spitz,
adj. acutus, mhd. spitz, spiz, spitze Lexer
mhd. handwb. 2, 1104,
ahd. spizzi Graff 6, 366,
in andern altgerm. dialecten nicht bezeugt, etymologisch verwandt mit spiesz,
bratspiesz, spitze, älter spisz,
mhd. ahd. spiʒ,
wie dies wol gleicher wurzel mit lit. spitélè,
nadel in der schnalle, lat. spica, spina,
skr. sphyá,
spahn. Fick
4 1, 574 (
vgl. oben spiesz II).
wegen der ags. entsprechung dieses subst.: spitu
nimmt man an, dasz das adj. ursprünglich u-
stamm ist. Kluge
nom. stammbildungsl.2 § 181.
[] Wilmanns
gramm. 2,
s. 397. 409,
wobei auffällig bleibt, dasz der danach zu grunde liegende gleiche nominale stamm nur im hd. adjectivische function gewahrt oder entwickelt hat. adjectivische u-
stämme nähern sich in der flexion allerdings schon im got. den ja-
stämmen. jedenfalls ist ahd. spizzi ja-
stamm, setzt die westgermanische consonantengemination vor j
voraus (
einfaches t
nach einem vocal wird ahd. ʒʒ,
im auslaut ʒ,
vgl. spiʒ).
die form spitz
beruht auf verkürzung von spitze.
nach stimmlosen lauten pflegt auslautendes e
eines adj. nhd. und zum theil schon mhd. abzufallen. Wilmanns
gramm. 1,
s. 264; spitz
herrscht nhd. durchaus. vgl. auch: nach wunsche waren ir die bein, weder zu groʒ, noch zuo clein, smale füeʒ und da bi spitz. die wiʒe gab da widergliz. Altswert 25, 29.
in adverbialem gebrauch ist vereinzelt noch aus dem 18.
jahrh. spitze
bezeugt: schon horchten all' mit offnem maul, die ohren standen spitze.
Leipziger almanach d. deutschen musen 1779
s. 207.
in der älteren schriftsprache, anscheinend schon mhd., zweifellos nhd. bis in die zweite hälfte des 18.
jahrh. tritt spitz
im gebrauch hinter dem jüngeren spitzig
zurück. Dasypodius, Maaler 381, Hulsius (1616) 303
b, Stieler 2064, Steinbach 2, 630
verzeichnen nur spitzig. Kramer
deutsch-ital. dict. 2 (1702), 873
b führt spitz
als zusammengezogene nebenform zu spitzig
an, gebraucht aber in den belegen nur dies. Frisch 2, 304
a bietet 'spitz,
abgekürzt für spitzig'
mit einem beleg aus Keisersberg (
s. unten 1,
a). Adelung
nennt spitz '
ein nur im gemeinen leben für spitzig
übliches wort.'
erst bei Campe
erscheinen beide wörter als gleichwertig neben einander mit dem versuch einer bedeutungsdifferenzierung (
vgl. unten spitzig). spitz
ist auch ins nd. gedrungen, mnd. spis Schiller-Lübben 4, 329
b, spitz (
in zusammensetzungen) 333
b. 334
a,
nnd. spitz, spits
brem. wb. 4, 956. Dähnert 449
a. Danneil 204
a. Woeste 250
b. ten Doornkaat Koolman 3, 279
b;
ebenso gehen nndl. spits,
dän. spids
auf hd. spitz
zurück (
wobei wol das nd. vermittelt).
vgl. weiter schwed. spetsig. spitz
wird im allgemeinen als gegensatz zu stumpf
empfunden. 11)
als eigentliche anwendung gilt sinnlicher gebrauch, in dem es gefaszt werden kann als: schmal in einen punkt zusammenlaufend. 1@aa)
von dingen, die stechen, leicht in etwas eindringen. so von waffen, geräten und zubereiteten gegenständen überhaupt, die eine solche wirkung haben sollen: ûfer den grabohûfen. saztôn sie (
die Römer beim aufwerfen des lagers) sine uuelbe spizze bouma. sô sie gedrungenôst mahtô
n. daʒ man dâr dureskîeʒen nemahti. Notker 1, 46, 23
Piper (
Boeth. 1, 29); wann man ein höltzlin zuviel spitz will machen, so macht man es stumpf. Keisersberg
post. 12
b bei Frisch 2, 304
a; ein spitzes messer. Adelung; dieser dolch ziemt keiner schauspielerin; spitz und scharf wie nadel und messer! Göthe 19, 94; bei einer unvorsichtigen bewegung des sträubens, die er gemacht, hatte der spitze stahl (
ein dolchmesser) seinen hals geritzt. C.
