treuge,
adj. ,
siccus, weitverbreitete dialektische nebenform zu trocken (
s. d.),
die im ostmitteldeutschen, d. h. im erzgeb.-böhmischen (
vgl. das vb. treugen
bei Jelinek
mhd. wb. 723),
obersächsischen (Müller-Fraureuth 1, 248
b),
schlesischen u. hochpreuszischen neben trucken, trocken
bis ins 18.
jh. verwendung in der schriftsprache fand (
z. b. noch bei Lessing),
doch immer eine gewisse mundartliche färbung behielt und deshalb von den meisten ostmd. dichtern gemieden wurde (
z. b. von Gryphius).
zuweilen (
wie bei Luther, Carlstadt)
nur als variation neben trocken (
s. u. 1 b).
im ostmd. seit dem 13.
jh. belegt, während die räumlich weniger verbreiteten westmd. formen (
vgl. z. b. druge
bei Lacomblet
urkundenb. f. d. gesch. d. Niederrheins 3,
nr. 315 [1337]; druyge
nr. 670 [
Cöln 1366]; druge
chron. d. dt. städte 13, 93 [
Cöln 15.
jh.]; druges voisses
ebda 126
sowie rhein. drüge
als grundlage von formen wie drüch, dreich, drei
u. s. w., s. rhein. wb. 1, 1516)
bis auf die Leidener hs. des Williram
zurückreichen (
s. u. 1 c).
im laufe des 18.
jhs. verschwindet treuge
auch im osten immer mehr aus der schriftsprache, bleibt dagegen in der mundart lebendig. am längsten hält es sich in sprichwörtern (
s. unten 1 b
ende)
und componiert in fachsprachlichen ausdrücken, s. unten 5.
entrundete formen sind weit verbreitet, vgl. mundartliches treiche
trocken J. Blumer
nordwestböhmische ma. 31
b; dreiche Pasch
Altenburger bauerndeutsch (1878) 91
sowie oben dreich, drei.
im ostmd. auch schriftsprachlich: treige Mengering
kriegsbelial (
Dresden 1633) 185; Amaranthes
frauenz.-lex. (
Leipzig 1715) 1040; 2040.
apocopiert, gern vor guttural und vocal des folgenden wortes: ob es treug worden
Leipz. stadtrechn. (1517/18
hs.)
fol. 57; das ... treug gemacht wird L. Ercker
mineral. (1598) 24
a;
so wohl auch: dreuch gemacht Carlstadt
was sundt sei (1523) b 4
a; das treug ertz Ph. Bech
Agricola bergw. (1621) 239; das treug element Tobias Hübner
siebentageszeit (1661) 123,
sonst: dreug
siccus Schottel
haubtsprach (1663) 1304; treug
droog Kramer
hochniderteutsch (1719) 2, 215
c; treug
trocken Weitenauer
orthogr. wb. (1764) 146.
mundartlich z. b. treug, treich Müller-Fraureuth
obersächs.-erzgeb. 1, 248
b,
sowie oben rhein. dreich, drüch.
[] die umlautsbezeichnung ist in älterer zeit nach md. schreibgebrauch oft unterblieben, ohne dasz aus formen wie truge (
s. u. 1 a, 1 b
u. ö.)
sprachliche schlüsse zu ziehen wären. treuge
ist aus dem mittelfränk. durch kolonisation nach Ostmitteldeutschland verpflanzt worden, vgl. Th. Frings
sprache u. siedl. i. md. osten, ber. d. sächs. ak. d. wiss. 84, 6.
mfränk. dreug(e),
undiphthongiert drüg(e)
weist auf eine germanische vorstufe *drûgi
zurück, die als ja-
ableitung zu einer germanischen wurzel *dreug-,
*draug-,
*drug-
gehört, s. Fick-Torp 213;
für diese hat sich eine überzeugende auszergermanische entsprechung nicht nachweisen lassen; dasz sie durch gramm. wechsel aus einer älteren wurzel mit auslautendem h
entstanden sei, wie R. Kögel
Paul u. Braunes beitr. 14, 105
anm. annimmt, läszt sich aus ags. druh '
pulvis' dréahnian '
seihen' (
vgl. nordfries. drūgen '
seihen')
und ahd. ortsnamen wie Druhireod
nicht zwingend folgern, vgl. im übrigen trocken.
