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strotzen

mhd. bis spez. · 13 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

strotzen vb.

Bd. 20, Sp. 80
strotzen, vb. , tumere. herkunft und form: das wort begegnet in dieser form nicht vor der mittleren sprachperiode: mhd. strotzen, strozzen, me. strutte, strut(e). früher belegt ist es mit langem wurzelvocal in ae. strūtian steif vorstehen, dem mhd. in anderer verbalklasse striuʒen, schwäb. sträussen gegenübersteht. über das germanische hinaus führt erst eine dritte form mit ursprünglich dentalem anlaut: ags. þrūtian schwellen von zorn, anord. þrútinn geschwollen, þrutna schwellen, þroti, m., geschwulst, got. þrūtsfill λέπρα, þrūtsfills λεπρός, ahd. drozzen in drozinta utir distenta ubera ahd. gl. 2, 677, 48; drozanter uvidus 2, 685, 56; uvidus, pinguis drozenter 2, 626, 24; crozmago throztharam extalis, dickdarm 3, 435, 21; 1, 408, 6, mhd. drozzen, dazu air. trosc < *trud-sko-aussätzig, cymr. trythu schwellen. die oben th. 10, 3, 447 versuchte herleitung aus einem kaum belegten storzen 'starren' ist abwegig. die affricata, erst spätmhd. bei Megenberg (s. u.) belegt, scheint auf ältere geminata zurückzugehen. darauf deuten wenigstens die formen im me. (s. Murray 9, 1, 1170a) und den nord. sprachen sowie das nd. strutt (s. strotz, adj.). auf md. boden erscheint strutzen neben strotzen. bedeutung und verbreitung: dem worte eignen von haus aus deutlich zwei bedeutungselemente: das der fülle und das des emporragens, am deutlichsten sichtbar in der ältesten festen verbindung strotzende brüste. der begriff der fülle ist bis in die gegenwart fast in der ganzen breite der bedeutungsentwicklung festgehalten. soweit es die innere, nach auszen drängende fülle ist, tritt noch der begriff des gespannten, prallen hinzu. das zweite bedeutungselement des 'rigere' hat sich weniger auf deutschem boden (s. u. sp. 86), mehr dagegen im engl. und in den nord. sprachen herausgehoben. wiewohl strotzen an umfang nur auf wenigen gebieten verloren, auf anderen um so mehr an boden gewonnen hat, bleibt es verhältnismäszig selten belegt; so kennt weder die erste deutsche bibelübersetzung noch Luthers übertragung das wort. von den classikern hat nur Wieland es häufiger. mundartlich als stratzen bei Reinwald henneb. 1, 158; 2, 121; Fischer schwäb. 5, 1831. — die älteren lexikographen verzeichnen bis ins 18. jahrh. ein synonymes starzen. die Schweizer Maaler (1561) und Frisius (1568) haben nur dies, die Mitteldeutschen Faber (1655) und Steinbach (1734) dagegen nur strotzen. beide formen bei Stieler (1691); Weismann (1698); Kramer (1702); Ludwig (1716); Aler (1727); Frisch (1741). von der bedeutung her gesehen, erklärt sich starzen am ehesten als intensivbildung zu starren, das als 'rigere' sich mit strotzen in der bedeutung und anwendung berührt (s. o. th. 10, 2, 918); daneben muszte mhd. sterzen 'rigere', schon mhd. in 'sterzen der brüste', der eigentlichen domäne von strotzen, belegt (s. Lexer 2, 1184), auf weitem hochdeutschen sprachgebiet zu starzen werden. AA. von innerer fülle schwellen. die volle weite des bedeutungsgehaltes zeigt sich erst in anwendung auf den animalischen körper, wo zu dem begriff des 'tumere', 'rigere' und 'tentum esse' zumeist noch der der gesteigerten lebenskraft hinzutritt. hier besonders in bestimmten verbindungen: A@11) 'strotzende brüste, euter', so in dem frühesten mhd. beleg: ir blanken arm, ir hend, ir kel was nâ minne lüste, hôch und kleine brüste strozzende unde sinewel Reinfried v. Br. v. 22547, vgl. schon drozinta utir oben unter 'form'; in dieser verbindung, neben älterem pausen, pausig (th. 7, 1515) und jüngerem schwellen (th. 11, 2497) in unverminderter häufigkeit bis heute: wie ein gaiss-mämm ... von übriger milch strotzt Grimmelshausen Simpl. 