trillen,
vb. ,
neben drillen (
s. d. in teil 2, 1410).
zu grunde liegt aus der idg. wurzel *ter- '
drehend reiben'
erweitertes germ. *þrel,
das mit der zu drehen
gehörigen wurzel *þrē
eng zusammengehört, s. Walde - Pokorny 1, 729; Kluge
etym. wb. 11114.
zu vergleichen ist das ablautende part. prät. mhd. gedrollen
und das adj. drall.
in älterer sprache häufig, nicht selten aber bis in die jüngste zeit mit fortisanlaut, vgl. hierzu Paul
dtsch. gramm. 1, 324;
teil 2, 642; 11, 1, 1.
eben dieser häufige anlaut läszt erwägen, ob in 1trillen
nicht ein dem untenstehenden 3trillen (
sp. 520),
entsprechendes hochdeutsches wort miteingeflossen ist. —
im alem. öfter mit gerundetem vocal: trült (3.
p.)
Straszburger hausratsgedicht v. j. 1514, b 3
a; trüllen, getrüllet S. Bürster
schwed. krieg 7
Weech; trüllen Dentzler
clavis (1716) 2, 291
b; trüllte (3.
p. prt.) Seiler
Basel 86
b,
vgl. Vetsch
appenzell. § 91 e.
aus dem nd. entlehnt sind norw.-dän. drille '
mit dem drillbohrer bohren, necken, foppen',
älterdän. auch '
soldaten üben'
; schwed. drilla '
bohren, necken, quälen',
s. Falk-Torp
norw.-dän. etym. wb. 1, 155, Hellquist
svensk et. ordb. 101.
im folgenden nachträge zu drillen
in teil 2, 1410. 11) '
herumdrehen'
in verschiedener anwendung: bis ich endlich die (
töpfer-)scheibe selbst herumb trillen und eins und anders darauf formiren konte Grimmelshausen
Simpl. (1684) 3, 468; dasz ich vermeint hätte, das centrum der erden wäre inwendig hol, in welchem holen theil die Pigmei wie in einem kranrad herum lieffen und also die gantze erdkugel herum trilleten
ders. 2, 76
Kurz; (
Bacchus im triller) trille! trille! blind und dumm, taub und dumm, trillt den saubern kerl herum! Schiller 1, 212
G.; schon funkelt der mond, schon trill'n sich die sterne v. Nachersberg
giftkocher (1798) 3; ein tüchtiges kammrad in der walkmühle des staats sein und (ich bleibe in der metapher) haspeln und sich trillen lassen E. T. A. Hoffmann 1, 32
Grisebach; oft von wetterfahne und wetterhahn: horcht, wie der wind die fahnen trillt E. Fr. Hübner
verwandlungen (1791) 3, 151; die knarrende wetterfahne trillte ein heftiges sturmwind Rebmann
empfinds. reise nach Schilda (1793) 176; (
der sturm) trillte mit wildspielendem finger die verrosteten wetterhähne und fahnen und lachte schrillend in ihr geächze O. Ludwig (1891) 1, 359. '
zusammendrehen',
von fäden, schnüren u. s. w.: [] und clötzlin fiere, damit man schnür trült und die schnür macht an der gagelremen (
um 1514)
Straszb. hausratsged. b 3
a (
drucke u. holzschn. des 15. u. 16. jh. 2); was sie eifrig schilt mit dem armen zwirne! künftig selbst getrillt deinen knaul, du dirne J. H. Voss (1802) 5, 17; indem er (
der seilermeister) längs der klostermauer, rückwärts gehend, werg aus seiner schürze spann, und weiterhin der knabe trillte die schnur mit dem rad Mörike (1878) 2, 145;
anders garn trüllet sich zusammen
läuft schneckenartig zusammen Stalder
schweiz. 1, 313;
rotwelsch: trillen '
spinnen',
s. Grolman
wb. d. spitzbubenspr. 72
a; Train
chochemer loschen 126
b. '
zwirbeln',
vom bart: der ander striche den knöbelbart, der dritte trillete den bart wie jener capitain seine drey soldaten Moscherosch
gesichte (1650) 1, 148;
vgl. 2, 208.
