geziere,
gezier,
n. ,
jüngeres verbalsubstantiv zu zieren (
s. d.),
vgl. gezieren sp. 7124. 11)
zur abgrenzung gegen gezier (
s. sp. 7103) 1@aa)
mangeln nur selten die anhaltspunkte der begriffsbestimmung. 1@a@aα)
fraglich ist vielleicht: im aüsseren glanze, im gezier der etikette ... erinnerte der consularische hof jetzt wieder an jenen der Ludwige Posselt
staatsgeschichte Europas (1805) 1, 51;
vgl. auch (
sp. 7103) putz und gezier Jahn 1, 41; Göthe 53, 3.
sicherer ist das verbalsubstantiv zu fassen in: aber den staat solltest du wieder sehen; und das geziere schon zwo stunden lang! es ist zum tollwerden. Louise hat eine nagelneue frisur J. W. A. Schoepfel
die poschen (
Anspach 1784)
s. 13; so entfernt ich von allem gezier dramatischer aufzüge in den psalmen bin; so dünkt mich hier die abwechslung ziemlich offenbar, wenn man sie auch anders vertheilen wollte Herder (
vom geist der ebräischen poesie 2) 12, 91. 1@a@bβ)
der älteste literarische beleg weist nach Schlesien: er geh, er kriegt den besen. mit dem verfluchten wesen, was heist denn das gescher? er seh mich nur nicht an, ist das nicht ein geziere was teuffel macht er dann?
des frauenzimmers sprichwörter 7/8
s. Hoffmannswaldau u. anderer ... gedichte 4 (1725)
s. 340. 1@bb)
auch unter den wörterbüchern nimmt zuerst ein schlesisches von der neuprägung kenntnisz: geziere (das)
ornatus ... zieren (das,
infin.)
ornatus Steinbach 1095;
bei Adelung
ist schon die neue sonderbedeutung des verbums (sich zieren)
als kennzeichnend für unsere bildung angeführt: das geziere ... ein anhaltendes oder wiederholtes zieren
d. i. affectieren, im gemeinen leben. das lächerliche dieses gezieres 2, 674;
dazu vgl.: affektation ... geziere ... Heynatz
br. d. dtsch. sprache betr. (1775) 5, 87; geziere, das,
les afféteries, manières étudiées affectées Schwan 1 (1783) 751
b; geziere ... ziererei, geziertes wesen (
affectation) Campe 2, 371;
vgl. auch unter affectation im verdeutschungswb. 92; gezier, das, geziere, in mienen, gebärden und sprachen J. D.
F. Rumpf
der preusz. kanzleisecretär (1814) 174; gezier, geziertes benehmen. sich e mal das alberne gezier von der (
Golzern) Müller-Fraureuth
wb. d. obers. mda. 419. 1@cc)
der voll auslautenden form geziere
tritt frühzeitig die apokopierte zur seite, nicht nur bei Oberdeutschen wie Schubart, Martin Miller, Wieland, Sophie v. La Roche (gezier
und geziere),
sondern auch bei Mitteldeutschen (
vgl. auch das obersächs. wb.),
bei Klinger, Voss, Jahn (
neben geziere), Rumpf
und neuerdings bei Freiligrath. 22)
unter den verbindungen ist 2@aa)
die mit andern verbalsubstantiven besonders beliebt vgl.: affectation kann meistens ziererei oder geziere heiszen, nur nicht immer Heynatz 5, 87. 2@a@aα) die können bücher lesen, den Wieland, und den Gleim: und ihr gezier und wesen ist süsz wie honigseim. Chr. Fr. D. Schubart
die braune Liese (
Kürschner bd. 81
s. 309); dasz sie ein wunderliches gemische von bürgerlichem und adelichem wesen vorstellt, und ein wunderlich gezier von delicatesse macht Sophie v. La Roche
gesch. des frl. v. Sternheim s. 113; hier sammelt sich gar bald alles thatlustige, ohne empfindelei, gethue und gezier
F. L. Jahn 2, 2, 499; 2@a@bβ) wenn für so ein figürchen oder ein lärvchen — und oft für noch weniger, für ein biszchen geschwätz oder geziere — ein baron seine baronie, oder ein graf seine grafschaft vertändelt, so haben sie dabei noch immer verloren J. J. Engel
herr Lorenz Stark (22) s. 237 (1806); ich heurathe dich vor gott und der welt, so ist alles geziere, alles gerede aus Clemens Brentano (
an Sophie Mareau) 1, 210. 2@a@gγ) zwar seh ich widerspänstigkeit in ihrem angesicht und in der fürstin blicke. doch wiegt gezier, wiegt weiberlaun' und tücke dem männerwort, dem königlichen eid auf eurer wage vor, dürft ihr die treue kränken. Alxinger
Doolin (4, 18) 98; komm schönste der braunen auf's sopha zu mir! doch weg jetzt mit launen und tugendgezier. (
aufruf zur freude) 8, 54; das gezier, die selbstzufriedenheit, womit der Franzose sich als den autor sehr artiger und beliebter büchergen anpreisen hörte Sophie v. La Roche
gesch. d. frl. v. Sternheim 119. 2@bb)
auch attribute sind neben dem verbalsubstantiv beliebt: 2@b@aα) und wenn dieser schriftsteller gerade zu einer zeit auftritt, in der eine wunderbare affektation, gelehrt zu scheinen, herrschend ist ... so sind seine beständigen anspielungen auf die verborgensten geheimnisse ... nicht sowohl ein pralerisches geziere, als vielmehr eine wirkung der bewunderten neuheit (Gerstenberg)
briefe über d. merkw. d. lit. (17.
