zote,
f. ,
hängt mit zotte
zusammen, aber nicht in gerader linie. als selbstständiges wort von eigener bedeutung unterscheidet es zuerst Schottel: zote
f. inurbanum, aut scurriliter dictum ..., zott
f. villus, cirrus lokke, haar ..., zotte
f. tubus, röhr an den kanden haubtspr. 1449.
danach: zothe
jocus obscenus, zotte
villus Steinbach 2, 1121, Adelung,
während Stieler
nur den pl. giebt 2635.
es ist ein zum plur. zoten
auf md. gebiet gebildeter sing., welcher durch die obersächsische schriftsprache in der gemeinsprache zur geltung gebracht worden ist. erste literarische belege für den sing. zote: und jauchzen überlaut, wenn irgend eine schrift die ihrer weichlichkeit gemäsze zote trifft Günther 387; sobald sich nur ein schatten von einer zote blicken läszt Gottsched
deutsche schaubühne (1741) 1, 288.
der plur. zoten
in Oberdeutschland zuerst bei Abraham a St. Clara
etwas für alle (1721) 2, 473, zote
erst später z. b. Sonnenfels 3, 124.
doch schreiben Süddeutsche und Schweizer im 18.
jh. noch manchmal zotten,
z. b. discourse der mahlern 2, 45, Denis
lieder Sineds des barden vorbericht c 1;
vielleicht ist es einflusz der Schweizer, wenn auch Nicolai zotten
literaturbr. 7, 15, Mendelssohn zottenreiszer 4, 2, 111, Neukirch zottenwort
schreibt, ged. 172.
der plur. zoten, zotten,
in Mitteldeutschland gelegentlich, besonders handschriftlich ( Luther),
in Oberdeutschland ausschlieszlich mit tt,
erscheint in der literatur vom ende des 15.
jhs. bis ende des 17.
jhs. in der formel zotten reiszen
und einigen festen adjectiv-verbindungen wie grobe, närrische, faule, lahme zotten,
in der bedeutung '
derbe, unfläthige scherze in werk und wort'.
der seltenere sing. in gleicher bedeutung ist bis Schottel
immer, und auch nachher zuweilen männlich, als zott,
dat. acc. zotten, zoten,
wofür belege bei zott,
während das f. zotte
in dieser bedeutung bei Hulsius-Ravellus 433
a allein steht und wohl lexicographische abstraction ist. dies masc. ist in der bedeutung des heutigen zotte
in oberd. maa. zu hause. hierher musz auch zotten reiszen
u. s. w. ursprünglich gehören. im östlichen md. (
Luther und nachfolger)
stand es vereinzelt da. von dem in der bedeutung schon ferngerückten zotte
in heutigem sinne unterschied es auch der gedehnte vocal der stammsilbe; die todten : sie verbotten : die zoten
giebt als reime Grünwald
reicher vorrath (1695) 179.
so konnte die abspaltung des sing. und damit des wortes erfolgen, welches zugleich auch seine bedeutung auf das geschlechtliche gebiet verengte. in der schreibung macht sich freilich dieser vorgang nicht so deutlich: bis 1700
wird auf md. gebiet zotte
sammt ableitungen sehr viel mit einfachem t
geschrieben, der allgemeinen ungenauigkeit entsprechend. von da ab gilt die trennung, und vorkommende abweichungen sind ausnahmen, siehe oben. auffälligerweise fehlt sie noch bei Adelung,
der für beide bedeutungen zote
hat, nach ihm noch Jagemann
it. wb. 2, 2, 1429,
während Campe zote
und zotte
unterscheidet. diese verwendung des plur. zotten, zoten
ist schon beim ersten auftreten in der literatur fest ausgeprägt. sie stammt aus dem mündlichen gebrauche, und zwar des derbsten umgangstones. das älteste ist aller wahrscheinlichkeit nach die verbindung zotten reiszen
in dem sinne '
etwas unfläthiges thun',
oder '
einem andern einen unfläthigen streich spielen'.
