untreu,
adj. adv. ,
gs. zu treu (
s. d.).
got. untriggws;
an. útrúr, útryggr;
dän. utro, utryg;
schwed. otro, otrogen, otrygger;
ags. untreówe;
engl. untrue;
afries. untriōwe;
ein ahd. untriuwi
ist von Schade
zu unrecht angesetzt (
es gab urtriuwi, zurtriuwi),
ahd. und mhd. bis ins 15.
jahrh. herschte ungatriuwi, ungetriuwe (
auch triuwe
ist im guten mhd. nicht vorhanden; Roethe
zu Reimar v. Zweter 244, 8; untreu
ist z. b. im schwäbischen nicht populär, kaum halbmundart Fischer
schwäb. wb. 6, 262),
erst glossare verzeichnen untriuwe
für infidelis und perfidus Diefenbach
gl. 297
a; 425
a.
mnd. untruwe;
mnl. ontrouwe;
nl. ontrouw.
nachklang der alten 3
silbigen form: der fetter Fana ist mir untreue worden Elisabeth Charlotte v. Orleans 2, 22
H. vgl. ungetreu,
misztreu,
treulos, untreue,
f., untreuisch, untreulich. 11)
ein pflichtverhältnis verletzend, die ä. spr. faszt infolge der gebundenheit der alten lebensordnung vieles als pflichtverhältnis auf, was uns als solches nicht mehr zum bewusztsein kommt. 1@aa)
das verhältnis zwischen gefolgsherrn und gefolgsmann, lehensherrn und lehensmann, obrigkeit und unterthan: da lieff der held ... auf den untreuen zu (
den verrätherischen riesen, den Siegfried durch bezwingung zum gefolgsmann gemacht hatte)
volksb. v. geh. Siegfried 79
ndr.; mit gutem grund hat Ludwig Uhland die sämmtlichen charaktere der heldensage auf zwei gruppen vertheilt, die treuen und die untreuen Scherer
literaturgesch. 107; der lehenherr sol auch herwidderumb seinem lehenman der gleichen thun, und so er das unterlasset, sol er billich als ein untrewer geschetzt werden
lehenrecht (1533) B 3
b; wo man dem fürsten untreuw ist ..., da ist der teufel Luther 34, 2, 265
W.; von einem untrewen schultzen Hennenberger
landtaffel (1595) 50; sintemal solche conföderation ... trewe patrioten von den untrewen unterscheiden soll
acta publ. 2, 287
P.; untreuer pöbel Herder 26, 244
S.; als ein mensch ohne ... wahre grösze ... das wagstück zu bestehen suchte, eine eitle, untreue, verwilderte nation zu bändigen Thibaut
civ. abhandlungen (1814) 450; u. war ich gegen die obrigkeit meiner stadt G. Freytag 11, 340. 1@bb)
zwischen herrn und diener, von dienstverhältnissen aller art: also ist ein falscher, untrewer jurist ins keisers hause odder reich ein dieb und schalck Luther 30, 2, 559
W.; die falschen, untrew rethe 26, 547
W.; nu ist die groste klag in der welt uber das gesind und erbeitleut, wie ungehorsam, untrew, ungetzogen, forteylisch sie sein 6, 263
W.; untrew gesind Eyering (1601) 1, 690; Grimmelshausen
Simpl. 71
Kögel; mein gesind ist mir u. Kramer (1702) 2, 1139
b; untreues,
nicht ungetreues gesinde Adelung; was mann gibt eim untrewen diener, ist alles zuvil
klugreden (1548) 75
a; untrew knechte H. Sachs 1, 439, 12
K, leute G. A. Agricola-Bech
bergwerkb. (1621) 18, kammerfrau maler Müller 3, 188, arbeiter Krünitz 200, 198; ain untreuer gerhabe (
vormund)
tirol. weisth. 4, 2, 730, 5; in etwas u. sein Kramer (1702) 2, 1139
b; u. werden J. H. Voss
Odyssee 301
B. im bilde heiszen sterne untreue boten,
sie haben aufgetragene grüsze nicht ausgerichtet H. Heine 2, 276
E. 1@cc)
im handel und wandel: so ir mir in zeitlichen dingen untrüw seint gewesen, wie kann ich euch vertrauen, das ir mir in der seelen heil trüwlichen raten? Keisersberg
narrenschiff 88
a; Murner
narrenbeschwörung 70
ndr.; H. Sachs 21, 220, 23
G.; gedenck, das ein untrewes auge (