die aus älterem *drûgi
hervorgegangenen dt. formen finden ihre genaue entsprechung in ags. drŷge, drîge,
ne. dry Bosworth-Toller 213
a;
als nächstverwandte form gehört dazu mnd. droge (
vgl. Schiller-Lübben 1, 579
b),
nd. drög(e),
nl. droog Franck-v. Wijk 137
a,
das auf eine germ. vorform *draugi
zurückgeht, aus der auch die formen der verschiedenen nd. dreuge-
gebiete um Soest, Osnabrück, Hameln und Hamburg sowie im östlichen Pommern erwachsen sind; diese hat man also ihrem ursprunge nach von den md. treuge-
gebieten fernzuhalten. bedeutung und gebrauch. im wesentlichen mit dem von trocken
übereinstimmend, mundartlich mit diesem in verstärkender verbindung und zusammensetzung wie: trucken un dreiche Pasch
Altenburger bauerndeutsch 91; drugndreich '
trocken' Gerbet
ma. d. Vogtl. 66; trocketreuge '
ganz und gar trocken' Stauf v.
d. March
nordmähr. ma. 93. 11)
trocken im eigentlichen sinne, ohne feuchtigkeitsgehalt, allgemein im gegensatz zu begriffen wie nasz, feucht, durchnäszt
u. ähnl. gern von dingen, deren natürlicher zustand gleicherweise trocken wie feucht sein kann; inaquosus truge
vel durre
voc. rer. (15.
jh.) Diefenbach 290
c. 1@aa)
von wetter und jahreszeiten: du sicht wol wie daz wetter tut, daz ist truge sunder regen
passional 43, 1
Köpke; es ist so treuge wetter
N. Volckmar
viertzig dial. (
Thorn 1625) 325; in dem selven jar was der mei also heis ind druge
chron. d. dt. städte 13, 93 (
Cöln 15.
jh.); ist er (
der storch) weisz unter dem bauch, so wil ein treuger sommer werden, darinn es nicht sehr regnet J. Prätorius
winterflucht (1678) 143; ein treuger oder dörrer sommer W. H. v. Hohberg
georgica curiosa (1715) 3, 258
b; sonderlichen in treugen jahren treget es (
das land) viel gersten C. Hennenberger
erkler. d. preuss. landtaffel (1595) 412. 1@bb)
vom erdboden: arena bibula treuger oder trockener sand, der viel wasser an sich zeucht A. Corvinus
fons latin. (1671) 192; do gienc er im vil ebene, als an eime trugen pfade, uber daz wazzer zu dem stade
passional 175, 73
Köpke; ein treuger weg
via sicca Steinbach 2, 868; eine treuge gegend
regio exsiccata ebda; (
es ist in den niederungen) sehr nasz gewest, und ist noch nicht recht trucken (treuge)
N. Volckmar 40
dialogi (
Elbing 1663) 311;
besonders häufig gebraucht in verbindung mit land
oder element
als gegensatz zum meer: wartet, wie einem menschen si, daz uf truger erden gat und nicht hindernisse hat, sus gienc si uf des wazzers vlut
passional 477, 93
Köpke; und gebot deme walevische, daz ern uz vorliez an daz truge lant
altdt. pred. 98, 8
Schönbach; diese brieff hat hieher gesandt uber wasser, meer und treug landt mein herr und aller liebst gemahl G. Thym
Thedel v. Wallmoden v. 960
ndr.; [] gantz weiszlich haben nun geordnet gotteshänd hier das feucht element, dort das treug element T. Hübner
siebentageszeit (1661) 123; der graben was abgestochen und hat treuge geschenen; do sie auf den mot sein geloffen, do sein sie eingesonken und so versoffen Chr. Falk
Elbing.-preusz. chron. 1, 65
Töppen; eynen kleynen wijer ..., der zo somer tzijt gantz druych wyrt Arnold v. Harff
pilgerfahrt 7
Groote; der das meer schilt und treuge macht und alle wasser vertrockent
Nahum 1, 4;
vgl. Jes. 19, 6,
darnach: als wollten sie den strom treuge machen Schubart
vaterlandschronik (1789) 771; er hat ... das groisz mhere drucken oder dreuch gemacht Carlstadt
was sundt sei (1523) b 4
a.