116 neudr.; da sie nun mich ... mit der fruchtbarkeit zweyer von milch strutzender brste begabet hat Lohenstein Armin. (1689) 1, 1149b; 2, 1307a; (die magd), die von ferne mit messingbeschlagenem eimer kommt, die strotzenden euter zu leeren Allmers marschenb. 440; gelegentlich mit betonung der wirkung: ihre brste aber strutzten fr hAerte Lohenstein Armin. (1689) 2, 1019b, vgl.strotzendhart (sp. 86); auch übertragen auf die person: die mütter, wenn sie von milch strozen Schleiermacher Platon (1804 f.) 6, 282. in älterer sprache erscheint neben strotzend ein part. perf., gebildet in analogie zu den synonymen: volles, gestrotztes euter Kramer 1 (1700) 314c; dasz die gestrotzten äuter auffbörsten fast von milch W. H. v. Hohberg Ottobert (1664) P 3b; s. u. strotzvoll. A@22) vom bauch, in älterer sprache häufiger, wie pausen th. 7, 154 und starren th. 10, 2, 921, vgl. auch strotzbauch ventre gonfio, tumido, turgente Kramer 2 (1702) 1016, oft durch veranschaulichende bildliche wendung verstärkt: (er) schoppet sich rund, frasz bisz jm der bauch strotzt, wie ein fllwurst und seusack Fischart Garg. 257 neudr.; darauff jhre magen (vom übermäszigen essen) wie die trumlen strotzen Guarinonius greuel (1610) 580; wann es (das thier) sich schon so voll gefressen, das jm der wanst wie ein trumm strotzet und spannet Fischart 3, 250, 7 Hauffen; was trägst du denn in deinem magen? der strotzet über die gebühr Ramler fabellese (1783 f.) 3, 275; sye meinend, sy mOegen nit allso frischlich singen, wenn der bauch nit vol ist, und das fleisch nit strotzet Keisersberg seelenpar. (1510) 186. auch ohne nennung eines körpertheiles: wenn jetzt die lOewen strotzen fein vom fleisch desz widersachers mein (im spiel von Daniel) Chryseus hofteuffel in theatr. diab. (1569) 2, 281b. in dieser gebrauchssphäre überschreitet strotzen am frühesten die grenze des sinnlichen, und zwar ins moralische hinein, in doppelter richtung, zunächst im sinne des überheblichen: bitt man ein bawern, so strotzt jm der bauch Mathesius Sarepta (1571) 119a (Luther: so wechst yhm der bauch s. Dietz wb. 213); vgl. Wander sprichw. 1, 254; derwegen solchen narren (den verächtern der astrologie) der bauch strotzt, unnd sie nur khuonmtiger werdend Pegius geburtsstundenbuch (1570) V 6b; das euch vor stoltz der bauch nit strutz Fischart flöhh. v. 970 neudr. übertragen auf die gewandung: wie musz doch dem damaligem pabste die kappe gestrotzet und der bauch cum ingvine geschwollen sein, als er Heinricum II kOenig in Engeland in der sakristey die posteriora besehen, und mit ruthen gestrichen hat? der grosze u. eingeb. titul-mann (1690) 19; die andere bedeutungslinie geht aufs sündhafte wohlleben: ihr habt euch stäts wol lassen seyn, und gestrotzet wie die trummel, wolt ein armer zu euch hinein, da gab es ein cartumel Kehrein kirchenl. 2, 646. das abschätzige liegt auch in der festen verbindung ein von feiste strotzender bauch Pestalozzi 9, 473; daran angelehnt: von grillen schwAermt der kopff, von weisheit strotzt der bauch Günther ged. (1735) 416. in diesem bezirke gelegentlich transitiv: würdest du sehen etlich von fülle den bauch strotzen, etlich vil wein schlinden S. Franck chron. zeytbuch (1531) 103a; dann man sah es jhm an, dasz er mit etwas schwanger gieng, also strotzt er den bauch, plapperet mit dem maul ... und rAeuspert sich mit allen krAefften Fischart Garg. 239 neudr. A@33) von den adern: die sollen (zur ader) lassen