br.)
s. lit. denkm. 29, 138; die begierde der letzteren (
des weibes) ihre reitze auf alle feine männer spielen zu lassen, ist coketterie; die affectation, in alle weiber verliebt zu scheinen, galanterie, beides kann ein bloszes zur mode gewordenes geziere, ohne alle ernstliche folge sein Kant
anthropologie2 (1800)
s. 289 (
zerstreute anm.); damit nicht diese (
die tugend) ... für ein blosses hirngespinnst gehalten, und so alle bestrebung zu derselben als eitles geziere ... geringschätzig gemacht werde (
kritik der prakt. vernunft) 8, 303
Rosenkranz; so läppisches geziere kann ich mit einem so erleuchteten geiste nicht zusammen raümen(!) Reiske
Thucydides, vorrede; fast bei allen wurde die aufführung des fräuleins als ein übertriebenes geziere getadelt Sophie v. La Roche
gesch. d. frl. v. Sternheim 178
neudr.; da lernen die leute sich genau auswendig, und der umgang wird langweilig oder steifes geziere
F. L. Jahn 2, 1, 455; wie oft habe ich nicht unsere hoffräulein gesehen, mit absichtlichem geziere den kopf hin und her wenden vor einem flatternden inseckt, und alles nur, um ihre reitze sehen zu lassen. diese ländliche schöne faltet die stirne ... aus bloszer furcht, ohne kunst und ziererei G. Forster
übers. d. Sakontala (1803)
s. 14. 2@b@bβ) ohne das viele vorhergehende, dem weiblichen geschlechte sonst so eigene gezier Martin Miller
Siegwart 2, 246; zieh hin im arme deines weibs, die lieb' und unschuld blickt; die fern vom gallischeu gezier, nur schweizeranmut schmückt. Schubart (
an herrn Biedermann) 4, 132; dadurch hat er den hochabenteuerlichen stoff in die klatschstuben heruntergezerret, um das morgenland ohne not im abendland durch welschgezier untergehen zu lassen
F. L. Jahn 2, 2, 662. 2@cc)
ohne solche bestimmungen ist das verbalsubstantiv wenig beobachtet: so nimmt der verf. contraindiren für verhindern, und das würde freilich nicht blosz geziere sondern gar falsch sein J.
F. Heynatz
briefe die dtsch. sprache betr. 5, 85.
gelegentlich reicht ein possessivpronomen aus: ha! rief der gaudieb, dein geziere belustigt mich. Pfeffel
poet. versuche 4, 189;
oder entsprechender genetiv: und er sehnte sich ... zum gezier der höflinge hin. J. H. Voss (
Luise 1, 66) 1, 14; (
in ausgabe letzter hand: zu höflingstand 1, 5).
die gleiche präpositionalverbindung in anderer fügung: zu dem geziere in dieser kleinen schrift gehört auch die wunderliche lateinisch deutsche orthographie, die kein andres verdienst hat, als dasz sie ohngefähr zu den lateinischen lettern passen soll Gerstenberg
rezensionen (
über J. G. Jacobi, die winterreise)
lit.-denkm. 128, 330. 2@c@aα)
unbelastetes substantiv findet sich am ehesten in der stelle des objects: ohne umstände! — donner! was zaudert ihr? ihr wisst dasz ich das gezier nicht leiden kann
F. M. v. Klinger (
die zwillinge 1, 2) 1, 11; was ausforschen! wenn ich ihn anseh ... ich seh dann nur meinen sohn in ihm, und vergesse den abentheurer ... was soll ich machen, um fest gegen ihn zu sein? wüszt' ich, dasz sein herz aussähe wie sein gesicht; ich wollte nicht viel gezier mit ihm treiben (
die falschen spieler 3, 5) 1, 138; Rigaud ... während dasz ihm eine gewisse dame sasz, wurde ... gewahr, dasz sie gewaltige grimassen machte, um durch zusammenziehung der lippen sich einen kleinen mund zu machen. der maler ward des geziers endlich überdrüssig Wieland (
miscellaneen 4. anekdoten a.
d. kunstgesch.) 34 (1853) 224. 2@c@bβ)
die präpositionalverbindung ohne geziere: ... ich dächte du wärest so klug, dich ohne so vieles gezier zu einem gemahl zu bequemen. Wieland (
d. neue Amadis IV, 18) 4,
s. 82; es ist nicht jedem gegeben, das herz in der hand zu tragen ... mir freilich ist es auch wohler bei männern, die ohne gezier frisch von der leber weg reden Freiligrath (26. 10. 1837)
s. Buchner 1, 253.