granatapfel,
m. ,
für die apfelartige frucht von punica granatum (
s. 1granat),
seit dem mhd. (
hier neben malagranâtapfel, margramapfel
u. ä. aus malum granatum, s. Lexer 1, 2015; 2047; Pritzel-Jessen
volksn. d. pflanzen 320).
älternhd. in variierenden formen, vom 16.
bis 18.
jh. auch als granatenapfel,
verkürzt als granapffel (15.
jh., md.), kranapffel (1414,
md.) Diefenbach
gl. 345
b; graneappel (
nd.)
ebda 446
c, granappeln (
dat. pl.) Butschky
hd. kanzelley (1660) 240, gratapfel Hans Sachs 12, 213
lit. ver., daneben granetapffel (15.
jh.) Diefenbach
gl. 345
b, grantat opflen (
var.) Hans Sachs 16, 428
lit. ver., grenatsapfel Heine
s. w. 5, 19
E., s. auch Pritzel-Jessen
a. a. o. 11)
in eigentlichem sinne, für die frucht des granatbaums. in älteren glossierungen für malum granatum (15.
jh.) Diefenbach
gl. 345
b; (1513) Euch. Rösslin
d. frawen rosegarten 106
Klein, malogranatum gemma gemmarum (1508) p 1
c,
granatum Er. Alberus (1540) Q 3
b; Calepinus (1598) 625
b,
malum punicum Er. Alberus (1540) Ff 4
b; Gesner
erdgewächse (1542) 59; 97.
gelegentlich in falscher etymologischer herleitung als apfel von Granada: granatöpffel
pomo di Granada Hulsius
t.-ital. (1618) 141
a,
vgl. Fischart
praktik 27
ndr. als genuszmittel, wie es fleisch, kerne und saft der frucht namentlich in älterer zeit darstellen: ein grânâtöpfel solt du hân, der mir ervrische mînen munt Boner
edelstein 48, 114; ich (
Salomo) wolt dich füren vnd in meiner mutter haus bringen, da du mich leren soltest, da wolt ich dich trencken mit gemachtem wein, vnd mit dem most meiner granatepffel
hoheslied 8, 2; endlich labeten ... wir uns wieder mit zweyen granatäpfeln Luther
tischr. 2, 49
W.; scherbet, das ist auch ein süsz getränck, auszgedruckter safft von granatöpffeln vnd dergleichen früchten Schweigger
reyszbeschr. (1619) 148;
vgl. 58.
schale, fleisch, körner und saft des granatapfels
spielen in der heilkunde namentich des 16.
jhs. eine erhebliche rolle: wiltu ein sterckers (
mittel) bruchen, so nym bolum armenum (ein rot ertrich) vnd die rinden von granatöpfel (1513) Euch. Rösslin
d. frawen rosegarten 88
Klein; die artzney ... ist disze, das man ynen (
den bienen) ... in honig gebe ... körner von granaten öpffelen Eppendorff
Plinius (1543) 11, 188; sein tranck sey ... kalt wasser ... mit dem zehnten tail des weins von den granatöpffeln H. Braunschweig
chirurgia (1539) 34
b; wer an der gall starck leidet, ... der nehme granatenäpffel, und trincke zwey stunden vor dem essen, ... safft davon Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 291; von destillirten wassern und syrupen musz er (
der feldscher) bey sich haben: anisz-wasser ..., syrup von citronensafft, von quitten, granatenäpfeln, maulberen usw. Fleming
d. vollk. soldat (1726) 324.
in der reihung mit anderem südlichem obst und edelgewächs, fruchtbarkeit und südliche sphäre symbolisierend: denn der herr dein gott füret dich in ein gut land, ..., ein land da weitzen, gersten, weinstöcke, feigenbewm, vnd granatepffel innen sind
5. Mose 8, 8;
vgl. 4. Mose 13, 23; 20, 5; dein gewechs ist wie ein lustgarte von granatpeffeln, mit edlen früchten, cipern mit narden, narden mit saffran, kalmus vnd cynamen
hoheslied 4, 13
f.; Welschland ... hat kühlende frücht, als citronien, pomerantzen, lemonien, granatöpffel Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 2, 186; wenn sie, unter cypressen gelagert, den lorbeer aufsteigen, den granatapfel sich röthen, orangen und citronen in blüthe sich entfalten und früchte zugleich aus dem dunklen laube hervorglühend erblickten Göthe I 24, 357
W.; vgl. 49, 130.
