ungeist,
m. ,
gegenstück zu geist.
als neubildung bei Campe
und danach in den wbb. des 19.
jhs.; nicht von Göthe (
s. unten die stellen aus den j. 1813, 1822),
sondern von Matthisson (1796), Caroline Schlegel (1799)
und von Bentzel-Sternau (
bei Campe
vor 1811)
rühren die ersten belege her. ursprünglich nur individuelle augenblicksbildungen. nl. ongeest (Bilderdijk).
im mhd. nihtgeist
myst. 2, 320, 28.
etwas früher als u.
ist ungeistig (
s. d.)
entwickelt. 11)
halb bildlich, halb persönlich erscheint u.
am frühesten bei Matthisson
in den umrissen aus Italien (1796)
schriften (1825) 5, 12: aberglaube und fanatismus erzeugten (
in Rom) ungeister (
bedenkliche erscheinungen der geistescultur und des volkslebens sind gemeint), deren name legion ist, und welche von der gerecht waltenden nemesis weder mit allzugehässigen namen bezeichnet, noch mit allzuschonungsloser strenge verfolgt werden können;
jedenfalls schwächer als böser dämon (geist II 6 e),
malus genius, evil spirits, κακοδαίμων,
intemperiae. zur bezeichnung geistlosen wesens (
vgl. 2): er (
Wieland) lehnt sich auf gegen alles, was wir unter dem wort philisterei zu begreifen gewohnt sind, gegen stockende pedanterei, kleinstädtisches wesen, kümmerliche äuszere sitte, beschränkte kritik, falsche sprödigkeit, platte behaglichkeit, anmaszliche würde, und wie diese ungeister, deren name legion ist, nur alle zu bezeichnen sein mögen (1813) Göthe 36, 322
Weim. vgl. geistlosigkeit und Herder 20, 77
ff. sonst ohne plur. 22)
wie mauvais esprit (
vgl. geist II 25
und un IV B), '
ein unechter, falscher geist, in der bedeutung, da man unter geist herrschende gesinnung, eigenthümliche art zu denken und zu handeln verstehet' ( Campe);
wortspielende verwendung (
s. 7)
im kreise romantischer geistreichigkeit war vorangegangen: der geist der verbrüderung artet in ungeist der unterwerfung aus Bentzel-Sternau
bei Campe; ein ungeist der verkünstelung Stahr
ein j. in Italien 2, 425;
geistige verirrung, geistloses unwesen: dem überall vorhandnen ungeist des philanthropinismus und encyclopädismus Harnisch
lebensmorgen 90; der bloszen mode, dem ungeiste heutiger zeitläufe zu huldigen Al. Jung
geh. d. lebenskunst 2, 261;
ohne genitivische bestimmungen: wenn da .. im kriegswesen der alte, verderbliche, gebannt gewähnte ungeist (
gamaschengeist) aufs neue zum losungswort wird (1817) Passow
leben u. br. 232; als diese absicht (
ein freies volk zu werden) vereitelt wurde, siegte die brutalität des alten deutschen ungeistes, den sie vorzugsweise den deutschen nennen (
es handelt sich um die knebelung des öffentlichen geistes) Ruge
sämtl. w. 2, 332;
von Sudermanns novellenbuch '
lilien' es kann sich nicht wehren gegen ihr (
der dirnenwelt) parfüm, es ist ungeist von ihrem ungeist und ungeschmack von ihrem ungeschmack Düsel
Westermanns monatsh. 1911, 922
b. '
booze, verderfelijke geest'
nl. wb. 10, 1591. 33)
geringer, kleiner geist, geistloser mensch: M. ... der 39 jahr verkerkert gewesen, war der langweiligste ungeist geworden Fr. L. Jahn 2, 835;
collectiver sing.: der ausdruck mitleidiger überlegenheit (
den Griechen gegenüber) ist in den verschiedensten feldlagern des geistes und des ungeistes zu hören Nietzsche 1, 141. 44)
im engeren philos. sinne (
vgl. mhd. nihtgeist, geist II 2, Dreyer
der begriff geist in d. d. phil. von Kant bis Hegel 1908): die grundlage des universum ist nicht ungeist, widergeist, dessen verbindung mit dem geiste sich nie begreifen liesze, sondern selbst geist; kein tod, keine leblose materie, sondern überall leben, geist, intelligenz Fichte (1801) 2, 35; ungeist, ungott Schelling II 2, 41; der ... wille des absoluten geistes, der die temporäre scheinherrschaft des ungeistes,
d. i. des gegen die idee sich verschlieszenden subjectivistischen eigenwillens nur als dienstbares unfreies vehikel der verwirklichung seines absoluten selbstwillens zuläszt K. Werner
ital. phil. 2, 365. 55)
als abart des schaffenden geistes (geist II 9)
in der entwicklungslehre bei Göthe II 8, 225 (
morphologie): wie wollte man nun aber den geist benennen, der sich im geschlechte bradypus offenbart? wir möchten ihn einen ungeist schelten, wenn man ein solches lebenslästerliches wort brauchen dürfte; auf alle weise jedoch ist es ein geist, der sich in seiner haupterscheinung nicht manifestiren kann.
vgl. weiter das innere unvermögen, sich den äuszern verhältnissen gleich zu stellen ... ein geistloses, schwaches leben (1822). 66)
persönlich der böse geist, des abfalls engel, der same Satans: borgt jener ungeist göttliches ebenbild, dann impft er stets blutgierigem stamm sich ein Platen 1, 669; ein ungeist kam, dasz er die welt verderbe Lenau 631. 77)
im wortspiel, aus dem bed. 2
hervorgegangen: sie wuszten genug vom geist oder ungeist der literaturzeitung und vom jetzigen hiesigen (
in Jena) geist Caroline (22.
nov. 1799) Waitz 1, 277; 1, 577
Schmidt; der geist oder vielmehr ungeist, in welchem seit zwanzig jahren von oben her alles geschieht, musz natürlich ein solches ergebnisz haben (1837) Varnhagen
tageb. 1, 69; dieser verhaszte ungeist Görres
Athanasius (1838)
vorw. IV,
vorher jenes starren knochenmannes, dem man zu viel ehre anthut, wenn man einen geist ihn nennt; den ganzen geist oder ungeist der maschine, die man staat nannte Schlesier (1840)
vorw. zu Gentz 4, 9; auch das geistige leben erlahmte (1815—40) immer mehr unter dem druck des herrschenden 'ungeistes', dem gegenüber nach Varnhagens boshaftem wort überhaupt geist zu bethätigen opposition war Prutz
pr. gesch. 4, 178, 193; russischer massengeist oder ungeist H. v. Wolzogen
gedanken (1914) 12 (
vgl. 4. 5):
auf 2
zurückweisend und doch, wie bei Görres,
der personification zugänglich. —