den ir adern breit und strotzen Dryander arznei (1542) 53b; mit dem beisinn überschieszender lebenskraft: wann er (der Hippotamos) zu blutreich ist, so dasz ihm die adern zu stark strotzen maler Müller w. (1811) 3, 230; es strotzen die zweige der adern (bei den pferden im frühling) E. v. Kleist 1, 192, 276 Sauer; gewöhnlich als ausdruck heftiger innerer erregung von der 'zornader' s. th. 16, 107, schon mhd.: wer strotzend adern oder zerblasen sloffe hat, der ist zornich von natur Megenberg b. d. natur 46, 26 var.; (welchen) die adern ob der stirn strotzen und mit scheltworten ... bald bereyt oder kostfrey seyn ... Guarinonius grewel (1610) 360; die wilden adern strotzten ihnen an der stirn, zum springen prall vor hasz Watzlik einöder (1922) 87, weniger häufig in anderer verwendung, etwa von übermäsziger anstrengung: dass ihnen die hälse aufschwellen und ihnen die adern hervorstrotzen wie den posaunenbläsern Wieland Luk. 6, 91. A@44) vom übrigen körper: von muskeln strotzet die mächtige brust C. H. Bock Virgils lehrged. v. landbau (1790) 94; die strotzenden, aufrecht stehenden buckel der kameele (zeigten), dass die dortige steppe ... sie noch hinreichend zu nähren vermöge Ritter erdk. (1822 f.) 13, 686; von der lebenskraft mit der färbung des brünstigen: dann ist ein jeder vorderfusz dick aufgelaufen und geschwollen und strotzet gleichsam unbewegt (bei den fröschen zur gattungszeit) Triller poet. betr. (1750) 152; so glüht ein pardel vor heiszer brunst, es lechzt der dyrre schlund ... die glieder strotzen, und mit wuth im blick sucht er lautbrüllend die erhitzte löwin Eschenburg beispiele 1, 105. der accent liegt auf dem 'hervorragen': dazwischen (den augen) strotzte unerschüttert die nase, die nach ahnen wittert, und lehrte mit beredter stummheit die grösze seiner noblen dummheit Lichtenberg nachlass (1899) 119, 85. so stets in anwendung auf das auge, im compos. oder mit adv. ergänzung: dieser gebrechen als nemlich grosse geschwolst, auflauffung und herausstrotzung der augenäpfel ... entstehet von vielerley ursachen im abschnitt 'von den grossen ausstrotzenden und herausboltzenden augenäpfeln' Bartisch ophthalmol. (1583) 216; 217; 218; bonenmeel übergeleget treibet die augen hinder sich, so herausstrotzen Tabernämont. (1664) 880; vgl.bausen, pausen. A@55) der im voraufgehenden vielfach mitschwingende begriff überquellender lebensfülle löst sich im 18. jahrh. aus den verschiedenen bedeutungselementen in festen formeln heraus, am häufigsten in der form von gesundheit, kraft, jugend, wohlsein strotzen, wobei die ergänzung auch fehlen kann: ein paar gesunde landmädchen mit rothen backen, die vor gesundheit strotzten Nicolai Nothanker (1773) 1, 177; dickbäuchig und mit strotzenden vollmond-gesichtern, gleich gemästeten hühnern auf der latte Hebbel 8, 257 Werner; so strotzte jede fiber an ihr von kraft O. Ludwig 2, 27, auch ins kosmische übertragen: die mächtige ... von schöpferischer potenz strotzende natur früherer weltperioden Avé-Lallemant gaunertum (1856 f.) 3, 58 anm., vereinzelt trans.: die schweren, gesundheit und fülle strotzenden kühe v. Barth Kalkalpen (1874) 143; mit noch wirkungsvollerer wiedergabe des sinnlichen eindrucks: besonders strotzt die kraft wunderbar vom hintern über den königlichen rücken (vom farnesischen stier) Heinse 4, 255 Schüddekopf. in anwendung auf die pflanzliche natur bildet sich die entsprechende formel von saft strotzen, seit Göthe häufig belegt (vgl.schwellen th. 9, 2502): sie (die pflanzen) strotzen von säften wie wasserpflanzen III 1, 273, 5 W.; nahm gleich einige raupen vom kräftig strotzenden kohl weg I 