oculus nequam, der dem andern nichts gönnt) neidisch ist
Sirach 31, 14; es ist nichts neidischer weder ein untrewes aug Petri (1605) B b 5
a; ein untrewer und ein dieb der findet, ehe denn mans trewlich suchet J. Agricola 750
sprichw. (1534) H 2
a;
spieler seind untrew und haben kein ansehen der person Ringwaldt
lauter warheit 7
b;
vgl. spieler 5
d; darzuo was er (
Hannibal) untrew, nit warhafftig, seyns eydts leichtfertig Carbach
Livius 106
a; der nichts verhalten oder verschweygen mag, untreuw, schwätzig, der nüt heimlichs hat Frisius 1065
a; bei einem untreuen wirt zur herberge sein Dedekind
christl. ritter (1590) A 8
b; Lehmann
florileg. (1662), 1, 346; Kempe (1676) 5
b; u. seyn in dem, das man einem anvertraut
faire sa main Frisch (1730) 635; untreue lieferanten Göchhausen
notabilia venatoris (1741) 244; der göttliche rathschlusz will es also, dasz uns die welt u. seyn soll (
indem sie zum lohn undank gibt) Herder 16, 176
S.; wenn der handlungsgehülfe im dienste u. ist oder das vertrauen miszbraucht
handelsgesetzb. 72. 1@dd)
im verhältnis von eltern und kindern: es ist eine verkerete art, es sind untrewe kinder
5. Mos. 32, 20; die anderst thun, das sind untrewe eltern Moscherosch
insomnis cura parentum 88
ndr.; eine unachtsame, harte, untrewe stiefmutter 17
ndr.; eine untreue tochter ... wird einst eine untreue hausfrau Chph. v. Schmid
ges. schr. 2, 150; u. an seinem vater werden Micrälius
Pommerland (1640) 2, 183, gegen seine eigene kinder sein Prätorius
Blockesberges verrichtung (1668) 196; wenn ich den meinigen u. würde Laube 2, 17.
übertragen: denn ich vor deinem thron musz schütten meine zehren, weil dein (
der Venus) untrewes kindt (
Amor) die hand will von mir kehren Opitz
poemata 39
ndr. 1@ee)
im verhältnis von mann und frau: er wölt sich fürbas huotten vor den lüsten der untrewen weiber
Fortunatus (1509) 100
ndr.; die untrew Dolila H. Sachs 1, 436, 16
K.; o untreufalsche Zaida Herder 25, 150
S.; strafe einer untreuen frau Ratzel
völkerkunde 2, 69; der untreue knabe Göthe 1, 165
W., liebhaber
u. s. w. substantiviert: der schmollende hatte sich mit der untreuen versöhnt G. Keller 4, 153; mein fraw ist dem herren untrüw Pauli
schimpf u. ernst 20
Ö.; ihrem manne, seinem weibe u. seyn Kramer (1702) 2, 1139
b; u. an ihren eheherr zu werden
mediz. maulaffe (1719) 205; ihr seid so miszmuthig, wie einer, dem sein erstes mädchen u. ward Göthe 8, 74
W.; bist untreu, Wihelm, oder tot? Bürger
Lenore 1, 3; mir auf erden untreu werden und im himmel kannst du nicht Rückert 1, 438. 1@ff)
im verhältnis von freunden, verwandten, nachbarn, nächsten, genossen, gefährten, gästen, anhängern, jüngern u. dgl.: wo solichs (
einer frau den schmuck nehmen) ein edlman tet, würde er von seinen genossen sein leben lang dester untreuer und unwerter gehalten
Wilwolt v. Schaumburg 134
lit. ver.; dann sie (
die pfaffen) den armen untreuw sind Eberlin v. Günzburg 1, 125
ndr.; sein untrewe schwester Montanus 264
lit. ver.; dan der meister was ein untrwer Schwab
th. Platter 54
B.; man muosz sich undterweylen untrewer freund mer besorgen dann der feind G. Mayr
sprichw. (1567) D 4
a ; untreue nachbarn, jünger, gäste Kirchhof
militaris disciplina 200; Happel
ak. roman 394; Kramer (1702) 2, 1139
b; D., untreuster der cumpanen Gries
verliebter Roland 4, 158; untriu haiszt man die rotten Hätzlerin 151. 1@gg)
politisch: untreue freunde, verbündete, vasallenstaaten
u. dgl.: Chemnitz
schwed. krieg 2, 192.
