stibitzen,
stipitzen,
vb. ,
heimlich und listig kleinigkeiten entwenden. herkunft und form. seit dem 18.
jh. bezeugt, zufrühest in der gleichbedeutenden zusammensetzung wegstibitzen
teil 13, 3043 (
doch sieh auch unten stibitzer,
m., seit 1706
belegt). 1781
und 1795
in der form stibitzen
als studentisch gebucht bei Kindleben
studentenlex. 183
ndr. und im id. der burschensprache bei Burdach
studentenspr. und -lied in Halle 106,
vgl. Kluge
studentensprache 128
a.
um die gleiche zeit lexikalisch auch auszerhalb des studentischen bereichs: Chr. Fr. Schrader
dt.-frz. 2, 1308
b; Campe 4, 650
a;
jedoch noch nicht bei Adelung.
früh auch als mundartlich bezeugt: stiewitzen Schmidt
westerw. (1800) 236; stipizzen Schütze
holst. (1800) 3, 134.
jetzt gemeingut der niederen umgangssprache und mundartlich auf dem ganzen sprachgebiet, s. stipitzen Schmeller - Fr. 2, 774; Martin - Lienhart 2, 607
b; Staub - Tobler 10, 1096 (stibitzen,
auch -p-); stibitzen, -w- Fischer
schwäb. 5, 1749; Crecelius
oberhess. 810; Kehrein
nass. 1, 392 (stipitzen, štiewitzen); Müller-Fraureuth 2, 562
a (stibiezen, stiiwiizen); Frischbier 2, 370
b (stībitzen); Mensing 4, 846 (stiebitzen); Schmidt - Petersen
nordfries. 127
b (stibitsi).
s. auch unten. [] das wort ist formal sehr vielgestaltig. die art des labials schwankt von anfang an. in der schriftsprache ist -p-
bis in das 19.
jh. häufig, sieh s. v. wegstipitzen
die belege aus Lessing
und Bürger,
ferner z. b. stipitzen
Leipz. almanach d. dt. mus. (1779) 251; H. v. Kleist 4, 33
E. Sch.; A. v. Droste 1, 240
Schücking; Mommsen
röm. gesch. (1856) 1, 869.
heute hat sich -b-
schriftsprachlich durchgesetzt. —
der vocal der mittelsilbe ist gewöhnlich kurz, lang nur mundartlich, bes. ostmd., vgl. oben sowie Göpfert
sächs.-erzgeb. 46; Albrecht
Leipz. 217; Blumer
Nordwestböhm. 87
b;
auch Staub-Tobler
schweiz. 10, 1096. — stibitzen
trägt den hauptton auf der mittelsilbe. —
das partic. wird in der regel ohne präfix ge-
gebildet; gestibitzt
mehrfach mundartlich, s. Martin-Lienhart
a. a. o.; Follmann
lothr. 498
a; Staub-Tobler
a. a. o. die herkunft des wortes ist nicht völlig geklärt. gewöhnlich wird es als streckform zu
mundartl. stîzen '
stehlen' (
s. Mensing 4, 850; Staub-Tobler 10, 1096)
gestellt, gebildet durch willkürliche infigierung einer lautgruppe, und zwar nach Kluge
etym. wb. 11593
a und studentensprache 61 -bi-, -pi-
in der schüler- oder auch gaunersprache, nach Schröder
streckformen 80 -ib-.
ebenso wird das vereinzelt schon 1764
bezeugte stribitzen (
s. d.)
von mundartl. striezen, stritzen
abgeleitet, s. Schröder 133.
andere anknüpfungsversuche: an nd. stippen '
sich eine sache aneignen' (Mensing 4, 855),
in der gaunersprache '
durch heimliches hineinlangen wegnehmen, namentlich von kleinern gegenständen'
bei Avé-Lallement 2, 221;
schwäb. stippen, stibben '
einen stosz geben, betteln' Fischer
schwäb. 5, 1777;
s. auch ebda 1749.
vgl. noch in derselben bedeutung '
stehlen'
wörter wie stiepsen, stipsen Mensing 4, 850; Frischbier 2, 373
b; Martin-Lienhart 2, 607
a.
bedeutung und gebrauch. stibitzen
gehört, ebenso wie z. b. mausen, klemmen, klauen,
zu den zahlreichen mildernden und abschwächenden ausdrücken für stehlen (
vgl. teil 10, 2, 1742).
