zwitter,
m. ,
bastard; hermaphrodit. ahd. zwitarn (
s. u. 1 a),
dem schwed. dial. tveto(r)na
entspricht; vgl. weiter schwed. dial. tvetussla, -tössla, -tosa,
norw. tvitusla,
ädän. tvetosse,
deren erstes glied die idg. kompositionsform *di- '
zwei-',
deren zweites aber unklar ist. Falk-Torp 1302, Torp 823
und Hellquist
31251
sehen darin ein urspr. selbständiges wort wie deutlich in isl. tvítóli,
norw. tvitola,
schwed. dial. tvetola, tveto(r)ling,
dän. tvetulte,
die an. tól '
werkzeug, geschlechtsglied'
enthalten, und verweisen für zwitarn
und tvetorna
auf schwed. dial. turre '
gelthuhn, hermaphrodit' (
das Falk-Torp
und Torp
weiter zu dürr
stellen).
andere sehen in dem zweiten element eine sonst nicht nachgewiesene suffixkombination, eine weiterbildung von einer dentalableitung wie and. tuēdi '
halb',
ags. twǽde '
zwei drittel',
aind. dvidh, dvedh '
zweifach',
s. Walde-Pokorny 1, 819; Jacobsohn
zs. f. dt. altert. 66, 235.
über mhd. zwidorn, zwitorn, zwidern
entwickelt das wort zahlreiche nebenformen und entstellungen, die seine herkunft teilweise verdunkeln: zwickdarm, zwickdorn (
teil 16,
sp. 1111); zweidarm (
teil 16,
sp. 984); zweidorn (
teil 16,
sp. 988); zwiedarm (
teil 16,
sp. 1141); zwiedorn (
teil 16,
sp. 1142).
vgl. auch czwytor, zwidern, zwydorn, zwedorn, zwickdorn, zwiddorn, zwetorn, zweytorn, czwitorn
bei Diefenbach
gl. 275
c s. v. hermaphrodita. mundartlich nur selten verzeichnet; auf die genannten nebenformen gehen zurück zwidrm Castelli
Österr. unter d. Enns 275; zwittrhûrn Schuller
siebenb.-sächs. ma. 75; zwadder Gangler
Luxemburg 495.
thüringisches zwitzer Hertel
Thür. 268; Regel
Ruhla 295
scheint eine selbständig entwickelte nebenform zu zwitzern (
s. d.)
zu sein, während twister Schambach
Göttingen 239
a wohl auf eine alte bildung zurückzuführen ist, s. 2zwister.
nd. und auszerdeutsche entsprechungen fehlen, abgesehen von dem genannten schwed. dial. tvetorna.
ungeklärt bleibt nd. altvile,
dem die bedeutung '
zwitter'
beigelegt wird (
s. u. 3 b,
ferner Grimm
rechtsaltert. 41, 556). 11)
in älterer sprache ein abkömmling von zwei wesen verschiedener art. die bedeutung setzt sich nur vereinzelt bis in nhd. sprache fort. 1@aa)
von menschen; in den glossen zunächst für nothus, spurius '
bastard, auszereheliches kind'
und damit zugleich meist für ein kind, dessen eltern einander nicht ebenbürtig waren, kebskind, besonders von einer mutter fremden stammes: in der glossierung von 1. kön. 17, 4 (
der riese Goliath)
spurius nothus zuitarn (9.
jh.)
ahd. gl. 1, 292, 58
St.-S.; vgl. zur gleichen bibelstelle banckhart,
var. basthart, baster
erste dt. bibel 5, 71
Kurr. (Luther
übersetzt ein rise
1. Sam. 17, 4);
notus est qui de nobili patre et matre ignobili procreatur. et sic dicitur nothus zuitaran (10./11.
jh.)
ahd. gl. 2, 160, 7;
nothi zuitarna (11.
jh.) 2, 467, 18;
nothum zuitarn (11.
jh.) 2, 665, 71;
spurius zvitarn (11.
