seufzen,
verb. '
geschieht auf zweyerley weise, entweder dasz man den athem stark und meistens unterbrochen zurückzieht ..., oder denselben samt der stimme von sich heraus stöszt'. Frisch 2, 266
a;
gewöhnlich sind beide bewegungen bei seufzen
verbunden: seufzen, '
den athem mit einem diesem zeitworte angemessenen klange in sich ziehen und wieder ausstoszen.' Adelung;
mhd. siufzen (
älteres siuften
verdrängend, s. oben seuften)
mhd. wb. 2, 2, 722
a. 723
a. Lexer
mhd. handwb. 2, 947;
ahd. sûftôn
ist verwandt mit dem starken verb. sûfan,
nhd. saufen,
eigentlich schlürfen (
ohne unedlen nebensinn),
bezeichnet also zunächst das einschlürfen der luft. gemere, suff-, seuff-, seunffzen Dief. 259
a;
ingemere, sifftzen, sifczen. 298
a;
gemere, ersaufftzen.
nov. gloss. 190
a; fast seufftzen,
ingemere Dasypodius; seufftzen, als vom kumber. Maaler 371
b; gunsen, seufftzen Henisch 1781, 66; seufftzen, den athem tieff holen. Hulsius
dict. (1616) 297
a;
suspirare, den athem in die höhe lassen, seufftzen. Corvinus
fons lat. (1660) 626
b; seuftzen,
gemere Schottel 1415; sîfzen, sûfzen Liesenberg 214.
vgl. auch seunften, seunfzen. 11)
als zeichen unterdrückten kummers, stillen schmerzes, des bangens, des sehnens, des bedauerns, der resignation u. ähnl.: las fur dich komen das seufftzen der gefangenen.
ps. 79, 11; ich wil meine aller-untertähnigste, treu-gehorsamste pflichtschuldigkeit hierinnen seufzend contestiren. Butschky
Pathm. einführung; ists ein unglücklicher, der meiner hülfe bedarf? er soll nicht mit seufzen von hinnen gehn. Schiller
räuber 2, 2
schauspiel; die kiusche und die kurteise ein siufzen dâ erscheinete. H. von Freiberg
Tristan 1491; ich höre seines seufzens stimm. P. Gerhardt 134
Gödeke; er flieht von dannen, ich seufze. E. von Kleist 2, 24 (1760); du, der ewig um mich trauert, nicht allein, nicht unbedauert, jüngling, seufzest du. Gotter 1, 12 (1787); wie, du seufzest? — hast wohl schon gewählet? Grillparzer
4 3, 15; und er kehrte langsam, seufzend heim zur vielgeliebten tulpe. Immermann 12, 18
Boxberger. mit sinnverwandten verben verbunden: klagen und seufzén, weinen und seufzen. Frisch 2, 266
b; benimt traurn und üppigz seufzen. Megenberg 449, 28; du wirst heut sufzen und karmen.
Homulus 656.
besondere stimmungen; sehnsucht, liebesverlangen (
vgl. unten nach jemandem seufzen): läuft eine fürstin Eboli gefahr, umsonst und unerhört zu seufzen? Schiller
don Carlos 2, 8; hätt' ich doch nicht geglaubt, dasz eine göttin selbst mich zum senfzenden liebhaber umschaffen könnte. Göthe 20, 110;
inbrünstiges beten, fromme zerknirschung: andächtiges seuftzen einer frommen seele. Kramer
deutsch-ital. dict. (1702) 2, 790
b; welcher heylig seufftzet, schreiet, klagt, rufft nit uber seyn eigen fleisch und boszen lust. Luther 7, 333
Weim. ausgabe. freier: und er seufftzet in seinem geist.
Marc. 8, 12; dasz er das kamerale nicht zum fach genommen hat, werden die Sullys in ihren cabinetten seufzen Schiller
räub. 1, 2
schausp. er seufzet sehr tief. Stieler 2012; laut seuftzen Steinbach 2, 585; innigst seuftzen,
trahere suspirium ex intimo ventre. ebenda; heimlich seufzen Frisch 2, 266
b; sol elend sein, und von hertzen seufftzen.
Jerem. 15, 9; bitterlich soltu seufftzen.