F. Meyer
Jenatsch 54; aus der schleuder, die Berthar auf die treppe des eingangs gestellt hatte, flogen die spitzen baumpfeile in ihre reihen. Freytag
ges. werke2 8, 201; Vriʒper unte Hiltebolt wolten, daʒ her Amelgôʒ unt sîn veter Lanze vor ir spizzen snallen hüeten sich.
minnes. 3, 221
b Hagen; heiʒe mit guoter witze haggen nemen spitze gemachet ûʒer îsen und heiʒe die veigen wîsen ab der frouden strâʒe. Hugo v. Langenstein
Mart. 161, 70; ein ander rechnet aus der winckel maasz und zahl, und sucht den mittelstrich mit einem spitzen stahl. Rachel 56.
ebenso von zubereiteten gegenständen, die andern zwecken dienen, aber solche wirkung haben können: eine spitze schreibfeder, bleifeder.
auch von zufällig entstandenem und natürlich gewordenem: spitze holzsplitter; auch hatt' ich die meiste zeit wunden oder beulen an ein paar gliedern, und wenn eine blessur heil war, macht' ich mir richtig wieder eine andre, sprang entweder auf einen spitzen stein auf, verlor einen nagel oder ein stück haut an einem zehen, oder hieb mir mit meinen instrumenten eins in die finger. Bräker 27
Reclam. von theilen des animalischen körpers: syn (
eines meerungeheuers) steert was groth unde langh alse en husbalke unde echafftich scharp alse en swert und spiis also ein borstspeet.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 329
b; ich will den unterirrdischen schatz
[] aus den klauen des zauberhundes reissen, und wenn er tausend rothe flammen auf mich speyt, und seine spitzen zähne gegen meinen degen bleckt. Schiller
räuber trauersp. 4, 17; ir zene ze stumpf noch ze spiz und wîʒer den ein helfenbein. Myller
fragm. xxvi
b entsprechend: das spitze ende eines messers, eines zahns.
sprichwörtlich: allzu spitz nicht immer sticht. Kirchhof
wendunm. 3, 70
Österley. 1@bb)
von andern dingen. so von theilen der rüstung, kleidung: beyngewant (
beinschienen), buchblecher, spitze huben und lange scheken (
enge leibröcke) kument us in Elsas von den ersten Engelendern 1365.
d. städtechron. 9, 876, 10 (Königshofen);
von der kopfbedeckung des jüdischen priesters: im (
gott) liebet vür ein herwîn tuoch ein messekappe sîdîn, und vür ein spitzeʒ hüetelîn ein infel schœne und ûʒ erwelt. Konrad v. Würzburg
goldene schmiede 1418; spitze hüte
als vorgeschriebene tracht der juden im mittelalter: die iuden suln hüte tragen, die spiz sin; da mit sint si uʒ gezeichent von den cristen, daʒ man si für iuden haben sol.
Schwabensp. cap. 214, § 10;
vgl. auch: dar wart angehenget (
an eine urkunde) der stad grote ingeseggel, unde aller gilde ore ingeseggele ock, unde der hovetlude desgeliken, unde nigeden unde hogeden an dem breyve alse de jodden an dem spissen hOede.
d. städtechron. 16, 360, 18 (
Braunschweig, v. 1488);
als tracht geistlicher würdenträger der katholischen kirche: und wer der haufen noch so grosz vol breiter roter spitzer hüt, der ieder bsonders in mich (
Luther) wüt mit schreiben, schreien, lesterwort. Schade
sat. u. pasqu. 3, 117, 32.
als bauerntracht, vgl. hut
oben theil 4, 2, 1979: so saget (
der bauer) Kunz, schlägt in die hand, und rückt den spitzen hut die queere. Gellert 1 (1775), 41.
seit dem 17.
