stillschweigen,
n. ,
zum vorigen. im mhd. noch unverbunden; subst. infin. swîgen (
oder swîgende)
mit dem attribut oder adverb stille: ein stilles swigen Tauler
pred. 254, 20
V.; Seuse
dt. schr. 211, 5
Bihlm.; in ... stillem swigen Marg. Ebner
offenb. 128, 3
Str. — mit eime stillen swigende Tauler
pred. 401, 22
V. — und muisz ein lutir stilnisse sin, ein stille swigin
parad. an. intell. 48, 32
Str.; in diseme versinket der ... geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen Tauler
pred. 117, 31
V.; dar zu höret stille swigen und hoch betrahten, wenig wort und vil strenger werk Seuse
dt. schr. 436, 7
Bihlm.; in der ewigen wisheit betbüchlin (
Basel 1518)
heiszt es noch: dyn stilles schwigen 20
b;
der Augsburger Taulerdruck 1508
hat in ainem stil schweigen 156
a,
das vielleicht schon das subst. stillschweigen
meint. seit dem beginn des 16.
jhs. ist stillschweigen
als substantiv geläufig, wenn auch die schreibung noch gelegentlich trennung zeigt: Augsburger Taulerdruck (1508) in einem stil schweigen 156
a; Luther 15, 336
W. ein klein stil schweigen; Boltz
Terenz (1539) 135
b still schweigen. —
die form stilleschweigen
ist im 17.
jh. nicht selten; gelegentlich noch im 18.
jh.: J. E. Schlegel (1761) 3, 175; Lessing 5, 106
M. die bedeutung ist wie beim verb wenig gegliedert; es ergeben sich nur vereinzelte abschattierungen; im ganzen zu stille,
f., B 2
gehörend. 11) '
das schweigen'. 1@aa)
allgemein die haltung des menschen, wenn er nicht spricht, redet, sich nicht äuszert: vil ... haben den schmertzen mit stillschweigen in sich gedruckt Caspar Hedio
chron. Germ. (1530) b 3
b; wenn ewer gunst zum poeten tretten wirt: so keren fleisz an, mercket auff mit dultigem gemüt und still schweigen Boltz
Terenz (1539) 135
b; der mund ist mit ersamkeit des stillschweigens versiglet und zugeschlossen Hedio
Tertullian, von der gedult (1546) e 4
b; ich ware verstummet fur stillschweigen Schede-Melissus
psalmen 152
ndr.; stillschweigen ist ein edle kunst Barth. Ringwaldt
christl. warnung (1588) m 8
b; zwar ein ungemessnes leid, wie dieses ist, redet mit stillschweigen Sigm. v. Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) v
b; der fisch hat kein eintzige stimm, destwegen ein sinnbild desz stillschweigens Abr. a
s. Clara
Judas (1686) 1, 35; Pythagoras gebohte seinen schülern ein fünfjähriges stillschweigen, damit, so sie einmahl reden musten, solche sachen vorbrächten, so hände und füsze hätten G. Treuer
Dädalus (1675) 1, 589; ihre thränen waren beredt genug, auch in dem höchsten stillschweigen die innerlichen gedancken bekand zu machen Chr. Weise
d. drey klügsten leute (1675) 9; mit anfange des dritten aufzuges überraschet ihn (
Philoktet) der schmerz; aber mit brüllendem geschrei? nein, mit einem plötzlichen stillschweigen Herder 3, 14
S.; wenn wir künftig zusammen gehen und fahren, habe ich dir zu erzählen, und du sollst dich nicht mehr über mein stillschweigen beklagen (
an Fritz v. Stein) Göthe IV 8, 104
W.; beschreyet den geist nicht! ist die ewige bedingung des beschwörers — mit stillschweigen erhebt man das gold — ein laut über die zunge, und hinunter sinkt zehntausend klafter die kiste Schiller 2, 340
G. —
gelegentlich wie stille,
f. (
s. dort B 2 b)
mit zeitlichem charakter, '
zeit des schweigens', '
pause': do was ein klein stil schweigen Luther 15, 336
W.; Geszler (nach einigem stillschweigen) Schiller 14, 356
G.; königin (nach einem stillschweigen) 5, 2, 380; ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, herr ritter, fuhr jener nach kurzem stillschweigen fort W. Hauff
s. w. (1890) 1, 69. — pause (musik) bedeutet eine ruhe, das ist ein kürzeres oder längeres stillschweigen, das während der aufführung des tonstückes an einigen stellen zu beobachten ist Sulzer
theorie d. schönen künste 3, 663; in einem adagio können die noten, so unter der concertierenden stimme eine bewegung machen, wenn auch keine strichelchen darüber stünden, dennoch als ein halb staccato angesehen und folglich zwischen einer jeden note ein klein stillschweigen beobachtet werden J. J. Quantz
anweis. d. flöte zu spielen (1789) 201. —
selten von tieren: die dame ... befahl ihrem hunde stillschweigen A. v. Knigge
roman m. lebens (1781) 3, 25. 1@bb)
seltener und nicht immer deutlich das stillschweigen
