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wirren

mhd. bis Dial. · 11 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
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13 in 11 Wb.
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

wirren vb.

Bd. 30, Sp. 610
wirren, vb. , perturbare, confundere, miscere, contendere. in der heutigen lautgestalt erst nhd. belegt; ahd. as. findet sich nur das starke vb. wërran, mhd. wërren, mnl. wërren, warren (schwed. förvirra ist lehnwort aus deutsch verwirren); neben das mhd. stets stark flektierte wërren stellt sich, wohl nach irren, ein zunächst nur spärlich auftretendes schwach flektiertes verwirren (vgl. Lexer 3, 311), dessen stammvokal allmählich nicht nur das compositum verwërren, sondern auch das simplex wërren überflutet, dessen 1., 2. und 3. pers. sing. (die wegen des unpersönlichen gebrauches besonders häufig war) ja ebenfalls i aufwiesen; vgl. entsprechende übergänge von e > i danach auch bei anderen gliedern der sippe, vgl. wirren, pl., wirrer, m.; demzufolge wird auch die flexion schwach; reste des starken gebrauchs heute noch in dem als adj. verwendeten partic. prät. verworren, in sonstigen formen nur noch bis gegen ende des 18. jhs.: alle (nationen) trieben neben einander, flochten, worren sich, jedes mit seinem safte (v. j. 1774) Herder 5, 529 S.; ich habe das deutliche des plans und das simple der sprache unter einander geworren F. L. graf zu Stolberg (1774) in: briefe 13 Hellinghaus. im verlauf des 19. jhs. musz das simplex mehr und mehr der zusammensetzung verwirren weichen, kommt aber in neuester literatur wieder zu ehren; es ist transitiv, intransitiv und reflexiv gebräuchlich. die etymologischen verhältnisse sind unklar. die gemination setzt altes -rs- voraus; am wahrscheinlichsten ist herleitung von der wurzel *er- 'drehen', obwohl eine s-bildung davon sonst nicht bekannt ist (s. Walde-Pokorny 1, 292, vgl. auch 1, 277); weniger einleuchtend ist die dort bevorzugte stellung zu lat. verrere 'am boden schleifen, fegen', versus 'furche, linie, reihe', wozu anord. vǫrr 'ruderschlag'; ebenso abzulehnen der anschlusz an got. wairsiza 'schlimmer' (Weigand-Hirt 2, 1273; Falk-Torp 265; Franck etym. wb. 777a), vgl. dazu wirs. 11) älteste nachweisbare bedeutung, hauptsächlich ahd. as. mhd., 'in verwirrung bringen, beunruhigen, aufrührerisch machen', also im feindlichen sinne, meist mit beziehung auf aufstände u. ä., entsprechend dem subst. werre, s. unter wirren, pl.; transitiv: hie wirrid im (dem kaiser) is weruldrîki ... Heliand 5366 Heyne, vgl. auch 5755; vgl.werranter sediciosus ahd. glossen 2, 111, 28 Steinmeyer-Sievers; er (Jesus) war allaz thiz lant,bi thiu gabun wir nan thir in hant Otfrid IV 24, 7; in verwandter bedeutung: ih gihu gode, daz ih thie man war, thie ih werran niscolda (9./10. jh.) kl. ahd. sprachdenkmäler 332, 27 Steinmeyer; ähnlich 'aufreizen': die da zwischen (sich streitende leute) gent mengende unde werrinde pred. 77, 12 Leyser; in jüngeren glossaren twistachtich, beroerende ende werrende onder t volc seditiosus gemma gemmarum (1495) u 7b, s. auch Stieler (1691) 2514; reflexiv sich werren 'sich streiten', also eigentlich 'sich gegenseitig beunruhigen': vier und zweinzic herren, beginnent sich die werren sô sitzent dem râte bî erzbischove drî Rudolf von Ems der gute Gerhard 5332 Haupt; daz sich lute werren unde wunden slahen einander Freiberger stadtrecht 152 Ermisch; ähnlich neu aus wirren, pl., entwickelt intr. 'wirren hervorrufen': in Regensburg der aufruhr weiter wirrt P. Ernst kaiserbuch (1923) 1, 1, 283. 22) 'etwas bzw. sich vermengen', eigentlich 'ineinander drehen, mischen', vgl.werrentan odo misgentan confundentes Graff 1, 945; in der ritterlichen epik gern vom durcheinander kämpfender personen, vielfach reflexiv und in verbindung mit in oder under einander: diu glanzen banier wunneclich dan unde dar sich wurren Konrad von Würzburg Trojanerkrieg 25177; der strît sich under einander war Lohengrin 2774; auch auf andere sachbezirke ausgedehnt, von tönen: tœne, die sich wurren in einander Ulrich von Eschenbach Alexander 6063; von der minne, die die herzen mischt, also vereinigt: diu minne under schaiden ir (der beiden liebenden) hertze do zesamen war Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 1397 Regel; es mögen auch kaum schriften gefunden werden, darinnen eben alles so gar verwstet, verwirret, gar in einander gewirret ... wäre Jac. Böhme s. w. 7, 251 Schiebler; aus diesem (dorf) kam er (der windwirbel) auch in ein nach Wolckenburg gepfarrtes dorff, ... woselbst er alles in einander gewirret unnd grosz schrecken verursachet G. Dexelius histor. lustgarten (1701) 224; wer mit geschäften spielt und aus dem spiele geschäft macht, wirret die zeiten und giebt keiner derselben ihr theil Herder 26, 74 S.; bei den Indiern ist kunst, philosophie und religion noch eins und dasselbe, wie in einem chaos durcheinander gewirret K. W. F. Solger ästhetik (1829) 156; vergleichbar: von oben nieder lacht und schaut der mann, wie klein gewimmel unten wirrt und lebt Paul Ernst kaiserbuch (1928) 3, 2, 80; statt verwirren poetisch verwendet 'etwas in verwirrung bringen': (die kraft,) die nur zu wirren weisz und nie zu lösen G. Keller ges. w. (1889) 9, 103; dann wirren wir die meinung der fürsten und zerstören ihre einung Paul Ernst kaiserbuch (1927) 2, 2, 325; in verbindung mit aus soviel wie 'entwirren, herauswickeln': wen zeit und klugheit nun nicht aus dem irrsal wirret, der wird den untergang einmahl zu spät gewahr Chr. Fr. Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 2, 215; häufig reflexiv: zeiten, ... da über und unter einander die völker stürzen und sich alles wirrt Herder 27, 251 S.; die zwölf ritter sollten die zwölf religionen sein und alles sich nachher absichtlich durcheinander wirren Göthe gespräche 3, 193 Biedermann; die pläne ... sind so beschaffen und kreuzen und wirren sich so Mommsen in: Mommsen-Wilamowitz briefw. 460; endlos durcheinander wirren sich (schieben sich durcheinander) die mannigfaltgen räume des palasts Mörike ges. schr. (1905) 3, 103; und wirren sich (gehen in einander über) die grenzen selbst für mich? A. Schnitzler ges. w. (1913) II 2, 46; intrans., von wirr 3 a hergeleitet, 'ungeordnet sein': graues haar wirrte unter dem weibischen kopftuch Hans Watzlik der alp (1923) 334; entsprechend wirr 3 b β: wirrender stimmenlärm H. Laube ges. schr. (1875) 3, 44. 33) 'drehen, wenden, wirbeln'; so von der drehenden bewegung des tanzes: haben sie sich mit den köpffen auff die erde gelegt, untereinander gedrehet und gewirret, als wolten sie auff den kOepffen tantzen J. Fincelius wunderzeichen (1566) o 5a; mit 2 vermengt: auf in wilden, wirrenden tänzen, frisch bekränzt mit weinlaubkränzen! welche nie gesehne schaar! K. H. Heydenreich ged. 2, 151; von rädern: brauet also wunderlich eins ins andere ... und machet alles in einander als ein wirrendes rad Jac. Böhme schr. (1620) 6, 41; von wegen 'sich winden': so durch des lebens wirrende beugung (= sich drehende windung) führe die neigung uns in das jahr Göthe 1, 108 W.; ähnlich auch: ob schon so weit ich mich bereits verirrt, so stumpf mein sinn in diesem augenblick? genug, ich ging und ging, und immer wirrt der pfad sich tiefer in den hain zurück A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 111. 44) in den verwendungen 2 und 3 zur verstärkung gern parallel geordnet mit verwandten begriffen, z. t. alliterierend, meist um eine wirre, ungeregelte bewegung zu beschreiben; erst nhd. ausgebildet, in der regel unpersönlich gebraucht: ja es (das wasser) dringet und wirret sich gleich mit macht und gewalt hin und wieder, bald da hermb, bald dort hermb J. S. Güthe beschreib. d. uralten stadt Meiningen (1676) 21; es wirrt und schwirrt hier (in Frankfurt 1848) gar vieles bunt durcheinander E. v. Sancken-Tarputschen dtsche rundschau 124, 83; in der Albrechtstrasze schwirrt und wirrt es wie in einem ameisenhaufen Spielhagen s. w. 2, 400; alles wirrt und wimmelt, wogt und fluthet durcheinander Gaudy s. w. (1844) 5, 46; alles wirrte und eilte geschäftig durcheinander Rud. Stratz dienst! (1895) 107; für akustische und optische eindrücke, die durcheinander wogen, vgl. wirr 3 b α: da ringelts und schleift es und rauschet und wirrt Göthe 1, 180 W.; es wirrt und irrt alles in die klänge hinein Tieck schr. (1828) 4, 194; ein grünlich leuchten, das wie flaum mit hundert fäden wirrt und prickelt A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 20. 55) auf den geistigen zustand bezogen 'jemanden verwirrt machen', in neuem anschlusz an wirr 1 b bzw. 2 entwickelt; doch vgl. schon ähnlich 'in die irre führen, verleiten': die ewarten der apgote daz volc mit vlize wurren passional 661, 67 K.; wenn schrecklich stumm uns kerkernächte wirren Schubart s. ged. (1825) 1, 97; knabe, dich besitzt der böse, wahnsinn wirret deine sinne O. F. Gruppe Theudelinde (1849) 48; alle seligkeit, alles glück, das ich jemals bei ihren worten, dem lachen, dem liebevollen blick empfunden, wirrt mir die erinnerung G. Freytag briefe an s. gattin 232; reisz mich an deinen rand abgrund — doch wirre mich nicht! Stefan George das neue reich 60. 66) schon spätmhd. aussterbend ist wirren mit oder ohne persönliches dativobjekt in der bedeutung 'jemandem schaden zufügen, schrecken einjagen', auch 'verdrusz, kummer bereiten'; vgl. bereits ih mag wola, chad si, irraten, waz tir wirret iam enim coniecto quibus perturbaris Notker 1, 1, 314 Piper; sône wiste sî niht, waz ir war Gotfrid von Straszburg Tristan 975 Bechstein; weinest dû? waz wirret dir? Heinrich von Neustadt gottes zukunft 4097 Singer; eyn cleyne (kleinigkeit) werret mir (stört mich) dâr an, des ich gebezzeren nêne kan Eike v. Repgowe Sachsenspiegel 6, 13 Eckhardt, wofür das mhd. wb. 3, 743f. und Lexer 3, 792 f. reiches belegmaterial bringen.
9618 Zeichen · 171 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 1050–1350
    Mittelhochdeutsch
    wirrenswv.

