scheiszen,
verb. cacare, pedere. II.
Formales. ein altes gemeingerm. starkes verbum: ahd. biscîʒan Graff 6, 560,
ags. scîtan,
altnord. skíta.
etymologische beziehungen zu den verwandten indogerm. sprachen sind unsicher, vgl. oben theil 1,
sp. 1560
unter bescheiszen
und Kluge
etym. wb., mhd. schîʒen, scheiʒ, schiʒʒen, geschiʒʒen,
nhd. scheiszen, schisz, schissen, geschissen,
mnd. schîten, schêt, schitten
[] (schetten), (ge)schitten, ([ge]schetten). Schiller-Lübben 4, 104
b;
neund. lautet das part. prät. auch schêten,
ebenso im plur. das präter. mnld. schijten Kilian,
gleichlautend im nnld., mittelengl. schiten,
neuengl. to shite
und to shit,
dän. skide.
mundartlich begegnet im oberd. ein schwaches präter. scheiszete. Schm. 2, 474. Schöpf 598. Lexer 216;
schwaches part. prät. cimbr. wb. 226
b.
die tempusbildung im nhd. bietet im übrigen nichts bemerkenswertes. Schottel 593
verzeichnet als prät. ich schisz, Stieler 1757
daneben auch ich schisze,
auch Frisch 2, 171
c noch ich schisse, Steinbach 2, 420 ich schiesz.
in älterer sprache, mundartlicher aussprache folgend, mit verdunklung des diphthongs der stammsilbe im präsens: (
er) scheust im mit erlaubnus in den senff. Lindener 89
Lichtenstein (
Katzipor. 85). IIII.
Gebrauch. das jetzt durchaus gemiedene wort erscheint in älterer zeit, die es z. theil, wie die belege zeigen, ganz unbefangen braucht, häufiger in der schriftsprache, besonders in bestimmten derben wendungen, wie sie z. b. bei Wander 4, 122
f. in groszer zahl mitgetheilt sind. II@11)
cacare, schyszen, scheiszen Dief. 86
b,
merdare 357
c,
stercorare 551
b. a) ihr wisset, was digeriert zum hirn, zum haupt, zur mutter, zum scheiszen und zum seichen. Paracelsus (1589) 2, 64; das scheiszen der hunden gestellt alter herter kä
s. Geszner
thierb. (1583) 87
b; sagt, farzt er oder scheiszt er ser.
fastn. sp. 1061, 22; die held sauffen zu wider streit, der eyn der scheyszt, der ander speyt.
bergreihen 78, 23
neudruck; sprachet von ewer sünd, und schand, garstig, unfletig, unverschampt, von huren hendlen, fressen, sauffen, von speyen, scheiszen, schlagen, rauffen.
froschmäuseler E 5
a; (
der arzt spricht:) mein pawer sag du mir, und ob du könst recht zu gmach gehn und scheiszen. H. Sachs 2 (1570), 4, 73
d;
nd. Isegrym hulede, he reep, he scheet.
Reinke de vos 6522.
sprichwörtlich: scheiszen steht im calender,
die sache hat schlimme aussichten. Schm. 2, 474. scheiszen wie ein reiher (
daher nd. schîtreier,
s. oben reiher
sp. 659; schetterreier
wird ein kind genannt, das sich oft bekackt. Frommanns
zeitschr. 5, 291), Schm. 2, 474
und besonders Vilmar 344;
diese redensart bezieht sich im gebrauche meist auf den crepitus ventris, wofür sie eigentlich weniger bezeichnend ist, s. unter 2.
von einem geizhalse sagt man: he schitt nich ehrer bett he wedder wat to frêten hett. Wander 4, 124, 66,
vergl. ebenda nr. 43
u. 72; einem ze scheyszen not thuon,
cacaturire Maaler 350
c; scheiszen wollen,
cacaturire Frisch 2, 171
c; scheiszen gehen: wie aber der guot gesell mit gunst und urlaub scheyszen gehet. Lindener
schwankb. 136
Lichtenstein (
Katziporus 229); dannoch sô tuot eʒ (
ein thier) wunders mê, eʒ muoʒ zem êrsten eʒʒen, danne eʒ schîʒen gê.
minnes. 2, 384
b Hagen. einen toten auf den abtritt setzen ist unnütze mühe: we wil den doden schyten dragen? Schiller-Lübben 4, 104
b; de den doden schyten drecht, unde de syn ghelt an schöken (
huren) lecht ... verloren is sus syn arbeit.
nd. jahrb. 3, 22; eʒ ist verlorniu arbeit, wer den tôten schîʒen treit.
ges. abent. 2,
s. 272, 80.
