1876) 75; er hat ihr vorgeworfen, dasz sie arm sei Fontane
ges. w. I 1 (1905) 219; ihr werft mir vor, versetzte Adrian, ich spräche über die jugend von oben herab und schlösse mich nicht ein Th. Mann
Faustus (1948) 187;
auch im sinne behördlicher anklage: ich weisz nicht, inwieweit die behörde grund hat, ihnen (
anrede) kurpfuscherische tendenzen und verfehlungen vorzuwerfen Gerh. Hauptmann
Emanuel Quint (1928) 189; grausig ist die mischung von religion und verbrechen bei Gilles de Rais, der ... erstaunt ist, als seine richter ihm vorwerfen, dasz er ein ketzer sei
Huizinga, herbst des mittelalters (1928) 255; die mir vorgeworfenen strafbaren handlungen Erich Kunter
weltreise nach Dachau (1947) 156.
reflexiv: meine ... schwachheit, die ich mir selbst vorwerfe Cronegk
schr. (1771) 1, 103; nichts ist unleidlicher als sich selbst seine eigenen fehler vorwerfen zu müssen (6. 9. 1811) Beethoven
s. br. 2, 35
Kalischer; wechselbezüglich: was wir die Nord- und Südländer sich vorwerfen hörten Keller
ges. w. (1889) 2, 162;
eine häufige wendung ist sich etwas (nichts) vorzuwerfen haben: ich habe mir mit ihnen (
anrede) nichts vorzuwerfen, als dasz ... Lessing 2, 294
L.-M.; und was hast du dir vorzuwerfen? Lenz
ges. schr. (1828) 1, 80
Tieck; dem gilt die treue über alles, nichts hat er sich vorzuwerfen Schiller 12, 346
anm. G.; Freiligrath gehört zu den wenigen ..., bei deren tod man sich ängstlich fragt, ob man sich nichts vorzuwerfen, sie nie beleidigt habe (11. 5. 1876) G. Keller
br. u. tageb. 3, 164
Erm.; niemand hat sich das geringste vorzuwerfen, niemand hat irgendeine schuld! Hesse
steppenwolf (1928) 141; sie hatte sich nichts vorzuwerfen Feuchtwanger
Simone (1950) 67.
vereinzelt auch sachbezogen '(
an einer sache)
etwas tadeln, aussetzen, bemängeln': man hat der Mesziade vorgeworfen, dasz sie nicht homerisch sei Gerstenberg
recensionen 124
lit.-denkm.; indem sie ihr (
der produktion der Franzosen) den mangel an geschmack vorwerfen Göthe I 45, 172
W.; der dem deutschen oft vorgeworfene umfang der wörter wirkt kaum störend van Dam
handb. d. dt. spr. 1 (1944) 84;
vgl. sachbezogenes vorwurfsfrei '
einwandfrei'.