jahrh. ist der spitze hut
characteristisch für den aus dem plumpen bauer entwickelten hanswurst, auch für einen intriguanten, verläumder, vgl. hut
a. a. o. und spitzhut, -hüter
unten, wozu beitragen mag, dasz er als welsche (
italienische)
tracht auch in Deutschland sehr bekannt ist. mit bezug auf seitliche spitzen, ecken eines hutes: er starb, und liesz bey seinem sterben den dreyfach spitzen hut dem erben. Gellert 1 (1775), 10.
vgl. dreispitz 5
oben theil 2, 1392. spitze schuhe,
s.schuh 1,
c, β oben theil 9, 1841.
ebenso von andern menschlichen erzeugnissen: die spitzen thürme (
einer burg) mit ihren glänzenden knöpfen und die tiefen schwarzen dächer schwankten. Novalis 2, 176 (
Heinr. v. Oft. 1, 9)
Meiszner. von natürlich gewordenem: es waren aber an dem wege, da Jonathan sucht hinüber zu gehen zu der Philister lager, zween spitzen felsen.
1 Sam. 14, 4; spitze blätter einer pflanze. Behlen 5, 657.
auch von pflanzen mit solchen blättern: creutzsalbey, edle salbey, spitze salbey,
salvia minor pinnata, salvia auricularis. Henisch 621, 19; spitz wegerich,
plantago angustifolia, lanceolata. Frisch 2, 428
b,
vgl. spitzwegerich
unten. von theilen des animalischen körpers: spitze schnauze, spitze ohren eines hundes;
auch des menschlichen: ihr zur seite ritt ein zwerg, phantastisch aufgeputzt, mit einem spitzen höcker. Platen 325
a. spitze füsze Altswert 25, 29 (
s. das formale),
heute kaum üblich; spitze knie; spitze backenknochen, backen,
hier in die allgemeinere bedeutung schmal, mager verlaufend. Hunziker 247. Seiler 275
a,
vgl. unten 3,
a; spitzes kinn,
schlimme innere art anzeigend: dein Pandus, der so zu dir schleicht, hat eulenaugen, und sie schielen; sein kinn ist spitz; ... wenn dieser rothkopf ehrlich ist, so ist er wahrlich ein betrüger. Hagedorn 1, 111;
sprichwörtlich: im spitzen kinn, sitt de düwel in. Dähnert 449
a; lange nas und spitzes kinn, da sitzt der satan leibhaft drin. Simrock 349, 7421; spitzes kinn, böser sinn. 461, 9759;
dafür auch: spiz am kinn: böser sinn. Eisenhart
sprichw. (1823)
bei Eiselein 574 (
vgl. myth. 1029 [
von hexen]); spitze nase,
mit gleicher auffassung: spitze näse, un spitzen kinn, daar sitt de levendige düvel in.
brem. wb. 3, 219;
[] nach volksmäsziger anschauung besonders alten jungfern eigen, worin die myth. 1029
erwähnten vorstellungen von hexen nachklingen mögen; bei unmutigem gesichtsausdruck, mit dem herabziehen der mundwinkel schärfer hervortretend: werden die blicke der mütter besorgt, die nasen vieler tanten spitz. Freytag
soll u. haben 1, 191;
vom zusammengezogenen, vorgeschobenen munde: einen spitzen mund machen,
z. b. beim küssen; es spizes müli mache,
vor frost, aus eszgierde. Hunziker 247; spitze finger machen, mit spitzen fingern anfassen
u. ähnl., bei vorsichtigem oder zierlichem anfassen: ligurio, ich greif mit spitzen fingern zu (
beim essen). Alberus
dict. ff 1
a; den meydleinschleck, den man mit spitzen fingern und meszern fürlegt.
Garg. 54
b; das papier ... mit zwei spitzen fingern in den papierkorb sinken lassen. Keller
nachl. 29;
auch bei diebischem erfassen; als jüdische geberde der habgier: 'hast du? hast du?' schrien sie dem neuangekommenen entgegen und machten finger so spitz wie krallen gegen seine festgeschlossene faust (
worin er den gestohlenen ring hatte). Brentano 5, 142. spitzer bart: er spielte mit seinem jungen spitzen kinnbarte. C.
