[]treulos,
adj. und adv. im an. trygglaus, trúlaus,
ae. treówleas,
seltener getreówleas, getrywleas,
as. treulos
belegt, got. und ahd. nur die von ἄδικος und infidelis abhängigen bildungen untriggws, ungitriuwi
überliefert. das mhd. zeigt beide wörter nebeneinander, ohne dasz sich unterschiede in ihrem gebrauch feststellen lassen. heute stellt treulos
den stärkeren, allgemeineren ausdruck dar, während untreu
weniger sinnschwer oder nur für einen einzelnen fall von treulosigkeit
gebraucht wird. die form schwankt kaum. vereinzelt findet sich triwenlôs
Parz. 218, 27; 322, 18,
ebenso noch später: es ist kein grewel so hoch und grosz als wenn ein mann wird trewenlosz Petri
d. Teutschen weisheit (1604) 2, B b 1
r.
das object kann in verschiedener weise angefügt werden. meist sagt man treulos gegen jem.,
seltener jemandem treulos.
zuweilen begegnet treulos an jem., der babst ... ward auch an dem kind treulos Seb. Franck
chron., zeitb. (1531) 186
b.
ganz vereinzelt: da haben clxxx ausz inen verstockt lieber wöllen verbrant, dan von irer ketzerei treulosz werden
ebda 354
b.
im mnd. findet sich die genitivkonstruktion, s. u. A 1. AA.
die ursprüngliche rechtliche bedeutung des wortes klingt durch: A@11)
treulos gegen ein bündnis, abmachungen: we kundighet unde klaghet juk over W., dat he os truwelos wert siner openen beseghelden breve
Braunschw. chron. 1, 300
Hänselmann; wenn man also einem Deutschen etwas aufzuheben gab, muszte es treulich wieder herausgegeben werden, und wer es nicht herausgab, sondern leugnete, der wurde für treulosz gehalten, welches soviel als infam war J. G. Estor
der Teutschen rechtsgelahrtheit 3.
teil (1767) 1190; der den vertrag treulos und stolz gebrochen hatte E.
M. Arndt
s. w. (1892) 1, 167.
übertragen: so treulos war noch nie des waldes völkerrecht J. G. Jacobi (1807) 1, 140.
treubrüchig gegen den herrn: treulôs man (
Judas)
Heliand 4828; er sprach: ih treulôser kneht Heinrich v. Neustadt
Apoll. 1566
Singer; und flohen gemach all treulosz von jm, fielen zum sun; der kayser must sich heimlich davon stelen Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 137
a; wer treulos beredit wirt adir hervluhtik us dez herren dinste wirt, dem vorteilit man sin erbe
Neumarkter rechtsbuch 142
Meinardus; soll ich diese mamelucken von soldaten nennen, die treulos gegen ihren eid und gegen ihren könig, zuerst die fane der empörung gepflanzt hatten? K.
F. Kramer
Neseggab (1791) 1, 169; treulos sind alle knechte, der freie nur ist treu Th. Fontane
ged. (1891) 116.
in synonymen verbindungen: so muos er iemer mêre triuwelôs sîn unde âne êre Rudolf v. Ems
Willehalm 9496; und wer dowiedir tete heymelich adir offenbar, der sal trawlosz, erlosz und rechtlosz sein (1444)
lehnsurkunden Schlesiens (1881) 2, 257; cadent in perperam et verbum, quod vulgariter dicitur truwelos unde erlos
hess. urk.-buch 1, 139;
entsprechend treue VI
schon fast in fester bedeutung als '
wortbrüchig': der sol trewlosz vnd meyneidig erkannt werden L. Fronsperger
kriegsbuch (1578) 1, d 4; trewlos und meyneidig werden an jhrer oberkeit Luther 30, 138
W.; dan eyn tyran sol zuforderst die eigenschafft an im haben, das er trewlos und meyneydig sey Hutten 4, 13
Böcking; würden also trewlosz und meyneidig
Götz v. Berlich. lebensbeschr. 44; der soll trewlos und meineyd sin Äg. Tschudi (1734) 1, 276.
treulos gegen das vaterland: der seinen fürsten verrathet und an seinem vatterland trewlosz wird Lehman
florileg. polit. (1662) 4, 26.