Hes. 21, 6; sîn hôhe tugentlîche zuht twanc in sufzen vil tief.
pass. 41, 31
Köpke; mit leidigem mûte sûfzete er vil sêre. 194, 77; sie seuffzten scharff und sehnten sich. Günther 58; heut ist man objectiv gesinnt, er ist denn objectiv; doch morgen ahnt die welt und minnt, da seufzt er brunnentief. Grillparzer
5 2, 176.
wendungen mit präpositionen; für jemanden seufzen,
in liebessehnsucht: im ganzen Genua ist kein edler, der nicht einst für die närrin seufzte. Schiller
Fiesko 4, 10
bühnenbearbeitung. s. unter vor.
nach: nach einem seufzen,
desiderio alicujus gemere; er seufzet sehr nach dem gelte; ich seufzete nach nichts mehr, als dich zusehen. Stieler 2012; nach eines wiederkunft, nach geld und gut, nach einem amt seufzen; was das aug nicht sihet, darnach seufzet das hertz nicht; nach dem himmlischen vatterland seufftzen. Kramer
deutsch - ital. dict. (1702) 2, 790
b; sich selb und gottis gericht nit erkennen und nach seiner barmhertzickeit nit seufftzen. Luther 7, 439
Weim. ausg.; und ob es wol unmüglich ist, das wyr so volkomen mügen werden, so sollen wyr dennoch darnach seufftzen. 15, 499; man seufzt nach einem frohen tage. Cronegk 2, 253 (1765); arme Narcissa, die in der blüthe des lebens, des alters mangel schon fühlt, nach freuden seufzet. Wieland
suppl. 2, 265; nach dir seufzen, dich vermissen, wird der freundschaft treues herz. Gotter 3, lxxiv (1802).
kühnere wendung: hofnung der ewigen freide, (wohin wir ohne unterlas, als nach dem einzigen zwek unserer glückseligkeit seufzen). Butschky
hochd. kanz. 872.
über: über sein unglück, seine sünde seuftzen. Kramer
deutsch-ital. dict. (1702) 2, 790
b; über des landesherren grausamkeit seuftzen. Steinbach 2, 585; die kinder Israel suffzeten uber jre erbeit.
2 Mos. 2, 23; seufzt über die elenden zeiten. Schiller
räuber 1, 2
schauspiel; lasz unter der gewalt die völcker ja nicht schreyen, ihr seufftzen über dich, das wird gen himmel steigen. Olearius
pers. rosenthal 1, 29.
um: es seuftzen ihrer viele um sie. Kramer
deutsch - ital. dict. (1702) 2, 790
b; Adelung
hält solche wendungen merkwürdigerweise für veraltet; seufze dabei, um kraft aus der höhe. Butschky
hochd. kanz. 724; ich seufze wahrlich nicht um seltne stufenjahre: wer wohl zu sterben weisz, stirbt allzeit gnug betagt. Hagedorn 1, 29; um das pfand, das sie verloren, seufzt die mütterliche treu. Gotter 1, 184.
unter: unter dem joche des eroberers, unter dem druck der armuth, unter schwerer armuth seufzen; ganz Deutschland seufzte unter kriegeslast. Schiller
Piccolomini 2, 7.
vor: für mitleiden seuftzen. Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 790
b; fur angst des geists seufftzen.
weish. Sal. 5, 3; ein buhler seufz vor liebe: ich lache beim wein. Cronegk 2, 234 (1765).
zu: zu gott seuftzen. Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 790
b; darumb is es von nothen, das wir tzu Christo seufftzen. Luther 9, 158
Weim. ausgabe. für uns fremdartig: seufftzet nicht widernandern, lieben brüder, auff das jr nicht verdampt werdet.
Jacob. 5, 9.
das seufzen
verbindet sich mit gesprochnen worten: so seufftze du mit der jungfrau Maria: mir geschehe wie du gesaget hast. Schuppius 194; ohne an die brust zu schlagen und zu seufzen: gott sey mir sünder gnädig. Schiller
räuber 2, 1
schauspiel; und also schien ihr sein — ist's möglich? in tragischem tone so herzbeweglich geseufzt, ein wenig lächerlich. Wieland 21, 51 (
liebe um liebe 3, 287) denn, wer euch ziehen sieht, geweihte des vaterlandes! seufzt in sich: zu schön, zu grosz ist diese beute, du ungeheuer, krieg! für dich. Göckingk 1, 263 (1780); wie der pilger den quell suchet, so sucht' ich dich, ach, und seufzete: ruh, bist du, wie morgentraum, mit den jahren der kindheit, denn auf ewig von mir entflohn. Hölty 75
Halm; vielleicht gedenkt sie meiner, beim erwachen, und seufzet: armer jüngling, warum waltet ein anstern über unsrer liebe? 84; knirschend sich den platten busen schlagen, und seufzen: sie ist wahrlich schö
n. 180. 22)
von thieren: o wie seufftzet das vihe, die rinder sehen kleglich.