übertragen: sein (
des dichters) wichtigster bundesgenosse wäre ihm ... u. gemacht R. Wagner 4, 193. 1@hh)
bezogen auf das verhältnis zu gott und göttern; in biblisch-kirchlichem sprachgebrauch und theologischer polemik. Ulfila
setzt untriggws
Lucas 16, 10
für ἄδικος (
vulg. iniquus, Luther unrecht);
vgl. oben b. ähnlich allgemein scheinen mit unrecht dem heutigen sprachgefühl fälle wie: ich meine die untrewen curtisanen, die verfluchten symoneischen ketzer Hutten 1, 416, 28
B.; hye wer vil zuo sagen von dem aller untrewesten under allen bäpsten, die ye gelebt, Pio dem anderen 5, 381
B.; ein gytiger, untrwer pfaff Tschudi
chron. 1, 30.
solche verwendung ist veraltet; Savonarola ... als ... ein untreuer hirt Lenau 540
B. folgt der bed. b. veraltet auch von gott selbst: glych als ob gott so ful und untrüw sye, dasz er den an sich gelasznen nit mane und leere (
als ein untreuer lehrer; vgl. b) Zwingli
d. schr. 1, 221.
aus bed. a übertragen: der christengott ist gütig gegen seine getreuen, aber ebenso sicher straft er auch die untreuen knechte, und u. ist, wer böses thut G. Freytag 17, 234.
bes. prädicativ: weder an gott noch der christenheit u. werden Stumpf
Schweizerchron. 29
a; die gott u. sind A. Gryphius
trauersp. 202
P.; warum, wir thoren, sind wir untreu ihm (
Wodan) geworden? Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 144; die motive, welche das volk den alten göttern u. machten Scherer
litgesch. 31.
veraltet für infidelis, unglaubig
gemma (1508) n 1
a;
vgl. infidel, u., falsch, ungläubig Spanutius (1720) 292
und Söderwall
ordbok 2, 184
b otroin 2: und wo ir hyn wolten ziehen on an die untrew ardt, under die ungelaubigen leut
Fortunatus (1509) 77
ndr.; (er) stellt sich, als hab er mitleiden, und ist doch untreur dann die heiden Dürer
nachlasz 84, 12 (
doch verallgemeinert sich hier die bed. wie unten bei k). 1@ii)
verengert in der bed. sordidus, illiberalis, karg Frisius 1226
b; Dentzler (1716) 332
a:
sordidus homo, schnöd, nissig, karg, gewünsüchtig, untreuw, ein groszer schmürtzeler, der allen unflat thuot, allein das im gält werde Frisius 1226
b; sust war er ein untrüwer frasz, wenn ers als Aesze Zwingli
freiheit d. speisen 26
ndr.; ist der herr ein saw und die fraw ein sawmutter, so bekommen sie auch unfletige, untrew und sewisch gesind Petri (1605) K k 7
a;
veraltet. 1@kk)
in erweiterter bed. verrätherisch, treulos, unzuverlässig u. dgl.: Joab, der untrew, auch verdarb H. Sachs 1, 435, 38
K.; ein untrewer
ein schelm Zinkgref
apophthegmata (1628) 1, 58;
malitiosus Stieler 341; er ist ein untreuer mensch,
homo parum bonae fidei est, nulla religione ac fide est ebda.; wer des untreuen gesell ist, ist selbsten u.