jh.), huorlinc,
doch auch schon (
da ebenfalls zu 1. kön. 17, 4,
s. o.) upvuahsiner, vberwasener, uberwahsin 1, 400, 60;
spurius de ignobili patre et de nobili matre zvitarn (12.
jh.) 1, 393, 33;
nothus zwitarn (12.
jh.), zwitarin (13.
jh.) 4, 81, 41;
nothus incertus zwitarn (13.
jh.) 4, 152, 33; von in (
von ihnen —
eheliche verbindung eines ritterlichen u. bäuerlichen elternteils) werdent zwitarn, daz mein ich ir bêder kint Seifried Helbling
nr. 8, 234
Seemüller; swer sprêche er wêre ein zwitorn, der hêt lîp und guot verlorn Hugo v. Trimberg
renner 1708
Ehrism.; sag, was mit euren weibern da die Romer han geschickt darna anders, dan zwidern darein gemacht
fastnachtspiele 1, 28
Keller; item alle paffenkinde, münchskinde, hurkinde, zwitterne gehören mit hünern u. bede uf das gericht Blankenstein (16.
jh.)
Eisenhauser eigenbuch § 16
bei Grimm
dt. rechtsaltert. 4 1, 566; wie die pawrenlewte zu edeln sich gefreunden, und davon kämen zwitörn und kikelfe geslecht
cgm. 307, 20
b bei Schmeller-Fr. 2, 1170; zwidarm
ambiguus gentis, ambiguus nationis voc. von 1618
bei Schmeller-Fr. 2, 1170; so heissen bisanheut dergleichen kinder, nemlich von einem spanischen oder portugesischen vatter ... und indianischen mutter, mesticor als wann man sagen thäte zwitter J. G. Harant
d. christl. Ulysses (1678) 679. 1@bb)
tiere von zweierlei herkunft, bes. ein mischling zweier hunderassen: die hund, die gewelft sind von ainem wind spil vnd einem hofwarten, die man haiszet zwydarm, sind starck vnd schnell vnd darumb sind sy vast guot Mynsinger
v. d. falken, pferden u. hunden 92
lit. ver.; latissa zwydorn, eyn tyr von einem wolff vnd hundt geporn (
Nürnberg 1482) Diefenbach
gl. 328
a; da er doch alle seine jagten mit einem paar guten zwittern oder bauerhunden bestreiten kOente Weise
erznarren 166
ndr.; der zwitter ... ist die art der hunde, so von starcken winden kommen und kleiner fallen Harsdörffer
teutscher secretar. (1656) 1, 556; daraus dergleichen zottlichte zwitter vnd mancherley arten derer hunde kommen Fleming
vollk. jäger (1719) 172; zwitter heiszen die hunde, so die gestalt zweyerley arten derer hunde haben
allg. haush.-lex. (1749) 3, 814
b; die zwitter (
hunde) haben einen andern vater oder mutter gehabt Heppe
aufricht. lehrprinz (1751) 11; von diesen benannten arten der hetzhunde ziehet man denn auch gemischte arten, sonst zwitter genannt Döbel
jägerpractica (1754) 1, 105.
nur selten von anderen tieren: ibrida ist ain tier vierfüezig und ist ain zwidorn (
var. zwitar), wan ez kümt von wilden sweinen und von zamen, sam ain maul kümt von ainem pfärt und von ainem esel Konrad v. Megenberg
buch d. natur 141
Pf.; eine ... art, die von einigen giebel-, von andern aber karauschkarpffen oder auch zwitter benennet werden Döbel
jägerpractica (1754)
anh. 4, 73.
vereinzelt von pflanzen: zwitter ... heiszt bey der gärtnerey dasjenige also, was man durch oculiren und pfropfen von verschiedener art pflantzen hervor bringet
allg. haush.-lex. (1749) 3, 814
b. 22)
in einer glosse des 13.