auf typische merkmale der frucht anspielend: auch auff ein zeyt, wie er (
Darius) ein granatapffel in der hand gehabt, (
hat er) gesprochen, er wiszte auff erden nichts besseres zuo wünschen, denn so viel Zopyros (
eigenname) als dieser apffel körner habe Kirchhof
wendunmuth 1, 17
lit. ver.; Japhet sah ... hier mit tieferm roth den granatapfel entbrennen Bodmer
d. Noah (1752) 13; früchte ... von auszen wollig wie pfirschen und inwendig blutroth wie granatäpfel J. G. Forster
s. schr. (1843) 2, 233.
in mehrseitiger zusammenfassung: was du mit der portugiesischen traube erfühlt hast (
wunsch und vorgefühl von fremdheit und südlichkeit und den reiz der groszen reisen), das kenn ich so gut; ich erlebe es gleichzeitig an zwei granatäpfeln ... ich habe noch nicht versucht, sie zu öffnen; sie sind auch wahrscheinlich nicht reif, denn sonst springen sie ... leicht von selbst auf über der eigenen fülle und haben purpurgefütterte schlitze, wie edelleute in groszer tracht (1907) Rilke
br. 1906 —1907 (1930) 338. 22)
als muster und spielform künstlerischer ornamentik, auch hier in älterer anwendung oder doch auf ältere verhältnisse bezogen. 2@aa)
als motiv orientalischer und später abendländischer weberei, vgl.: 'granatapfel,
motiv der textilen ornamentation, aus dem Orient in das Abendland verpflanzt und im mittelalter und später mit vorliebe für die decoration von kirchengewändern benutzt' Bucher
kunstgewerbe (1884) 168
a; Otte
archäol. wb. 92.
alttestamentlich als schmuck am amtsrock des hohenpriesters; über den symbolischen hintergrund vgl. K. Chr. W.
F. Bähr
symbolik d. mosaischen cultus 2 (1839) 123
ff.: vnd vnten an seinem saum (
an Aarons seidenrock), soltu granatepffel machen von geler seiden, scharlachen, rosinrot, vmb vnd vmb, vnd zwisschen die selben, güldene schellen, auch vmb vnd vmb, das ein gülden schelle sey, darnach ein granatapffel, vnd aber ein gülden schelle, vnd wider ein granatapffel, vmb vnd vmb, an dem saum desselben seidenrocks
2. Mose 28, 33
f.; 39, 24—26;
M. Mendelssohn
ges. schr. (1843) 7, 192; in den schon vor der verdrängung der Mauren spanisch gewesenen provinzen herrscht in der ersten hälfte des 16. jahrhunderts der granatapfel (
auf span. textilien) Flemming
d. textilwerk (1927) 30.
auch von stilisierender umgestaltung des ursprünglichen vorbildes: dieses (
das granatmotiv auf den ital. textilien des 15.
jhs.) ... ähnelt mehr einer distelblüte ..., nur seltener einem granatapfel Flemming
d. textilwerk (1927) 26. 2@bb)
alttestamentlich als plastisch-symbolischer schmuck an den kapitellen des säulenpaars in der vorhalle des salomonischen tempels: vnd (
Hiram) macht an jglichem knauff (
der säulen des tempels) zwo riegen granatepffel vmbher, an einem reiffe, da mit der knauff bedeckt ward
1. kön. 7, 18;
vgl. 20; 42
u. ö. 33)
seit alters in vielfältig vergleichendem, sentenzartigem und symbolischem gebrauch, der an die zahlreichen typischen merkmale der frucht anknüpft. 3@aa)
in unmittelbarem vergleich, so in Luther
s übersetzung einer alttestamentlichen stelle, die poetisch weiterwirkt, vgl. dazu noch 1granat 4
und 1granatschale: deine wangen sind wie der ritz am granatapffel, zwisschen deinen zöpffen
hoheslied 4, 3 (
auf den schlitz des geborstenen reifen granatapfels
anspielend, der das rote fruchtinnere freilegt); Herder 8, 515
S.; wie der riz am granatapfel deine schläfe zwischen deinen locken Göthe I 37, 304
W. in biblischer allegorese: ibi ist denn der rot und weise backen. est 'sicut rytz im granatapfel' item bule ist rot und weis
i. e. das Christus. quod Christum diligo, ist weis farb, et timeo tamen, das ist rot farb (1535) Luther 41, 408
W. 3@bb)
in sprichwörtlicher und sentenzartiger prägung: oportet omnibus corydalis cristam inesse. es ist kein granat oder margran apffel, er hat ein bösz kernlein in jm S. Franck
sprichw. (1541) 2, 116
a; ich weisz wohl, das jus publicum ist ein granatapffel, das hunderste korn ist gut, die andern sind faul Chr. Weise
d. drey klügsten leute (1675) 102; dasz raupen an granatenäpffeln kleben Lohenstein
Ibrahim sultan (1680) 48. 3@cc)
in sinnbildhafter auswertung. so im titel von büchern: also ist geendet das schön loblich buoch granatöpffel, das hierumb bequemlich genant wirt, wann zuo gleicherweisz als die granatöpffel schön geziert seind auszwendig mit roter schölffer (
schale) vnd innwendig ordenlich erfüllt mitt vil vnd manigen süssen vnd gesunden hailsamen körnlin Keisersberg
granatapfel (1510) G 3
b; freywillig auffgesprungener granat-apffel des christlichen samaritans (
Wien 1715)
titel bei Avé-Lallemant
gaunerthum 2, 24.