als '
schweigsamkeit'
aus anlage oder erziehung, im gegensatz zu '
geschwätzigkeit' (
vgl. etwa still,
adj., II B 2,
sp. 2970): so dan zucht und scham die weibsbilder wol zieret, wie solt inen nit auch das stillschweigen eine grose ehr sein? Fischart
ehezuchtbüchl. 203, 26
Hauffen; stillschweigen ist der jugend beste kunst Moscherosch
gesichte (1650) 1, 63; ein jüngling solle drey stück an sich haben: gelehrigkeit im gemüth, das stillschweigen in der zungen, und die schamhafftigkeit im angesicht Hohberg
georgica cur. aucta (1715) 3, 124
a; stillschweigen und bescheidenheit sind sehr schickliche eigenschaften für den menschlichen umgang J. J. Bode
M. Montaignes gedanken (1793) 1, 302. 1@cc)
im besonderen sinne, wenn jemand '
brieflich keine nachricht gibt' (
vgl. das oben zu stillschweigen,
vb., 3
gesagte): ich bin euch unndt Louisse recht verobligirt, mir unahngesehen meines stilschweygen zu schreiben Elisabeth-Charlotte v. Orleans
br. 1676 -1706 188
Holland; ich würde zu sehr vor mir erröten, wenn ich nicht mein stillschweigen einiger verzeihung würdig hielte Klopstock in:
br. v. u. an Klopstock 10
Lappenberg; dein schreiben ist mir kaum so angenehm gewesen als die entschuldigung deines stillschweigens Winckelmann
s. w. (1825) 10, 33; nein. allerliebste Marianne, ein wort von mir sollst du in Baden nicht vermissen, da du deine lieben lippen wieder walten lässest und ein unerfreuliches stillschweigen brechen magst Göthe IV 31, 245
W.; endlich, nach einem stillschweigen von 6 wochen habe (
ich) ... einen brief von deinem bruder erhalten Leop. Mozart
an seine tochter in: O. Jahn
Mozart (1856) 4, 186; nun grüsz mir den Clemens vielmal, dessen letzter brief an dich mich sehr gerührt und gefreut hat, und wenn ich ihm über sein stillschweigen unrecht gethan habe, so mag er mir verzeihen Jac. Grimm in:
briefw. zw. J. u. W. Grimm (1881) 150. 1@dd) '
das schweigen'
mit bezug auf etwas, '
nicht-antworten', '
verschweigen', '
sich-nicht-äuszern'
über etwas, zu etwas; oder etwas mit stillschweigen
übergehen (
s. auch 3 a),
wobei es sich um das fehlen mündlicher und schriftlicher äuszerung handeln kann (
s. auch stillschweigen,
vb., 3
und stillschweigen zu etwas
ebda 6 b): das stillschweigen dar zuo hat ein gestalt des verwilligens Zwingli
v. freiheit d. speisen 36
ndr.; doch ausz still schweygen und demütigen geberden hielt er (
Herodes) in (
Christus) fur ein schlechten törichten einfeltigen mänschen
geystlich strasz (1521) f 1
a; ich will mich frembder sünden mit stillschweigen und verhelen nicht theilhafftig machen Joh. Mathesius
Sarepta (1571) 130
b; der jungfraw das stillschweigen in dieser sach ... so sehr beliebte Harsdörffer
frauenzimmergesprächsp. (1641) 1, e 3
b; woher dieses krautes (
des tabaks) nahm komme, ... will ich vor diesesmahl ... mit stillschweigen übergehen Ettner v. Eiteritz
mediz. maulaffe (1719) 85; sie haben so viel andere materie, dasz sie diese sache mit einem kritischen stillschweigen gar wohl übergehen können Lessing 17, 89
M.; eine freundin ... hat es mir unter dem siegel des stillschweigens anvertraut Heinse
s. w. 4, 49
Schüdd.; selbst an der angeführten stelle spricht Newton wohl von einem gebrochenen und weiszen lichte, das noch rund sei, auch dasz es gefärbt und länglich erscheinen könne, wie aber sich eins aus dem andern entwickele, ... darüber ist ein tiefes stillschweigen Göthe II 2, 125
W.; nicht mit stillschweigen darf übergangen werden, dasz ... ein blatt nachträge und berichtigungen ... angehängt ist Jac. Grimm
kl. schr. (1864) 5, 90; als die Sorbonne ihr stillschweigen endlich brach und sich gegen Luther erklärte, glaubte sich Melanchthon verpflichtet, für seinen abwesenden freund das wort zu nehmen Ranke
s. w. 2, 9. 1@ee)
das verstummen von tönen, geräuschen, lärm: die pause ist ein zeichen des stillschweigens L. Mozart
violinschule (1736) 33; (
bootsmann) ... könnt ihr diesen elementen stillschweigen gebieten und auf der stelle frieden stiften, so wollen wir kein tau mehr anrühren
Shakespeare (1797) 2, 9; friede gewährt dem menschen die lieb und ruhe der meerflut, auch dem orkan stillschweigen, und lager und schlaf der betrübnis J. H. Voss
s. ged. (1802) 6, 283; ein höherer befehl ... brachte die englischen kanonen zum stillschweigen G. Forster