substantiviertes treuge
bezeichnet dann einfach das trockene, vor der flut gesicherte land; beliebt vor allem im sprichwort: collocare in tuto auf einen guten und sicheren ort bringen, aufs treuge bringen B. Faber
thesaurus (1587) 458
a; wer das erlangt, hat wol gewacht und seine schaf aufs treug gebracht Barth. Ringwalt
treue Eckardt (1602) d 1
a; jawohl, sie haben ihre schäfchen ins treuge gebracht
sammlung von schauspielen (
Wien 1764) 2, c 5
a;
theater d. Deutschen (1768) 14, 306;
schlesisch: a hot sene schafel schun ins treige gebrucht Bomolcke
sprichw. (1734) a 4
a; Robinson
sprichw. (1726) 20; meine schäfchen sind im treugen Lessing 2, 152
Lachmann-Mnucker. 1@cc)
von sonstigen, meist leblosen dingen: eine hand voll treuge salz J. Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 91; geben ihnen (
den ochsen) nur etliche treug gersten, hexel und heu
viehebüchlein (1690) 7; (
das heu) fein treuge eingebracht
schles. wirtschaftsbuch (1712) 193; lege sie (
die küchlein) darnach auf die brett, dass sie treuge werden
fischbüchlein 35; hernach weichet gute semmel in milch: wenn solche weich, so drücket sie ganz treuge wieder aus Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 462; ez regente und wart gar naz umme in in einer buge (
umkreis), der brief bleib genzlich truge
passional 409, 24
Köpke. hierher wohl auch, entgegen zs. 59, 14,
von einem dach, das gegen nässe schützt: sie (
die arche) habet inuuether half ðruge thac unde uuas also gethihte, thaz thar nechein wazzer in chomen nemahte (12.
jh.)
mittelfrk. legendar v. 11
Schatz (
zs. f. d. altert. 59, 2); gib mir was von treuger kleidung, bis meine trocken wird Steinbach 2, 868;
sprichwörtlich: ein dreuger wetzstein schleift nichts guts G. Henisch
teutsche sprach u. weisheit (1616) 751;
im sinne von getrocknet, trocken geworden: dô siz gescreib und uberlas und der brief truge was Heinrich von Veldeke
Eneit 286, 38
Ettmüller var.; es (
das geschriebene) ist nicht nasz, es ist schon treuge
N. Volckmar 40
dialogi (1663) 44;
von körperteilen, wenn sie äuszerlich trocken sind: daz er (
Christus) ... uber mere mit drugon fuozen gienk Williram 93, 12
Seemüller (
Leidener hs.); dîn (
gotes) gewalt dâ ein wunder treib an dînem volke, daz hindurch wanderte die wazzers vurch mit trugem vuze sunder not
passional 2, 83
Köpke; anno domino 1125 do was der Rin also clein, dat men druges voisses darover geink
chron. d. dt. städte 13, 126 (
Cöln 15.
jh.);
vgl. druichs vuis
ebda 13, 18.
hierher auch: die treuge zunge leckt geliefert (
geronnenes) blut Lohenstein
Ibrahim bassa (1689) 3.
mit enallage des adjectivs: du hast uns gegeben das lebendige wasser, damit wir den treugen dorst (
durst, der die kehle trocken macht) on underlasz können leschen Bynwalth
bei Clemen
reform. flugschr. 4, 145; item in austmond obirgesand in Claus Worm 16 truge pypen, dorinne 100 corben veigen (
a. d. j. 1425)
bei Sattler
handelsrechn. d. dt. ordens 481 (
die pype
ist für gewöhnlich ein masz für flüssigkeiten wie öl, bier u. s. w., s. Sattler xliv).
bergtechnisch: [] durchlasse werden gebraucht bey denen treugen pochwerken A. v. Schönberg
berginformation (1693) 2, 20,
vgl. trockenpochwerk. 22)
in speciellerem gebrauch von nahrungsmitteln oder organischen gebilden, denen der natürliche feuchtigkeitsgehalt entzogen ist. es deckt sich hier vielfach mit dem part. prät. getreugt,
vgl. teil 4, 1, 3, 4521,
und nähert sich der bedeutung von dürr, ausgedörrt. 2@aa)
von getrocknetem fleisch, obst, pflanzen und dergl.: fleisch, das man in den rauch hengen will, dasz es treuge und dürre werden soll Coler
hausbuch (1645) 317
a;
caro arida dürr oder treuge fleisch A. Corvinus
fons latin. (1671) 271; vil kornvrucht, druig visch ind salz Wierstraat
belag. van Nuis in d. chron. d. dt. städte 20, 613; (
handel) mit saltzfischen, mit treugen fischen
N. Volckmar
viertzig dial. (1663) 335; ein schog trügen hechtes
handelsrechn. d. dt. ordens (
für 1399) 4
Sattler; treuge Stephansbirnen Chr. Fr. Henrici
ernst-scherzh. ged. (1727) 1, 461; lasset sie (
die gedämpften limonen) treuge werden W. H. v. Hohberg
georgica curiosa 3 (1715) 155
a; kernsack ist ein von treigen oder dürren kirsch- oder pflaumenkernen ausgestopftes küssen oder säcklein Amaranthes
frauenz.-lex. (1714) 1040; backe (
armeritler) in smaltze nicht zu trüge (14.