jhs. (
s. u.a)
begegnet ein auffälliger wandel der bedeutung. unter aufgabe des genealogigischen aspekts bezeichnet das wort die biologisch-sexuale erscheinungsform, d. h. zwitter
steht für '
zweigeschlechtiges wesen' (
im menschlichen bereich häufig bei vermeintlicher zweigeschlechtigkeit, s. a).
doch erst mit beginnendem nhd. setzt sich die neue bedeutung allgemein durch und wird vorherrschend; in den wbb. durchgängig und reich bezeugt: androgynus, hermaphroditus, i. utriusque sexus zwidder Alberus
nov. dict. (1540) Hh 2
b; zwidorn
hermaphrodite Hulsius
dict. t.-it. (1618) 285
b;
hermaphroditus ein zwitter
nomencl. lat.-germ. (1634) 224; zwider Zehner
nomencl. (1645) 249; zwitter Schottel
haubtspr. (1663) 1450; zwitter
hermaphroditus, androgynus, quod utriusque sexus membra genitalia habeat, atque alias dicitur ein zwiedorn Stieler
stammb. (1691) 2663; zwitter
hermafrodito Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1501
c;
hermaphrodite ein zwitter, männliches und weibliches geschlechts zugleich Wächtler
hdb. (1703) 151; zwitter
l'hermaphrodite, androgyne, qui est mâle et femelle tout ensemble Schwan
nouv. dict. (1783) 2, 1150
b; hermaphrodit, zwitter, der von beiden geschlechtern die kennzeichen zu tragen scheint Hübner
zeitungslex. (1824) 2, 165
b. 2@aa)
zweigeschlechtiger mensch, hermaphrodit; in dieser bedeutung weit verbreitet; zuerst belegt in einer glosse des 13.
jhs.: hermafrodita zviter
ahd. gl. 4, 70, 29
St.-S. dann erst wieder in nhd. wbb.: zwydorn als ein mensch, der zagel und fotzen hat
hermaphrodita voc. theut. (
Nürnb. 1482) qq 6
b; zwitter
einer so man vnd weib zugleich ist, vn garsonfilette, hermaphrodite Hulsius
dict. (1616) 444
a; zwitter
eine person so männ- und weiblichen geschlechts zugleich ist, a scrat; a hermaphrodite; one that has the natural parts of both sexes Ludwig
t.-engl. (1716) 2672; zwitter, zwiedorn, zweydorn und mann-weib,
hermaphroditus, andria und androgynus, franz. hermaphrodite,
heiszt eigentlich ein mensch, welcher die zeichen beyderley geschlechts hat Noel Chomel öcon. u. phys. lex. (1750) 8, 2460;
ein mensch, welcher mit den geschlechtsgliedern beider geschlechter versehen ist Voigtel
wb. (1793) 3, 735
b.
die verbreitung des wortes steht in keinem verhältnis zum tatsächlichen auftreten menschlicher zwitterbildung. es handelt sich meist um scheinfälle, vor allem um miszbildungen der klitoris, vgl. dazu: darumb sagen die naturerforscher, dasz der zwidder desz männlichen glieds vnvermöglich sey, wie die erfahrung gibt
proplemata Aristotilis (1585) 87
b; selten geben sich die zwidorn vor männer aus, sondern lassen sich als weiber gebrauchen J. Hübner
curieuses lex. (1712) 622.
die vorstellung menschlicher zweigeschlechtigkeit wurzelt im mythos, vgl. die figur des Hermaphroditos, Platon
s darstellung im gastmahl sowie die germ. gestalten Tuisto und Ymir. das besondere interesse des 16./17.
