gewese,
n. ,
verbalsubstantiv zu wesen (
s. d.),
aus niederdeutschem sprachgebiet um die mitte des 19.
jahrh. in die schriftsprache übergedrungen mit verwendungen, für die in den entsprechenden mundarten vorher schon der substantivierte infinitiv wesen
bezeugt war. es ist zu unterscheiden zwischen den functionen eines nomen actionis, die litterarisch nur aus F. Reuter
belegt sind, und zwischen dem collectiv, vor allem in der sachbedeutung von anwesen,
die bei norddeutschen schriftstellern neuerdings viel verbreitet ist. 11)
als nomen actionis ist gewese
in der verbindung mit machen (
vgl. ein wesen haben, ein aufheben machen)
belegt: de tähn tausam! un tau de ogen! mak doch nich glik so 'n grot gewes'! Fritz Reuter (
läuschen un rimels 1, 23) 1, 74
Seelmann. vgl.gewes',
wesen, getreibe, umstand. Mi
wb. der Mecklenburg. Vorpommerschen mnda s. 26.
vgl. auch C.
F. Müller
d. Mecklenburger volksmund in Fritz Reuters schriften s. 37.
für das fortleben dieser redensart in der umgangssprache zeugen auch neuere private mitteilungen aus Steinbeck bei Güstrow. 22)
für das collectiv ist die beziehung auf personen nicht über den mundartlichen gebrauch hinausgekommen: un äwer't feld dor kümmt 'ne kumpani von lütte etendrägers ranne quöcht ... un dörch de hogen stoppeln russelt 't oll lütt gewes' und kruppt un pusselt.
F. Reuter (
kein Hüsung 4) 7, 47
Seelmann. um so ergiebiger ist die sachbedeutung, auf deren zusammenhang mit dem nomen actionis der folgende beleg für gewesede
licht wirft: wi ... hebbet verkoft ... den werten herren bisscop Lodewighe tho Monstere ... alle dat gut dat unse vader achter leith ... alle dat recht de ansprake unde de ghewesede de unse vader unde wi hedden.
Münsterische urkunde von 1340
Niesert i, 2
s. 422;
in ähnlicher weise zweigt auch der neuere gebrauch unseres substantivs unmittelbar von einer entwicklungsstufe des substantivierten wesen
ab, an das sich gewese
auch hier anlehnt, mit dem es sich (
in pluralformen, vgl. sp. 5687)
auch formell wieder berührt, vgl.: en wesen nennt der Hamburger einen garten oder sommerlogis ausser der stadt Schütze
Holstein. idiot. 4, 357;
vgl. auch (wesen ... in Danzig zur bezeichnung eines weitläufigen gebäudes, mit welchem eine art von hantierung verknüpft ist. er hat ein wesen in dem und dem dorfe, er hat eine kleine landwirtschaft Frischbier 2, 465.
zwei hauptzüge ergeben sich für wesen;
ein unbestimmter umfassender begriff, der das wort überall einbürgert, wo eine localität der kennzeichnung durch einfache vorstellungen wie haus, garten, feld
widerstrebt, und ein zusammenhang zwischen der räumlichkeit und der thätigkeit, die sich in ihr abspielt (ein wesen haben).
beide hauptzüge kehren auch bei gewese
wieder. für das erste moment vgl. den gegensatz von haus und gewese in einem der jüngsten belege: in den wenigen stunden, die er im hause war, spaszte er oder ging unruhig durchs ganze gewese. Frenssen
Jörn Uhl 105.
zum zweiten moment vgl.: Sulla hat den staat reorganisirt, aber nicht wie der hausherr, der sein zerrüttetes gewese und gesinde nach eigener einsicht in ordnung bringt, sondern wie der zeitweilige geschäftsführer, der seiner anweisung getreu nachkommt. Mommsen
röm. gesch. 2
2, 371.
vgl. auch: er bekümmert sich zu wenig um das eigene gewese
Frankfurter journal (1864)
nr. 319 1.