mit reflexivem dativ: der bischoff wurdt zornig und sagt: du grober eselskopff, hebe dich hinausz unnd scheisz dir genuogsamm ins teuffels nammen. Lindener
schwankb. 107 (
Katzipor. 141). im schlafe zu scheiszen
wird ironisch als ein glück bezeichnet, das mühelos zufällt: glücklik de mensche dä im slpe schitt, hä bruket nitt te drücken. Woeste 229
b;
ohne beziehung auf diese redensart: (
er) war aber darneben unsicher, schisz im schlaff, wie die bäurin, die mit dem hindern in die milch bliesz. Fischart
Garg. 129
b. im laufen scheiszen: was wird geschehen mir armen knecht, wenn sichs begeben wird ein mol, das ich etwas ausrichten sol, und will mich auf das höchst befleiszen, werd ich im laufen müssen scheiszen. Wolgemut
Esopus (1623) 1, 18. nu schitt mîn hingst in vullen lopen,
ernst oder ironisch von ungewöhnlicher leistung. Wander 4, 125, 84;
von den beweglichen Franzosen sagt Fischart: (
sie) scheiszen nicht dann im flug.
Garg. 127
a. scheiszen
und fressen
einander gegenübergestellt in nd. wendungen: de loie bove (
der träge bube) is nein nutte mêr dan he schit unde vrit. Schiller-Lübben 4, 104
b; hei schitt un fritt, segt Lütje. Wander 4, 122, 11;
anders: wenn de eine schitt und de andere fritt, denn kommt nist umme. 123, 34.
[] alt ist die wendung geschissen ist nicht gemalt (
cacatum non est pictum),
womit unzureichende leistungen abgewiesen werden: geschissen ist nicht gemahlt,
cacatum non est pictum. Steinbach 2, 421; meynt der himmel hang voll geigen glaubet gefarzt sey geschworen, geschyssen sey gemalt. Fischart
Garg. 130
a;
nd. 'eschetten is nich 'mâlt, segte Sievers, as hei sîn himme (
hemde) besach. Wander 4, 122, 6;
anders gewendet: dat öss nich geschete, nich gemole. 123, 42; schît de wand langst, segt Johann Schönfeld, brûkst kênen maler. 25.
das part. prät. im sinne von beschissen: mit dîne g'schissene büechere!
mit deinen verwünschten büchern! Seiler 253
b;
im eigentlichen sinne: der sawrsenffer geht dahin mit seinem geschissen senff. Lindener
schwankb. 89
Lichtenstein (
Katzipor. 85).
part. präs. sprichwörtlich: man glaubt an keynen scheiszenden heiligen,
hält nichts auf ihn, so lange er lebt. S. Franck
sprichw. 1, 42
a.
in eigenthümlich prägnanter anwendung: nd. umme dusse tit was ein smidt, de sede van den profeten, dat se scitende (
scheiszkerle) weren.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 104
b. II@1@bb) scheiszen
mit directem object zur bezeichnung dessen, was ausgestoszen wird: ein osse, de sinen drek in den stal schit unde maket mes.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 104
b; sô vele dat ên kô scheit,
kräftige bezeichnung einer verächtlichen kleinigkeit. Germ. 18, 26; arwten, säd' de bûr, dôr schêt he'n wîken. Wander 4, 122, 1; der gedacht des liedlins: trinckt man wein, so beschert got wein; scheiszt man würst, so beschert got würst. Lindener
schwankb. 136 (
Katzipor. 230); er war gar sauber, wasz er schisz liesz er ligen, und sah es alsdann an, wie ein gaul der den karren hat umbgeworfen. Fischart
Garg. 129
b; so haben die pferde grosze mäuler, sie essen haber und scheiszen mit gunst zu melden dreck. Coler
hausb. 238;
von furchtbar heftigem körperlichen drang: do scheis er sîn ingeweide mit dem bôhte (
kothe) herû
s. d. städtechron. 8, 369, 2
bei Lexer
mhd. handwb. 2, 764;
ähnlich blut scheiszen,
besonders bildlich: ja er hats gegeben, aber vor hat er mich lassen blut scheiszen bis uff den tod,
er hat meine zwangslage in rücksichtslosester weise ausgenützt. Esop (1569) 137
b.
die bienen scheiszen honig: nun ist dannoch ein bienlin, auch ein feins thierlin, das honig scheiszt. Fischart
Garg. 24
b; frasz köl und schisz mangolt, wie die geyssen spotten, fressen kraut und scheiszen bonen. 130
a.
besondere wendungen, deren sinn sich von selbst ergibt: solt ich ein kind haben, das mir nicht folgte? es musz mir den kerl wider meinen willen nicht kriegen, und solt es haar scheiszen wie ein wolff.