ebda.; ein untreuer Judas, ein treuloser schelm Kramer (1702) 2, 1139
b; Wander 4, 1484; Pansner
schimpfwb. 74
a.
adv.: wie ohntreu aber Sebastianus gehandelt, erwisen seine falsche dogmata, damit er seine cosmographiam beschmirt hat Mechtel
Limburger chron. 128
Knetsch. im wesentlichen veraltet. 1@ll)
zum geflügelten wort geworden sind die an Christus gerichteten verse von Novalis 1, 71
M.: wenn alle untreu werden, so bleib ich dir doch treu, dasz dankbarkeit auf erden nicht ausgestorben sei.
von Schenckendorf (1814
an Friedr. L. Jahn)
ged. (1815) 141
auf die genossen seiner jugend bezogen: wenn alle untreu werden, so bleib ich euch doch treu; wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu Laube 1, 59;
mit dem zusatz: sagt Schwindel et companei Wander 4, 1484. 1@mm) Hans Untreu
als spottname Frischlin
d. dicht. 187
Str. 22)
von thieren, auf die menschliche pflichtverhältnisse übertragen werden; vgl. ungetreu 1
b: so sy (
die päpstler) als ein untrüw (
tückisches, ungebärdiges) rosz mit allen tücken tobend Zwingli
d. schr. 1, 251; gleich wie der untrewe han, der allein friszt und seinen hünern nichts gönnet Paracelsus (1616) 2, 609
H.; der untrew ist, ist untrew als ein hund 2, 328
H.; Fischart
flöhhatz 66
ndr.; pfawen sind den menschen ... u. Sebiz
feldbau (1579) 116; weisze schecken sind gern im felde u. Walther
pferdezucht (1658) 3; eine untreue henne. 33)
von sachen: a)
inofficiosum testamentum, ein untreuw, unbillich, ungütig erbgemächt oder testament, darinn die natürlichen und rechten erben unbillich auszgeschlossen werdend Frisius 703
a; untrew gut faselt nicht Mathesius
Sarepta (1571) 20
b (
vgl.unrecht gut); sie ... legte ihr untreues (
das sich verschoben hatte) halstuch zurechte Pfeffel
pros. versuche 2, 151; leider sind hier die briefposten beides nachlässig und u. Chamisso (1836) 5, 286; o flamme, flamme! höchst untreue (
weil sie nicht gehütet hat) flamme! Fouqué
held des nordens 1, 138;
für die welt: die untreue erde Brentano 2, 355; mein untrewes vatterland
griech. dramen 1, 175
Dähnhardt, mit beziehung auf 1
a. treue
und untreue hand
s. th. 4, 2, 332
f.; wo man sich hinkehrt und wendt, da seynd falsche hertzen und untrew händ Lehmann
florilegium (1662) 1, 108; du zeigst an allen enden uns mit untrewen händen der wollust falschen schein S.