beil. 2@aa)
beide momente kommen bei ländlichen anwesen zur geltung, wo die wohnräume an bedeutsamkeit weit hinter den anderen gebäulichkeiten zurücktreten, auf denen (scheunen, ställe, garten, feld)
das schwergewicht des betriebes ruht: gewese (
sonst ein wesen) ackerhof mit zubehör
von J. Grimm
aus der Westphälischen zeitung angemerkt; mehrere landstellen, mühlen-gewese
Weserzeitung (1853)
nr. 3022; welcher ordnungsliebende landwirth, ... dem sein gewese ans herz gewachsen ist und der je einmal mit ansteckenden viehkrankheiten geplagt war, könnte sich wohl ähnlicher gefühle ... entschlagen.
landwirthsch. annalen d. Mecklenb. patriot. ver. (1862)
nr. 20; was aber sonst noch zu dem gesamtgewese der gärtnerei gehörte, ja die hauptsache derselben ausmachte, war durch eben dies kleine wohnhaus wie durch eine kulisse versteckt. A. Fontane (
irr., wirr. 1) I, 5
s. 117; die frau hinten im garten ... beeilte sich nicht. unbekümmert ging sie mit einer hand voll geschnittener georginen und gelber ringelblumen nach dem teich zu, der ganz am ende des geweses lag und halb ihnen, halb dem nachbar gehörte. Ilse Frapan
bekannte gesichter 98; etwas abseits vom weg lag, tief in den grund einer waldwiese gebettet, ein dunkler gebäudekomplex, an dessen äuszerster, dem wege zugewandter ecke ein kleines mattes licht ausglimmte. es mochte eine nachtlampe sein, denn auf dem ganzen gewese regte sich kein laut. Friedr. Jacobsen (
waldmoder) daheim 31 (1895), 326
b; zwischen dem Müller und Meierschen gewese lag ein schmaler wiesenstreifen.
der lotse 1901
s. 140; ja er ging, wenn er sonst nicht wuszte wohin, in die scheunen und in die gärten, die an dem groszen gewese lagen. Frenssen
Jörn Uhl 99; der alte führte ihn in alle winkel seines weitläufigen geweses und zeigte ihm jedes pferd und jede kuh.
M. Bücking
rector Siebrand s. 64. 2@bb)
in andern belegen tritt diese engere beziehung auf den ländlichen betrieb naturgemäsz zurück; ebenso verallgemeinert sich der gebrauch und trifft anwesen, in denen die baulichkeiten als solche die aufmerksamkeit auf sich ziehen; ja das wort wird schlieszlich zur kennzeichnung städtischer unternehmungen gebraucht. 2@b@aα) desz ungeachtet folgte sie und liesz es geschehen, dasz ich mit dem manne, dem eigentlichen besitzer des geweses, eine unterredung begann. A. Brook
Paul v. Kampmann (
romanztg. 16, 1
s. 538
b); er ist verkleidet hier gewesen und hat das gewese von Dittmar gekauft. Frenssen
Hilligenlei 357. 2@b@bβ) und ehe noch irgend jemand an rettung oder hilfe denken konnte, stand das ganze gewese des reichen webers, das haus des nachbars Seltner und mehrere andere in vollen flammen. Ernst Willkomm
die familie Ammer 552; vor fünfzehn jahren war das gewese (
die Gielower mühle), nach einem brande, der neuzeit entsprechend eingerichtet worden.
Leipziger nachr. 7.
febr. 1893. 2@b@gγ) 'der kleine krämer in der Süderstrasse, wo die Ostenfelder immer ihre nothdurft holen ... musz verkaufen' ... 'sagt mir nur', erwiderte sie hastig 'ist das gewese in der Süderstrasse noch zu kaufen?' Th. Storm
Carsten Curator; oben in der Süderstrasse, weit hinter Heinrichs heiterem gewese, dort wo die letzten kleinen häuser mit stroh gedeckt sind, war jetzt ihre gemeinschaftliche heimat.
ebenda; nun aber, mein herr präzeptor, müssen sie mich mit ihrem ganzen gewese bekanntmachen. ich find' es nur in der ordnung, dasz man im publikum überall von ihrem 'schlosz Rodenstein' spricht, denn wirklich, ihr gasthaus hängt wie eine burg am felsen. Fontane (
Cecilie) 1, 4
s. 340;
vgl. auch fabrik-gewese
Bonner zeitung von 1899,
s. Wülfing
zeitschr. f. d. d. unterr. 15, 263.