als sinnbild zum vielgekörnten,
einem gesellschaftsnamen innerhalb der fruchtbringenden gesellschaft: ein aufgeborstener granatapfel Neumark
teutscher palmbaum (1668) 159.
auf die blütenkrone der frucht anspielend: so (
einfach als möglich) war das sinnbild, welches bey der krönung des hochseligen königs in Preuszen erfunden worden, beschaffen; da man einen granatapfel malete, und die überschrift dazu setzte: ex me mea nata corona Gottsched
crit. dichtkunst (1751) 804;
vgl. Abr. a
s. Clara
w. 2, 88
Strigl. als sinnträger einer symbolischen handlung: beym abschiede schenkte man hrn Ch. einen schönen granatapfel, mit dem wunsche, er möchte so gesund am leibe und voll von kenntnisz zurückkommen
allg. dt. bibl., anh. zu bd. 25—36 (1771) 1566.
als metapher in der älteren liebessprache: min gelucke, min suszer tawe, min edeler suszer granat öpfel (
anrede an die geliebte)
minneburg 1507
Pyritz. 3@dd)
häufig als symbol der fruchtbarkeit und als attribut des göttlichen im mythologischen und religiösen bereich namentlich der antike, vgl. dazu R. Chr. W.
F. Bähr
a. a. o. 122
ff.: in der rechten hand trug sie (
die pannonische göttin Kihala) die weltkugel, in der lincken drey granatäpfel Lohenstein
Arminius (1689) 1, 150
a; obschon der granatapfel, den seine (
Polyklets) Hera in der hand hielt, sie als erdgöttin und geberin des wachsthums bezeichnete
archäol. ztg. 1, 4
Gerhard. insbesondere als attribut der Proserpina und innerhalb der griechischen unterweltsmythen: weil sie (
Proserpina) eine einzige (
blume) verlor und vom verbotenen granatapfel asz Jean Paul
w. 45/47, 219
Hempel; wie die hölle Proserpinen nicht losgibt, weil sie den kern eines grenatapfels ... genossen H. Heine
s. w. 5, 19
Elster; daher (
aus der zugehörigkeit des granatapfels zu Persephone) erklären sich auch die granatäpfel aus erde gebrannt, welche man in gräbern gefunden ... und eben daher waren granatäpfel dem Hermes heilig, dem der todten nemlich Welcker
alte denkm. (1843) 1, 384
anm. in der christlichen Marienmetaphorik, wobei der baum auf Maria, die frucht auf Christus zu deuten ist: aphalter (
apfelbaum) von Punike, diu wilde granatephel treit, rilicher smac ist uns bereit, den uns din obz erteilet Konrad v. Würzburg
goldene schmiede 1325. 44)
ganz vereinzelt für den granatbaum: zwischen glühenden blüthen des granatapfels wieget sich singend der freie kanarienvogel Stolberg
ges. w. (1820) 3, 169. 55)
als ältere bezeichnung in der anatomie für den schwertfortsatz am brustbein (
processus xiphoideus);
aus Hadr. Junius
bei Hyrtl
kunstworte d. anatomie (1884) 64;
eigentlich nicht vom granatapfel
selbst hergeleitet, sondern vom blütenblatt des wilden granatapfelbaums. 66)
vereinzelt scheint auch eine dem eigentlichen granatapfel
vergleichbare frucht diesen namen zu führen: 'granatäpffel (indianische)
wachsen auf einem baume ... ohne zweige und sind eine frucht, der ananas nicht viel ungleich; sie wachsen eben so wie die granatäpffel,
sind inwendig süsze und finden sich meistens auf S. Maria, einer kleinen insel (
der Azoren)'
Noel Chomel öcon. lex. (1750) 4, 1315.