Simpl. 3, 319, 29
Kurz; war sauber, schisz kein leimen: hett dann ein bachofen geseen. Fischart
Garg. 129
b; ich will dir etwas scheiszen,
sagt man zur unwilligen abweisung eines gestellten verlangens. Spiesz 209; ducaten scheiszen: er kann ducaten scheiszen,
ironisch von einem wichtigthuer, vgl. ducatenkacker
theil 2,
sp. 1488. II@1@cc)
mit orts- und richtungsangaben, mit näherer bezeichnung dessen, was besudelt wird: ein gans ist ein wüst thier, wa es hin scheiszet da wechst nüt mer. Keisersberg
evang. (1517) 120
a; in de kokene is gekoket, up den zadel (
saal) gegeten, over de muren geschetten.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 104
b;
sprichwörtlich: du macht wol junk sin, men du schist ut dem olden hole; he (
der teufel) schitt gerne an reine stede, wente he holt synen unflath vor desem und balsam.
ebenda; man mag ihn hinspannen, wohin man will, so scheiszt er auf die deichsel,
er ist zu nichts zu gebrauchen. Spiesz 209; (
er) schisz zu grösten hauffen. Fischart
Garg. 130
a; scheisz unden zu des paumes rinden, so vindest du in morgen pas. Vintler
blumen der tugent 3307; (
wer) mitten an den weg scheiszet und zu lest sehen weip und man, der kümpt ungescholten nit darvan.
fastn. sp. 137, 6; wodurch — gesagt mit reverenz — kann er (
der storch) sein recht beweisen? als durch die löbliche tendenz aufs kirchendach zu .... Göthe 56, 34.
eigenthümlich mit bei: der wüllenweber kam usz dem hoff und sahe das er bei der stuben scheisz.
Eulenspiegel 51 (
s. 81
neudr.).
in besonderer wendung in derbem bilde: scheisz mir niet in kram, vor er ausgelegt ist,
störe meine absicht nicht durch voreilige unterbrechung, oder auch, lasz mich doch ausreden. Eiselein 392.
sich selbst oder seine nächste umgebung besudeln, sich in's hemde, in die hosen, die hosen voll, in's bett scheiszen
u. ähnl., verhüllend in die hosen, das hemde, das bett machen,
[] thun: (
der kleine Gargantua) schisz ins hembd, das macht er sasz gern warm. Fischart
Garg. 128
b; sich in die hosen scheiszen: (
jeder bedenke sich zuvor) so schit he na nicht in de brûk.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 104
b; er hat sich also eingefült, der grosze pfaf, wirt endtlich noch heut in die hosen scheyszen. Lindener
schwankb. 87 (
Katzipor. 80); ey so erbarms sanct Lecks und Licks! muosz ich denn in die hosen scheiszen. 109 (
Katzipor. 146); der fürst sprach: ich dörft wetten, der narr hett in die hosen geschissen. Pauli 11 (1546); er scheist auch seine hosen vol recht wie ein grober bauren knoll. Wickram
kunst zu trinken (1537)
buch 3, L 1
a; wir wöllen dir die hilff beweisen, solt Jupiter in dhosen scheiszen. H. Sachs 2 (1570), 2, 19
b.
besonders als folge heftiger erregung; durch übermäszige heiterkeit: ich wirt vor lachen in dhosen schissen. Manuel 257, 10
Bächtold. gewöhnlicher verursacht durch angst: dem gieng vor ängsten ausz der schweisz, vor groszer forcht int hosen scheisz. H. Sachs 2 (1591), 4, 73
d; scheisz dir nur nicht in die hosen,
verlier nur nicht den kopf! vgl. hose 5,
f theil 4, 2,
sp. 1840, hosenscheiszer
sp. 1842.
nd. in sine egene taske schîten
bei Schiller-Lübben 4, 104
b. die beine hinab scheiszen: schisz die bein ab vor dem tisch, und sah es darnach
an. Fischart
Garg. 128
b; in die hände,
sprichwörtlich: es ist dannoch besser, dann gar inn die händ geschissen. Henisch 1537, 25. ins bett scheiszen: war is so groten konnink, de nicht in't bedde heft gescheten,
jeder hat seine schwächen. quelle bei Schiller-Lübben 4, 104
b; nein du solt mich nit essen, darum das ich in das bett brünzel, ich hab ein bruderlein daheim, das scheiszt in das bett, das isz. Pauli
schimpf u. ernst (1546) 56; wann mein herr so zu schreyen beginnet, so pflegt er gemeiniglich bald hernach ins bett zu scheiszen (mit gunst).
Simpl. 3, 301, 21
Kurz; Salomon. den slâfenden hunt sal niemant wecken, al untât sal man bedecken.
Morolf. du sagest wâr; ich tet ouch alsô: ich huop ûf daʒ bette und scheiʒ in daʒ strô.