F. Meyer
Jenatsch (1801) 131.
vgl. auch die unter dem formalen angeführte stelle Leipziger almanach d. deutschen musen 1779
s. 207. spitzes ende
in entsprechender anwendung (
vgl. a): daʒ herze (
des hirsches) sneit er halbeʒ abe hin gein dem spitzen ende und namʒ in sîne hende und begunde eʒ teilieren. Gottfried
Trist. 2973.
auch in bezug auf flächen: an der spitzen vrechten (
ackerstück).
quelle v. 1281
bei Kehrein
sammlung alt- u. md. wörter aus lat. urkunden (1863) 61
b; spitzer winkel. 22)
im anschlusz an die unter 1,
a abgegrenzte gebrauchssphäre in mannigfacher übertragener anwendung. 2@aa)
genau treffend, erfassend, scharf, vom gesicht, in älterer sprache, doch nur in stellen bezeugt, wo geistiges vorstellen oder erschauen gemeint ist: mit des (
Morolts) gewæfene wil ich noch mit sîner sterke mînes herzen merke noch mînes sinnes spitze sehe mit nâhe merkender spehe nit stümphen noch lesten. Gottfried
Trist. 6509; syt das sant Augustinus spricht, der doch gar spitz ougen het zuosehen denn wir, wenn im kum yeman glichet, was wolten wir denn hie zuo künnen gesagen, dann als er seyt. Keisersberg
bilgersch. 19
c.
wie klug, scharfsinnig: deʒ slangen drittiu witze diu ist vil spitze. er ist niht gar ein tôre. Hugo v. Langenstein
Mart. 46, 22; ich darff nit fill spitzer vernunfft, das ich beschreib die schelmen zunfft: der deglich brauch lernt mich das wol, wie ich eyn schelmen kennen sol. Murner
schelmenz. 1.
vorrede 41
neudr.; der könig hat gar ein spitzen kopff. Hedio
Com. 152.
auch so veraltet. aber noch adverbial in mundartlich gefärbter sprache: wie spitz sie die sache auch überschlug, ins klare kam sie nicht. Gotthelf
Hans Joggeli (1893) 19.
nd. von wissen und aussagen wie scharf, klar, genau: dat kann'k spits wiəten. Woeste 250
b; dat kann'k so spits nitt seggen.
ebenda. vgl. spitz kriegen
unter e. 2@bb)
dann mit dem tadelnden beisinne des unabsichtlich oder absichtlich trügerischen wie überklug, tüftelnd, wol wegen der von der kirche früh betonten gefahr eines blosz verstandesmäszigen speculierens und handelns, in älterer sprache: spitze künste, die gên nu vür, die maneger einveltiger herzen tür sô sêre verzwickent und verslieʒent, daʒ manege sêle ir niht genieʒent.
renner 2034; du maht mit dînen witzen valschen unde spitzen mîn herze niht geneigen daʒ ich dem tievil veigen mitt opphir hie iht bringe. Hugo v. Langenstein
Mart. 92, 112; der meister von den spitzen sinnen (
Duns Scotus, doctor subtilis) hat ser geholfen 's grab gewinnen, dan er geschriben hat so vil, so hoch verstendig und subtil, dasz die da gwesen sind gelert, ir meiste zeit drin hand verzert. Schade
sat. u. pasqu. 2, 243, 1738; sage mir, ob der nicht ein unsinniger narr were? der die leute von der einfeltigen weise zu reden, auff seine spitze,
[] scharffe, sophistische weise wolt füren, so doch die einfeltige sprache nichts mehr wil mit dem spruch (das eisen ist eitel fewr) denn das sie deuten wil, wie das eisen und fewr in einander sind, das wo eisen ist, da auch fewr sey. Luther 3, 79
b; so hette sie die einfeltige art der sprachen leichtlich können entrichten, die durch jre spitze und ersuchte scherffe der vernunfft, jnen selbs und andern so viel unnütze mühe und arbeit machen.
ebenda; weil sie auff der bahn gehen, das sie gottes wort wöllen nicht mit dem glauben ehren, oder nach einfeltiger weise der sprachen annemen, sondern mit der sophistischen vernunfft und spitzer subtiliteten messen und meistern, werden sie gar fein dahin komen, das sie auch leugnen werden, Christus sey nicht gott.
ebenda; und also wider alle vernunfft und spitze logica, halte ich, das zwey unterschiedliche wesen, wol ein wesen sein und heissen mü
gen. 485
b.