uneigentlich: das schicksal, das uns alle wacker herumtrillte Schiller
briefe 3, 345
Jonas. herauszuheben ist vereinzelter intransitiver gebrauch: doch nicht hör ich, dasz die fahne auf dem thurme trille und der wipfel der platane deutet völlge stille Fr. Rückert (1867) 2, 424; '
sich drehen', '
schwindeln': muszte, um zu vertreiben die grillen, darvon mir thät der kopf noch trillen, den leib auf alle weis berathen, mir holen lassen so wein als braten Schelling
epikur. glaubensbek. Heinz Widerporstens, bei Plitt
aus Schellings leben (1869) 1, 282. 22)
bedeutungen, in denen das moment der drehung mehr oder weniger verblaszt ist. 2@aa)
von verschiedenen heftigen bewegungen: und hätt ihn sicher — denn er zielte gut — der wüthge streich vom rosz herab getrillt, wenn Klarion, der wieder umgekehret, dazwischen rennend, nicht das spiel gestöret G. Regis
Bojardos verliebter Roland (1840) 115; es hatte ihn aber schon ein anderer gepackt, der ihn nun zur himmelsthür hinaus trillte Aurbacher
ein volksbüchlein (1835) 76;
intransitiv '
heftig eindringen': und Rodamont, weil er zuvorderst war, traf mit dem speer den Mainzer graf im schilde, dasz er zerbarst, und durch den panzer gar des königs eisen in die seit ihm trillte G. Regis
Bojardos verl. Roland 255;
mundartlich: trillen
einem dinge einen stosz geben, dasz es in die höhe springt; prellen Lexer
kärnt. 70; '
schlagen, balgen' Loritza
id. Vienn. 133. 2@bb)
reflexiv, wie trollen,
vgl. drillen 10: lauf und schaff! trill dich und troll dich! G. Regis
Rabelais (1831) 1, 18. 2@cc) trillen '
futuere'
in einem stammb. v. j. 1752
bei Kluge
studentenspr. 87. 33)
in der älteren militärischen sprache trillen '
in waffen üben', '
abrichten',
von soldaten, s. Horn
soldatenspr. 75: was solstu dich viel mit der kriegsdisciplin hudlen, mit trillen, mit brillen Joh. Jak. v. Wallhausen
kriegskunst zu fusz (1615) 18 (
s. 13 drillen und brillen); darzue man dan in dem closter aigne hauptleut, leutenambt, caprel (
corporäle) und dergleichen erfahrne befelchshaber, solche (
mannschaft) zue trüllen und abzuerüchten, erhalten Seb. Bürster
schwed. krieg 7
Weech; anderthalb tausend oder mehr man, wohl bewehrt, ... die man ... gemustert, getrüllet und abgericht
ebda; das jährliche exercieren und trillen aber der in ausschusz begriffenen compagnien (1662)
bei Diefenbach-Wülcker 877; sie aber wurden alle tage etliche stunden von unsern rittern im gewehr geübet und getrillet Bucholtz
Herkuliskus (1665) 643;
auch intransitiv: pulver underhanden zu geben, damitt er es den soldaten, do sie wider trillen sollen, austheillen könte
Egerer stadtbücher (1619)
in: deutsche mundarten 1, 382
Nagl; vgl. auch: de compagnie drillet Richey
id. [] Hamborg. 360;
landschaftlich währt die bedeutung bis ins 19.
jh.: Anne Mareili war getrüllet und hatte daher etwas von einem soldaten an sich, der auch z'weg sein musz und nichts vergessen darf, wenn die trommel geht oder es heiszt, der feind ist da. darum trüllet man die soldaten im frieden und wenn getrüllet wird, so ist das eben nur trüllen und nicht kriegen J. Gotthelf (1855) 13, 257;
die bedeutung wird aber im schriftdeutsch des 18.
jh. schon als veraltet empfunden: trillen ist eigentlich ein militarisches wort und bedeutet so viel als das heutige exercieren Lessing 7, 403
L.-M. (
wörterbuch zu Logau);
dafür bekommt trillen
den beigeschmack eines übertriebenen soldatischen schliffs: (
Boyen über die landwehr:) dieses hintansetzen der schieszübungen gegen das exercieren und die paradedressur betrübt mich recht tief, denn es ist ein sicherer beweis, dasz eine praktische kriegesansicht sich immer mehr von unseren augen entfernt ... nicht allein, dasz eine armee, die innere schieszfertigkeit hat, viel kriegsbrauchbarer ist als eine blosz mechanisch getrillte (
dazu der prinz von Preuszen:) verfasser reitet nun einmal auf dem thema des trillens sehr gern und nennt alles mit diesem ekelnamen, was doch nur soldatendressur ist im gegensatz mit bauernhaltung Wilhelm I.
