gips,
m. herkunft und form. lehnwort aus lat. gypsum (<
gr. γύψος);
zur weiteren herleitung vgl. Lokotsch
et. wb. (1927)
nr. 716.
mlat. gypsum;
hieraus entlehnt frz. gips Godefroy 4, 279 (
seit 1464);
ndl. gips
woordenbook 4, 2387 (
seit 1573);
engl. gipsum Murray 4, 2, 530 (
seit 1646,
als gypsus
schon 1387).
im deutschen seit dem 12.
jh. belegt: gipsum gîps gíps gips
ahd. gloss. 3, 119, 48 (
summ. Heinr.)
St.-S. (
die accente sind keine längezeichen; vgl. P. Sievers
acc. in ahd. und as. hss. [1908] 80; 94).
im mhd. des 13./14.
jh. nur spärlich belegt auf obd. gebiet (
s. u. 2; 2 b);
häufig erst als gybsz, gybs, gipsz
in frühnhd. glossaren d. 15.
jh. bei Diefenbach
gloss. 263
b; Rynmann
gemma (1510) l 5
a; Frisius
dictionariolum (1536) 340
u. s. w. mnd. nicht vor dem 16.
und 17.
jh. nach Lasch-Borchling 1, 2, 116.
schwed. gips
ordbok 10, 416 (
seit 1578),
dän. gips
ordbog 6, 961 (
seit d. 18.
jh.)
stammen aus dem deutschen (
vgl. Hellquist
svensk etym. ordbok 187).
im obd. neben gips
auch jips
und ips,
vgl. jips Staub-Tobler
schweiz. id. 3, 56 (
seit 1595); ips Fischer
schwäb. 4, 46 (
seit 1473); ips Lenz
Handschuhsheim 28
a,
z. t. auch mit bedeutungsunterschieden (
vgl. gips
zum gebrauch der maurer, ips
zum düngen der felder Schmeller-Frommann
bair. 1, 929; gips
für ungebrannten gips zum düngen, jips
für gebrannten gips Martin-Lienhart
elsäss. 1, 228).
zu ips
vgl. im schwäb.-alem. ilge
neben jilge
und gilge
oben sp. 7504. jips
ist vom romanischen her zu verstehen (
vgl. Heusler
alem. cons. 89; Jutz
alem. gr. 229).
für das md. und nd. seltener verzeichnet (
vgl. Jos. Müller
rhein. wb. 2, 1242; Bauer-Collitz
waldeck. 56
a)
und oft nur in niederen sprachsphären (
vgl. Müller-Fraureuth
erzgeb.-obersächs. 1, 422),
aber vorhanden ist das wort heute wohl in allen maa. —
vereinzelt als giebs Ercker
mineral. erzt (1580) 135
a. —
das geschlecht ist m., n. nur bei Nüscheler (1608)
nach Staub - Tobler 3, 56
und vereinzelt neben sonstigem m. das gyps
bei Göthe IV 23, 234
W. (
wohl schreibfehler).
bedeutung und gebrauch. 11) gips
als naturwissenschaftliche sachbezeichnung. fest umrissen als chemischer fachausdruck für reinen schwefelsauren kalk: als ihr dann sehen an den mineralien, die geben metall, ... spatt, gips, tryfel, rötel Paracelsus
opera (1616) 1, 903
c Huser; dise drey und zwentzig stück sind dem saltz zugeeignet in seiner art: ... alabaster, gibs, zin Thurneiszer
von wassern (1572) 7; bringt man ein stück solchen steines (
kalkstein) in verdünnte schwefelsäure, so ergreift diese den kalk und erscheint mit ihm als gyps Göthe I 20, 53
W.; der chemiker befindet sich in seinem recht, wenn er z. b. das küchensalz oder den gips in ihre stoffe zerlegt Hegel
werke 6, 255.
mineralogisch für den gipsstein, auch gipslager, gipsschicht, gipsformation: gypsum wisz erd oder gipsz Murmellius
pappa (1513) 17; gyps '
kreyden, ein weisz, weisz erdtrich' Rot
teutscher dictionarius (1571) g 8
b; darinn (
in bunten mergeln) liegt gyps in mandeln, knollen, nestern in groszen stöcken eingelagert Oken
allg. naturgesch. (1839) 1, 712; bei Monte Allegro ist alles gyps: dichter gyps und fraueneis, ganze felsen vor und zwischen dem kalk Göthe I 31, 158
W.; gedachtes mineral hat sich in einem lettenartigen trumm, welcher durch den gips des rechten ufers der Saale streicht, gefunden IV 13, 160; ich hielt mich für überzeugt, ... dasz die salzquellen ... aus dem gipse entspringen H. Steffens
was ich erlebte (1842) 5, 70. 22)
als bezeichnung für den künstlich zubereiteten, den gebrannten gips in mannigfaltiger verwendung. allgemein: daz sibende fleuma daz ist also der gyps, daz wirt, so von dem naturlichin, swaz dinnes an im is, gesceiden wirt, unde blibit groz unde dicke (
dickflüssig wie angerührter gips?) (14.
jh.)