50, 213. ohne jede ergänzung und sich so dem adj. (s. u.) nähernd: überall strotzende, frühlingschwellende, zu hoffnungen berechtigende junge saat Viebig schlaf. heer (1904) 2, 509; voll nectars ..., von ihren eigenen schönen händen aus strotzenden trauben frisch ausgepresst Wieland Agathon (1766 f.) 2, 63, substantivisch in verstärkender formel: habe ich am Rheine nicht dieses derbe trotzen und strotzen von blatt und reben gesehen, wie hier Stifter 3, 197. A@66) beim gebrauch auszerhalb der lebenden natur bleibt nur der begriff der inneren fülle und der äuszeren spannung: (er) nam sunst ein haut von einem ahl und füllt die mit leutskot zu mal, das sie strotzet eben gantz vol Sachs 9, 343 13 lit. ver.; (er) blies die sackpfeife so voll falsches lobes, dasz sie darüber ungläublich zu strotzen anfienge J. G. Rabener lehrged. (1691) 54; (ich) hatte da den beutel eines reichen pächters aufs korn genommen, der von gelde strotzte wie der bauch seines besitzers von schmeer Musäus volksm. 1, 66 Hempel. die ergänzung kann auch fehlen: die beutel die strotzen, die müller die trotzen Aurbacher volksb. (1835) 189. in eigenartigem bilde: also gantz vol hat er (Christus) sinen sack siner menscheit und sines libs mit diser müntz, alles lidens beschlossen getruckt und vol gefült, das er gestrotzt het von fOelle Keisersberg pilgerf. 85b. mit subjectsverschiebung: ich habe noch so viel geld, dasz ich strotze A. Feuerbach br. an s. mutter (1911) 2, 78. A@77) bei übertragung auf kleider, segel fällt der begriff der drängenden inneren fülle, es bleibt die vorstellung der spannung und ausweitung; heute durch bauschen bzw. schwellen verdrängt: ein strotzender weiberrock a strutting or flaunting petti-coat Ludwig teutsch-engl. (1716) 1903; die weste strotzt von beyden seiten, der rock kann mit dem reifrock streiten Gottsched anmuth. gel. (1751) 1, 612; ich aber (habe) den Hans Wurst so schön agirt, dass den bauern die pumphosen vom lachen gstrotzt habn J. J. Schwabe tintenf. (1745) A 7a. mit kühner neubildung: von des conrectors weitem nachtkamisol umstrotzt J. H. Voss br. (1830) 2, 86. die segel strotzen vom winde le vent fait enfler les voiles Schrader dtsch.-frz. wb. (1784) 2, 1329. ganz vereinzelt und nur in älterer sprache vom schwellenden gewässer (s. th. 9, 2501): estuare grundtwallen, strotzen voc. theut. (1482) nach Dief. gl. 211a (s.strotzung sp. 89), ähnlich: den wein ... in sich wie in ein leer fasz eingiessen, bis er strotze, sause und oben uberlaufe C. Dieterich b. d. weisheit 1 (1641), 178. A@88) andere übertragungen halten den begriff der inneren umschlossenen fülle zwar fest, an die stelle des gehemmten dranges und der spannung tritt die ruhe. strotzen kommt dem begriff des 'vollseins' nahe, wenn es ihn auch an ausmasz noch übertrifft. in anlehnung an beutel: (ein groszer kasten), welcher mit silber und gold, mit perlen ... dergestalt strotzde, dass sie fast darüber verblendet ollapatrida 563, 3 Wiener ndr.; alle körbe strotzten von käse J. H. Voss Odyssee 158, 219 Bernays; häufiger vom überfüllten raum: der landmann jauchzt, indem er sieht, wie seine scheuren itzt von gelben ähren strotzen Gottsched beob. (1758) 165; das ganze zimmer strotzte von langen tischen und leeren bänken Klinger 8, 38; 2000 mann sind heimlich ins schlosz geschafft, dasz alle zimmer strozen und alle gewölbe wimmeln Schiller 3, 288 G. mit analogisch gebildeten part.: die traydkammer ware dergestalt gestrotzt und angefüllt, dasz sie die thür nit konte auffmachen Abr. a s. Clara Judas (1689) 2, 10. schon überleitend zur folgenden gruppe: Venedig strotzt von unsern siegstrophä'n