häufiger frühnhd. spitzer fund, spitzes fündl(e)in,
überklug, trügerisch ersonnenes, ausgedachtes: die gnade helt gott dennoch allzeit steiff uber der welt, das er keinen falschen propheten lesst anders fürnemen, denn etwas eusserlichs, als da sind, werck, und subtile, spitze fündlin, von eusserlichen dingen. Luther 3, 36
a; und (
das 9.
und 10.
gebot) ist nach (
am rande: auch) ein schutz wider die spitzen fündlin, und rencke der weltweisen, die doch auch jre straffe zu letzt kriegen. 6, 313
b; dan sie (
Duns Scotus und Thomas v. Aquino) mit iren spitzen fünden, mit den sies als hand wöln durchgründen, uns so vil hand zuo schaffen geben, dasz wir die bibel nit dar neben lesen konten ein einich mol. Schade
sat. u. pasqu. 2, 243, 1761; sy wölten (
wählten) ein schlechten prelaten mit listen und mit spitzem fundt, der ir liedlin singen kundt und liesz es gon, recht wie es gieng. Murner
narrenbeschw. 15, 41
neudr. vgl. spitzfund, spitzfündig-, findig.
in entsprechender anwendung auch von personen: also hetten diese sophistische und spitze klüglinge an diesem ort auch mügen das gantze stück, als brot und leib, da Christus von redet, deuten allein auf den leib, da er spricht, das ist mein leib, unangesehen das brot. Luther 3, 80
a; ob hie nu der spitze Vigelph und sophisten wolten fürgeben die prædicatio identica, das zwey unterschiedliche wesen nicht mügen ein ding sein, noch eins das ander gesprochen werden. 486
b; denn man mus nicht achten, was solche spitze sophisten gauckeln, sondern auff die sprache sehen, was da für eine weise, brauch und gewonheit ist zu reden. 488
a; lasz die spitzen und glawblosen sophisten nach solchen ungründtlichen dingen trachten und die gottheytt yns sacrament betzaubern. 11, 450, 13
Weim. ausg. 2@cc) spitze fragen
können spitzfindig ersonnene sein oder solche, deren lösung scharfsinn erfordert: es war mir so ziemlich gelungen, mich in seine gunst zu setzen; denn ich wusste ihm die spitzesten fragen, die sonderbarsten fälle aus dieser für uns Teutschen so wichtigen wissenschaft vorzulegen. Klinger 9, 62.
in älterer sprache dann auch von geschäften, die geistiges geschick erfordern, wie schwierig, heikel: ein diener soll in spitzen geschäfften die krebs mit seines herrn handschuch aus den löchern ziehen. Lehmann 139. 2@dd)
die empfindung scharf treffend, verletzend, in bestimmten gebrauchsarten. 2@d@aα)
in bezug auf innere, seelische empfindung, meist mit dem nebensinne des absichtlichen und versteckten, von worten: eben so gehets der tyrannen pracht auch zu letzt, das sie nicht allein macht und gut verlieren .., sondern das man auch yhr dazu spottet und lachet mit spitzen und bundten, hönischen worten 'wo bistu nu, juncker? wo ist dein zorn'. Luther 19, 400, 13
Weim. ausg.; Serlo schmeichelte zwar jedermann im einzelnen, aber seine spitzen reden über das ganze waren doch auch öfters herumgetragen und wiederholt worden. Göthe 19, 244; da klangen schon in der ersten viertelstunde so spitze reden herauf, dasz die arglose frau Hahn dem weinen nahe war. Freytag
ges. werke 6 (1897), 125; spizi rede füere. Hunziker 247;
nd. spitse worden, 'n spitsen antwôrd. ten Doornkaat Koolman 3, 279
b; wʒ halffs, ich druckte (
meine untergebenen) gleichwol fort, acht keiner red, noch spitzen wort. Ringwaldt
tr. Eck. H
b.