Breslauer arzneibuch 3
Külz-Trosse; weisz der herr denn nicht, dasz die kinder dem nassen gipse gleichen, welchem man gleich seine gestalt geben musz: weil er gar geschwind trocken und zum verarbeiten unbrauchbar wird H. Lindenborn
der die welt beleuchtende Diogenes (1742) 1, 55. 2@aa)
als werkstoff des bauhandwerks: ein pflaster oder geschlagen gyps so glatt gestrichen und so gleyssend als ein verglasurter ziegel aus zerstosznen kiszlingen, vnd andern steinen Seb. Münster
cosmographia (1550) 487; wer halt gut will bauen, musz mehrer gibs als stein brauchen Abr. a
s. Clara
Judas, der ertzschelm (1699) 2, 121; eine mauer, so vom gips, ziegel oder kalck gemacht H. v. Fleming
d. teutsche soldat (1726) 57.
als mittel der flächenverkleidung: die obere ausz gips gekräuselte bühne blanckete gleichermassen so schneeweisz als die wenden
französ. kriegssimplicissimus (1683) 1, 158; dasz ... Virginiens verbrannte pflanze sich an den gips der decke wagt Kästner
verm. schr. (1755) 1, 128.
zum abdichten: alle spelt an den fenstern mit kalck oder gips verstrychen lassen, daz kein lufft usz oder in mög Murner
bei Hutten
opera 5, 420
Böcking; die röhr ... bissweilen mit gypss ... uberfahren Guarinonius
greuel der verwüstung (1610) 614; in ein anderen tiegel auszgossen, der inwendigen mit unschlit oder gypsz uberstrichen ist Ph. Bech
Agricolas bergwerckbuch (1621) 378.
in bildlichem gebrauch: wie er will berg und thal vergleichen, alles rauhe mit gips verstreichen Göthe I 16, 65
W. 2@bb)
als stoff, aus dem man gegenstände und skulpturen formt. früh, aber selten belegt für gegenstände des täglichen gebrauchs: din schamel niht gemachet ist von holze noch von gipse Konrad v. Würzburg
gold. schmiede 1843
Schröd.; irdine nästkästlin mit stro auszgefüllt oder auszgeflochten sein den tauben allwegen bequemer dann die ausz gips gemacht sein Sebiz
feldbau (1580) 120.
vgl. gipsern.
meist für erzeugnisse der bildenden kunst, darstellungen, büsten, abdrücke: den man von yps an dem rauthus (
v. j. 1473)
zeitschr. d. hist. ver. für Schwab. 23, 2; von auszen hat er schier die gestalt eines bildes, inn gipsz getruckt, oder in ein stein gehawen Schweickhart von Helffenstein
Basilius magnus (1591) 58; diese götzenkammer war ein behältniss aller würklich noch aus dem heydenthum herstammender bilder von holz, stein, thon und gips
Leipziger aventurieur (1756) 1, 90; ich besitze ... 1 profil in gips (1820)
schr. der Göthegesellsch. 17, 97; der forscher (
münzforscher) wird überdies stücke, die er nicht selbst besitzt, in form von abdrücken (siegellack, gips ...) zu rate ziehen müssen Luschin v. Ebengreuth
münzkunde u. geldgeschichte (1904) 104.
häufig in abschätzigem sinne gebraucht im gegensatz zur marmorplastik, vgl. auch gipsabdruck, -abgusz. habt ihr das götterwerk von Glykon je gesehen ... im urbild, oder nur in gypse nachgemacht Wieland
werke (1796) 22, 110
Göschen; gips aber ist kein material, ein negativer, todter stoff, der statt der weichen, durchsichtigen, fast bewegten oberfläche des marmors, nur eine starre lastende ruhe giebt H. Grimm
Michelangelo (1890) 1, 159.
daher symbolisch im titel einer programmschrift im kampf um das humanistische gymnasium: hie marmor, hie gips! A. Trendelenburg (1916).