Dach bei Fischer-Tümpel 3, 72; untrewe handt gehet hyn, kompt aber nicht herwidder J. Agricola
sprichw. (1534) A 3
a;
veraltet. b)
nach lat. mare infidum, portus infidus: wie wol das wasser nicht fast weit und grosz ist, so ist es doch tieff und untrew, stille und trieb
F. Fabri
eigendlich beschreibung (1557) 78
a; im untrewen meer
griech. dramen 1, 181
Dähnhardt; Fischart
podagr. trostb. 87, 31
H.; ein grimm, untrewes wasser Stumpf
Schweizerchron. 392
a; der lüste wilde see spielt mit dem leichten kahn, bis der auf seichtem sand und jener an den klippen ein untreu ufer deckt mit trocknenden gerippen A. v. Haller
gedichte (1882) 123;
übertragen: da ich mich niemals untreuem grunde anvertraut Görres
briefe 3, 36. 44)
mit abstractis verbunden (
vgl.ungetreu 1
c);
in pflichtverletzung wurzelnd, mit ihr verbunden, aus ihr hervorgehend. die bed. ist hier wie bei 3
nicht so verselbständigt wie beim engl. untrue A 3 (Murray 10, 1, 382
c): durch untrüw und bös fünd Steinhöwel
ber. frauen 51
Dr.; die Romer nacher irer fuchsischen, untreuen art Knebel
chron. v. Kaisheim 21
lit. ver.; rot bart, untrewe art S. Franck
sprichw. (1545) 1, 77
a; die untreu-böse art Herder 11, 460
S.; eine untreu und falsch arbeit
niederösterr. weisth. 2, 641, 7; sachen, liste, practicken, rat, bosheit, besorgung der armee, geschäftsführung, that
u. dgl. H. Sachs 18, 98, 24
G.; 5, 89, 9
K.; Tschudi
chron. 1, 81; Kirchhof
wendunmuth 2, 71
Ö.; A. Olearius
königreich Persien 23
a; Breitenfels
Swift 6, 122; Eichhorn
d. staats- u. rechtsgesch. (1821) 2, 608; Nitzsch
d. studien 254; ach, wie untreu und verlogen ist die liebe dieser welt! P. Gerhard
bei Fischer-Tümpel 3, 419
a; untreuer krieg (
in dem man lügt und trügt) Logau 22
E. 55)
vom glück: o weh, du falsch untrewes glück! H. Sachs 2, 35, 4
K.; E. v. Kleist 1, 37
S.; wenn er (
d. feldherr) ... aus dem untreuen glücke, das ihm den rücken zukehrt, seine maschine zu machen ... weisz Gerstenberg
schlesw. litbr. 217
lit. denkm.; ähnlich: das recht ist simpel, ungewisz und untrew Petri (1605) N l 6
a. 66)
verblaszt und umgebogen ist die eigentliche bed. von u. sein, werden, machen
in einer gruppe von ausdrücken, die bes. seit unserer classischen literatur sich reich entwickelt haben. vgl. nl. wb. 10, 1944 A 5.
die ä. spr. beharrt i. a. auf der eigentlichen bed.; z. b. deme ist nicht viel zu vortrawen, der seinem vaterland untrew ist Fr. Wilhelm
sprichw. register (1577)
d 2
β; oder du muszt den vätern nicht durch häucheln untreu werden! Gottsched
das neueste 1, 440;
diese bed. ist auch heute noch möglich, doch kann seinem vaterlande u. werden
auch blosz das wandern aus dem v. bedeuten; die tanzmusik (
auf d. lande) ist ihrem deutschen vaterlande längst u. geworden (
es kommen fremde tänze, operntänze u. dgl. auf) Böhme
gesch. d. tanzes 319. a) einem u. sein
oder werden
im sinne bloszen fortbleibens von jemand, ohne dasz sich an der gesinnung oder dem allgemeinen verhalten etwas zu ändern braucht: doch du (
geliebte) verwandelst meinen sinn, dasz ich den freunden untreu bin Chr. Weise
der grünenden jugend überfl. gedanken (1668) 36
ndr.; wie kömmt es, werther, sprich einmal, dasz du der Pallas untreu worden? (
der jurist Cramer will sich vermählen) Gottsched
gedichte (1751) 1, 152; ich hoffte sie noch heute früh zu sehen, verzeihen sie, dasz ich ihnen u. werde (
fortreise) Göthe IV 9, 1
W.; ich darf meiner nachbarschaft nicht u. werden Holtei
erz. schr. 8, 207; einem kaufmann, handwerker, einem wirte, arzte, prediger, einem geschäfte
u. s. w. u. werden. b) sich (selbst, selber) u. sein
oder werden (gemacht werden)
mit sich selbst in widerspruch sich befinden oder gerathen, inconsequent sein oder werden, sich selbst aufgeben u. ä.: die Hamletstelle 1, 3, 78