Platen w. 2, 420 Hempel. BB. an die stelle der inneren umschlossenen fülle tritt die äuszere ausgebreitete fülle: B@11) in anwendung auf die vegetation besonders häufig, stärker als 'dicht bestanden', 'bedeckt sein', die vorstellung schwellender lebensfülle steht dahinter: (das thal) hat gegen morgen mäszige berge, die von frischem, mannigfaltigem baumwerk strotzen S. G. Bürde gesellschaftl. reise (1785) 249; der boden strotzt von gras Dahlmann gesch. v. Dänemark 2, 259; ein geräumiges land mit fisch und fleisch im überflusz, strotzend von guter weide Wimmer gesch. d. deutschen bodens 118; buchen mit üppigem wuchs, von laube strotzend J. G. Forster 3, 407. ohne zusatz sich der bedeutung 'üppig', 'saftig' nähernd: was fand ich? strotzende wiesen, selten wuchernden schilf Hebbel w. 6, 336 Werner. B@22) auszerhalb der natur besonders gern von äuszerem reichthum und prunk, den visuellen eindruck von fülle und glanz wiedergebend: aber was ist das für ein blinder mit dem langen kleide das von golde strutzet Holberg schaubühne (1743 f.) 5, 12; er kauft ihr einen gürtel schmal, der strotzt von gold wol überall A. v. Arnim 13, 281 Grimm; das glänzende bild von juwelen strotzender damen verschwand schemenhaft v. Ebner-Eschenbach 6, 188. mit hervorhebung der wirkung: vil köstlicher dalmatischer casel, ... deren etlich von gold und edlem gestein also stratzten, dasz sie in keine falt gebogen werden mochten S. Franck Germ. chron. (1538) 183b. übertragen: die üppigste stadt der welt, strotzend von gold und reichtum H. Grimm Michelangelo (1890) 2, 18. leicht mischt sich ein werthurtheil unter, den gegensatz zum schlicht-einfachen bezeichnend: aber wo alles von geschmeid und schmuck strotzet, da wird die natürliche schönheit verdunkelt Sulzer theorie 4, 679. im sinne äuszerlichen scheins: oft hat eine solche donna, die im seidenen kleide strotzt, nur ein einziges hemde Archenholz Engl. u. Ital. (1785) 2, 163. etwas anders: wenn ich ein mägdlein seh, das hübsch natürlich ist, nicht so von kleidern strotzt, und nicht die schritte miszt J. E. Schlegel w. (1761) 2, 500, hier mehr im sinn eines reinen quantitätsbegriffes 'übervoll bedeckt sein'; so auch mannigfach sonst: desto reichlicher strotzen ... die tische mit speisen aller art Böhme gesch. d. tanzes (1886) 169; pfefferkuchenteig, von mandeln strotzend Ludwig 2, 449, sogar: schmeckt mancher nach bisem, deme das hemmet nach läuss strotzet Guarinonius grewel (1670) 376. B@33) bei anwendung auf den menschlichen charakter ausschlieszlich von eigenschaften, deren eindruck gewissermaszen durch die vorstellung des geschwollenseins verbildlicht werden soll: diejenigen ..., welche von der eitlen ehr gantz aufgeblasen, davon gleichsamb strotzen Andr. Agricola gutes aug (1629) 63; eine närrin, die für hochmuth strotzt neue schausp. (1771) 3, 3, 53; wenn ich sie vollends noch dazu von eigendünkel, von selbstgenügsamkeit, von superklugheit, von rechthaberei, von egoistischen ansprüchen, von vornehmer kostbarkeit strotzen sehe Bürger br. 4, 161 Strodtmann; ich kenne kein unglücklicheres geschöpf als den menschen, wenn er, von eigenliebe und eitelkeit strotzend, keinen neben und über sich leiden kann J. G. Forster 7, 136; auch nicht eine silbe dieser von anmaszung strotzenden urtheile ist ... wahr F. v. Bülow bemerk. (1808) 229. CC. im 18. jahrh. erobert sich strotzen ein neues gebiet: der begriff der inneren fülle wird auf unsinnliches übertragen. C@11) die übertragung findet sich am häufigsten im bezirke des geistig-intellectuellen: o er strotzet von Pariserwitz v. Ayrenhoff (1814) 3, 56; der fürst strotzt von