jhs. für anatomische abnormitäten mag die verbreitung der vorstellung und des wortes gefördert haben: ja etliche machen sie (
die götter) auch also, das sie zugleich mAenlein und frewlin, oder wie mans nennet, zwithurn sindt
J. Calvin inst. christ. religionis (1572) 50; zwitter ist auch das jenige, so in einer person von beyderley geschlechte ist Harsdörffer
teutscher secretar. (1656) 1, 556; wir mssen hierbey nicht gar mit stillschweigen bergehen die partus dubii sexus, hermaphroditen, zwiedorn oder zwitter Chr. Lehmann
hist. schauplatz (1699) 728; zwitter oder hermaphrodyte ist der so wohl weibliche als männliche gebuhrtsglieder hat. dergleichen person musz sich unter diesen beyden ständen einen erwehlen, wenn er einen einmahl erwehlet hat, musz er selbigen behalten, und sich darnach gemäsz aufführen Amaranthes
frauenzimmerlex. (1715) 2176; ein zwitter mag heurathen, wenn durch den augenschein und erkenntnisz der arzeneyverständigen er dazu tüchtig erachtet worden Jablonski
lex. d. künste u. wiss. (1767) 2, 1852
b; und locken dadurch oft eine menge menschen in ein entlegenes wirthshaus, um entweder einen angekndigten zwitter, ... oder so etwas zu sehen Knigge
roman m. lebens (1781) 1, 181; bist du toll? er (
Jupiter) entbunden worden? ... er wäre also ein zwitter gewesen, ohne dasz wir etwas davon gemerkt hätten? Wieland
Lucian (1788) 2, 57; den in wachs nachgeformten körper eines zwitters, der vor einigen jahren hier studierte Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 2, 9; ich glaube auch, dasz man nach älterer strengerer ansicht misgestaltete wesen wie z. b. zwitter, wenn sie nicht bei geburt ausgesetzt wurden, später bei seite schaffte Müllenhoff
dt. altertumskde 4 (1920) 244; der biblische urvater (
Adam), in der sage als zwitter oder zweigeschlechtiges urwesen gedacht
hdwb. d. dt. aberglaubens (1927) 1, 164.
nur spärlich melden sich in früherer zeit wissenschaftliche bedenken: dasz es aber unter menschen und thieren zwitter geben soll, welche zweyerley geschlechts, lauft wider alle anatomische erfahrung
allg. haush.-lex. (1749) 3, 814
b. 2@bb)
in der anwendung auf tiere, wo besonders bei niederen arten echte zwitterbildung zugrundeliegt: auch wird ein hermaphrodit, wie dergleichen unter denen haasen anzutreffen, ein zwitter genennet Heppe
wohlred. jäger (1763) 346
b; W. beschreibt ein pferd, welches für einen zwitter gehalten wird
allg. dt. bibl., anh. zu bd. 25/37 (1771) 2943; die distomen (
leberegel) sind zwitter Sömmerring
menschl. körper (1839) 8, 1, 427; zudem sind die meisten mollusken zwitter Vischer
ästhetik (1846) 2, 120; weitaus die mehrzahl der krebse ist getrennt geschlechtlich, nur bei ... sessilen formen ... finden sich zwitter Brehm
tierl. 10, 13
P.-L.; die noch heute wie im altertum und mittelalter geltende anschauung, dasz der aal beide geschlechter in sich vereinige, also ein zwitter sei, und lebende junge gebäre, beruht wohl auf der tatsache, dasz sich nur weibchen in den flüssen aufhalten
hdwb. d. dt. aberglaubens (1927) 1, 1. 2@cc)
zweigeschlechtige pflanzen, monoclinia: diejenige pflanzen also, deren blumen diese beyderley geburtsglieder haben, nennet man hermaphroditen oder zwitter. sie machen den grösten theil aus Ehrhart
pflanzenhist. (1753) 7, 86; zwitter, hermaphroditus; ein gewächs, das beide geschlechter, oder stamina und pistilla, in einer blume vereinigt, und daher als sich selbst genüglich angesehen werden kann Röhling
Deutschlands flora (1823) 1, 99; mark-wurzelpflanzen. wurzelblätter, meist alle blümchen gleich gestaltet, zwitter und fruchtbar Oken
allg. naturgesch. (1839) 3, 710; meistentheils aber ist die pflanze ein zwitter J. Grimm
kl. schr. (1864) 2, 367; auch gibt es zweiblütige grasährchen, bei welchen beide blüten zwitter sind Schlechtendal
flora v. Deutschl. 7, 249; der hopfen ... ist ... zweihäusig
d. h. die pflanzenindividuen sind nicht zwitter, sondern getrennten geschlechtes (diclinisch) Schwerz
prakt. ackerbau (1882) 606. 33)
vereinzelt für anatomische miszbildungen überhaupt. 3@aa)
nicht zweigeschlechtig, sondern im sinne von '
ungeschlechtig', '
weder männlich noch weiblich': ein vnfruchtbare kuo, ein kuo die nit kalberet, heiszt ein ryt oder zwytor Frisius
dict. (1556) 1290
a; Maaler
teutsch spr. (1561) 536
a; zwitter ... werden auch ... genennet die verschnittene Blancard
mediz. wb. (1710) 36.