to thine owne selfe be true kann der ausgangspunkt der ausdrucksweise sein (
s.treu): seine lästerer sollen einsehen, dasz er sich selbst nie u. ward, dasz er sich noch jetzt treu ist Klinger 8, 4; es (
d. altargemälde) ist aus der zeit, wo Raphael noch nicht sich selbst durch die antike und durch Michel Angelo war u. gemacht worden Fr. Schlegel 6, 146; nun ... kam der tag, da die versammlung sich selber u. ward Dahlmann
franz. revolution 271; Leonorens mutter gehörte zu jenen vortrefflichen frauen, die ... sich niemals u. werden Holtei
erz. schr. 6, 21; selten hat ein staatsmann seine meinung ... so oft verändert, ohne doch je sich selber u. zu werden Treitschke
d. gesch. 5, 478. seinem herzen u. werden: J. G. Jacobi 1, vi. c)
an die stelle des dativs der person tritt der dativ eines abstractums (
s. Murray 10, 1, 417
b): dem jetzigen (
beschlusse) ... könnten sie nicht beytreten, ohne selbst der lehre, die sie bis daher als die wahre und heilsame bekannt, u. zu werden
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778
ff.) 5, 207; sie (
die Franzosen) sind ihr (
der natur) von jeher u. gewesen Gerstenberg
Hamb. n. zeitung 87
lit. denkm.; ich werde ... alles ..., was mich meiner gemächlichkeit u. machen könnte, aus meinem fenster sehen Hippel
kreuz- u. querzüge (1793) 1, 272; aus dem ganzen collegium widersetzte sich allein
M. Duilius, ... der gemeinschaftlichen sache u. Niebuhr
röm. gesch. 2, 158; H. ward diesem plan u. 3, 687; seinem gegebenen worte, einer methode, dem ideale und der zukunft, seiner bestimmung, entschlüssen, der poesie, seinem wahrheitssinn, stande, versprechen, grundsätzen, seinem symbolum, dem geist seines jahrhunderts
u. dgl. u. werden J. J. Engel 3, 105; Schleiermacher I 3, 361; Immermann 1, 59
B.; Schopenhauer 2, 454
Gr.; E.
M. Arndt (1892) 1, 57; Hebbel
br. 1, 33
W.; O. Jahn
Mozart 2, 49;
M. Meyr
erz. a. d. Ries 2, 154;
jahrb. d. Grillparzerges. 2, 298; O. Ludwig 2, 301; 5, 147; Ranke
s. w. 3, 121; des seinem grundgedanken untreugewordenen 9, 287; er glaubt mit diesem ende dennoch dem anfang nicht u. geworden zu seyn W. H. Riehl
d. d. arbeit 12; eine lange folgenreihe köstlich zubereiteter gerichte machte den mäszigen jener einfachen kost nicht u. Holtei
erz. schr. 16, 156; er blieb seiner absicht, seinem vorhaben u. Krünitz 200, 197; seiner wissenschaft u. werden;
aber stärker: er ist ein untreuer philolog, ein verräther an seiner wissenschaft, fälscher und betrüger G. Freytag
verl. handschrift 3, 247. d) der sonne u. werden,
ihren schein meiden, dichterisch: nun bin ich untreu worden der sonn und ihrem schein, die nacht, die nacht soll dame nun meines herzens sein! G. Keller 9, 18 (
unruhe der nacht). e) das schwert, das gedächtnis, das glück werden einem u.,
lassen einen im stich: das schwert ist ihm u. geworden
schlesw. litbr. 60
lit. denkm.; zuweilen schien ihm aber das gedächtnis u. zu werden J. G. Forster 361; mein gedächtnis ist mir noch nicht u. geworden Heinse 10, 162
Sch.; selten: einige derselben (
maximen) wollten ihm (
Friedrich II.) ... zuweilen u. werden Herder 17, 31
S.; üblich ist dafür die unter c dargestellte ausdrucksweise. 77)
unrichtig, falsch, fehlerhaft; vgl. engl. untrue A 2 Murray 10, 1, 382
c,
in ä. spr. von zauberischen dingen (
vgl. Morgant 213, 12
B.): dieselb bekandt, sie hab das untreu an ein ort geworfen, da der, so ihre tochter geschlagen gehabt, fürüber gehn und davon sterben sollen Fischart
Bodin (1591) 159; auf ein zeit, als er eines jungherrn pferd ein untreu stück het geben
ebda;
veraltet. von wolle, deren haare nicht in ihrer ganzen länge gleiche dicke haben Bucher
kunstgewerbe (1884) 419
a; Prechtl 19, 10.
