schnurren,
verb. den durch schnurr
bezeichneten ton hören lassen; mhd. snurren,
für das ahd. durch die ableitung snurrinch
scurra (Graff 6, 850,
vgl. dazu unten 7. 8)
nachgewiesen, mnd. snurren
mit der nebenform snorren,
welche letztere auch niederl. (snorren,
susurrare, fremere, bombilare Kilian)
und dänisch (snorre)
sowie schwed. (snorra)
auftritt, hochd. als schnorren (
s. unten);
lautmalende bildung, im ablaut und engster beziehung zu schnarren
und dem dort genannten (
vgl. sp. 1186),
vielfach ausgebildet auf grund seiner allgemeinen bedeutung: schnurren,
susurrare, gemere, barrire, fremere Maaler 360
a; ich schnurre,
strideo, barrio, das schnurren,
barritus Steinbach 2, 483. 11)
von thieren, besonders fliegenden insekten, auch vögeln mit schwirrendem flug: schnurren,
susurrare, wie die schröter. Schottel 1407; schnorren, schnurren,
instar vesparum et scarabaeorum susurrare Stieler 1888; die häuschrecken snurrent mit irn flügeln in dem flug, daʒ man wænt, eʒ sein reht vogel. Megenberg 304, 6; indessen schnurrete auch daher eine grosze gelbe hornisz. Scriver
andachten (1721) 64; einen hübschen geschnittenen stein lege ich bei, ein löwchen, dem eine bremse vor der nase schnurrt. Göthe 27, 256; die wasserjungfern schnurren blitzschnell an uns vorbei. Oken 5, 1489; die zahnmeise mit schnurrendem flug fast wie ein spinnrad. 7, 247; o sylphe, traure nicht dasz locken untergehn, wenn käfer durch sie schnuren und winde durch sie wehn. Zachariä
schnupft. 3, 96; es ruht sich süsz, wenn maienkäfer schnurren. Schmidt v. Werneuchen
im alman. für 1802 22;
im bilde: wolan, diese hummeln lasz ich schnurren und fur uber faren. Luther 3, 222
b. 22)
von katzen und katzenähnlichen thieren, selten zeichen des grimms: im kreise scheu umgeht er (
der tiger) den leu, grimmig schnurrend. Schiller 11, 28;
bildlich: schnurrt nicht, alter kater! (
zu einem menschen). Rückert 2, 225;
gewöhnlich ausdruck des wolbehagens: blosz mein weiszes miezgen marschierte schnurrend auf dem spieltisch herum. J. Paul
uns. loge 1, 16; wobei sie (
die katze) ihre zufriedenheit durch anstreichen und schnurren an den tag legt. Oken 7, 1582; der löwe fing endlich ... vor wolbehagen wie eine katze an zu schnurren. Gaudy
venez. nov. 71; der neue geflügelte kater schnurrt überall, und ihn nennet Venedig patron. Göthe 1, 353;
in bildern und vergleichen: meine seele schnurrt vor freuden, wie eine katz, der man die haare strählt. Freytag
dram. werke 1, 37;
mit bezug auf einen laut der taube: das turteltäubchen hilft mir nicht, schnurren und girren kann ich nicht.
des knaben wunderhorn 1, 121;
von hunden, besonders wenn sie mit einem gewissen tone die fährte verfolgen: nâch manegen ferten snurren min Herz (
name des hundes) aldâ begunde. H. v. Laber
jagd 55; dîn snurren mag müediu bein wol machen. 89;
von andern thieren: der schnurrende elephant. Comenius
sprachenthür 190 (1657); de söge snurrt,
sagt man im Ditmarsischen von der sau, die in der brunst ist. brem. wb. 4, 901. 33)
übertragen auf zornig brummende, widerspenstige menschen, besonders in älterer sprache, landschaftlich bis heute (
schweiz. schnure Hunziker 229,
tirol. schnurren,
sich laut und unwillig äuszern, brummen Schöpf 642);
vgl. dazu unten 7: wider götlîcher zühte begunden si snurren.