hierher wohl auch: wie will ein mensch mit einer weichlichen stimme, die mich so berührt wie die hände mancher verhaszten fetten zwitter, mir in die seele sprechen (1801) Burgsdorff
an Rahel in: br. (1907) 180. 3@bb)
für verwachsene, krüppel, anatomische abnormitäten, —
vielleicht in anlehnung an die volksmeinung, nach der z. b. riesen und zwerge als zweigeschlechtig bzw. als zeugungsunfähig angesehen wurden: ob irgendwo ein zwerg oder zwitter zu sehen ist Knigge
roman m. lebens (1781) 3, 70; was würde auch daraus entstehen, wenn es nicht so wäre (
d. h. wenn der chemiker organische wesen herstellen könnte), mit welchen zwittern und ungeheuern würde die experimentirsucht der naturforscher die erde bevölkern Th. v. Schubert
verm. schr. (1823) 1, 229; zwadder
zweiwüchsiges, verkrüppeltes, verwachsenes kind Gangler
Luxemburg 495.
bildlich: doch jeglichem, der eine metze dich (
muse) glaubt, und geil mit gewalt dir umarmungen raubt, dem lohnest den frevel du bitter: er windet sich kraftlos und stillet an dir die schnöde, sich selbst überlegene gier, und zeuget sich — krüppel und zwitter Blumauer
ged. (1785) 6.
vermutlich gehört hierher auch das sprichwörtliche auf zwitter und zwerge erstirbt weder lehen noch erbe Graf-Dietherr
dt. rechtssprichw. (1864) 210; Wander
sprichw.-lex. 5 (1880) 678,
das zurückzuführen ist auf mnd. uppe altvile unde uppe dverge ne irstirft weder len noch erve, noch uppe kropelkint
Sachsenspiegel 23
Eckhardt, wo statt zwitter
das umstrittene wort altvile,
das auszer mit '
zwitter'
noch mit '
wechselbalg'
und mit '
krüppelhaft, schwachsinnig'
übersetzt wird, s. dt. rechtswb. 1, 536
und die dort genannte literatur. vgl. ferner: zwitter, zwerge und krüppel lebten weder nach landrechte, noch nach lehnrechte Raumer
gesch. d. Hohenst. (1823) 5, 332; zwitter gelten für unfrei und erbunfähig J. Grimm
dt. rechtsaltert. 41, 566. 44)
in neuerer zeit bildet sich ein mannigfacher bildlicher und übertragener gebrauch heraus. nur selten rein äuszerlich vom widerspruch zwischen erscheinung und genus: unter der bedingung ..., daß sie diesen zwitter (
ein verkleidetes mädchen) fortschaffen Immermann
w. 5, 111
Boxb.; während du einem zwitter von weib und mann (
einem verkleideten schauspieler) zusiehest Wieland
Lucian (1788) 4, 375.
