gezeugen,
schw. verbum mit vielseitigen verwendungen, die einestheils auf gezeug I
anderntheils auf gezeug III
zurückweisen. in beiden richtungen werden sie von formen ohne präfix (
s.zeugen)
in der heutigen sprache fortgeführt. 11)
das factitivum zu gezeug I
ist auszerhalb der participialform (
s.gezeugt)
nur wenig mit präfix beobachtet. ohne dieses ist es litterarisch viel belegt und erschlieszt einen noch weitergehenden gebrauch der zwanglosen sprache, der für die erklärung aus anderem stamme manche stützpunkte bietet, doch ohne die ableitung von gezeug I
abzuschneiden. vermuthlich wird es sich um secundär entwickelte berührungen —
namentlich auf dem wege der verallgemeinerung —
handeln; vgl.: wer mêr dâ von well wiʒʒen, der zeug im und les
daʒ däutsch puoch Conrad v. Megenberg
s. 68;
u. a. vgl. Schmeller 2
2, 1092. 1@aa)
für die althochdeutsche periode kommt in betracht: ter was eques ter decem milia mahta geziugôn dero suârôn fendingo, die sestertia hiêʒên Notker
Boethius s. Hattemer 3, 111
b. 1@bb)
mittelhochdeutsche belege mangeln; dagegen vgl. aus mittel- und niederdeutschen quellen: den der psalm gecrønet sach mit eren und mit czirde ... er geczuget undertan alle ding di wesen han. Tilo v. Kulm
von den 7
ingesigeln 5037
Kochendörffer; zu irem lobe waren si
das schencken ... das man eine schone kircke ufbrechte und gezeugte ouch darein was zierong davon rechte solt sein. Rothe
Elisabeth 2, 2100
Mencken (
vgl.gezauen);
vgl. andererseits: de scal men darinne spisen, herberghen unde laven, alse men dat best ghetuoghen mach
Hildesheimer ordnung 1334
s. urk.-buch 1, 503. 1@cc)
strittig sowohl nach der form, als auch bezüglich der abgrenzung gegen zeigen (
zu zeugen und zeigen
vgl. die varianten bei Berthold 1, 282;
vgl. auch H. Paul
ztsch. dtsch. wortforsch. 12, 66)
erscheint: wie getOerst ein armer súndiger mensch immer die baltheit gewinen, daʒ er fúr so getan lutterkeit sin unreinigkeit getOerste gezOegenn
der ewigen wiszheit betbüchl. (
Basel 1518) 38
b. 22)
ganz anders entwickelt ist der gebrauch von gezeugen,
testari: 'ich geziuges iu genuoc, der in dâ jagte unde sluoc, der ist der tiurer gewesn: mîn herre ist tôt und er genesn.' Hartmann
Iwein 1967
var.: bezeug es, erziuges, erzeug)
u. a. s. mhd. wb. 3, 920
b. 2@aa)
wie schon die varianten zu Iwein 1967
zeigen, ist beim verbum das präfix ge
nicht so vorherrschend wie beim subst. abgesehen von den präfixen, die an sich schon unterschiede in der bedeutung kennzeichnen, steht auch der gegensatz von gezeugen und bezeugen vielfach unter dem einflusz verschiedener auffassungen oder auch der verwendungen des verbums (gezeugen
beim absoluten gebrauch, bezeugen neben objectsacc.).
natürlich verschieben sich die so gewonnenen grenzen wieder —
namentlich in den varianten der überlieferung: ... und was der klage begunnen und niht erziuget
Schwabenspiegel cap. 151
Gengler; mag si ... ubir in vol gezeugen, irzeuget si is als recht ist, man slecht im das haup(t) ab
Prager rechtsb. s. Röszler s. 126; bitet eines urteilis, wende he in ubirzugen wil
Freiberger stadtrecht 8 § 2
u. a.; der kleger mac vregen: wenne he gezugen wolle 13 § 5 (überzügen C); laugent awer er des, da man in umb anspricht, also daʒ man im es abgezeugt
Wiener stadtrechtbuch art. 8
Schuster; wes sich ein man vermiʒʒet zu gezugene, gezuget he als recht ist, he genuzit is billiche
Freiberger stadtrecht 8 § 2
gegen: den vridebruch bezuget he wol nach der stat recht
ebenda; als he des andern tages gezugen sal 12, 2
gegen: welch man auch bezugen sal, ab he ...