s. schr. (1843) 1, 8; ein schauder überfällt ihn (
den menschen) selbst bei dem stillschweigen dieser tiefen einöde 4, 325. 22)
zustand der '
stille',
des '
schweigens',
wofür im allgemeinen stille (
s. d. B 1)
vorgezogen wird: nach disen reden ward eyn stillschweigen Carbach
Livius (1551) 235
a; denselben (
sünder) redete der ertzfeind (
Satan) ... mit kühnen worten an, die das gräszliche stillschweigen dergestalt unterbrachen J. J. Bodmer
samml. crit. poet. schr. (1741) 1, 7; so plötzlich überfällt ein deutsches schauspielhaus, so bald der vorhang sinkt, stillschweigen, nacht und graus Zachariä
poet. schr. (1763) 2, 82; es wurde mir zu eng, ich muste fort, stillschweigen suchen diesem vollen herzen Schiller 12, 135
G.; nun wollte ein gänzliches stillschweigen entstehen O. Ludwig
ges. schr. 2, 490
Er. Schmidt. 33)
syntaktische verbindungen. 3@aa)
verbalverbindungen. am häufigsten ist etwas mit stillschweigen übergehen (
daneben etwas mit stillschweigen vorüber-, vorbeigehen,
so noch bei Göthe): merckwürdig ist allhier und billig mit stillschweigen nicht zu übergehen, dasz ... S. v. Birken
verm. Donaustrand (1684) 216; wann ich sie in diesen und andern meinen schrifften lenger mit stilleschweigen übergienge
M. Opitz
poeterei 4
ndr.; ferner darf ich nicht mit stillschweigen übergehen, dasz ... Göthe IV 26, 54
W.; (
ich habe) vorgezogen, lieber eine grosze zahl von ortsnamen mit stillschweigen zu übergehen W. v. Humboldt
ges. schr. (1903) 4, 60
akad. — doch gehet er auch nicht mit stillschweigen vorbey den verstand und klugheit der schwalben Prätorius
winterflucht (1678) 139; mit stillschweigen kann ich nicht vorübergehn das blatt vom Samariter Göthe 49, 304
W. — stillschweigen halten, beobachten: deswegen habe ich auch mein stillschweigen unverbrüchlich gehalten Gottsched
dt. schaubühne (1741) 1, 110; gut ist es ... ein pythagoräisches stillschweigen zu halten Göthe IV 8, 66
W.; man beschlosz gegen Augustin das tiefste stillschweigen zu beobachten I 23, 290
W.; über den gang der verhandlungen stillschweigen zu beobachten Görres
ges. br. (1858) 3, 94. — stillschweigen brechen: sie sehen daraus, dasz ich das lange pythagoräische stillschweigen bald recht ordentlich brechen werde Solger
nachgel. schr. (1826) 1, 221; haben sie ... tausend dank, dasz sie das peinliche stillschweigen endlich brechen mochten Göthe IV 19, 253
W. — jemandem stillschweigen auferlegen: so die zeugen all geloben und geschworen haben, sol ihnen stillschweigen auffgelegt ... werden Fronsperger
kriegsbuch (1578) 1, c 3
a; damit sein aussage beschlossen, und ist ihm stillschweigen aufferlegt J. Ayrer
hist. proc. juris (1600) 191; es hatte den churfürsten unangenehm berührt, dasz der kaiser ... in ihn gedrungen, den predigern, die er mit sich gebracht, stillschweigen aufzuerlegen Ranke
s. w. 3, 168. 3@bb)
attributive bestimmungen; neben allgemeinen und äuszeren kennzeichnungen, wie kurz, lang, grosz
begegnen solche, die den inneren zustand angeben: tief, ernst, heilig
u. s. w. (
s. auch unter stille,
f., D 2): (
ich) beschlosse solches alles mit einem tiefen stillschweigen S. v. Birken
fortsetz. d. Pegnitzschäferey (1645) 18; der herr professor Gottsched wählte, statt der rache, ein groszmühtiges stillschweigen Liscow
samml. sat. u. ernsth. schr. (1739)
vorr. 29; indem sie dieselben ... mit einem verächtlichen stillschweigen vorbeygehen Bodmer
abh. v. d. wunderbaren (1740)
vorr. 6; sie beobachten ein trauriges stillschweigen
theater d. Deutschen (1768) 12, 268; (
ich will sie erinnern) an das beredte stillschweigen, wenn wir mit beschäftigten sinnen einer des andern geheimste regungen erriethen Lessing 2, 288
M.; seh ich nicht ... an dem todten stillschweigen eurer freunde, dasz ihr so elend seid Göthe I 11, 58
W.; ich musz dir ... im namen der freundschaft das heiligste stillschweigen auflegen IV 1, 61
W.; diese bemerkung wird noch auffallender gemacht durch das tiefe stillschweigen über allen volksgesang, das bei dem hauptgeschichtsschreiber der Franken herrscht Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 1, 35; er dürfe vermöge seiner pflicht, die das strengste stillschweigen auferlegt, nichts darüber sagen Seb. Brunner
erz. u. schr. (1864) 2, 78.