vornehmlich um die innere uneinheitlichkeit in form und gestalt, das schwanken in äuszerung, haltung und denkungsart zu charakterisieren. die verschiedenen anwendungsmöglichkeiten, die im nachfolgenden zu gruppen mit flieszenden übergängen geordnet sind, wiederholen sich bei den zahlreichen zusammensetzungen, s. u. sp. 1414
bis sp. 1425. 4@aa)
von einem menschen (
einem gegenstande),
der zwei erscheinungsformen, die ihrem wesen nach in gegensatz zueinander stehen, in sich vereint und durch den inneren widerspruch dieses doppelseins charakterisiert wird. in der regel mit stark abwertendem sinne: vnnd warnet jedermenniglich, das sie sich für solchen falschen heiligen oder zwittern, vor bösen nachbarn vnd offendlichen tyrannen ... hüten sollen Mathesius
Syrach (1586) 3, 112
b; solche lästerliche zwidärm sein alle die, welche wol in der frühe in der kirche gott dienen, nach mittag aber im wirtshaus dem teufel aufwarten Selhammer
bei Schmeller-Fr. 2, 1170; es wird dein kayser nun aufs alter gar zum zwitter. er ist ein herr der welt, doch eines knechtes knecht Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1524
a; ihr wanckelmüthigen, ihr zwitter und heuchler, die ihr zugleich gott und der welt wollet anhängen, seyd elend, und traget leide und weinet! Chr. Scriver
seelenschatz (1737) 1, 579
b; wir danken dem verfasser ... für die gute art, womit er ... eine gattung moralischer giftmischer, nämlich die gravitätischen zwitter von schwärmerei und heuchelei hat brandmarken wollen Göthe I 37, 234
W.; das ist der einzige deutsche dichter (
Schiller); ... alle übrigen sind zwitter: Griechen, Römer oder gar Franzosen, und haben kein herz für Deutschland Holtei
erz. schr. (1861) 16, 265; der zwitter, oben geist und
unten vieh O. Ludwig
ges. schr. (1891) 3, 198.
im gegenständlichen bereich: finde auch darinnen (
in dem traktätchen) gantz und gar nichts remarquables, als dasze er (
der autor) die renomirte 4te vor einen zwidder, nehmlich vor eine consonanz und dissonanz zugleich ausgiebet Heinichen
generalbasz (1728) 938. 4@bb)
von einem menschen (
einem gegenstande),
der zwischen zwei erscheinungsformen mitteninne steht, weder der einen noch der anderen ganz zugeteilt werden kann, aber an beiden teilhat. mit der voraufgehenden gruppe sich berührend, jedoch mehr sachlich feststellend: wiewol ich kein reuter, sondern nur ein zwidder zwischen ihnen und den mussquetierern bin Grimmelshausen
Simpl. 228
Kögel; der seltsame militairisch-akademische zwitter (=
Kleist) schien ihm doch immer noch ein anomalon ... in dem bezirk seiner praxis zu sein (1800) H. v. Kleist
w. 5, 76
E. Schmidt; was ist von diesem engel mir geblieben? ein starker geist in einem zarten leib, ein zwitter zwischen mann und weib Schiller 6, 32
G. (
die berühmte frau); wer aber der weiseste von euch ist, der ist auch nur ein zwiespalt und zwitter von pflanze und von gespenst Nietzsche
w. (1906) 7, 13.
entsprechend von gegenständlichen begriffen: denn der druck (
in den büchern) ist ein zwitter zwischen der runden lateinischen (
schrift), die man antiqua nennet, und der eckigten deutschen Gottsched
anmuth. gelehrsamk. (1751) 3, 511; auch nach der erwerbung Schlesiens hatte Friedrich es (
Preuszen) als einen 'zwitter' bezeichnet, es war nicht mehr kleinstaat, aber noch nicht wirklich groszmacht Prutz
pr. gesch. (1900) 3, 166.
in spielerischer deutung: die fnff, so zwitters art versammlet (
nämlich in der summe von 3 als ungerad und männlich plus 2 als gerad und weiblich) Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 114.