kenntnissen A. v. Arnim 2, 338 Grimm. sehr übliche verbindungen; nicht selten mit abschätzigem beiklang: welche (kirchengeschichte) der vielwissende und von gelehrter belesenheit strozende Haas so verworren und langweilig vortrug, dasz auch der geduldigste fleisz ermüden muszte W. Münscher lebenserinn. (1817) 15; viele, die ich vom glauben an die göttliche vorsehung strotzen gesehen, sah ich in dieser zeit am meisten für gut und blut zittern Scheffner mein leben (1821) 270. weiter entsinnlicht: (der bauer) dessen arbeitssitte noch von altheidnischem aberglauben strotzt W. H. Riehl deutsche arb. (1861) 168. früh auch schon übertragen auf geistige, litterarische und künstlerische erzeugnisse aller art, eine ungemein ausgebreitete verwendung: des letztren bücher sind von dieser meinung voll, sein ketzerisches werk, so davon strotzt und starret, weisz oft nicht, wo es nur gnug worte finden soll E. Neumeister idea pietismi (1714) 27; er lobet es als ein von vielem witze und salze strotzendes werkchen Gottsched anmuth. gelehrs. (1751 f.) 7, 42; dessen (Miltons) paradies alle die seltenheiten aufweisen kann, davon sein (Lohensteins) Hermann strotzet Schwabe belust. 1, 57; noch hast du nicht gewagt, ein römisch lied zu spielen, das von gedanken strotzt, doch minder hat zum fühlen Lessing 1, 242 L.-M.; von der englischen poesie, die von beiwörtern und bildern strozzet, unterscheidet sie (Gleims dichtung) sich eben so glücklich Herder 1, 337 Suph.; weil sie (die arien) schwer sind und von neuen modulationen strotzen Schubart ästhet. d. tonkunst 171; eine doktrin, die für unwiderleglich galt, obgleich sie von widersprüchen strotzte Treitschke dt. gesch. (1897) 4, 11. C@22) auszerhalb dieses anwendungsgebietes begegnet strotzen seltener, mit ironischer nebenbedeutung: er strotzte von erziehung, er triefte von kenntnissen Laube 15, 65; strotzend von guten vorsätzen ging er mutig darauf los Eichendorf sämtl. w. (1863 f.) 2, 456; gelegentlich auch noch in vollem bilde: sie (die aufklärung) machte aus orthodoxen priestern von gift strotzende ungeheuer A. Riem reisen d. Deutschland (1797) 36. losgelöst vom persönlichen: ganz Seon strotzte von den anhänglichsten familien Steub wand. (1862) 58. ein unpersönliches es strotzt von, einem verstärkten 'voll sein' gleichkommend, gestattet die weiteste verwendungsmöglichkeit: wo blut und geister fehlen, da — strotzet es von winden Drollinger ged. (1743) 202; in dem haus strotzt es ordentlich von freundschaft und liebe Nestroy 2, 260; auf diesem wege von Trient nach Bozen, oder umgekehrt, strotzt alles von geschichte und unverstandenem altertum Steub aus Tirol 49. DD. der begriff der fülle wird aufgegeben, damit fällt die inhaltliche, präpositionale ergänzung; selbständige bedeutungen sondern sich heraus: D@11) superbum esse: das strotzen fastus, insolentia, elatio Stieler 2214, bes. als hervorstrotzen, aufstrotzen inflatum ... esse ebda (vgl. die ähnliche entwicklung bei den synonymen sich aufblähen, aufgeblasen sein, grosz (dick) thun, in älterer sprache auch pausen, barzen): dasz es sich für die natur der philosophie gar nicht schicke ..., mit einem dogmatischen gange zu strotzen und sich mit den titeln und bändern der mathematik auszuschmücken Kant 3, 482, 5 akad.; hier strotzt er wie ein high-steward und entwickelt langsam jede bewegung Sturz schr. (1779) 1, 95; seine kriminelle gelehrsamkeit strotzte in dicken bänden hinter den gitterschränken Thümmel reise (1791) 4, 310. häufig in formeln: s. hochwürden ... fahren fort sich aufzublasen und zu strotzen portraits (1779) 215; man trotzt und strotzet nicht und drängt