die anwendung in der älteren zeit weist mehr auf den handgreiflichen als auf den gesprochenen scherz. da wird der ursprung in einem bereich liegen, aus dem das derbdeutsche so manche freundliche schimpfrede entnommen hat. an was für zotten
zu denken ist, zeigt der schornsteinfeger im fastnachtspiel: schlot fegen! ir herren, schlot fegen ist mein ampt, wenn sich im hintern hat gesampt der rusz mit langen zoten, das ein gefelz wer und geknoten, als der im swarz pech darein het goszen, den kan ich seuberlich abher stoszen
fastnachtsp. 1, 375
Keller (
ähnl. 187, 20).
es sind die hammels zotten,
die Murner
mit hünerdreck
und gansmilch
als mittel nennt, den bundschuh zu schmieren, s. Ch. Schmidt 443
a,
und auch die, auf welche die allverbreiteten sich behammeln, belämmern
in ihren mannigfachen bedeutungen zurückgehen, vgl. Wülfing
zeitschr. d. allg. d. sprachver. 25, 390.
s. auch bei 1zotte
und den verben zotten, zotteln.
dieselbe bedeutungsentwicklung bietet flausen,
wie zotten
ursprünglich und vorwiegend im plur. auftretend, vgl. th. 3, 1737, Weigand
5 1, 547.
ebenso liegt es wahrscheinlich bei faxen
und possen. faxen
würde dann der letzte entartets abkömmling des altgerm. fahs '
haar'
sein, das sonst nur noch in feuerfax
th. 3, 1590
und zottfax,
s. dies wort, spuren hinterlassen hat. possen
kann zusammenhängen mit der, die boszen '
büschel geriffelten flachses' Schmeller
2 1, 211, Lexer
kärnt. wb. 37.
früher wurde es zusammengebracht mit azotice reden,
eigentlich '
exotice, in fremder sprache, barbarisch',
dann '
ungebührlich reden': die öftere erfahrenheit ... gibts, dasz dergleichen jüngling durch schlimme gesellschaft, worinnen man stets azotice redet, will sagen, zottige, grobe zotten, unzüchtige zotten, wilde zotten, auch solche sausprach lernen Abr. a St. Clara
Judas d. ertzschelm 1, 277.
mit zoten reiszen
stellt auch Fischart asotisch
zusammen, aber in der bedeutung '
ausländisch': als die schläfferige sibaritische, ..., die zottenreiszende asotische, die groszbissige frisische, ..., weinsammete elsassische, herbstmostige fränckische und bambergische zechen
geschichtklitt. 67
neudr. für die von Kluge
7 509
bezweifelte gleichung azotice loqui = exotice loqui
dient vielleicht der beleg: peregrinatio debet esse leta, ut de deo cantent, ut faciunt Teutonici, non de aliis vanitatibus et turpibus ut qui exiverunt de Babilonia Judei, qui loquebantur azotice Etienne de Bourbon (†
etwa 1269)
anecdotes historiques ed. Leroy de la Marche (
Paris 1877) 1671.
bedeutung. das neue zote
hängt mit dem alten plur. in der verwendung so eng zusammen, dasz die belege nicht getrennt werden können. insbesondere ist die beschränkung auf das geschlechtliche gebiet und den wortscherz allmählich eingetreten; nur ist sie von einer gewissen zeit an, dem ende des 17.
jhs., oder besser von der gebildeten literatur des 17.
jhs. ab, die herrschende. zoten reiszen
hat diese entwicklung gleichmäszig mitgemacht. II. zoten
sind zunächst ganz allgemein unanständige späsze. I@11)
ohne genauere bestimmung, meist in verbindung mit possen, schwänken
u. ä.: jacere et mittere ridiculum guot zotten reiszen Frisius 826
b; so fallen sie darnach auf gute schwänck, zotten und bossen Fischart
podagramm. trostbüchl. 86
Hauffen; darumb so reiszen solch zotten und solch figuren, dasz mit ihnen die kurtzweil ver trieben wird Paracelsus 2, 198
c Huser; der zucht und tugend ehrt, darf wohl der laster spotten, disz tracht ich auch zu thun, und meide wüste zotten Grob
dichter. versuchungen 12; solch sein gesind musz ein haus-vatter mit ernst zu aller gottes furcht anhalten, ..., grobe zotten und possen, ... eifrigst abschaffen Hohberg
georg. cur. 3, 83
a. zoten treiben, vorbringen, auf die bahn bringen, mit zoten umgehn: du gehst mit bösen possen, mit faulen, lauszigen zoten umb Seb. Franck
sprichw. a ii 17
a.
