grandios,
adj. ,
gelegentlich auch grandiös Pichler
denkwürd. 1, 416; Brunner
erz. u. schr. (1864) 1, 185.
nach ital. grandioso, das um 1725
in der sprache der bildenden kunst aufkommt, im deutschen, mit gleicher verwendung, zuerst in Wieland
s teutsch. Merkur (1781) (
s. u. 1);
schwer datierbar ist ein beleg bei Winckelmann: sie verlangen einen faun, der mehr als faun ist, und die zeichnung einer solchen caricatur nennen sie grandios
s. w. (1825) 2, 72 (
aus den zwischen 1758
u. 63
ital. geschriebenen, aber erst nach 1779
ins deutsche übersetzten briefen des autors an Bianconi).
das nach bedeutung und stillage nahverwandte und jeweils zu vergleichende groszartig (
s. d.)
ist einige jahrzehnte früher belegbar (
s. u. 1). 11)
im sinne von '
groszgestaltet, groszlinig, groszempfunden'
als eigenschaften architektonischen, plastischen und malerischen stils. die einschränkung auf kunstsprachlichen gebrauch wird theoretisch noch um 1810
vertreten, vgl. Campe
verdeutschungswb. (1813) 341
b,
scheint aber im sprachgebrauch, mindestens bei Göthe,
schon früher durchbrochen zu werden (
s. u. 4, 5).
gleiches gilt für das teil 4, 1, 6,
sp. 515
ff. erst seit Novalls
und Göthe
nachgewiesene groszartig,
das übrigens, und zwar als wort der kunstsprache, bereits 1762
bei Mengs
begegnet (
vgl. zs. f. dt. wortf. 2, 69)
und noch vor 1800
auch andere gebrauchsweisen an sich zieht. indessen läszt sich die eingeschränkte bedeutung für grandios
vom ersten aufkommen des wortes [] bis in modernen gebrauch durchverfolgen; der charakter des äuszerlich monumentalen tritt meist deutlich hervor: in eben dieser (
sixtinischen) kapelle ist gott, der den Adam erschafft. eine majestätischere grandiosere figur hat kein künstler dieser zeit erfunden (
dazu anm.:) man erlaube uns diesen künstlerausdruk. er sagte viel, und besser, als grosz
d. teutsche Merkur (1781) 3, 82
Wieland. weitere belege um 1800
s. bei Schulz-Basler
fremdwb. 1, 252; der ganze bau besteht aus zwei grandiosen bogen, die man kreuzweise durchschreiten kann und die oben in der façade zusammen laufen Hebbel
w. 10, 17
Werner; wie das grandiose gespenst eines riesigen architekturtraumes Pinder
d. dt. kunst d. Dürerzeit (1940) 261.
substantiviert: der hauptcharakter (
der statuen) bleibt immer das grandiose, die lebendigkeit und der reichtum (1817) W. v. Humboldt in:
W. u. C. v. Humboldt in ihren briefen 6, 39
A. v. Sydow. 22)
unmittelbar als erweiterung von 1,
in der anwendung auf groszgestaltete, monumentale landschaft: den ewigen zauber des meeres, die eigenthümlichste, grandioseste natur Gaudy
s. w. (1844) 5, 88; die grandiose natur des hochgebirges Scherer
lit.-gesch. 7491.
etwa auf dieser linie: immer näher rückten sich die beiden sich beständig schwach verschiebenden linien (
einander angreifender truppen). ein grandioserer anblick ist mir nie geworden (
dazu als fusznote:) ich musz das fremdwort hier zu meinem bedauern behalten; 'groszartig' deckt den begriff nicht ganz Liliencron
kriegsnov. 12205. 33)
auch allgemein als masz- und gradbegriff. neben leicht negativ getönten begriffen, die einen grenzzustand, ein extremes, einseitiges u. ä. bezeichnen, ist ein wertendes moment '
groszartig, imponierend'
noch mitgegeben: die geschichte der propheten Elias und Elisa ist eine der erhabensten urkunden des alterthums, nicht nur in ansehung des inhalts, sondern auch des styls, der grandiosen einfalt der darstellung Hegner
ges. schr. (1828) 318; die tiefe und grandiose monotonie, mit welcher Feuerbach seine eine frage ein halbes leben lang abgehandelt und erschöpft hat (1853) G. Keller
br. u. tageb. 2, 316
Ermat.; aber so mächtig wirkende grundsätze sind selten ohne eine grandiose einseitigkeit Meinecke
Boyen (1896) 1, 82.
dann auch bloszer masz- und gradbestimmung nahe: der nächste morgen brachte dann gewisz ... die geschichte eines blutigen kampfes, oder eines grandiosen waldfrevels A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 356.
so besonders adverbiell, '
in hohem masze, sehr': wir haben hier uns grandios blamirt W. Jordan
schaum (1846) 320; ich ... wälzte die grandios poetische geschichte seit monaten in mir herum Fontane
ges. w. (1920) II 2, 339. 44)
schon früh, und so mehrfach bei Göthe,
wertend auf innere eigenschaften des menschen bezogen, soviel wie '
groszzügig, groszgesinnt, generös, freigebig': das musz man den Engländern lassen, dasz sie von langeher das gute zu schätzen wuszten, und dasz sie eine grandiose art haben es zu verbreiten (1786) Göthe I 30, 87
W.; sie haben sich, lassen sie es mich gerade zu sagen, so klug als tüchtig, so edel als grandios gezeigt, und ich fange nur an mich zu prüfen, ob ich meinen danck bis an ihre leistung steigern kann (1826)
ders., IV 40, 284
W.; vgl. 20, 21; die leute sind nun einmal so albern, dasz sie sämmtliche edele und grandiose eigenschaften der rolle auf den schauspieler übertragen Holtei
erz. schr. (1861) 35, 132.