gern zur charakterisierung von werken der literatur und kunst, die sich nicht eindeutig einem gattungs- oder stilbereich zuordnen lassen, vgl. unten zwitterart, -bildung, -gattung, -geburt, -geschöpf. manche romane sind mehr studien, andere mehr resultate des lebens, viele zwitter von beiden Gleim
s. schr. (1798) 1, 147; sonst macht sie (
die ähnlichkeit) erzwungene nachahmungen, zwitter und ungeheuer von künsten, da der mahler wärme mahlen, der tonkünstler vernehmliche sprache nachahmen ... soll Herder 5, 386
S.; was geht mich es an, ob so ein stück des Euripides weder ganz erzehlung, noch ganz drama ist? nennt es immerhin einen zwitter Lessing 9, 390
L.-M.; und so entstand denn dieser zwitter von abhandlung und erzählung Schiller 6, 12
G.; (
einer) der väter jener lieblichen zwitter, historische romane genannt K. J. Weber
Deutschland (1828) 3, 115; das leben des Pythagoras erscheint uns ... als ein gemisch von wunderbaren abentheuerlichen fabeln, als ein zwitter von morgen- und abendländischen vorstellungen Hegel
w. (1832) 13, 220. 4@cc)
von einem menschen (
einem gegenstand),
der weder an der einen noch an der anderen erscheinungsform teilhat, also durch keine von beiden charakterisiert ist. dieser gebrauch nähert sich einer negativen definition: von den zwittarnen vnd denen, welche auf kein seit gestanden (
de mediis ac neutram partem sequentibus) (16.
jh.)
bei Gombert
bem. u. erg. zu Weigand 5 (1882) 8; (
er) ist ein aftergelehrter, ein zwitter, der weder weltmann noch gelehrter ist, und sich für beides hält J. Wetzel
Tobias Knaut (1775) 3, 167; euer schicksal aber ist ein zwitter, unfähig zum zeugen wie zum gebähren Börne
ges. schr. (1829) 1, 2; ein verfassungsstaat ist daraus nicht geworden, als elender zwitter musz er nun weiterleben, und wer weisz in welche nöthen geraten! Varnhagen v. Ense
tageb. (1861) 4, 88; neutralität ... was denn das für ein ding sei? das sei nicht kalt nicht warm, nicht weisz nicht schwarz, nicht gut nicht böse, ein unaufrichtiger, unbrauchbarer zwitter, damit wolle er sich nicht abgeben Ric. Huch
d. grosze krieg (1920) 2, 381. 4@dd)
von einem gegenstand, der zwei erscheinungsformen, die verschiedener art sind, aber nicht in einem unlösbaren gegensatze zueinander stehen, in sich vereinigt und gerade durch die mischung beider das gepräge seiner eigenart erhält: gleichwie aber die gelehrten leute ... hätten bedencken sollen, dasz die sinnliche begierde ein ungeschaffener zwitter sei, den ihr gehirne aus vermischung des verstandes und willens gemacht Ch. Thomasius
v. d. kunst, vernünfftig u. tugendhafft zu lieben (1692) 80; ich weis in der that nicht, was ich aus dem werkchen eigentlich machen soll. es scheint mir ein zwitter von witze und von gelehrsamkeit zu seyn Rabener
s. schr. (1777) 5, 45;
die doppelung kann geradezu eine steigerung des abwertenden sinnes bedeuten: verbanne die falsche schaam, diesen zwitter von prahlerey und eitelkeit Kotzebue
s. dram. w. (1827) 7, 116; 'Wieland!' rief er aus. 'dieser zwitter von frivolität und plattheit' Schreyvogel
ges. schr. (1829) 2, 1, 16; dort vor dem thor lag eine sphinx, ein zwitter von schrecken und lüsten H. Heine
s. w. 1, 8
Elster. 55)