Joel 1, 18; jre jungfrawen werden seufftzen, wie die tauben.
Nahum 2, 7.
auf die kirche gedeutet: stetes seuftzen der taube, das ist der heiligen kirche. Kramer
deutsch - ital. dict. (1702) 2, 790
b; so offt ich höre ein belästigtes, hungriges, oder sterbendes tier, seuffzen und schreyen. Butschky
Pathm. 159; die armen (
vögel), eingebauert seufzen sie um freyheit. Klinger 1, 199;
besonders vom klageton der nachtigall: (
sie) seufzt unaufhörlich und jammert. E. v. Kleist 2, 31 (1760). 33)
auf unbelebtes übertragen; vom winde: (
ich höre) den seufzenden windlaut durch die rizen des thurms. Schiller
räuber 4, 5
schauspiel; wie dem, der glücklich ist, die ganze schöpfung lächelt, seufzt jenem (
dem unglücklichen) Zefyr selbst, der Florens busen fächelt. Wieland 17, 139 (
Idris u. Zen. 3, 11); (
wenn) der west im laube seufzt. 21, 204 (
Klelia u. Sinibald 2, 176)
wellen: die wellen schlagen seufzend an's ufer. Bettina
tagebuch 69.
von abstracten: die mitternacht seufzte in den bäumen. Hebel 2, 214.
knarrende geräusche: es seufzten mir die thürangeln des langsam aufgehenden stadtthors .. entgegen. Arnim
Hollins liebeleben 78
Minor; man schreibt, es seufzen pult und pressen. Cronegk 2, 253 (1765);
vermenschlicht: seufzet er mit, wenn von erndtelasten der wagen seufzt. Klopstock 2, 45. 44)
freierer gebrauch in gehobener sprache; besondere wendungen, mit dem accusativ des objects: seufzer seufzen; kein printz wird leichtlich gefunden, der nicht einen von diesen dreyen seufzern müsse seufzen. Butschky
Pathmos 715; der arme dulder zieht zuvor aus tiefer brust den längsten seufzer heraus, der je geseufzet worden. Wieland 4, 136 (
Amadis 6, 24); mit einem empor geseufzeten dank für diese pfingststunden. J. Paul
Hesp. 3, 200; was sie weint, das weinet sie mit wonne; was sie seufzt, das wehet himmelan. Bürger 98
b; liebe seufzet ihre kehle; o wie könnt' es klage seyn. 115
b; schon vor der morgen-sonn, hab' ich einsamer ihren nam am wasser-fall geseufzt. Geszner 3, 126; seufzt ihr dem heuchler jedes hohle ach mit der geschwätz'gen echo redlich nach. Arndt
ged. 403 (1840).
ungewöhnlich für beseufzen: mag seufftzen einen streit, den wieder sich noch führt die arme christenheit. P. Fleming 197 (1666).
der kummer selbst ist es, der seufzt: tief seufzt aus mir der kummer: o himmel, wär ich noch ein kind. Gotter 1, 175 (1787);
kühner: sag' es mit einem durchdringenden ach, das meinem ach gleichet, das aus innerster brust klage seufzet. Klopstock 1, 22.
angabe der wirkung: einem die ohren voll seufzen; ach mademoiselle, sie würden mich zu tode seufzen. Möser
patriot. phant. 3, 51 (1778);
reflexiv: wo liebende sich zu schatten seufzten.
quelle bei Campe; ich seufftze mich müde und finde keine ruge.
Jerem. 45, 3; von jungen stutzern, die sich fast zu krüpeln seufzen. Rabener
schriften 1, 124 (1777); wir sehnen und seufzen uns krank. Bürger 56
a.
besondere wendung: (
die nachtigall) scheint bey jeglichem seufzer aus sich ihr leben zu seufzen. E. v. Kleist 2, 32 (1760). einem seufzen: nicht mehr nach ihm weinend, nicht mehr ihm seufzend. Klinger
theater 2, 326; gott, sein gott, du hast ihn verlassen! dir, dir seufzet er. Klopstock
Mess. 10, 700.
freierer gebrauch des part. präs.: so seer erbeite ich in einem seufftzenden leben. Luther 3, 17
b; ein seufzender roman zu dieser zeit gelesen. Göthe 7, 17.