von Kindleben
wird es mit stehlen
gleichgesetzt, doch ist es von vornherein von diesem differenziert, vor allem durch fast ausschlieszliche beziehung auf geringfügige gegenstände, meist auch durch eine '
nebenbedeutung des listigen und feinen' (
id. der burschenspr. a. a. o.)
und durch einen spaszhaft-vertraulichen beiklang. einen kleinen, menschlich verzeihlichen diebstahl begehen, gewöhnlich aus der gelegenheit heraus oder zur befriedigung unmittelbar dringender bedürfnisse wie beim mundraub und dgl. so dem eigentlichen stehlen
gelegentlich ausdrücklich entgegengesetzt: wer millionen zusammengaunere und stehle, bekomme orden; wer aus hunger eine wurst stibitze, komme ins zuchthaus P. Barsch
von einem der auszog (1905) 1, 149; (
frau Wolff) ... das (
das holz) is uff dr auktion gekooft. (
Adelheid) ja, ja, wennt man wah wär. det is ja stibietzt ... (
frau Wolff) ... mir sein keene diebe G. Hauptmann
ges. w. 1, 495
Fischer; ich (
ein schneider) arbeite schon dreiszig jahre in deinem haus, und dasz ich dir noch nicht ein handbreit tuch stibizt hab, das gefreut mich heute zwiefach Rosegger
schr. I 9, 77.
doch auch vom gewerbsmäszigen diebstahl, soweit er sich auf kleine gegenstände richtet: in derselben nacht wars, dasz zwei strolche durch Oberabelsberg schlichen und umherspähten, ob es nicht irgendwo was zu stibitzen gäbe
ebda II 14, 396; der koch, der nicht blosz mit unerhörten saucen zu renommiren, sondern auch wie ein gelernter dieb zu stipitzen versteht Mommsen
röm. gesch. (1856) 1, 869.
vom geistigen diebstahl: es handelte sich nicht um jene höhere schönmalerei, wie sie der motive stibitzende meister handhabte Keller
ges. w. 3, 44.
bildlich-scherzhaft: das macht Schönkätchen wohl am Rhein, das all mein herz stipitzt!
Leipziger almanach d. deutschen musen 1779
s. 251.
auf harmlose weise entwenden, ohne dasz noch von diebstahl die rede sein könnte. die täter sind vielfach kinder oder dem besitzer nahestehende personen: nach schneidenden werkzeugen haben alle kinder ... ein brennendes gelüst
[] ... wir stibitzten grosze nägel, indem wir sie mit mühsal aus einem alten gerüllkasten herauszogen Goltz
buch der kindheit (1854) 156.
gern von genuszmitteln: was! meine herlitzchen, die ich selbst so gern geniesze, hast du kleiner schlingel mir stibitzt? i, das ist ja recht schön! Göthe
gespräche2 2, 263
Biedermann; näscherinnen, die ... aus den speisekammern backobst und andre süszigkeiten gar pfiffig zu stibitzen verstehen Holtei
erzähl. schr. 13, 119; der page hatte aber, das sah man seinem sirupverschmierten stulpnäslein ... an, unterwegs wie ein vogel mit dem schnabel aus der gehäuften pfirsichschale stibitzt Federer
Sisto è Sesto (1916) 74;
ähnlich: ich will zum garten noch des schaffers gehn, dort wächst am zaune schöner majoran, davon stipitz ich etwa dir ein händchen Grillparzer 8, 45
Sauer. zuweilen wird das moment der list und heimlichkeit noch eigens hervorgehoben: (
der erste Türke) denn da der himmel sich zu wolken begunte, herr Mahomet unser zechen nicht sehen kunte ... könnten so ruhig im schiff sizen und hübsch den wein aus den flaschen stipizen Schink
marionettentheater (1778) 32; einen bedeutenden butterkübel, den sie hinter Joggelis (
ihres mannes) rücken aus ihrem keller stibitzt hatte, dem besten schmuggler zum trotz J. Gotthelf
ges. schr. 3, 29; könnt ich nit zum beispiel durch meine pfiffigkeit den gewissen spiegel da stibitzen, derweil die ritter so dumm sind, sich ... rumzuraufen? graf Pocci
komödienbüchl. 3, 61.
so auch vom fuchs: Reinecke, der fuchs, der sitzt lichtscheu in der erden, und verzehrt, was er stipitzt, ohne fett zu werden H. v. Kleist 4, 33
E. Schmidt.