Servat. 167; er will gern leiden, er will schweigen und meiden, nit schnurren, sich nit verantworten. Keisersberg
seelenpar. 23
a; ich musz mit sundern essen, die andern schnurren drumb. Luther
krit. ausg. 4, 658, 39; da schnurret der wirt und flucht die wirtin. Mathesius
Syrach 2, 29
a; würf ich dich mit dem schelmenbein und du woltest schnurren darab, so weisz ich, das ich troffen hab. Murner
narrenbeschw. 2, 111;
in formelhaften verbindungen, vielfach schnurren und murren: und wir wöllen so schnurren und murren in dem klainsten stuck. Luther
krit. ausg. 12, 624, 17; wenn du nicht mit vernunfft handlest, sonder schnurren und murren willt. 347, 15; do ehr alszo schnurrt und murret, strafft ihn
got. 14, 162, 25; denn wenn gott nichts könnte denn schnurren und murren, so müszt ich mich für jm fürchten.
tischr. 35
a; ob sie gleich zuweilen schnurren und murren. 309
b; schnurr, murr und bell gleich, wer da will. Schade
sat. 3, 244; freundlicher herr, der nicht schnurret und murret. Mathesius
hist. Christi 2, 16
b; wa ir aber wolten schnurren und wider unser friheit murren. Murner
narrenbeschw. 19, 87; der on schult tuot ab mir schnurren, und über mich will alzit murren. 90, 28; ob einer wer, der mir wolt schnurren und wider min beschweren murren. 92, 31; wil ich dir unterthenig sein, dich nimmer mehr also an schnurren, umb ein jede sach mit dir murren. H. Sachs
fastn. sp. 4, 135, 313; ich will si schnurren, murren weisen.
Garg. 37
b;
nebenform schnorren und morren: doch ob sichs bgeb und dazu kem, das er im zorn wider mich schnort und ich mit worten gegen mort. B. Waldis
Esop 2, 67, 33; schnurren und purren (
daneben schnorren und porren,
vgl. auch theil 7, 2277), schnurren und kurren, schnurren und greinen,
u. a.: hiemit fare hin, lieber neidhard, und so du viel purrest und schnurrest, so gedenk, es sind etliche, die geben nichts darumb. Luther 1, 219
b; wenn man ein wenig lachet und uber die schnur feret, so schnurren und purren sie. 4, 128
b; sie urteilen jederman, schnurren und purren, sobald man jenen nicht recht thut. 141
b; antworten mit schnorrenden, porrenden, hönischen und schnippischen worten. Glaser
gesindteufel (1564) E 1
b (
dafür bei Schuppius: so antworten sie mit schnurrenden, kurrenden, hönischen, schnippischen worten. 348); thu darob greinen oder schnurren.
fastn. sp. 152, 18;
im ausdrücklichen vergleiche: dasz unser keynützeanus mit diesem text also heftig pochet und schnurt, als wolt eyn hurnausz
s. Nichtlgasz fenster ausstoszen. Fischart
bienk. 162
a.
vgl. dazu anschnurren
theil 1, 448
fg. 44)
auch auf menschen, die hin und her fahren oder mit geräusch vorüberziehen, so von sausenden reitern: er kam gesnurret und geriten ûʒ der stat.
troj. krieg 12588; daʒ ich niht ensnurre mit den andern über ecke und die gebûren durch die hecke niht enfüere bî dem hâre, daʒ ist mir leit ze wâre.
Helmbrecht 370;
von eilenden: er ist hinweg geschnurrt (
abiit). Bolz
Terenz 170
a; sie schnurreten aber einmütiglich auff den schawplatz.
ap. gesch. 19, 29 (
später in stürmeten
geändert); er schnurt ab (
vom teufel). J. Ayrer 1115
Keller; schnurret er mit groszer eil über die brücken. Bebel (1589) 298
b; nu schnurr auf und lasz prellen.
fastn. sp. 620, 18; die reitschul sucht er selten heim, er thut vorbei nur schnurren.
des knaben wunderhorn 1, 529,
mehr aber herumfahren im zorn, sich enge mit der bedeutung 3
berührend: das eyner daher schnurret und wunderlich ist. Luther
krit. ausg. 12, 533, 18; wann ein frembd mensch in jhr hausz kumpt, dasselb sol sie mit züchtigen geberden emphahen, unnd wilkum heiszen sein, und nit neben jm hin schnorrn, und hochmütiglich verachten. E. Alberus
ehebüchl. G 2
b; (
er) schnurrte dann aus der stube. Pestalozzi
Lienh. u. Gertr. 2, 32; sagte kurz und schnauzig: kannitverstan, und schnurrte vorüber. Hebel 2, 91; das weib prumbt in dem hausz ... laufft ein stieg auf, die ander ab, und schnurret im haus hin und für, schlägt ungstüm zu kälter und thür. H. Sachs 2, 65
Keller; und als ich wolt reden mit jr, da schnurrt sie trutzig hin von mir, ich merkt, sie het ein laun auf mich.