eigenthümlich ist um zotten gehn
im sinne von '
nichts thun': alle dieweil sie da umb zotten gehen, und schluraffen feil halten J. Westphalen
theatrum diabolicum 1, 301
b (
faul-teuffel). I@22) zoten
sind thätliche späsze, alberne, thörichte streiche, faule, lahme zoten,
deutlich in verbindung mit treiben: darnach so geht er (
der säufer) was spacirn, was er gethan zu meditirn, und wie er seine zoten wol entschüldigen und beschauen sol Ringwaldt
lauter wahrheit 59; es ist heutigs tags dahin kommen, dasz ... fressen, sauffen, hurerey, ehebruch, schinden und rauben, brahlen und bochen, garstige zotten, fartzen und kotzen (mit zucht zu melden) dasz musz dem adel wol anstehen Moscherosch
gesichte 2, 414; dabey die greulichsten excesse, ärgernisse, possen und zoten getrieben worden Arnold
kirchen- u. ketzerhist. 2, 185
b; wenn nun ein grobes holtz, ein Eulenspiegels gleichen, läszt einen pfuy-dich-an mit gutem willen streichen, bringt kahle zoten vor, verschluckt ein ganzes ey Rachel
sat. ged. 107
neudr. I@33) zoten, zotten
sind die erzählungen von unanständigen, derbkomischen streichen: kan doch das ohrenzart frauenzimmer wol etliche zotten in Boccatii Centonovel .. vertragen Fischart
geschichtklitt. 6; der erste theyl .. Katzipori .. darinn newe mugken, seltzamme grillen, unerhörte tauben, visierliche zotten verfaszt und begriffen seind Lindener
Katzipori 59
Lichtenstein (
titel), so wird doch gleich wohl niemen schandbahre wort, oder abentheuerische narrentheidungen antreffen, oder grobe zoten finden Prätorius
philosophia colus vorrede 4; das osterlämblein und S. Peters degen (
alberne geschichten zur erläuterung des evangeliums) erinnert die prediger, dasz sie nicht unnütze sachen und narrentheidung oder lame zotten auf die cantzel bringen Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 51
neudr.; so jemand ist, dem wolgefall, grob, beurisch, und unhöflich art, ... der läsz disz büchlein wol gesaltzen, mit groben zotten wol geschmaltzen Scheit
Grobianus 6
neudr. I@44) zoten
sind unanständige wortwitze, reden jeder art, seit dem 17.
jh. die in den wbb. übliche genauere erklärung: das sind mir guot zotten
facunde me hercle dicta Maaler 523
c; zotten reiszen, unflatige und grobe bossen sagen Hulsius
und Ravellus 433
a; unverschemet reden, grobe zoten reiszen
scurrari, loqui impudice Calvisius 630; zotten possen
dicta sordida Dentzler 365
a; wenn mainstu dasz ich seltzam zotten reisz yetz in der fasznacht Luther 11, 295
Weim.; vor aller forcht solt hüten dich: auch hören zu mit gantzem fleisz, wer schendtlich zotten sag und reisz Scheit
Grobianus 278
neudr.; der redt solche unschambere wort .., das sich einer verwundern solt, woher in ain solche person so grobe, büberische zotten kämen Nas
antipap. eins u. hundert 2, b iv
b; ein ander habe die h. dreifaltigkeit verglichen mit der mistgabel, und was der zoten mehr seyn
Rein. Fuchs (
Rostock 1650) 268; so ist auch gefährlich, dasz man in seinen reden viel zoten und saupossen mit untermischt Chr. Weise
drey klügsten leute 311. I@55)
als faule, lahme zoten
bezeichnet Luther,
und nach ihm andere, die meinungen, gründe und anschläge seiner gegner: weil beide papisten und schwermer yhe lenger yhe mehr lame faule lose zoten schreiben, yhren yrthum zu schützen 23, 37
Weim.; darnach han sie die eh verbotten, und sonst fürbracht viel lahme zoten Krüger
anfang u. ende d. welt j ii
b; welcher (
der primarius zu Görlitz) ehrenrührerische paszquell und zotten wider seine pfarrkinder drucken lässet J. Böhme 6, 253; und haben sich die guhte herren einen groszen haufen erdichteter zohten lassen aufbinden Rist