[] A@22)
treulos in mehr allgemein menschlicher beziehung. A@2@aa)
in der liebe: ich wære ein triuwelôsez wîp, ob ich gedæhte niht daran daz er vil tugenthafter man (
der liebhaber) sante mir sîn herze tôt Konrad v. Würzburg
herzmäre 506; wenn sie (
die seele) ihrem blutbräutigam, ... dem herrn Jesu, treulosz wird Christian Scriver
seelenschatz (1737) 1, 100
b; so wiszt es denn, ein treulos herz, ein bräutgam tötet mich Herder 25, 181
Suphan; die schöne, aber treulose Angelika (1799) Caroline 1, 375
Waitz; und so entsagt ich meinen bessern trieben und wurde treulos meiner gluth und dir? Sophie Mereau
ged. (1800) 1, 28; sie (
die meerfräulein) sollen, sagt man, alt und jung verführen und das treuloseste geschlecht in der zauberwelt sein Göthe I 23, 289
W.; plötzlich, da kommt es mir, treuloser knabe, dasz ich die nacht von dir geträumet habe Mörike 1, 64
Göschen. A@2@bb)
in der ehe: der du eine frome frau ... ausschreiest als eine treulose, meyneydige, verlauffene hure Luther 26, 546
W.; wann ein mann einen argwohn hatte, als ob ihme seine frau treulos worden Abr. a
s. Clara
mercks Wien (1680) 85. A@2@cc)
in der freundschaft: lâze ih den hie verderben ... sô wirde ih triwelôs benamen Konrad v. Würzburg
Engelh. 6123; trewlose freunde, die einen jres nutzes halben lieben Fr. Wilhelm
sprichwörterregister (1577) ff 1
v,
nr. 39; du, der freundschaft treulos, weil du ihr nicht gönnen magst, sich im reinen strahle weiblicher tugend zu veredeln Holtei
erz. schr. (1861) 2, 252. A@2@dd)
gegengott: perfidus trawlosz, glaubbrüchig Serranus
dictionarium (1540) i 2
b;
decedere fide seynen glauben felschen, treulos sein Joh. Frisius
dictionarium (1558) 365
a; im grund alles glaublos, treulos ... Luther 6, 219
W.; sprich zu denen diemich verleugnet haben und an mir sind trewlos worden
ebda 32, 91
W.; weil sie an meynem bruder und erlöser Jesu Christo treuwlos worden G. Nigrinus
v. zäuberern, hexen (1592) 61.
in ähnlichem religiösen sinn: wær Gâwan tôt, ih wolde tuon den kampf, ê sîn gebeine læge triwenlôs unreine
Parz. 322, 18. BB.
schon früh findet sich treulos
in allgemein moralischer bedeutung, ohne beziehung auf eine bestimmte handlung als: B@11)
verräterisch, betrügerisch: daz ein triwelôser wiht von disen mære ûf triwe kome Konrad v. Würzburg
Engelh. 189; truwelos kundegin
denunciare Konrad v. Heinrichau
vocabular 396
b Gusinde; fürt hin den trewlosen man und würgendt in noch disen tag H. Sachs 11, 139
Keller; ein treuloser schelm
M. Kramer
teutsch-it. 2 (1702) 1140
b; im jahre 1711 entdeckte ich, dasz ein treuloser verwalter der einkünfte des gymnasiums ... übel hausgehalten ... Chr.
F. Nicolai
reise durch Deutschland u. d. Schweiz (1783) 1, 81; die treulosen reichsfeinde E.
M. Arndt
s. w. 1, 82
Rösch-Meissner; hütet euch vor den menschen, sie sind treulos und falsch wie das mondenlicht G. Freytag (1886/88) 2, 13; dieser bemächtigte sich in treuloser weise der person des königs Mommsen
röm. gesch. 2, 162.
besonders treuloser verräther: so recht, sprach ich, soll es dir meineydigem, treulosem, gottesvergessenem verräther ergehen Moscherosch
Phil. v. S. (1650) 1, 463; pfuy dich, du trewloser verräther P. v.
d. Aelst
Heymonskinder (1604) 63; treulos und verräther H. Decimator
thesaurus (1615); dasz man mit trewlosen verräthern verkuppelt gewesen Lehman
florileg. polit. (1662) 1, 126; ich (
Sais), das werkzeug treuloser verräther?
F. v. Gebler
könig Thamos nach O. Jahn
Mozart 2, 390.
[] abgrenzend für diese bedeutungen: unser armseliges treulos ist ein unschuldiges kind dagegen (
gegen das wort perfid). perfid ist treulos mit genusz, mit übermuth und schadenfreude Göthe 22, 234
W. B@22)
lügnerisch: bilder der seeligkeit, phantasien der götterlust, ach wo seid ihr dahin? hin! mein betrogener geist haszt euch, treulose hoffnungen! Wieland I 1, 443
ak.; jetzt, da er sterben soll, entflieht dem geängstigten Moor seine treulose sophistische weisheit Schiller 3, 521
Göd.; ein ritterlich gemüthe das die treue heilig hüte in der zeit treulosem scherz Eichendorff
s. w. (1864) 1, 376;
variiert allgemeiner als '
unzuverlässig': trewlosz, dem nit zu trawen ist Maaler 407; treuloser gefangener, dem gitter vorgelegt werden müssen Herder 7, 69
Suphan; ich rief dem treulosen gastwirt die verletzendsten injurien zu Gaudy (1844) 3, 148; treulose hofleute Dahlmann
gesch. d. frz. rev. (1845) 365. CC. treulos
in ethisch neutraler bedeutung, vgl. treue
sp. 337. '
unbeständig, ungenau'
u. ä. vom gedächtnis: ich finde es abscheulich, dasz er mir nicht eingefallen ist, und bitte sie, weiter nichts darüber zu denken, als dasz ich zu zeiten ein treuloses gedächtnis habe G. Forster
sämtl. schr. (1843) 8, 27; (
da das gedächtnis) höchst unvollkommen und treulos ist A. Schopenhauer 2, 161
Grisebach. vom glück: treuloses glück Schiller 14, 23
Gödeke; Grillparzer 10, 71
Sauer; treuloses glück, was wirst du dann beginnen Gries
Bojardos verliebter Roland (1835) 2, 119.