entsprechend auch spitz zünglin. Luther
sprichw. 354
Thiele, spitze zunge,
eine verbindung, die durch den anklang an fügungen wie spitze zähne
u. dgl. (
vgl. 1,
a)
eine besondere sinnliche kraft erhält: [] nichts mocht' ihm (
im turnier) seine vorsicht (
dasz er den schwersten speer gewählt hatte) frommen, nichts sein frecher muth und seiner spitzen zunge behendigkeit. Wieland 18, 19 (
Geron 118); '... wiewol ich wirklich etwas bin beklommen, wie dir (
der perle) in deinem hohen wellenschwunge, ich's nachthun soll aus meiner dunklen tiefe.' so sprach der edelstein mit spitzer zunge. Rückert
ges. ged. 1, 165; hand will lieber worte kritzeln, aber nur zum nothbedarf; zunge liebet mehr zu witzeln, karg zu sein und spitz und scharf. Hoffmann v. Fallersleben
ged.9 41;
in ausgeführtem bilde, das an die thätigkeit des kupferstechers oder dgl. anzuknüpfen scheint: er stach ihm mit seiner spitzen zunge ein schönes bild der höfe aus (
schilderte ihm das hofleben als schön). J. Paul
unsichtb. loge 2, 42.
nd. auch von personen, die zu solchen worten neigen: 'n spits wî
f. ten Doornkaat Koolman 3, 279
b.
in adverbialer fügung, sinnlicher anwendung im ausdruck nahe: ihr setzt eure worte sehr — sehr gut — sehr spitz — ich bin betreten — allerdings — ich hätte ... (
anders handeln sollen). Lessing 2, 248 (
Nathan 1, 5);
unmittelbar neben verben der aussage: 'schade', rief Clelia nach dieser erörterung spitz, 'dasz sie sich nicht selbst als niederschlagendes pulver verschreiben können ...' Immermann 4, 97
Boxberger (
Münchh. 8, 2); der alte herr .. sagte spitz. C.
F. Meyer
nov. 1, 36; ihr umgangskreis, den Berndt ziemlich spitz als 'allerlei freunde' bezeichnete, war nicht darnach gewählt worden, ob er anderen, sondern lediglich darnach, ob er ihr gefiele. Fontane
vor dem sturm 2, 17. jemand spitz kommen,
ihn mit worten verletzen. Borchardt-Wustmann
redensarten (1894) 447, 1117;
nd. he brukt mi nig so spizz antokamen,
sei er nur nicht so spöttisch. Schütze 4, 171. etwas spitz nehmen,
übel nehmen, versteckte bosheit, versteckten spott, tadel darin finden: der junge mensch gefiel ihm, weil er nicht alles 'so spitz nahm' wie sein vater, bei dem er nie ganz in seinem feuchten elemente war. J. Paul
heiml. klagel. 35. 2@d@bβ)
selten in bezug auf körperliche empfindung, mit einschlusz der inneren von der wirkung, die im 5.
akte von Göthes
Faust die äuszere berührung mit den rosen der engel auf Mephistopheles hat: selbst der alte satans-meister war von spitzer pein durchdrungen. Göthe 41, 337.
es sind flammen. die ihn durchdringen. auf rein körperliches hitzegefühl geht die folgende fügung, die unmittelbar an 1,
a anknüpft: der mittag ist glühheisz, die sonne sticht so spitz. Auerbach
dorfgesch. 3, 124.
adverbial wie hier in der folgenden stelle von der wirkung kalter, rauher witterung auf die haut, durch eine art personificierung in engstem zusammenhange mit α: das zarte lippchen ist gesprungen, weil nun über reif und frost die winde spitz und scharf und lieblos mir begegnen. Göthe 2, 96.
mundartlich auch in allgemeiner anwendung wie frostig. Frischbier 2, 353
b. 2@ee)
häufig ist in der neueren umgangssprache, besonders Nord- und Mitteldeutschlands, die verbindung spitz kriegen
mit acc.-object. sie ist wol auf nd. boden erwachsen. die ursprüngliche sinnliche kraft des ausdrucks erscheint am deutlichsten erkennbar in der folgenden anwendung: wo willen wi dat ding spitz kriegen?
wie wollen wir leicht mit der sache durchkommen. Dähnert 449
a,
eigentlich: wie wollen wir das ding so zuspitzen, dasz sich die hindernisse damit leicht durchdringen lassen. so auch: dat kann ik nig spitz kriegen,
ich kann nicht damit zu meinem zweck kommen. brem. wb. 4, 956; ich kann die sache nicht spitz kriegen,
ich kann damit nicht zum ziele, zum zwecke kommen. Hennig
preusz. wb. (1785)
bei Frischbier 2, 353
b,
ebenso positiv: wunderbar ist meine gabe, die lüge spitz zu kriegen, wennús darauf ankommt, mich herauszulü
gen. Hebbel 9 (1891), 24.