friedewünsch. Teutschland 123. IIII. zote
ist unanständiger wortwitz aus dem geschlechtlichen gebiete, seit etwa 1700
die geltende bedeutung. hierin tritt der sing. auf. II@11)
im allgemeinen sinne: zoten,
gerrae, garstige unzüchtige reden Gottsched
d. sprachkunst 115; item da höret man wenig züchtiger wort, viel unzüchtiger, schandbarer wort und zoten gehen alda, welche zu hurerey .. ursache geben Friderich
wider den sauffteuffel (1552) c 2
b; so ahmte ich ihm ... nach, dasz ..., wenn ich redete, das zweite wort eine zote war Laukhard
leben u. schicksale 1, 13; Abraham von Santa Clara scheuet sich nicht auf der cantzel, die ärgerlichsten zoten zu reiszen
d. vernünft. tadlerinnen 2, 16; dem frommen pilger auf der salve droben flog eine zote aus dem breiten maul Pichler
neue marksteine 54. II@22)
als plump, grob, gemein: man verspottet die masken mit fischmarktswitz, zoten und wieherndem gelächter Archenholz
England u. Italien 1, 2, 530; um am abend im weinhaus unter lärmender gesellschaft zoten zu reiszen Schubart
briefe bei D. Strausz 8, 209; hüten uns auch vor zoten und flüchen Göthe 16, 9
Weim. II@33)
als schlüpfrig, zweideutig: diese verletzen mit ihren zweydeutigen zoten alle regeln der sittsamkeit und ehrbarkeit
vernünft. tadlerinnen 1, 348; artigkeiten in buchstaben-verwechslungen, mit spitzfündigen zoten untermengt Petrasch
sämtl. lustspiele 2, 118; lustspiele .., in denen zoten, schale wortspiele, abgeschmackte redensarten statt des witzes aufgetischt werden E. Th. A. Hoffmann 4, 78
Grisebach; eine gute zote erfordert auch ihr talent Arnim 7, 225; die zweideutigkeit, .. deren hauptgebrauch der obscöne (die zote) ist Schopenhauer 1, 104
Grisebach. II@44)
als unedles element der unterhaltung und der poesie, insbesondere im komischen drama: die gewöhnlichen unterredungen mit frauenzimmern sind eingekleidete, oder meist nackte zoten Schubart
leben u. gesinnungen 1, 225; heitere abende .., an welchen Castelli mit seinen späszen und zoten in den vordergrund trat
jahrb. der Grillparzerges. 2, xxii; die unterhaltung geht in zoten über Vischer
auch einer 2, 182; verschenmacher, mit ihren .. groben zoten Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. zuschr. 2; es heiszet die .. deutsche dichtkunst ... zur unzucht genötiget, wan etliche grobe lümmel sie bisweilen mit so unhöflichen zoten verunehren Zesen
Helikon 1, 199; so lang das schauspiel .. nur dazu gebraucht wird, .. das grosze heer unserer müssiggänger mit dem schaume der weisheit, dem papiergeld der empfindung und galanten zoten zu bereichern Schiller 2, 343; eigentlich beruht das ächte lustspiel lediglich auf persönlichkeiten und zoten Göthe
gespräche 10, 121
Biedermann. II@55) zoten
sind insbesondere unzüchtige geschichten und anekdoten; vgl. I 3: wann er herrn Ludwigen ein gefallen zu erweisen verlanget, so erzehle ers immer heraus, er liebt die zoten, dasz nichts darüber Zendorius
teutsche winternächte 292; er ist ein groszer freund von zoten, die er mit äuszerlicher kälte und gelassenheit vorträgt E. Devrient 118 (
an Therese Devrient). II@66) zoten
sind unanständige lieder, aber nur wo vom singen die rede ist: unterdessen treten die weiber auf die bänke und singen allerlei zotten Olearius
pers. reise 108; zehn rekruten, die .. die liederlichsten zoten sangen Miller
Siegwart 1, 148. II@77) zote,
als prädicat, ist in freiem gebrauch, was von zotiger art ist: sie .. sangen lieder, die zu halb geistlichen inhaltes, zu halb zote waren Rosegger 13, 13; ein mann tritt ein, sein blick schon eine zote Wedde
lieder eines Patreyka 45.