um eine übertragung handelt es sich auch bei der bezeichnung für unreine erzarten, besonders für unreines zinnerz, daneben für wasser- oder reiszblei, vgl. zwitter
ist ein gesteine, so mit zien-graupen durchflossen und offters viel zien giebet Junghans
gräublein erz (1680) f 4
b; zwitter,
molybdena, plumbago, ist das gestein, woraus das zinn geschmeltzet wird Hübner
cur. lex. (1712) 1398;
s. auch Minerophilus
bergwerckslex. (1730) 742; Herttwig
neues u. vollk. bergb. (1734) 437
a;
der zinnstein ist nicht einerley farbe, sondern schwärtzlicht, graulicht, gelblicht, weiszlicht, bräunlicht, roth und grün, da denn das falsche, so mit darunter bricht, von dem guten schwerer zu entscheiden. ja eben dieses vielartige gestein heiszt deswegen zwitter
Noel Chomel öcon. u. phys. lex. (1750) 8, 2420; so heiszt z. b. das wasser- oder reiszbley in einigen gegenden zwitter, weil es wie bley aussieht, es aber nicht ist. am häufigsten führt im bergbaue das gewöhnliche unreine zinnerz diesen namen, wahrscheinlich, weil es mehrere arten von mineralien in sich zu vereinigen scheint Voigtel
wb. 3 (1795) 735
b; zwitter
zinnerz mit quarz u. weiszem thon vermengt; graphit oder reiszblei; wismuth; scheelerz Mothes
ill. baulex. 4 (1877) 406
a.
volksetymologische deutung sucht eine verwandtschaft zu zwinzern, zwitzern (
s. d.) '
glitzern, funkeln'
herzustellen: bergkleut heissen den stein, darausz man zin macht, zwitter, vnd halten, das es den namen von zwintzern vnnd gleissen habe Mathesius
Sarepta (1571) 96
b; zwitter im bergwerk, der stein daraus man zien macht, vielleicht von zwitzern und gleissen Frisch
wb. (1741) 2, 489
b; Kräutermann will das wort zwitter von zwinzern herleiten, weil der zwitter blinkert oder zwinzert Jacobsson
technol. wb. 4 (1784) 736
b.
literarische belege nur aus nhd. zeit: sampt allem gewonnem und anderm vorrat an zwitter hutten mulen affter geschlemme und anderm (1516)
urk.-buch d. st. Freiberg 1, 616
Ermisch; auf dem Friedenbergischen geburge uf zwitter oder zinnstein (1555)
cod. dipl. Silesiae 21, 113
Wutke; vom zwitter vnd zihnstein ..., wie man dise metal gewinnet Mathesius
Sarepta (1571) )( 5
a; was eisen vnd zihn bey sich hat, heist man eysenstein oder zihnstein, welches zwitter ist, das ist eysen vnnd zihn ertz
ebda 28
a; der zwitter oder der zienstein, dauon das zien gemacht wirt, ist ein sehr schwer ertz Ercker
beschr. aller mineral. ertzt (1580) 120
b; in der schmeltzung abgehende materi, der graupen, zins, zwitters vnd wismuts Thurneysser
magna alchymia (1583) 81; etliche gänge führen offt silber am tage und zienstein in der teiffe, oder gediegene zwitter am tage, und silber in der teiffe Albinus
meisznische chron. (1590) 132; albi in fluminibus collecti, geseifft, weisser zwitter
M. Ruland
lex. alch. (1612) 367; die bergsucht ... ist die, so die ertzleut (
haben) ... (
die) ... im waschwerck, im silber oder goldertz in ... zwitter ... bawen Paracelsus
opera 1, 643
Huser; aber ein goldt ertz wirdt mit feusteln oder mit stempffeln gepaucht, vnnd auch der zwitter wirdt zermahlen Bech
Agricolas bergwerckb. (1621) 235; es finden die steinmetzen in ihrem bruch öffters etwas zwitter mit, welchen sie aushalten, und nach ihrer gelegenheit zu gut machen Chr. Lehmann
hist. schauplatz (1699) 184; zinngrube in der nähe. ein stück zwitter erhielt ich Göthe III 8, 211
W.