vgl. die ortsnamen Untreuhau, Untreuesziel Fischer
schw. wb. 6, 262. 88)
wie engl. untrue A 2 Murray 10, 1, 382
c ungenau, inexact, dem originale nicht entsprechend; noch nicht im älteren sprachgebrauch, z. b. das märtyrerbuch, wie mans noch so unrichtig aus den untreuen händen (
s. oben 3
a) der papisten hat G. Arnold
ketzerhistorie (1699) 284
a: er würde dann vielleicht an seinen übersetzungen selbst sehen, wie u. sie sind Herder 5, 403
S.; 5, 427
S.; aus untreuen übersetzungen kennen lernen Göthe 46, 97
W.; untreue bibelübersetzungen B. Weber
Tirol u. die reformation 48;
dann auch ein untreuer übersetzer, berichterstatter
u. dgl.; jemand ist u. in seinen erzählungen Krünitz 200, 196;
adv. u. übersetzen W. v. Humboldt
briefe an Welcker 111; u. wiedergeben, berichten
u. s. w.; ähnlich untreue auszüge K. L. v. Haller
restauration der staatswiss. 1, xxxv; diese untreue vermischung beider arten Solger
nachgel. schr. 1, 205; ein untreues erdichten des stofs der fabeln Jac. Grimm
Reinhart fuchs cclvii; die figuren des gemäldes werden u., verworren und dunkel, wenn man ihnen das licht raubet Herder 17, 321
S.; ein untreues gemälde; der maler ist in der darstellung seiner gemälde u. Krünitz 200, 196; ebenso u. (
ungenau wiedergegeben) war das wohlerhaltene relief daselbst Justi
Winckelmann 2, 2, 357. 99)
in der luxemb. ma. bedeutet ontrie
auch misztrauisch. wb. d. lux. ma. (1906) 319.
die irrige ansetzung einer alten bed. suspiciosus bei Schade
beruht auf der glossierung urtriwi
suspiciosus Graff 5, 465. 1010)
das heutige verhalten zu dem älteren ungetreu ist sp. 899
besprochen. Adelung
bevorzugte ein ungetreues gemälde, ein ungetreuer liebhaber, ein ungetreuer freund.
im vers sind beide formen willkommen: untreues ehgemahl! brichst du den bund mit mir ... was sag ich ungetreu? J. Chr. Günther 813; ihr sollt ich untreu werden können? dir ungetreu? Wieland 28, 264
Gr. während Uhland
schr. z. gesch. d. dichtung und sage 1, 303
die treuen
und die ungetreuen
in der heldensage schied, schien es Scherers
stil gemäszer, in der oben 1
a gegebenen stelle die treuen
und untreuen
zu setzen. 1111) u.
und treulos
im heutigen sprachgebrauch. vgl. sp. 899:
der treulose
fügt der untreue
falschheit und verrath hinzu; wer von seinem vaterlande abfällt, ist nicht nur u.,
sondern treulos Eberhard-Lyon (1904) 840;
der liebhaber, der aus leichtsinn von einer geliebten zur andern schwärmt, ist nur untreu,
nicht treulos;
wer aber die verlobte böslich verläszt, ist treulos Weigand
syn. 3, 904.