[]glau,
adj. form. im ahd. glou (
flektiert glouwêr)
und jünger gilou,
vgl. Schatz
ahd. gr. 154,
wo die verschiedenen ahd. formen verzeichnet sind; mhd. selten: gelower
ahd. gl. 3, 260, 34 (
summarium Heinrici, 12.
jh.)
St.-S., in glouheit 2, 614, 33 (12.
jh.)
wohl auf grund älterer glossen; älternhd. vereinzelt: glauw Kertzenmacher
alchimia (1574) 45, glawen 46, glawes Guarinonius
greuel (1610) 423, glau Harsdörffer
poet. trichter (1647) 2, 143
und ebenso später. das von Schmeller-Fr. 1, 969
aus Muskatblüt
angeführte glaw (: graw)
weicht im vokalismus ab, die Trierer hs. (
ed. Groote 18, 37)
bietet statt dessen bla.
got. *glaggwus
in den adverbien glaggwo, glaggwuba, glaggwaba;
ags. glēaw,
awnord. glggr, gløggr,
aschwed. in gluggutter '
scharfsichtig',
adän. glu
dass., as. glau;
mnd. mnl. unbezeugt. in nd. (
und vielleicht auch westmd.)
mundarten als glau
erhalten. herkunft. gemeingerm. wort *glau- (
der u-
stamm bezeugt durch got. glaggwuba,
das seltene awnord. gloggr
sowie die ostnord. formen; der i-
umlaut in der normalen awnord. form gløggr
stammt aus obliquen casus, vgl. got. hardjana: hardus
sowie Kock
umlaut u. brechung 222
f., 232;
die aufstellungen van Heltens
PB beitr. 30, 245
sind abzulehnen)
aus idg. *ghloú- (
s. Trautmann
germ. lautgesetze 44)
zur wurzel idg. ghleu-,
die der groszen sippe ghel- '
glänzen, schimmern'
angehört, s. Walde-Pokorny 1, 624
ff.; verbindung mit lit. žvegti '
glänzen, blicken' (
so Brugmann
berichte d. sächs. gesellsch. d. wiss., phil.-hist. cl. 49, 23
anm. 1)
ebda 627
mit recht verworfen. nächste germ. verwandte sind aisl. gluggr '
lichtöffnung',
aschwed. glugger
dass.; aisl. glōa '
glühen, glänzen, leuchten'
; ags. glōwan '
leuchten',
as. glōian,
ahd. gluoen
u. s. w., vgl. unten glüh, glühen, glut;
norw. dial. glȳma '
finster, drohend, lauernd blicken',
schwed. dial. gluna, glyna '
starr, scheel blicken',
dän. dial. glyne '
stieren',
ostfries. glūmen '
verdeckt und heimlich blicken, lauern'.
auszergerm. verwandte wie lat. luridus,
ir. gluair '
klar, rein',
bret. glaou '
kohle'
s. bei Walde-Pokorny 1, 627.
verbreitung. das auf hd. boden seit dem spätahd. fast ausgestorbene wort ist im nd. mundartlich bewahrt und von hier aus bei einzelnen, meist norddeutschen autoren in schriftsprachlichen gebrauch aufgenommen worden, ohne sich jedoch durchzusetzen; vgl. 'glau
ist ein niedersächsisches wort, welches wir auf alle weise in unsere büchersprache aufnehmen sollten. es heiszt so viel als hell, scharf, und wird besonders von den augen gebraucht' Lessing 16, 83
M. ob das westmd. glau
hierher gehört, bleibt ungeklärt, s. unten 6.
neben glau
stehen mit z. t. gleichen, z. t. abweichenden bedeutungen mundartliche wörter derselben wurzel wie glüh (gluh)
und glauch,
adj.; man vergleiche auch die verwandten glatt, glanz
adj. bedeutung. die der wurzelbedeutung entsprechenden konkreten bedeutungen '
glänzend, hell, glatt'
u. s. w. treten erst in jüngerer sprache zutage, sind jedoch alt; gemeingerm. zeigt sich eine abstrakte bedeutungsreihe entwickelt, die anscheinend vom '
glänzenden, hellen, scharfen blick'
des menschen ausgeht und ags. in '
klug, weise, erfahren, kunstreich, gut',
ahd. as. in '
scharfsinnig, gewitzt, aufmerksam, klug, einsichtig',
aisl. in '
gescheit, klar, deutlich, sorgfältig, geizig (=
scheel blickend?)'
einmündet und auch in den got. adverbien mit dem sinn '
genau, sorgsam'
ausgeprägt ist. 11) '
scharfsinnig (
vom verstand),
gewitzt, klug, gescheit',
in älterer deutscher sprache die allein bezeugte bedeutung; ahd. glossiert glou
lat. perspectus, ingeniosus, pervigilis, prudens, suspectus, industrius. diligens, intentus, attentus, sollers, instructus, versutus, gnarus, providus, vgl. Graff 4, 294
f. und 2, 35;
belege aus ahd. glossen s. bei Schatz
ahd. gr. 154,
dazu die glossierungen des 12.
jhs.: sollers [] gelower
vel listiger 3, 326
St.-S., astuciam glouheit 2, 614 (
gegenüber ahd. glouwî, glouwida Graff 4, 295);
prudentes glauua Wadstein 49, 4,
ingeniosum glauuuan
ebda 107, 2.
über die bedeutungsdifferenzen im ahd., as. und ags. s. Jost Trier
d. dt. wortschatz im sinnbezirk des verstandes (1931) 84
ff. anm. und 98
f., wo weitere belege. rein auf die geistige tätigkeit bezogen: ... hebbead iuwan môd wiðar thêm, sô glawan tegegnes, sô samo sô the gelowo wurm
Heliand 1878
Heyne; meist aber im Heliand mit stark ethischem gehalt: ... bistêd thâr óðar man, the is imu jung endi glau,endi habBad imu gôðan môd sprâkôno spâhiendi wêt iuwaro spellô giskêd 2466,
vgl. 5718
u. s. w.; oft als formelhaftes ethisches epitheton: swîðo glawa gumon 442, 542
u. ö.; '
vorsichtig'
: tractet abbas prudenter cloulicho
interlinearversion d. Benedictinerregel bei Steinmeyer
kl. ahd. sprachdkm. 270, 5; '
aufmerksam': 'goumet', quad er, 'thero datojoh weset glawe thrato' Otfrid IV 7, 9,
vgl. V 23, 15; '
scharfsinnig, spitzfindig'
: sollers quod conterat. i. perfringat ordinem fandi ambiguis kelouuiu, waz zwivelchosondo dia rihti des kechoses irre Notker 1, 795, 16
P. ob der entsprechende mundartliche gebrauch im nd. die alte bedeutung fortsetzt oder sekundär von 2
aus entwickelt ist, läszt sich nicht entscheiden, vgl. glau '
klug' Stürenburg
ostfries. 70, Vollbeding
plattdt. 26, ten Doornkaat-Koolman 1, 632, he is n gansen glauen
ein ganz heller, ein pfiffikus Mensing
schlesw.-holst. 2, 387;
hierher wohl: sein gesicht bekam dabei einen immer, was man nennt, glaueren ausdruck, wie ein kluger mann, wenn er einen, der sich auch für klug hält, auf eine sandbank abgesetzt zu haben glaubt W. Alexis
ruhe ist d. erste bürgerpflicht5 2, 5; und an der neuen wache, glau und schlau wer will an ihm vorbei? — die krügersfrau Fontane
ged.7 70. 22)
von den augen, vgl. ags. him âdimmiad þa eágan þe ær wæron beorhte and gleáwe on gesihðe (
um 1023)
bei Bosworth-Toller
suppl. 474
und die isländische redensart glöggt (
scharfblickend, spähend, prüfend) er gests augat Cleasby-Vigfusson 206
a;
vgl. auch die aisl. composita glöggskygn
scharfsichtig, glöggleikr
scharfsichtigkeit ebda. '
glänzend, hell, hellsehend',
vom auge, vgl. Mensing 2, 387, Vollbeding 26, Köppen
Dortmund 23, Liesenberg
Stieger ma. 146,
fast immer zugleich '
scharfsichtig, scharf',
vgl. Schütze
holst. 2, 38, ten Doornkaat-Koolman 1, 632
u. a.; hierzu: ihr augen blöd und blau seht nur den tag voll trug — die unsern nächtig glau erspähn den innern fug Stefan George
d. siebente ring (1909) 50; sie sehen so glau (
hell, klar) aus den augen wie immer A. v. Droste-Hülshoff
briefe 394
Cardauns; oft mit dem beisinn des munter, schelmisch, heiter, vergnügt blickens, so namentlich von kindern, vgl. Woeste
westf. 80,
rhein. wb. 2, 1259, Mensing 2, 387 (
Elbmundarten);
entsprechend wohl: sah ihn so glau und pfiffig an, und blinzelt vor behagen: Emanuel, du hampelmann, willst du mir denn nichts sagen? A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 1, 228.
allgemeiner '
scharf von sinnen',
auch auf das gehör angewendet, vgl. Stürenburg
ostfries. 70, Krüger
Emden 54, Woeste
westf. 80. 33)
von personen im sinne von '
sauber, nett',
vgl.glau '
schmuck, frisch' Mi
mecklenburg. 27
und in gleicher verwendung glei (
s. unter glüh),
gern auf behäbiges, wohlgenährtes aussehen bezogen; deutlich von der bedeutung '
glatt'
ausgehend und zunächst wohl auf tiere bezogen, [] vgl.glau as n āl ten Doornkaat-Koolman 1, 632, he is so glau as n oktobervoss Mensing 2, 387:
als '
blank und voll'
für das westpreuszische verzeichnet bei Frischbier
preusz. wb. 2, 524: den jungen Ponto (
ein hund) betrachtend, fand ich, dasz er nie so wohlgenährt, so glau ausgesehen E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 312
Gr.; haben wangen weisz wie milch, sind glau wie kätzchen Gaudy
s. w. (1844) 2, 112;
bildlich: die oper ... verschluckte ... die neuromantik ..., deren genusz ihr ... ein glaues ansehen gab R. Wagner
ges. schr. u. dicht. 3, 284;
oft in der paarung glatt und glau (
s. oben glatt
sp. 7712): denn in der that noch jetzt sieht die alte für ihre jahre glatt und glau genug aus E. T. A. Hoffmann
s. w. 14, 64
Gr.; der gestrenge herr sasz glau und glatt im verschwiegenen amtskämmerlein, umfangen von eines lehnsessels weicher umarmung
Wiener früchtel im morgenblatt v. 19.
märz 1850
bei Schmeller-Fr. 1, 969; sie selbst (
ist) äuszerst glau und wohlhäbig H. v. Olfers
ein lebenslauf 2, 426
Abeken; (
Alberich zu einer der Rheintöchter:) schein ich nicht schön dir, niedlich und neckisch, glatt und glau — hei! so buhle mit aalen R. Wagner
ges. schr. u. dicht. 5, 205; ich könnte ... der glauen pachterstochter mein herz offerieren E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 252
Gr.; glau sind sie gewaschen (
Ruth und Toby) und haben so was wie prinz und prinzessin Fontane
ges. w. I 6, 177;
schon mit leicht ethischem akzent: diese päffchenträger sind malitiöse kerle, und je glauer sie aussehen, desto mehr 1, 199;
deutlich '
geschmeidig, verbindlich liebenswürdig',
auch mit dem beisinn des trügerischen, s. glatt E 2,
vgl. glier und glau Mensing 2, 387
und hê is sô glau, dat hum gēn düfel fangen kan ten Doornkaat-Koolman 1, 632: wenn er nur nicht so glatt und glau wär. er ist so munter und spricht so viel und kann alles. ihn ficht nichts an Fontane
ges. w. I 6, 393;
ähnlich: als könnt einer das kaiserwunder, ... in arme worte fangen; und müszten noch obenein glatt und glau und gefällig sein, dürften beileibe nicht mehr sagen als jeglicher esel meint Eberhard König
Thedel v. Wallmoden 280; he deit so glau
von einem scheinheiligen Mensing 2, 387;
vereinzelter '
lebhaft': eins jener schönen weiblichen wesen, die uns zum glück noch oft begegnen: nicht originell, nicht begünstigt von der natur, etwas ernst, schwer und nachdenkend im begreifen: nicht einmal besonders arrondiert in den weiten gebieten des wissenswerthen; aber glau und munter sich dafür interessirend Gutzkow
ges. w. 9, 228; alles war heiter, glau, behäbig Fontane
familienbriefe (1905) 2, 89. 44)
der wurzelbedeutung am nächsten stehendes '
hell'
ist auszer von den augen nur spurweise bezeugt, vgl. auch glauch,
adj., glauen, glüh; jlou Liesenberg
Stieger ma. 146
ist diphthongiertes glū: glau
von dem heitern himmel brem.-ns. wb. 2, 516; die luft wird so glau (
hell, heiter) Krünitz 19, 4;
anscheinend ist dieser gebrauch jüngere übertragung oder von glüh
her beeinfluszt. 55)
einige anwendungen stehen auszerhalb der gängigen bedeutungen und sind vielleicht z. t. erst sekundär durch mischung mit glauch
bzw. glüh
veranlaszt; etwa '
blasz, fahl, bleich',
vgl. dazu glauch 1 b
α und e,
sowie Schmeller-Fr. 1, 192: ein bleyches, glawes, blödes ... volck Guarinonius
greuel d. verwüst. (1610) 423; '
glatt, blank (?)',
vgl.glüh: das thu so lang, bisz die feces aber zerflieszen auff dem glawen blech P. Kertzenmacher
alchimia (1574) 46
a;
als '
klar, durchsichtig (?)': und mache das feuwer je länger je gröszer, bisz das glasz glauw, und nit mehr darvon flieszen wil Kertzenmacher
alchimia (1574) 45; glau, durchsichtig, dünn Ph. Harsdörffer
poet. trichter (1647) 2, 143;
adverbiell '
leicht, mühelos, unschwierig',
wohl nach glatt C 2: ich möchte nicht einmal, dasz es so glau abginge O. Ludwig
ges. schr. 3, 503;
unverständlich bleibt: dieser legte wieder die langen vertrockneten finger auf die tasten, ... und bald
[] darauf entwickelte sich aus glau ineinander zitternden klangwellen heraus ... der gewaltsamste angriff auf die menschlichen nerven, den die tonkunst kennt
F. v. Saar
s. w. (1908) 262. 66)
die teil 4, 1, 2, 2872
unter gelau
und 5, 1018
unter klau
aufgeworfene frage, ob das westmd. adv. glau (klau)
durch ge- (
s. teil 4, 1, 2, 1623)
verstärktes lau (
s. teil 6, 285)
darstellt, ist nicht völlig zu klären; wahrscheinlich kreuzt aber lau
erst sekundär hinein, wie in gelaw
tepidus Alberus
nov. dict. (1540) g g 4
b, glau '
lauwarm' Kehrein
Nassau 166, die mëlch ëass glau '
lau, lauwarm' Crecelius
oberhess. 423.
eine entwicklung von glau '
glänzend'
über '
glatt'
zu '
angenehm'
erscheint als durchaus möglich, vgl. etwa ags. glæd '
glänzend, erfreulich, angenehm'; Kehrein
gibt zudem auch '
glatt'
als bedeutung an. gewöhnlich mit tun
verbunden: das tut (
ihm) glau (klau) '
angenehm, gütlich, wohl',
vgl. Kehrein
a. a. o., Crecelius
a. a. o., Reinwald
henneb. 2, 71, Autenrieth
pfälz. 2, 1259;
ähnlich: er duht sich glau '
läszt sichs wohl sein'
ebda.