ebenda, ungewöhnlich von einem nur leise hörbaren gange: vernahm ich, wie jemand von drauszen ganz leise einen schlüssel ins schlüsselloch steckte .. da drehte es den schlüssel langsam dreimal in der thür um, zog ihn vorsichtig wieder heraus und schnurrte dann sachte über den gang und die treppe hinunter. Eichendorff 3, 59 (1864). 55) schnurren,
von dingen; in alter sprache gern von dem die luft durchsausenden pfeile: dise pfîle ... die Gâwân durch ellens site gein sîme verhe snurren lieʒ.
Parz. 583, 23;
von der wehenden fahne: er îlte balde ûf daʒ velt und lieʒ die banniere snurren.
Virg. 573, 8;
vom sausenden schwerte: dasz das swert gleich hindurch snurret.
d. städtechron. 11, 706, 15;
vom vorwärts stürmenden schiffe: er sach in dem itwæge diu schef snurren enzwei.
Servat. 3251; die künigin das schifflin anstiesz, da schnurret es hin also ein pfyle in kurtzer zyt manige myle. Büheler
königstochter v. Frankr. 4393
Merzdorf; anders in neuerer sprache, wo es einen leiseren, nicht mehr sausenden ton bezeichnen will: unsere kleinen segel pfiffen und knarrten und der kiel schnurrte und brummte gegen die kurzen wellen, dasz es eine lust war. Zelter
an Göthe 3, 143;
vom winde: lasse den wind fein schnurren, woher und wohin es ihm beliebt. Fr. Müller 1, 314;
von feuerwerk: sie waren verweht wie schwärmer und raketen, platzend und schnurrend. Gutzkow
ritter vom geist 9, 492;
selbst, halb spöttisch, von matteren kanonenkugeln: dasz die kanonenkugeln bis zu unserm regiment, das im mittleren treffen stund, durchschnurrten.
a. mann im Tockenburg 147;
gewöhnlich aber von seilen, rädern, maschinen: dich mget so du nAegest, das die spindel .. neben dir schnurrt oder der wirtin entfallt. Keisersberg
pred. 123
b; die schnurrenden räder (
spinnräder) haben eine gewisse beredsamkeit. Göthe 23, 53; wie sie den sarg hinunter lieszen, und die seile schnurrend unter ihm weg und wieder hinauf schnellten. 16, 179; während dem schnurrten die gewichte der uhr ruhig fort. Eichendorff 3, 321; das alte uhrwerk schnurrte und surrte. Auerbach
dorfgesch. 4, 233; man liesz die fabrik zuletzt spulen und schnurren, ohne ferner eingriffe in ihre thranduftigen räder zu versuchen. Immermann
Münchh. 1, 28; das sanfte schnurren der spinnräder. Keller 7, 46; horch! der sarg versinkt mit dumpfigem geschwanke, wimmernd schnurrt das todenseil empor! Schiller 1, 108; (
sie) dreht um die schnurrende spindel den faden. 11, 309; hurre, hurre, hurre! schnurre, rädchen, schnurre! Bürger 29
b;
in freieren, übertragenen, bildlichen fügungen: er predigte, dasz es nur so schnurrte. Hermes
Sophiens reise 5, 88; nimmermehr nach diesem schnöden lande, wo die maschinen sich wie menschen, und die menschen wie maschinen gebärden. das schnurrt und schweigt so beängstigend. H. Heine 12, 57; fingen ihre gedankenräder so zu sagen zu schnurren
an. Gutzkow
ritter vom geist 5, 495; es schnurrt mein tagebuch am bratenwender; nichts schreibt sich leichter voll als ein kalender. Göthe 4, 312. 66)
namentlich auch vom klange gewisser musikinstrumente; mhd. selbst vom klange der posaunen (Lexer
handwb. 2, 1047),
später von leiseren eigenartigen tönen, so der schnurrpfeife (
s. d.),
und anderer instrumente: schnurren, .. von dem schnarrenden thon, den aufgespannte dicke saiten geben. Frisch 2, 218
a; der schnurrende bass der tanzmusik. Ludwig 2, 550; ein schnurrender dudelsack;
vom klange einer geborstenen glocke: die grosze glocke ist geborsten und schnurrt. Zelter
an Göthe 3, 265;
von der melodie selbst: die ärmliche leier kehrte immer wieder und schnurrte unbarmherzig .. in ihm fort. Mörike 4, 43. 77)
von menschen, die solche instrumente spielen: de beckenslegere snurden unde schurden myt den becken.