sich nicht voran Bürger 84b Bohtz; das leben ist ein armer bühnenheld, der kaum ein stündchen auf den brettern stürmt und strotzt, dann dahin ist wie ein schemen J. J. Chr. Bode Thomas Jones (1786 f.) 3, 9. übersetzung von Macbeth V 5 storms and struts, bei Schlegel spreizt und knirscht, bei Bürger strotzt und tobt 312 Bohtz; so viel stirnwölkende amtswürde, so viele an allen wänden hinaufstrotzende bücherreihen ... erfüllten mein herz Voss antisymbolik (1824 f.) 2, 204. ein reflexiver gebrauch, offenbar im anschlusz an synonyme, findet sich nur mundartlich Fischer schwäb. 5, 1880. D@22) in verbindung mit adverbien wird strotzen in der bedeutung 'superbum esse' ein verb der bewegung; anscheinend vorwiegend im nordd. verbreitet (vgl. stolzieren th. 10, 3, 291, spreizen th. 10, 2, 23, pausten th. 7, 1515): mich wundert, dasz sie ... das herz hatte, in gesellschaft zu kommen. jeder sahe hoch auf, wie frech sie daher strotzte Möser (1842 f.) 3, 20; ähnlich 3, 22; Marat stieg herab, strotzte durch den saal, und gab sich das ansehen, als verachte er alles murren um sich her J. Moore tageb. (1794) 2, 112; denn grade wie die schauspieler, die ihr auf der bühne in der miene eines herzogs oder kaysers daher strotzen seht J. J. Chr. Bode Montaigne (1793 f.) 2, 272. in diesem sinne auch wohl: ihr (der besiegten könige) fürstlicher habit und was sie angehabt, wird auch genommen mit, und den gefangnen gibt sie gelbe rauhe kotzen, in welchen winterszeit sonst die soldaten strotzen Adami Persius (1674) F 7 a. weitere belege s. Müller-Fraureuth 2, 579. D@33) das grundelement 'rigere' 'ragen', 'starren' sondert sich aus: gleich igeln, die ... ihre strotzenden stachel in meine fersen drücken Eschenburg Shakespeare 1, 2 (mount their pricks tempest 2, 2, 13); neben ihm (stand) der gendarm mit dem strotzenden gewehrspiesz Rosegger försterbuben (1907) 244; umschlossen von einem gebirge strotzender, nackender, drohender felsen Klinger (1809) 5, 365. anders 'starr, unbeugsam sein' als ausdruck eitler selbstgerechtigkeit: er (der Pharisäer im tempel) start, knart, stratzt wie ein ein brewscheid, wie ein hölzern jäckel, ... da ist kein hertz noch leibes kniebeugungen V. Herberger herzpost. (1613) 1, 671. D@44) fast nur in älterer sprache ist strotzen gelegentlich ausdruck starrer, widerspenstiger gesinnung, wohl unter dem einflusz von trotzen (vgl. strotzig): die Helmstätter strotzen gegen den Leipzigern wie ein strosack, und diese wieder gegen jenen wie ein scheit holz (vom starrsinn der religiösen gemeinden) J. Scheffler ecclesiol. 2 (1677) 466; mit strotzenden augen erblickte er (der gefangene landsknecht) gesichter, welche ihm nicht unbekannt waren Guseck erbe von Landshut (1846) 2, 227. in besonderer bedeutung in der liebessprache 'abweisend, spröde, stolz sein': ach strotze doch nicht so, als wie ein verdorrter pickling, oder lasz dich zum wenigsten durch das rosenwasser meiner treuen liebe erweichen Weise grünende jugend 182 neudr.; an die verschmähende geliebte: lasz dein gesichte strotzen, als wie ein eichen-holtz, ich geh nunmehr gemach und frage nichts darnach ebda 135. nur lexikalisch im 18. jahrh.: strotzen oder strutzen ist eine denen hiesigen kinder-muhmen und ammen gebräuchliche redens-art, wenn nehmlich die kleinen kinder, so sie pflegen und zu warten haben, sich ungebehrlich stellen, vor zorn und unwillen gantz starr und steiff machen, und sich durch freundliches zureden nicht geben wollen Amaranthes frauenzimmer-lex. (1715) 1916.
25257 Zeichen · 415 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 1050–1350
    Mittelhochdeutsch
    strotzen