ebenda (C. gezugen); geht iʒ
aber an ein gezugen, so mac man mit ... nimande bezugen (
var.: geczugen) den mit dem richtere 32 § 8;
vgl. auch 2 § 3; 17 § 2;
vgl.bezeugen (
cod. Tepl.)
für gezeugen, zeugen ( Luther)
in der bibelübersetzung, vgl. Joh. 3, 11;
Matth. 26, 62
u. a. (
s. u.);
testari bezügen Cholinus-Frisius (1540) 856;
desgl. Dasypodius
u. a.; vgl. auch bezeugen theil 1
sp. 1798. 2@a@aα)
ebenso setzen die formen ohne präfix hier früh ein: das wir wissen, das sprechen wir, und das wir sehen, das zúgen wir, und unser gezúgnisse hant jr nút genomen Tauler
predigten 298
Vetter (
vgl.daʒ wir sachen, das bezeugen wir
cod. Tepl. Joh. 3, 11; zeugen, das wir gesehen haben Luther);
dazu vgl. das zúgen wir (
var.: bezugen wir) 301
u. a.; was ein man gegen dem richter zeugen sal ... das
gezeugt er selbdritt
Sachsenspiegel Augsburg 1517
s. 78
b (
desgl. Leipzig 1528
s. 85
a;
vgl. aber [
s. u.] gezeugen ... gezeugt
Leipzig 1561); was man ouch mit gerichte zeugen sol, das sol man gezeugen mit zweien scheppen
Jenaer gerichtsordnung (15.
jahrh.)
Michelsen 75. 2@a@bβ)
bei Luther
ist das verbum ohne präfix durchgeführt, ebenso (
soweit nicht bezeugen
vorherrscht s. o.)
in den wörterbüchern: ich zeug,
testor ... beruff mich uf zeugen Erasmus Alberus
nov. dict. (1540)
m 1
b.
nur vereinzelt tauchen dort noch formen mit präfix auf: gezeugen, zeugen,
testari, attestari, ferre testimonium Henisch 1611;
vgl. auch: gezeugen, das ist beweisen Schottel 634
b.
aus neuerer zeit vgl. noch die mundartliche feststellung: gezeien, zeugen Follmann
wb. d. deutsch-lothring. mda. 204
a. 2@bb)
zum gebrauch 2@b@aα)
ist die vorherrschaft von gezeugen
gegen bezeugen
beim absoluten gebrauch schon sp. 7026
festgestellt; dem entspricht auch die grosze zahl absoluter verwendungen, die hier beobachtet sind: als verre der sin mîn mohte geziugen, sô hân ich sunder liugen ir deheinen hin lâʒen, die an dem gewalte sâʒen. Ottokar 21; wie verre gesworen leut, sie sein steiger, huter oder ander amptleut, gezugen mugen in dem lehen oder auf der zeche
weisthum v. Iglau (14.
jahrh.)
cod. dipl. Siles. 20, 23;
dazu vgl. die varianten (
s. o.)
zum Freiberger stadtrecht; das ein man gegen den richter geczeugen sOel (geczugen
Basel 1474)
Sachsensp. Augsb. 1481 (
landr. 2
art. 22, 1); wo man mit siben mannen gezeugen sol, da mag man wol 21 man umb den gezeug fragen
Sachsenspiegel Augsburg 1517
s. 78
b (getügen 2, 22 § 4
Homeyer; bezeugen
Leipzig 1561
s. 227
a); ein iglich man, der den andern beklaget umb geldt und verreumet sich gezeugen, der magk nicht gezeugen, mit denselbigen leuten, und die gesellen an dem gelde seindt
stadtrecht v. Eisenach (14.