jh.)
buch von guter speise 18
lit. ver.; treuges brot '
trocken, hart gewordenes brot': darvon kams (
weil sein vorgesetzter am notwendigen sparte), dasz ich den treugen pumpernickel gewaltig beiszen und mich mit wasser oder ... dinnbier behelfen muste ... massen mir meine keel von dem schwartzen truckenen brod gantz rauch ... wurde Grimmelshausen 1, 341
Keller. in anderem sinne, der hier mit hineinspielt, s. u. 3.
ähnlich von pflanzen und holz: kan man das kraut nit grün haben, so nimb es treuge
viehebüchlein (1690) 41; ein stetigs fewer von eichenem treugen holtze
M. C. Schütz
hist. rer. Pruss. (1592) 1, 3
b. 2@bb)
die verbindung treuge und dürr
leitet über zu der bedeutung '
eingeschrumpft, hart, knochig',
vgl. eingetreugt
teil 3, 330
sowie ausdrücke wie knochentrocken D. Sanders 2, 1382
c neben knochenhart;
die gerste klagt: unterdes musz ich armes weib, darzu all meiner kinder leib liegen hier auf bloser erdt, bisz dasz ich hart und treuge werd (1609) A. Tharäus
erberml. klage 48
b Bolte; wie 'ne treuge zährt
ein hageres mädchen A. Schemionek
Elbing. ma. 40. 33)
mehr oder minder übertragen in festen verbindungen: treuges brot
für brotschnitten ohne aufstrich oder belag, weiterhin für karge kost: darvon sie nehrlich das treuge brot haben möchten zu essen Luther
tischreden 5, 202
W.; (
die bettler) wollen demnach viel lieber treuge brod essen und wasser trincken A. Pape
bettel- u. garteteuffel (1586) g 2; sie haben mir kaum das liebe treuge brodt gegeben
N. Volckmar
viertzig dial. (1663) 52;
ähnlich: sicca tussis ... ein treuger husten, so nicht erhebt und auswirft B. Faber
thes. (1587) 515
b. treuge stösze
sind schläge, auf die kein blut flieszt: er hatte ihn nicht wund geschlagen, dannhero auch der patiens ... muste die treuge stösze so hin nehmen J. Prätorius
Katzenveit (1665) k 4
a;
pugna ... a pugno dicta est ein kampf, da man einander mit treugen feusten (
d. h. ohne scharfe waffen) bleuet B. Faber
thes. 660
a. treuger scherz,
der durch die ernsthafte miene, mit der er vorgetragen wird, wirkt: herr Robert, unser herz, bringt weise tischgespräch, herr Fauljoch treugen scherz S. Dach 717
Österley; treuger ton, treuge rede
ohne humor, ungefällig: der ton, treuge gesprochen, würde beleidigen v. Nachersberg
giftkocher (1798) 157.
sprichwörtlich treuge werden hinter den ohren
heiszt '
reif und vernünftig werden', noch nicht treuge sein hinter den ohren, '
unklug oder vorlaut sein': junge minderjerige gehlschnäbel, die kaum hinder den ohren treige worden Mengering
kriegsbelial (1633) 185;
vgl. Bomolcke
sprichw. (1734) a 6
a; Pasch
Altenburger bauerndeutsch (1878) 108.
[] 44)
fest gewordene redensarten: 4@aa) treuge legen
von kleinen kindern: treige legen das kind, ist ein den ammen ... bekannter terminus und heisset so viel, als dem kleinen kinde, so sich unreine gemacht, frische ... windeln unterbreiten Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 2040; das kind treuge legen Ettner v. Eiteritz
hebammenbuch (1715) 816. 4@bb) treuge stehen: saget man von denen kühen, wenn sie bei herannahung ihrer kalbezeit keine milch mehr geben
allgem. ökon. lex. (1731) 2464. 4@cc) rein und treuge
tatsächlich, fürwahr: ren un dreiche Pasch
Altenb. bauerndeutsch (1878) 91; nun ist er reine und treuge ein rechter staudente (
student) worden Schoch
stud. leben (1657) j 8
r. 55)
in zusammensetzungen erscheint treuge-
seit dem 16.
jh. mit substantiven, hauptsächlich technisch für den ort, an dem etwas getrocknet wird, oder für gegenstände, die zum trocknen benutzt oder selbst getrocknet werden: