zauber,
m. form: gemeingermanisches, nur im goth. wohl zufällig nicht bezeugtes wort von der urgerm. form *taufra-
und *taubra-;
ahd. zaupar, zaubar, zouver, zoufer (Graff 5, 580),
mhd. zouber, zouver,
landschaftlich auch -â- (
bair.), -ô- (
fränk.),
mnd. tôver;
altn. taufr
pl., n. f., taufrar
pl., m., ags. téafor.
geschlecht auszer im nordischen das neutrale, in der ersten hälfte des 13.
jahrh. tritt das masculine auf: den zouber Reinbot v. Durne
Georg 5652
v. Kraus; pluralische verwendung, im altn. allein statthaft, ist auch im ahd. geläufig Graff;
ahd. gll. 2, 457
61,
im mhd. selten (dei zouber diu hiute sint
genesis 25, 21
Diemer),
im nhd. sprachgebrauch möglich und in der wissenschaftlichen literatur häufig. f-
schreibung bei Notker
neben -v-,
wahrscheinlich aus der stellung im silbenauslaut wie zouvres > zouf-res
verallgemeinert, lebt in schweizerdeutschen mundarten beim verbum und in zauberer (
s. d.)
fort. umlaut in els. zäuwer Martin-L. 2, 890
a rein lautlich entstanden. bedeutung: altn. '
zaubermittel, amulett',
ae. '
minium, color phoeniceus, d. i. röthel',
ahd. die verschiedenen '
zauberhandlungen, -erscheinungen, -mittel'.
der versuch, wegen der röthelfunde in steinzeitlichen gräbern und der auslegung der runeneinschnitte mit röthel die grundbedeutung in der ae. zu sehen, scheitert an den gleichaltrigen amulettfunden wie an dem recht jungen alter des berichtes über die runenfärbung. gilt aber somit z.
soviel wie '
zaubermittel'
schlechthin, so führt die rothe farbe auf eins der ursprünglichsten zaubermittel, das rothe blut, wofür der ocker erst ersatz wird. in der uralten formel zëbar
und zoubar
sind thieropfer und zauberhandlung noch verbunden. da die altn. bedeutung '
amulett'
aber auch ein sehr hohes alter besitzen mag, so dürfte als ursprüngliche bedeutung kräftiges zauberschutzmittel anzusetzen sein. z.
als '
zaubermittel'
gilt bis in die gegenwart, wie auch in raunen
und gellen
die grundbedeutung gegenüber rune
und ahd. galstar '
zauberlied'
bewahrt geblieben ist. ahd. bedeutungen: zoubargiscrîp
phylacterium, amulett (
gll. 2, 83
7. 85
29. 86
39. 92
53),
zauberspruch, incantatio (3, 412
73),
-lied: Thessala (
sc. carmina 2, 457
61);
zauberhandlungen: maleficia, weil sie schädigen (1, 679
8).
veneficia für die bereitung von gift- und liebestränken (Graff),
divinationes für das wahrsagen (2, 109
71),
fascinatio böser blick (1, 554
2),
mit praestigia als blendwerk bezeichnet (Graff, Wadstein 79
8);
zauberwirkung: gespenst, vgl.: monstrum zaupar
vel scînleih
und die parallelglosse pauchan (1, 212
11);
für die heidnischen götterbilder steht zauparo
idolorum (Graff).
geschichte des begriffes zauber: die germanische zaubervorstellung erscheint einerseits bereits zu beginn der überlieferung durch züge aus dem antiken götterglauben bereichert, indem die christliche lehre die götter in die rolle von dämonen erniedrigte —
zeugnis dafür die glosse sacrilegia zoubar (2, 123
20. 130
66) —,
anderseits erfaszt die schriftliche anwendung des wortes z.
noch zur zeit kaiser Karls des groszen und später eine reihe volksthümlicher vorstellungen nicht, so den glauben an strigae, d. i. hexen und deren schädigenden zauber (
vgl. J. Hansen
zauberwahn 60),
an die nachtfahrten von guten und bösen dämonen, an die verwandlung in thiere, an die ehebündnisse guter dämonen mit menschen. erst nach 1000
beginnt sich die bekannte mittelalterliche auffassung vom teufelsbündnisz auszubilden und wird zauberei als ketzerei angesehen. vgl. unter zauberei
und zauberer.
wortgebrauch: mhd. wie ahd. (Diefenbach
gl. 226
c fascinum, n. gl. 167
b;
bibar, prestigium 52
a; Diefenbach-W. 911; Schiller-Lübben 4, 599
b; Lexer 3, 1154).
für die zauberthätigkeit gilt mhd. zouber trîben
und mit zouber umbe gân;
dafür bald zouberîe trîben
und mit zouberîe umbe gâ
n. im 16.
jahrh. ist das wort zauber
auszer gebrauch, vgl. zauberey
anstelle von zouber (Hugo v. Trimberg
renner 11 127
Ehr.)
im Frankfurter druck des renner von 1549
s. 76
b;
daneben zauberwerk
als ersatz; z.
fehlt bei Luther
und H. Sachs.
letzte zeugnisse: nach dem so hat erst das zauber enndt U. Füetrer
Lanzelot (
um 1490) 28; sagten auch, wir weren grosses zaubers S. Franck
weltb. (1534) 216
b.
aus den mundarten ist z.
durch den volksthümlichen gebrauch von hexe
nebst ableitungen verdrängt; die modernen belege bei Lexer
kärnt. 263, Schöpf 823, Martin - L. 2, 890
a, Fischer 6, 1058
entstammen der gebildetensprache. neubelebung seit dem 3.
jahrzehnt des 18.
jahrh. (2
a δ);
zunächst zurückhaltung der wörterbuchschreiber: Steinbach 2 (1734) 1072
fügt noch zu z.
erklärend hinzu: i. e. zauberwerk; Frisch 2, 465
b nennt z.
veraltet, ja noch die 2.
aufl. von Adelungs
wb. (1801)
bezeichnet z.
im sinne von bezauberung, zauberei und zaubermittel als '
ein selten gewordenes wort'
und erkennt nur die bedeutung '
reiz'
als üblich an; erst Campe 5 (1811) 816
b läszt alle bedeutungen zu. in der neuen gebrauchsperiode gilt nur noch das masculine geschlecht. 11)
im sinne echten zaubers, d. h. des aus der magischen scheu vor der umwelt erwachsenen bestrebens, schaden durch benutzung übernatürlicher kräfte abzuwehren (
abwehr- oder schutzzauber)
und selbst höhere macht zu gewinnen und schaden zu können (
schadenzauber).
die einzelnen arten des zaubers klingen nur zum theil in dem wort z.
und namentlich in seinen verbalen verbindungen nach. die hauptmasse der zaubergebräuche und -vorstellungen tritt, doch auch ohne die durch die moderne völker- und volkskunde aufgedeckten bräuche erschöpfend darzustellen, erst in den zusammengesetzten bildungen mit zauber-
zu tage. 1@aa)
das mittel zum zaubern, der gegenstand, dem zauberkraft eigen ist: ain zauber hete si bî ir gar under der zungen
gesamtabenteuer 2, 631
v. d. Hag.; 633; er (
Jason) warf den z. den ungeheuren kriegern hin Klinger
w. 2, 194; so nähete sie einen z. hinein (
in die hemdchen) br. Grimm
märch.3 1 (1837) 292; G. Freytag
bild. 3, 76;
den schatz geheimster gedanken im herzen meint Schiller: und an mein herz willst du die wünschelruthe halten, dasz sie dir anschlage, wo der zauber ligt? 5, 1, 15
G.; 1@bb)
die zauberkraft, auch die kunst des zauberns: (
erste hexe:) hei! die that, sie ist gethan! schaut, was unser zauber kann Bürger
s. w. 1, 297
Bohtz; schleicht, wie vom haupt der gräszlichen Gorgone versteinernd dir ein zauber durch die glieder Göthe 3, 203
W.; öft.; Herder 27, 19
S.; Klinger
w. 2, 304; über mächtigen z. ... gebieten Ratzel
völkerk. 2, 78; gegen den z. der treffenden waffe giebt es einen gegenzauber G. Freytag
bild. 3, 71; der z. eines zweiten gesichtes Holtei
erz. schr. 2, 76;
auch pl.: die z. ..., von denen die alten sagen reden, waren gewiszlich wahr H. v. Chézy
erz. u. nov. 1, 39; 1@cc)
die zauberwirkung, der zustand des verzaubertseins, der zauberbann: sie sieht, es braucht, den zauber aufzulösen, was auszerordentlichs Wieland
bei Campe
wb. 5, 816
a; der z. dauert, so lange dieser kreis dich umschlieszt B. v. Arnim
Günderode 1, 96; H. Heine
w. 1, 56
E.; den z. (
die verwandlung in einen wolf) hervorbringen Leubuscher
wehrw. 44; 1@dd)
zauberei, zauberwerk, die zur erreichung der zauberwirkung erforderliche handlung, alle arten von zaubergebräuchen: Hekate, fürstin des z-s H. v. Kleist
w. 2, 191
Schm.; viele völker gebrauchen z. bei allem, was sie unternehmen Hegel
w. 11, 233; zwischen wagen und pflug wich betrug und z. W. H. Riehl
dtsche arb. 152; zu Hildegards zeiten trug man die bibinella am halse gegen z. aller art Wimmer
dtsch. bod. 233; (
Odin) als vater des z-s Gering
weiss. u. zaub. 5; mimischer z. G. Wilke
rel. d. Idg. 17;
pl.: der assessor fing ... an, vom beifusz ... die tollsten z. zu erzählen Gutzkow
ges. w. 2, 46; zahllose andere z. G. Wilke
rel. d. Idg. 19; 22)
übertragen: 2@aa)
zunächst erzeugte die dem zauberglauben abholde periode der wiederaufnahme des wortes eine geringe abschwächung des sinnes, so dasz sich als bedeutung, nach den gebrauchsweisen unter 1,
ergab: 2@a@aα)
ein geheimniszvoll, wunderbar wirkendes, überaus kräftiges mittel: ists ruhm, ists gold, das sich ihm lockend beut? ein zauber ist es, was ihm kraft verleiht, sein talisman ist eine epheuranke (
geschenk der geliebten beim abschiede) A. v. Droste-H.
ges. schr. 2, 234; 2@a@bβ)
eine geheimniszvolle macht, kraft, kunst: mir versagt klettern und sprung, ein zauber bleit mich nieder, ein zauber häkelt mich wider Göthe 2, 89
W.; z. der verblendung Herder 16, 100
S.; 2@a@gγ)
ein seltsamer, mächtiger bann: bis endlich der z. sich löst, der auf dem schicksale des helden (
Schubart) lag D. Fr. Strausz
Schubarts leb. 1, xvi;
von der wirkung des wiegenliedes: 'schlaf, mein püppchen, schlafe ein!' also hat das weib gesungen mit verwirrter, süsser zunge, und der zauber ist gelungen Cl. Brentano
ges. schr. 3, 396; 2@a@dδ)
ein wunderschönes schauspiel; im pl. und zwar als ältestes zeugnisz der neuen verwendung des wortes seit dem 16.
jahrh.: drum (wie man sich auch freut) sieht man doch keinen lachen, und fänget händel an, um in der rechten welt, nach dieser zauber (
der fastnachtsscherze) lust, dieselben auszumachen Heräus
ged. u. inschr. (1721) 229; wenn sich im feuchten dufte der strahl der glühenden abendsonne bricht, so beginnt ein optischer z. A. v. Humboldt
ans. d. nat. 1, 316;
ε)
manchmal deutet der zusammenhang auch nur unglauben, zweifel oder ironie des aussagenden an, oder die beziehung, auf etwas, was nicht zum zauber gehört, läszt erkennen, dasz es sich nicht um echten zauber handelt: blumen lachten mir entgegen, die sein (
Amors) zauber hiesz entstehn J.
M. Miller
ged. 212; welch ein erlösender z. liegt in dem begraben Storm
w. 3, 196;
pl.: die zauber des todes (
von Julin) will ich zerstreun Freiligrath
ges. dicht. 1, 61;
ironisch auf zaubervorstellungen anspielend (
vgl.δ): in den nächsten tagen ist ja weltausstellungseröffnung und groszer z. in Paris Stauffer-Bern
briefe 202
Brahm; hierher fauler z.,
ein ausdruck, mit dem zuerst die gaukelei eines charlatans als faul, '
träge, unwirksam'
verspottet wurde; in Berlin jetzt für ein schauspiel oder eine sache ohne werth: H. Meyer
richt. Berl.8 194
b; werde kein gelehrter klauber, wissenschaft ist fauler zauber Fontane
ged. 7 76;
vgl. auch budenzauber (
stud.). 2@bb)
ohne jede beziehung zur sphäre des zaubers, wohl unter einflusz des frz. charme, im sinne von reiz, von etwas, das starken eindruck macht und gefällt. doch bleiben die verben bannen, lösen, ausüben, anziehen
u. a. auch dieser bedeutung treu, auch erinnern manchmal die subjecte, von denen der reiz ausgeht, an echten zauber. zunächst allgemein: ein holder zauber musz die seele blenden Schiller 12, 155
G.; sodann von allen dingen, verhältnissen, zuständen des lebens, von machtvollen persönlichkeiten, von der natur, der kunst, von gefühlen u. a.: die schmachtende mine einer genesenden gab ihren reizen einen rührenden z. Pfeffel
pros. vers. 5, 13; z. der jungfräulichen schamhaftigkeit S. v. Laroche
frl. v. Sternberg 2, 37; des lebens holder z. Lenau
s. w. 25
Barth.; dieses antlitz will ich schauen, das mit solchem zauber redet Cl. Brentano
ges. schr. 2, 185;
besonders häufig für den eindruck, der von einer person mit bezauberndem wesen oder einer machtvollen stellung ausgeht: ihr ganzes wesen hat ... einen gewissen z. durch bizarrerie und pracht Tieck
schr. 6, 68; der z. der fridericianischen unbesiegbarkeit war gebrochen Treitschke
dtsche gesch. 1, 249; der z. seiner persönlichkeit O. Jahn
Mozart 4, 407;
von seelischen anlagen, von culturform u. a.: der fremde zauber reiszt die jugend fort Schiller 14, 314
G.; dem gefährlichen z. der hellenischen cultur Mommsen
röm. gesch. 1, 326; der wunderbare z. des alleinseins Holtei
erz. schr. 21, 106; der unwiderstehliche z. des geldes W. H. Riehl
dtsche arb. 240; Novalis
schr. 4, 25
Min.;
von der natur: in die kelche versenkt ich mich dann, und erschöpfte den süszen zauber, den die natur über die kronen ergosz Göthe 1, 274
W.; das verweilen hier in Rom übt einen z., wie ich ihn in keiner andern stadt erfahren Görres
ges. br. 3, 443;
oft von kunst, wissenschaft und religion: höre, was einst vom zauber der kunst mir sang die königin der nachtigallen, Orphea Klopstock
oden 2, 5
M.-P.; z. der farben Herder 22, 327
S.; z. des gesangs J.
M. Miller
Siegwart 2, 453; desz ohre zauber war der tüdeske reim Klopstock
oden 2, 19
M.-P.; der z. des originals ist unübersetzbar Herder 25, 303
S.; z. des alten glaubens L. Steub
drei sommer in Tirol 2, 92; es liegt ... ein fesselnder z. in der bloszen anschauung der mathematischen wahrheiten W. v. Humboldt
ges. schr. 4, 44; das schlagwort der kirchenfreiheit übte noch seinen berückenden z. Treitschke
dtsche gesch. 5, 302; z. der beredsamkeit auf der kanzel Zimmermann
einsamkeit 1, 328; der z. seines (
Göthes) ausdrucks
Göthe-jahrb. 2, 322; der z. des griechischen W. v. Humboldt
an Welcker 102;
häufig wird gebraucht der pl.: die goldene jugendzeit mit allen ihren z-n Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. 7, 31; es war ein reiz von ganz eigener art, worin alle z. der weiblichkeit vereinigt schienen J. Schreyvogel
ges. schr. 1, 30; deine zauber binden wieder, was der mode schwerd getheilt Schiller 4, 1
G.; o welche zauber liegen in diesem kleinen wort: daheim! Geibel
ges. w. 2, 62; die freundlichen z. der natur Hölderlin
ges. dicht. 2, 88
L.; es schwinden jedes kummers falten, so lang des liedes zauber walten Schiller 11, 16
G.; 33) z.,
f., circaea, zauberkraut, frz. l'herbe enchanteresse, engl. the enchanter nightshade, atropa belladonna, tollkirsche; das f. geschlecht analogisch nach pflanzennamen auf -e: Grassmann
pflanzennamen 88. 44)
zusammensetzungen mit z.
an zweiter stelle, a)
für echten zauber im sinne der modernen völker- und volkskunde: abwehr-, anfangs-, angangs-, bann-, bewegungs-, bild-, bosheits-, diebs-, ernte-, farben-, feld-, fern-, fest-, feuer-, flachs-, fruchtbarkeits-, garten-, geburts-, gegen- (
th. 4, 1, 2, 2304), glücks-, hexen-, hühner-, karfreitags-, knoten-, krankheits-, kräuter-, liebes- (
th. 6, 59), los- (
sortilegium), märchen-, metall-, milch-, mond-, nachahmungs-, namen-, opfer-, pflanzen-, regen-, rest-, runen-, schaden-, schutz-, schwert-, sonnen- (
th. 10, 1, 1705), speise-, stein-, sympathie-, thier-, waffen- (
th. 13, 325), wasser- (
vgl. th. 13, 2555), wetter-, wort-; b)
übertragen: buden- (
studentisch), farben- (
th. 2, 217), feuer- (
th. 2, 1779), jugend-, klang-, kleinstadt -.