jahrh.) § 20;
Thür. gesch.-quell. n. f. 6, 41; von neunerlei leuten, die nicht geczeugen mugen in gerichte
verdeutsch. des böhmischen bergrechts 4, 12, 9
Jelinek; käme auch die person, so gezeugen soll, ungeladen, ... ist derhalben jhre ... aussage nicht verwerfflich Schickfus
chron. v. Schlesien 3
buch 535. 2@b@bβ)
mehrfach ist die person, auf die das zeugnis zielt, im freien dativ, oder in präpositionalverbindungen gekennzeichnet; zu den letzteren tritt gern noch ein acc. des objects. 2@b@b@11)) das czwene nahe freunde nicht schepfen sein sullen, noch in selber gezeugen ... is en mack ouch kein pruder dem andern mit nichte gesten, noch mit im erczeugen
Iglauer bergrecht s. Zycha 2, 36; waʒ unser vrowe e beiach und klagete uber disen man, da wolle wir ir gezugen an, wand wir horten unde sâ
n. pass. 476, 54
Köpke. 2@b@b@22)) he mac niht me uf in gezugen
Freiberger stadtrecht cap. 12 § 10
s. 102; man mag es auf in auch wol gezeugen
Sachsenspiegel Augsb. 1517
s. 78
b (up ine getügen 2, 22 § 3
Homeyer; auff jhn wol gezeugen
Leipzig 1561
s. 227
a); antwortes du nicht zuo den dingen di dise wider dich geczuogen? Beheim
Matth. 26, 62 (di dise bezeugent
cod. Tepl.; das diese wider dich zeugen Luther); ab er durch genies ader gunst willen geczeuge, ab er feint sei des, wider den er gezeug
verdeutschung des böhm. bergrechts 4, 12, 9
Jelinek; hörest nit, was die zw hant auff dich getzewgent all sambt?
Stertzinger pass. 1064 (
var.: tzeugen, betzeugen)
Wackernell. 2@b@gγ)
als object kommen zunächst nur abstracta, satzinhalte in betracht. personen sind in der stelle des objectes bei dieser bedeutung kaum denkbar. anders bei überzeugen,
dessen entwicklung gerade vom persönlichen object ausgeht. vielleicht ist das folgende aus analogie mit diesem zu erklären: wie du einen menschen von ander liuten liebi geziugist
beichtebuch 56
Oberlin. auch beim abstracten object ist die anknüpfung im genetiv (
vgl. oben z. Iwein 1967),
die der grundbedeutung des verbums entspricht, früh durch den accusativ —
zumeist auch von pronominalformen —
verdrängt; auffallend sind im gleichen casus die mannigfachen substantiva zur kennzeichnung des gegenstandes, auf den sich die zeugenschaft bezieht. 2@b@g@11)) ab he icht benennen sulle, waʒ he gezugen wolle
Freiberger stadtrecht 17 § 2
s. 116
Ermisch (
var.: beczugen, zeugen); was auch di scheppen halden adir getzugen, das sol der richter auch halten und getzugen
Kulmisches recht 2
buch 56
Leman; was ein man wider dem richter gezeugen soll ... das gezeuget er selbdritt
Sachsenspiegel Leipzig 1561
s. 226
a (getügen sal ... dat getücht er 2
art. 22 § 1
Homeyer; zum Augsburger druck s. o.); das wil ich gezeugen
Freiberger stadtr. 17 § 2
s. 116: was die scheppen zeugen, das soll der richter ouch gezeugen
Jenaer gerichtsordnung s. 75
Michelsen (
s. auch sp. 7027); diʒ gezûget diʒ buoch
myst. 138, 32. 2@b@g@22)) er musz die eigentlichen gewer mit sechsz schöpfenbaren freien mannen gezeugen
Sachsenspiegel Augsb. 1517
s. 99
b; (die ... gewere ... getugen II 44 § 3
Homeyer; gezeugen
Leipzig 1561
s. 275
b); mag aber iener ... sein farend gutt daran gezeugen 17
a (getügen, gezeugen); wie ein man daʒ guot ader die gewer des guotes gezeugen sol 76
a; wann auch die geczeugen sich vorpergen, ... so sol der richter twingen, die warheit czu geczugen
verdeutsch. des böhm. bergrechts 4, 13, 1
s. Jelinek a. a. o. dazu vgl. (
sp. 7021 gotteszeuge): maht du in (
Jhesus) gezeugen baʒ Heinrich v. Neustadt
gotes zuk. 4167; aber unsir bapst, der setzet sich ubir die engel, und ubir die knecht und bruder, die got getzeugen Carlstadt
von bepstlicher heilickeit D 1
a; gott getzeugen, bezeugen
deum testari, invocare, adhibere deum testem Henisch 1611.