meist wird es dann auf verstehen, geistiges erfassen bezogen, mit anlehnung an 2,
a: dat kann ik nig spitz kriegen,
ich kann es nicht ausfindig machen oder ergründen. brem. wb. 4, 956; ich kann es nicht spitz kriegen,
ich kann den grund davon nicht einsehen, kann mich nicht darein finden. Adelung; beim höchstseligen herrn (
Friedrich Wilhelm I.) gings zuweilen in diesem stück bunt über eck — und da konnte man manches nicht spitz kriegen. Hippel 2, 115; wiewohl ich nicht spitz kriege, wie sie das kumpabel sind. J. G. Müller
Siegfr. v. Lindenberg 1 (1784), 98; so wenig ich, wie du dich erinnern wirst, bey meinem vorgestrigen einzuge, und so lange ich nur die alte
[] tante gesehn hatte, die guten absichten des zufalls mit meinem individuum spitz kriegen konnte. Thümmel
reise 3 (1794), 140; zeitungs-geträtsch, zeitschriften-geschwätz, theegewäsch ist ihm (
dem volk) eine fremde welt, und den schrannenmischmasch kann es kaum zusammenstaben, aber nie spitzkriegen. Jahn 2, 634
Euler; vgl. auch Anton 13, 4.
ebenso, obschon weniger häufig, positiv etwas spitz kriegen,
sich über etwas klar werden, auch: etwas gewahren, bemerken. Albrecht 214
b. Jecht 106
a,
nd.: hê hed dat gau spits kregen (
gelernt, begriffen), wo hê dat maken mut. ten Doornkaat Koolman 3, 279
b.
heute auch einen spitz kriegen,
ihn durchschauen, hinter seine schliche kommen. 33)
im anschlusz an den unter 1,
b erwähnten weiteren gebrauch in freierer anwendung wie: der fülle ermangelnd. 3@aa)
in bezug auf aussehen, gestalt, schmal, dünn, sich vorbereitend in wendungen gleich den folgenden: myt den konden se hoveren, dat on de budel (
geldbeutel) wart al spys.
d. städtechron. 16, 198, 3044 (
Braunschweig, v. 1490); spitze backen, ein spitzes gesicht,
nach dem kinn zu spitz verlaufend, dann in obiger art empfunden. entsprechend: spitz aussehen,
mager, abgefallen, kränklich. Anton 4, 11.
der richtige Berliner 77
a; spiz dri-luege,
mager. Hunziker 247.
auch: ein spitzes mädchen,
ein schmächtiges. Stalder 2, 385. 3@bb)
auch sonst in bezug auf mangel an stofflicher fülle, knapp, kärglich, geizig, landschaftlich: spitz wiegen; es got spiz zue. Hunziker 247. 3@cc)
von tönen, dünn, fein: spitzer ton einer geige; dann kamen dumpfe töne, die murmelten etwas wie: krumm, oder: lump! dann spitze, die thaten wie wicht! wicht! Vischer
auch einer 1 (1900), 223.
vom regen, wol zunächst in bezug auf das geräusch beim anschlagen an die fensterscheiben: erst wollt ich noch zu ihnen, nun heist mich das wetter häuslich seyn, am caminfeuer drück ich mich und höre dem sausen zu und dem spizzen regen. Göthe
br. 4, 28 (24.
april 1779,
an frau v. Stein)
Weim. ausg. 44)
technisches. 4@aa)
seemännisch ein tau spitz machen,
nach und nach kabelgarn aus einem tau nehmen, damit es gegen das ende zu allmählich dünner wird. Bobrik 650
b. 4@bb)
weidmännisch spitz schieszen,
gerade von vorn oder hinten. Kehrein
weidmannsspr. 278. 4@cc)
weidmännisch spitzes korn,
feines, gegensatz zum vollen. 277.
vgl. 3,
b. 55)
abseits steht ein mundartlicher gebrauch von der milch, die anfängt sauer zu werden. Kehrein 1, 383. Pfister 281,
der sich wol von der vorstellung aus entwickelt, dasz die beschaffenheit der milch gerade den punkt, die grenze trifft, wo sich süsz und sauer scheiden. vgl. scharf 10,
g oben theil 8, 2189.