vgl. hierzu das compositum gipsmädchen (
übersetzt aus fille de plâtre)
freudenmädchen niederer schicht im gegensatz zu den filles de marbre Th. Mundt
Paris und Louis Napoleon (1854) 2, 11. 2@cc)
der aus gips hergestellte gegenstand selbst, besonders die statue, hier auch pluralisch gebraucht. so schon: die steinkohlen, wie auch diejenigen stein, darausz gips, trinckgeschirr und anders gemacht wird Wehner
observationum liber (1624) 234
a; gyps
gypsum (
von einer statue)
teutschlat. wörterbüchlein (1713) 109; wenn Mengs werke, sein altarblatt in Dresden, seine gemählde in Rom und Spanien dahin seyn werden und die trefliche sammlung seiner gipse seinen namen auch nicht mehr erhält Herder 24, 347
S.; die armseligen schelme, die weiter nichts als ihr handwerk nach gipsen erlernt haben und treiben Heinse
w. 4, 11
Schüddekopf; (
er zeichnete) nach gips und anatomie Göthe I 48, 71
W.; diesz ists, mein freund, was mich zwischen wachs und gips gebannt hat I 25, 98; gypse sind hier nicht mode (1788)
schr. der Göthegesellsch. 5, 68; ein neues haus, das vorzüglich den zweck hat, unsere marmor und gipse zu stellen W. v. Humboldt
an Welcker (1859) 66.
bildlich: ich könnte hierüber so grosze beyspiele anführen, dasz sie vor erstaunen zu stein oder gyps werden müszten v. Ayrenhoff
werke (1814) 3, 285. 2@dd)
als weiszer farbstoff, schminke verwandt: gypso ich weisze, bestreiche mit gipsz oder zeichne Dasypodius
dict. (1537) m m 2
b; des gifftes braune flecken (
am leichnam) sol mahlerey und gips verdecken Lohenstein
Agrippina (1685) 57; zog gips und talch heraus und strich sein antlitz ein und lasz die predigt her Günther
gedichte (1735) 498; die sitte, dasz die bacchantinnen an den trieterischen orgien sich das gesicht mit gyps weisz tünchten C. A. Böttiger
kl. schriften (1837) 1, 262. 2@ee)
gipspulver als heilmittel: ad sananda gravia vulnera ... nim mirram ... harz ... aloe gips ... mach ein pulver dannân uz unde sâe ez dar ane (12.
jh.)
zwei dt. arzneibücher 15
Pfeifer; nim die grosz walwurtz gepulvert, und nim gallas, ... gybs, colofonien, (das findest du in der apothecken), weyrouch, ... disz mach alles undereinander Gersdorff
wundarzney (1517) 30
b; nimb ... gips ... saltz unnd saiffen Seutter
hippiatria (1588) 194; so einer frawen die mutter herab in leib were kommen, nim gestosznen gips unnd 2 eyerklar, mach ein pflaster darausz Gäbelkover
artzneybuch (1596) 2, 66. 2@ff)
jung als düngemittel: ich streue ips auf meinen kleeacker J. P. Hebel
werke (1853) 2, 216; denn de professor Liebig hadd för de herrn landlüd en ganz entfahmtes bauk schrewen, dat krimmelt und wimmelt vull kahlen und zapeter un swewel un gips
F. Reuter
werke 2, 182
Seelmann; gips und asche empfahl man im 18. jahrhundert, nachdem das gipsen von äckern schon im frühesten mittelalter in übung war Wimmer
gesch. d. deutschen bodens (1905) 199. 33)
als bezeichnung für geld, brot u. s. w. meistens in niederen sprachsphären: im wortspiel mit gibs
von geben: dann bey ihnen denari do die beste karten, bey ihnen der dativus der stette casus, bey ihnen liberalis ein groszer patron: bey ihnen der gibs ein vornehmer stein, bey ihnen die stadt Helffenburg ein angenehme wohnung Abr. a
s. Clara
etwas für alle 1 (1699) 269; gips
geld, brot Bächthold-Stäubli
soldatensprache 22; er hat gips
er hat geld rhein. wb. 2, 1242; Fischer 4, 46; Hertel
Thür. 111; gips
mittagessen Imme
soldatensprache 105; gipstrog
esznapf ebda 105. 44)
zusammensetzungen vereinzelt seit dem spätmhd. belegt, s. u. gipsgieszer.
aus dem 16.
jh. gibsvergifftung Wirsung
artzneybuch (1584)
reg. d 2; -grube
Boterus allg. weltbeschreibung (1596) 1, 10, -kalk, -stein
s. u. im 17.
jh. gipsarbeit, -arbeiter
s. u., gipsweisz
gypseus Stieler
stammbaum (1691) 2487, -werk
s. u. erst seit dem ende des 18.
jh. mehren sich die composita infolge des aufschwunges der naturwissenschaften. die zusammensetzungen sind fast ausschlieszlich dingworte; adj. sind selten. vgl. z. b. gipsweisz (
s. o. Stieler 2487), -artig (D. W. Triller
poet. betrachtg. [1750] 4, 35), -farbig (Göthe I 47, 370
W.), -frei (J. Liebig
hdb. d. chem. [1843] 848).