auf dieser linie, aber auf sittlichen libertinismus übertragen, ausdrücklich als '
modewort',
ohne dasz sich weitere belege beibringen lieszen: das hinwegsetzen darüber (
über sittliche gebote) war eben jenes grandiöse, wie das damals in mode gekommene wort hiesz, womit man jeden vorstosz gegen hergebrachte formen, jedes auflehnen gegen pflicht, ja, jede übertretung derselben beschönigen zu können glaubte (
schilderung d. zeit v. 1798—1813) Caroline Pichler
denkwürd. (1914) 1, 416.
[] 55)
als allgemeiner wertbegriff im sinne von '
vorzüglich, ausgezeichnet, vollendet'
besonders in der anwendung auf geistiges und künstlerisches. so in dem für 1
geltenden bereich der bildenden kunst, aber nun nicht oder nicht nur vom äuszeren masz, sondern mehr von der kraft und intensität der wirkung oder vom inneren rang des werkes überhaupt. in bezeichnender begriffsscheidung: kindheit der architectur, ... wo man durch das colossale das grandiose zu erreichen suchte Ritter
erdkde (1822) 1, 643; (
der landschaftsmaler Fries) war lange in Italien und hat auch aus der Schweiz ganz grandiose zeichnungen mitgebracht (1849) G. Keller
br. u. tageb. 2, 178
Ermat.; dann seine (
Dürers) alte mutter in ihrem letzten lebensjahr. die ganze geschichte der zeichenkunst kennt nichts so grandioses wieder Dehio
gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 62.
entsprechend im umkreis der übrigen künste und geistiger leistung überhaupt. dabei kann die vorstellung der fülle, des aufwandes, des gewichtes noch mitgegeben sein: nun findet sich aber die beliebte veränderung, die mehr ins allgemeine ging, und diese rede (
aus dem '
epilog zur glocke') etwas grandioser schlosz, weder unter meinen papieren noch beym theater (1813) Göthe IV 23, 388
W.; wenn nicht mein unglauben nebenher lief, so würde mich eine grandiose manifestation desselben (
des kathol. gottesdienstes) jedesmal völlig überwältigen (1842) L. Schücking
an L. v. Gall in: br. 26
Muschler. anders nuanciert im sinne von '
weitreichend, ins grosze zielend': wenn er (
Shakespeare) seine schilderungen wärmer machen will, dann gibt er ihnen etwas pressiertes, die bilder werden grandioser, das ganze rhetorischer, reicher, geschmückter, prächtiger O. Ludwig
ges. schr. (1891) 5, 130;
vgl. 310; der erste consul lebte und webte damals in den grandiosen plänen der eroberung Englands Treitschke
dt. gesch. (1879) 1, 213.
als reiner wertbegriff und von jeder äuszeren maszvorstellung gelöst: aus diesem wahrhaft grandiosen aperçu Göthe II 4, 59
W.; die tochter der luft ist ein grandioses werk (1827)
ders., IV 42, 44
W.; nach diesem ersten versstück 'gestern' (
von Hofmannsthal) kam das grandiose fragment des 'tod des Tizian' Stefan Zweig
welt v. gestern (1947) 68.
so auch in sachlich-gegenständlichem zusammenhang, aber seltener, soviel wie '
schön, bedeutend, glanzvoll, glänzend',
in verschiedenartiger beziehung. vielleicht schon hierher, und nicht zu 1
gehörig: überhaupt fällt es auf, was in Toscana gleich die öffentlichen werke, wege, brücken für ein schönes grandioses ansehen haben. es ist hier alles tüchtig und reinlich, gebrauch und nutzen mit anmuth sind beabsichtigt (1786) Göthe I 30, 176
W.; ich hoffe, dasz dein persönliches und leibliches wohlbefinden der grandiosen öffentlichen stellung entspricht, welche du so prächtig einnimmst (1878) G. Keller
br. u. tageb. 3, 251
Ermat.; für den ganzen sommer bin ich verwaist von den Beneckes und habe nun meinen grandiosen ersatz (
durch den besuch Felix M. s. in London) Seb. Hensel
familie Mendelssohn (1879) 3, 152. 66)
das wort tritt, sowohl von der masz- wie von der qualitätsvorstellung her, durch die art seiner beziehung und anwendung zeitweilig gern in halb ironischen gebrauch hinüber, aber kaum über die mitte des 19.
jhs. hinaus: welch hoher dank ist dem zu sagen, der frisch uns an das buch gebracht, das allem forschen, allem klagen ein grandioses ende macht (1824) Göthe I 5, 113
W. ('
zahme xenien'); sie warfen sich die teller ins gesicht und modellirten sich ganz grandios mit den humpen auf den köpfen herum Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 5, 242; der dichter ist der sultan Scherias, und liebt, wie dieser herr, das grandiose; der ruht auch zweimal nie im selben schoose, bis er Scheherezaden ward gewahr Herwegh
ged. e. lebendigen (1841) 171; die alte kathedrale ist der beste rahmen für uns grandiose seelen (1843) L. Schücking in:
br. 261
Muschler. in banaler beziehung: die grandiosen gestickten pantoffeln
[] und eine silberne sirene als henkel irgend eines unentbehrlichen geschirrs E. T. A. Hoffmann
s. w. 6, 104
Gr. —