    Mhd. Handwörterbuch (Lexer) · +3 Parallelbelege

    wirren , würren swv. in verw-;

  2. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Wirren

    Adelung (1793–1801) · +2 Parallelbelege

    Wirren , verb. regul. act. in undeutlichen Kreisen unter einander schlingen, oder bewegen; ein Wort, welches für sich al…

  3. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    wirren

    Goethe-Wörterbuch

    wirren [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  4. modern
    Dialekt
    wirren

    Mecklenburgisches Wb. · +4 Parallelbelege

    wirren durcheinanderwimmeln: dat (die Wilde Jagd) wirrt all' in de Luft Wa Lex . Zs. verwirren ; Abl. unverwirrt.

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit wirren

14 Bildungen · 3 Erstglied · 6 Zweitglied · 5 Ableitungen

Zerlegung von wirren 2 Komponenten

wir+ren

wirren setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

wirren‑ als Erstglied (3 von 3)

Wirren-Wërr

Idiotikon

Wirren-Wërr Band 16, Spalte 1054 Wirren-Wërr 16,1054

wirrenreich

DWB

wirren·reich

wirrenreich , adj. , ' reich an wirren, an verwirrung ', öfters von Treitschke gebraucht: er hatte sie alle kommen und gehen sehen, die eint…

wirren als Zweitglied (6 von 6)

bewirren

DWB

bewirren , intricare, perplicare, das praet. bewarr nicht mehr, nur das part. beworren gebräuchlich: mit mühe und noth entkam ich dieser str…

entwirren

DWB

ent·wirren

entwirren , evolvere, extricare, entwickeln, Maaler 106 c , nnl. ontwerren und ontwarren. 1 1) das knäuel entwirren; das gefühl, das einen t…

gewirren

DWB

gewirren , verb. , wird von Scherz-Oberlin 1, 548 für turbare, verwirren angesetzt; das gleiche bei Brinkmeier 1, 917 a . wie jedoch die obe…

schwirren

DWB

schwir·ren

schwirren , verb. zu schwirn, schwirr, pfahl, gehörig, pfählen, einschwirren, einpfählen, ausschwirren, pfähle herausziehen, bäume ausstocke…

verwirren

DWB

ver·wirren

verwirren , v. , taucht spätmhd. neben dem gewöhnlichen verwerren auf; belege aus Reinfried von Braunschweig bei Lexer 3, 304 ; 311; ein bel…

Ableitungen von wirren (5 von 5)

bewirren

DWB

bewirren , intricare, perplicare, das praet. bewarr nicht mehr, nur das part. beworren gebräuchlich: mit mühe und noth entkam ich dieser str…

entwirren

DWB

entwirren , evolvere, extricare, entwickeln, Maaler 106 c , nnl. ontwerren und ontwarren. 1 1) das knäuel entwirren; das gefühl, das einen t…

gewirren

DWB

gewirren , verb. , wird von Scherz-Oberlin 1, 548 für turbare, verwirren angesetzt; das gleiche bei Brinkmeier 1, 917 a . wie jedoch die obe…

verwirren

DWB

verwirren , v. , taucht spätmhd. neben dem gewöhnlichen verwerren auf; belege aus Reinfried von Braunschweig bei Lexer 3, 304 ; 311; ein bel…

zerwirren

DWB

zerwirren , verb. , mhd. zerwërren, verwirren, in unordnung bringen: sîn hâr was ungeslihtet, bluotic und zeworren Wirnt v. Gravenberg Wigal…