    Mhd. Handwörterbuch (Lexer) · +1 Parallelbeleg

    strotzen s. stroʒʒen;

  2. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Strotzen

    Adelung (1793–1801) · +3 Parallelbelege

    Strotzen , verb. regul. neutr. mit dem Hülfsworte haben, von innerer Fülle im höchsten Grade aufgetrieben, aufgeschwolle…

  3. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    strotzen

    Goethe-Wörterbuch

    strotzen [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  4. modern
    Dialekt
    strotzenschw.

    Pfälzisches Wb. · +2 Parallelbelege

    strotzen schw. : 1. 'sich großtun, prahlen, protzen', strotze (šdrodsə) [ PS-Erfw BZ-Dörrb Rinnth GH-Leimh ]; Syn. s. pr…

  5. Sprichwörter
    Strotzen

    Wander (Sprichwörter)

    Strotzen 1. Er strotzt wie ein Brewscheid. – Herberger, Hertzpostille, I b 671. Nämlich vor Hochmuth. 2. Er strotzt wie …

  6. Spezial
    strotzen

    Deutsch-Ladinisch (Mischí) · +1 Parallelbeleg

    strot|zen vb.intr. ester plëgn, ester colm, ester grët. ▬ der Aufsatz strotzt von Fehlern le tema é grët de fai ; vor Ge…

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit strotzen

3 Bildungen · 1 Erstglied · 2 Zweitglied · 0 Ableitungen

strotzen‑ als Erstglied (1 von 1)

strotzenreiten

DWB

strotzen·reiten

strotzenreiten , vb. , hochzeitsbrauch: und sonderlich bey abholung der braut, dabey wir auch das kuchen-geben und auswerfen, strotzen-reite…

strotzen als Zweitglied (2 von 2)

use(n)strotzen

Idiotikon

use(n)strotzen Band 11, Spalte 2470 use(n)strotzen 11,2470