militär. schriften (1897) 1, 358. 44)
quälen, miszhandeln: alle ding moste schein na ereme willen, eder se wolden de lude drillen
Braunschw. schichtb. bei Schiller-Lübben 1, 575; (
Triller hat den namen, weil er Kunz von Kaufungen) mit seinem schürbaume weidlich getrillet hat (1743)
allg. dtsch. biogr. 38, 608;
hexe: hu! ich will ihn trillen, zerren, kraus wie heu und hotzeln dörren! Bürger 288
Bohtz (
Macbeth I 3);
im 17.
jh. blüht das bauerntrillen: da ich sowohl das geschrey der getrillten bauren als das gesang der nachtigallen hören konte Grimmelshausen
Simplicissimus 18
ndr.; wir teuffel sind so albar nicht, dasz wir uns wie die einfältige bäurlein betriegen, trillen und trüblieren lassen Moscherosch
gesichte (1650) 1, 397; wann ein baur nicht getrillet wird, nutzt er nicht; der beste darunter ist ein schelm
alamod. technol. interim (1675) 344; Fortuna, die alte strunsel, wäre das alleinige weib, das ich mit wollust trillen und foltern sähe H. Eulenberg
neue bilder (1912) 38.
milder, '
belästigen, anhaltend anliegen, plagen'
u. ä.: wen man am schwächsten findt, den trillt, den schabt, den neckt der herr, die fraw, das kindt W. Scherffer
d. grobianer (1840) 59; ein alt pädagogmagistral pflegte als in meiner jugend suo tempore zu sagen: der schlüngel ist noch jung, er wird noch lernen. hier aber ist oleum et opera, hopffen und maltz, verlohren. man ist mit den albern kerlen wohl getrillet und geschoren
alamod. technol. interim (1675) 454; (
Jäckel, Harlequins famulus:) ja ich bin wohl recht getrillt, da musz ich stets rum lauffen, dasz der Harlequin nicht schilt, und kriege nichts zu sauffen Chr. Reuter
Harlequins hochzeitschmaus 82
ndr.; küssen leidet keinen zwang, denn es kömmt aus freyem willen, und ein junggeselle fehlt, wenn er will ein mägdgen trillen, dasz sie sich soll küssen lassen Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 441; (
das mädchen läszt einen burschen nicht ein) es hilft nix und dernd (
dient, nützt) nid, wannst no a so trillst, denn du bist mir viel z' loder (
leichtsinnig), magst anhöbn, was d' willst A. Schosser
naturbilder (1850) 68; Habernickel trillt mich wegen einer schuld von 40 rthlr. Bürger
briefe 1, 92
Strodtmann; öfter trillen um etwas: auszerdem trillte uns Schäfer unaufhörlich um geld Laukhard
leben u. schicksale 5, 228; die frau hauptmann von U. ... trillt mich um ein buch zum lesen und ich habe keins Bürger
briefe 1, 139
Strodtmann; der junge hat mich recht getrillt um das buch Berndt
sles. id. 143.
verinnerlicht: [] bald bin ich gesund, bald krank, bald laut, bald stille, ich hoff und bald wieder wanck und mich so trille Voigtländer
oden und lieder (1642) 12; (
die frau liegt mit einem anderen im bett) ich erschrack, als ob ich vom wetter gerühret ... es trillt mich wohl ein wenig, aber was hilffts? ich habe alles von ihr, drumb musz ich schweigen
pedanthischer irrthum (1673) 78. '
narren', '
schabernaken'
o. ä.: sie (
die knappen) sahen, dasz sie einer mächtigen zauberin in die hände gefallen waren, die sie auf mancherley art trillte und foppte; doch half hier nichts als zum bösen spiel gute miene zu machen Musäus
volksmährchen (1804) 1, 196; er hatte viel abenteuerliche geschichten von ihm (
Rübezahl) gehört, wie er zuweilen die reisenden getrillt und gehudelt ... habe 1, 36; konnts ... nicht länger aushalten zu denken, dasz der aff sein narrenspiel mit mir treiben und mich trillen wollt
ders., physiogn. reisen (1778) 3, 4; zuerst die erklärung, dasz alle streiche des heutigen tages ... von mir herrühren. ich habe getrillt und bin getrillt worden. versöhnt euch! Immermann 14, 49
Boxberger. '
verspotten': so schoneten sie auch desz kaisers Vespasiani nicht, sondern trilleten seine person und kargheit in ihren komödien wunderlich J. G. Harant
d. christl. Ulysses (1678) 786.