vom traum: aber plötzlich verwandelt sich der treulose traum Wieland
werke I 3, 49
ak.; wilst du es darauf ankommen lassen, dasz dein treuloses gaukelbild auf der schröklichen brücke zwischen zeit und ewigkeit von dir weiche? Schiller 3, 478
Gödeke; wie ein treuloser traum, indem er uns vergnüget, nur durch ein hold gespenst des herzens sehnsucht trüget Wieland I 1, 46
ak. vereinzelt: jene schon besprochene italienische übersetzung, die nicht nur matt, sondern völlig treulos (
ungenau) ist Platen
tagebücher 2, 13
Laubmann. DD.
übertragen von erscheinungen und gegenständen der natur gesagt, soweit sie den menschen in gefahr oder ins unglück bringen: die treulose, buhlerische natur Börne (1829) 5, 134.
vom meer: es (
das wasser) brauset, sprützet schaum, bläht sich, tobt, bis wind und meer einen treulosen stillstand erneuern Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 170
A. v. Weilen; gott war es, der euch auf den flügeln seiner unsichtbaren engel über die treulosen wasser trug Lessing 3, 476
L.-M.; o, ihr treulosen wellen! Sal. Geszner (1777) 1, 80; das treulose unzugängliche element Göthe 20, 361
W.; in diesem stürmischen und oft sehr treulosen ozean
F. v. Gentz
tageb. 1, 109; schlag er das meer nur immerhin, das treulos ist und falsch von sinn Leuthold
ged. 41894, 89. auf welchem treulosen ufer verdorren die werthen gebeine Dusch
vermischte w. (1754) 398; seit er ans treulose gestade durch schmeichelnde briefe gelockt ward Platen 1, 260
Hempel. sonstiges: sie werden sich wieder lieben unter eurem (
der blätter) treulosem schatten K. W. Ramler
einl. in die schönen wissenschaften (1758) 1, 397; wo sie (
die badenden) nur der silberne mond mit verstolenen blicken durch das treulose gebüsch sah Wieland I 1, 182
ak.; ein fuszweg verliesz mich mit eins auf die treuloseste art Ulrich Bräker
s. schr. (1789) 2, 172; da jene noch alle auf der treulosen strasze zogen Wieland I 3, 488
ak.; er wuszte dem treulos unterirdischen wühlen der maulwürfe einhalt zu thun Scheffel (1907) 2, 144; bis ... der treulos mürbe bau zusammenbricht Schiller 12, 212
Gödeke. [] EE.
substantivierungen. E@11)
seltener und eindeutiger in der mehrzahl: Belials sind die treulosen, nichtswürdigen, die verräther Herder 12, 274
Suphan; aber noch keinen monat im lande, ermordeten die treulosen ihren wohltäter Ritter
erdk. (1822) 1, 597. E@22)
in der einzahl. E@2@aa)
der verräter: und ich, treuloser, hab ihn vor allen sündern verleugnet! Petrus riefs dem verstummenden zu und risz sich von dannen Klopstock
Messias (1780) 6, 195; sonst wird ... verkehrt und verwandelt ... der mensch in ain poswicht gots als ain trewloser Berth. v. Chiemsee
teutsche theologey 136
Reithm.; wer wollte nicht ... gegen den treulosen partei nehmen Herder 3, 41
Suphan; der treulose wählt oder wechselt die partei Wilhelm Scherer
lit.-gesch. 7107. E@2@bb)
der betrüger der geliebten: so lohn ich dir, treuloser! Klinger
neues theater (1790) 1, 226; wer hätte das in Stahlbrunn gedacht, treuloser? Holtei
erz. schr. 9, 182. E@2@cc)
besonders von der wetterwendischen geliebten: eh ich treulose deiner gunst genesen Neumark
poet. lustw. (1652) 80; ich liebte die treulose noch Pfeffel
pros. versuche (1810) 5, 17; o ich verruchte, ich treulose Bürger 262
Bohtz; die treulose hatte sich mit einem jungen Neapolitaner ... eingeschifft W. Hauff (1890) 4, 103; erinnerungen von reizenden Alpenmädchen und schönen treulosen L. Steub
wanderungen im bayr. gebirge (1862) 147.