d. städtechr. 16, 336, 32; an manchen orten schnurren die nachtwächter mit einer schnurre. Adelung; sie schlug das tambourin ... indem sie bald mit druckendem finger auf dem felle schnell hin und her schnurrte, bald mit dem rücken der hand, bald mit den knöcheln darauf pochte. Göthe 19, 211;
übertragen auf eintöniges sprechen: ein paar worte hervorschnurren; (
er) trat zu uns, noch immer einige paternoster durch die nase schnurrend. H. Heine 2, 238; die worte bekamen etwas schnurrendes. Gutzkow
ritter vom geist 6, 287; nein eine taufe ists nicht, schnurrte hässig die stubenmagd. J. Gotthelf
schuldenbauer 4;
in dieser anwendung wieder nach oben 3
einlenkend. in Baiern stain schnurren,
auf eine gewisse art schleudern. 88)
nach dem alten gebrauche, mit der schnurrpfeife
als bettelmusikant umherzuziehen, hat sich die bedeutung betteln überhaupt herausgebildet; in weitester landschaftlicher verbreitung: bair. schnurren,
mit singen, musicieren und andern brotlosen künsten nach milden gaben umherziehen, betteln Schm.
2 2, 580;
schwäb. schnurren,
mit musik betteln Schmid 475;
niederd. snurren,
betteln, he geit ût to snurren,
er geht herum zu betteln. brem. wb. 4, 901;
am Unterharz schnurn,
bettelnd umherziehen, auch lügen, fabeln Liesenberg 199;
düringisch schnurre, schnurre gî (
gehen),
betteln, betteln gehen Kleemann 20
a,
u. s. w., vgl. auch schnurrant;
in der nebenform schnorren
namentlich jüdischdeutsch und wort der gaunersprache Avé-Lallemant 4, 263, 602,
aber auch sonst: dergleichen volk schnorrt das ganze jahr im land herum. Göthe 42, 7;
mit mancherlei spezialisierungen des sinnes: schnurren,
listig stehlen Adelung;
um Fallersleben snurren,
kleinigkeiten auf eine anständige weise von den nachbarn erbetteln, obst, nüsse u. dergl. Frommann 5, 295;
ebenso in der Altmark Danneil 200;
in Düringen schnurre
den lehrer bei dem extemporaleschreiben betrügen Kleemann
a. a. o.; als ausdruck Leipziger studenten: sie schnurren eine vorlesung,
welche sie besuchen, ohne den vortragenden zu bezahlen, sie schnurren im konvikt (
speisesaal),
sie essen umsonst für einen ausbleibenden Albrecht 206
a;
westerwäldisch schnorren
nur faulenzen, müszig umhergehn um zu plaudern Schmidt 203.
auf dem Fichtelgebirge ist schnurren,
was anderwärts fensterlen (
vergl. dazu fenstern 2,
theil 3, 1525) Schm.
a. a. o. 99) schnurren
für zusammenschrumpfen, vgl. dazu einschnorren
und einschnurren
th. 3, 283,
wol an den in hunger knurrenden und zusammengehenden magen anlehnend: mein ohnerträglicher hunger und fast vor speisemangel ganz zusamm geschnurrter magen.
Simpl. 1, 26, 2
Kurz; dann allgemein: wollt ihr im schuldthurm stecken, und zusammenschnurren, bis man zum jüngsten tag posaunt? Schiller 2, 40 (
räuber 1, 2); zusammen schnurren,
zusammen trocknen, im dürre werden einkriechen Adelung;
gesagt von getrocknetem obst, vom fleisch beim braten und kochen (Frischbier 2, 307),
von handschuhen nach dem waschen (Bernd 274),
vom oberleder des schuhwerks nach starker durchnässung (Spiesz 224),
u. a. 1010) schnurren
für roulett spielen, nach schnurre 3 (
sp. 1415)
hervorgebildet: prêsters sullen nicht dobbelen, snurren, kârten,
dedecet ignavis taxillis ludere clerum. Tunnicius
nr. 864.