Salomon u. Morolf 49
b, 442
v. d. Hagen-Büsching. das sprichwort schilt den vogel, der sein eigenes nest beschmutzt; diese wendung ist uralt: altn. þeir fuglar er í sitt hreiðr skíta.
Sturl. sag. (1817
ff.) 3, 253; ich schysz nun in mein eignes nest. H. Folz
in der zeitschr. für d. alterthum 8, 521, 134
mit der anmerk. in etwas, auf etwas, jemanden, jemandem in etwas scheiszen,
sehr gebräuchlicher ausdruck der verachtung: ich schisz auf dich,
assis te non facio, pro nihilo duco te. Stieler 1757; ich schisz dir drein, ...
flocci facio, nullo loco numero. ebenda; ik schît d'r wat in, wat du segst. ten Doornkaat Koolman 3, 128
b,
vgl. Seiler 253
b; ja er (
Müntzer) sagt öffentlich, das erschrecklich zu hören ist, er wolt in gott scheiszen, wenn er nicht mit jm redet wie mit Abraham und andern patriarchen. Luther 3, 127
a; weil denn e. c. h. (
der erzbischof von Mainz) dem keiser in sein kamergericht scheiszt, der stadt Halle die freiheit, und dem schwert zu Sachsen sein recht nimpt, dazu alle welt und vernunfft fur faule arschwische helt .. so wirds, ob gott wil, unser herr gott durch unser gebet schicken einmal, das e. c. h. den dreck selbst wird müssen ausfegen. 6, 361
a;
Bartel. ich schisse dir uff den reidigen hund.
Jokel. de hast vill ze scheiszen. A. Gryphius
Dornrose 55
Palm; endlich so dacht ich: schisz dir auch drauff, du wilst ihnen doch nur die begebenheit von der ratte erzehlen.
Schelmuffsky 106
neudruck; ich schisz in ablasz und wüste den ars an ban.
N. Manuel 111, 208
Bächtold. spielend mit dem gleichklang von scheiszen
und schieszen: ha, was geht das graff Egon an, ich schisz drein, wann ich ein armbrust hett. Fischart
Garg. 148
a.
sinnlicher, derber und unflätiger sind wendungen wie die folgenden: der wüllenweber sprach du schist mir wol uff den kopff ungeheiszen.
Eulenspiegel 51 (
s. 82
neudruck);
ironisch, in Schlesien: dem kerle trifft mans nicht und wenn man ihm mitten auf den kopf scheiszt. Weinhold 81
a; schitt man dem buren up et mûl, so is et em tau vêl, un schitt man em up et land, so is et tau wenig. Wander 4, 123, 31; ich schisz eim in das wölfisch maul, der eim ein berg verhiesz und künt im nit ein stein davon reichen. Schade
sat. u. pasqu. 2, 67, 3;
als derbe verwünschung: [] der tiufel schîʒe iu in den kragen!
S. Helbling 5, 107; heiszt aber disz nicht fein eim die nasen abbeiszen und darnach in die ohren blasen, ja damit ichs grob sage, die zän ausbrechen und in die lucken scheiszen. Fischart
bienenk. 137
b; der henker stech dir die augen aus und der teufel scheisz dir in die lucken. Pauli
schimpf u. ernst (1546) 31; ich wil dir die augen auskratzen und in die löcher scheiszen. A. Gryphius
Horribil. 80
neudruck; du min liedlindichter zart, ich schiss dir ein dreck uf d'nasen und dri in knebelbart.
N. Manuel 28
Bächtold. als unflätiger ausdruck für speien: äwer de tunge schiten. Dähnert 409
a;
vergl. schiet över de tung un mak dinen aars toom haandrei. Schütze 4, 194. II@22) scheiszen,
crepitum ventris reddere: schijten
vel vijsten,
pedere. Kilian; scheiszen,
pedere, ventris flatum reddere. Frisch 2, 171
c. Spiesz 209. Vilmar 344;
grobe redensarten: er scheiszt wie ein jagdhund, wie ein waldesel; hunne rût, de minschen schîtet,
sagt man, wenn jemand im zimmer sich unanständig aufgeführt hat. Schambach 184
a. II@33)
in der wendung den hasen umb das fell schaisen (Fischart
Garg. 194
b)
ist schaisen
offenbar dem franz. chasser
nachgebildet; vergl.: solt man die häuser darum haisen wolfshölen, weil sie euch drausz schaiszen.
flöhhaz 2694 (2, 72
Kurz).
hierfür scheiszen: was ist dein anligen? wo schaiszt her.
Garg. 214
a; scheisz dich fort,
apage. Stieler 1758.
vgl. umherschaiszeln,
umher laufen, geschäftig sein ohne zweck und erfolg. Schm. 2, 474.