krauen ,
gleich kratzen. II.
Formen und verwandtschaft. I@aa)
ahd. chrowôn (
urspr. chrawôn) Graff 4, 585,
mhd. krouwen
wb. 1, 884
b;
nl. krauwen Kil.,
altfries. krawa,
mnd. krawen Dief. 247
b,
nnd. krauen
br. wb. I@bb)
eine nebenform kräuen
s. unter II, 4,
ein beispiel schon II, 1,
a. I@cc)
auch krauben,
z. b.: wenn sich einer hinten thut kraubn. Eyring 3, 190; sie krauben einander (
s. u. II,
b, γ), eine hand kraubt die ander. 3, 306.
diesz b
vertritt das alte w
in krauwen.
dasselbe b
hat auch kreben, s. II, 4. I@dd)
aber auch durch g
wird das alte w
vertreten: kraug
frico Alberus m 1
b (
daneben kraw HH 1
a),
wie in klog
für klaue
u. a.; ebenso hat er kraugstein
für kraustein (
s. d.). I@ee)
aber auch krâen
krauen, so hessisch Vilmar 224,
osterl. Bech;
es beweist altes krâwen. I@ff) krauen
zeigt nebst kräuel, kraue
die ältere gestaltung der wurzel (kr-w),
die klaue
zu grunde liegt; andere gestaltungen der wurzel zeigen sich in krapfe
haken, klaue, in kralle, kratzen
u. a., s. dort. IIII.
Gebrauch und bedeutung. II@11) krauen,
fricare, scalpere. voc. inc. teut., krawen
voc. 1482 r 5
a, crauwen, krowen
confricare Dief. 142
a. 247
b. 515
a.
c, krauwen
voc. opt. Lpz. 1501 Aa 5
b, crawen 6
a (
nicht bei Dasyp., Maaler). II@1@aa)
selten noch feindlich, wie kratzen,
doch mhd. und noch nl. (
vgl. auch kräueln, krauer 2): sein haut schol man im mit dorn krauen.
fastn. sp. 712, 2,
was doch mehr eine spöttische anwendung des folg. ist, vgl. c; bei Wernher
vom Niederrhein (
vgl.kratzen 1,
i): unde sal den dorn ave howin, dat he nîman inmuge crowin. 36, 16. der ber (
Bern) die niden strasz har kam, mit manheit er ware nam der vinden mit sin clowen (
so l.), ward sich mit inen krauwen (
gedr. kauen). Lenz
Schwabenkrieg 145
b; der ber der was erzürnet gar, der viend nam er eben war mit sinen scharpfen klöwen, mit siner tappen schlug er drin, und tet sich mit in
cräwen. 153
a (
wie sich kratzen 1,
b), sie haben auch scharfe zeen und klawen, können sehr beiszen und hart krawen. Rollenhagen
froschm. Ss 3
b.
auch mehr nach 2: lebe ich und krawet mich jemand (
greift mich an), so kan ich es (
eum) noch wol basz jucken und kützeln. Luther 5, 302
b,
vgl. 2,
c; die werden in wol ungeplaget und ungekrawet lassen.
tischr. 428
b; du glaubst vielleicht, des gastes nägel krauen nicht auch so gut wie deine scharfen klauen? Göthe 41, 119. II@1@bb)
gewöhnlich juckend krauen: prurire, krauwen,
auch krewen (
rhein. wie es scheint). Dief. 469
c,
schon mhd.: so krouwet er sich als ein hunt, den flœhe bîʒent sêre.
Kolm. meist. 18, 50. II@1@b@aα) der bader wil in krauwen. Kirchhof
wendunm. 395
b,
es war aufgabe des baders, s. kratzen 1,
g a. e., vgl. kraustein; als aber der bader samt seim gesind nur andern leuten, davon sie ein bessers drankgelt als von disem armen schlucker zugewarten hatten, mit fleiszigem krauwen abwarteten.
wisbad. wisenbr. 2, 162.
daher bildlich: ir herrn, mit lecken, paden und krauen kan ich versehen wol die frauen.
fastn. sp. 377, 14,
vgl. liesz sie mich denselben (kempfkreis) schauen, ich wolts darümb gar sanft krauen. 653, 22,
obscön. II@1@b@bβ)
man kraut ein kind im kopfe, den hund hintern ohren
und ähnl.: man meint sunst, du wollest sie an den oren krauen.
fastn. sp. 164, 14; da es mich juckt, da darf ich nicht krauen.
teutsche sprichw. 136
b,
herculena scabies, Frisch 1, 544
c; mancher krauet sich da es ihm nicht jükt. Schottel 1124
b; niemand kan ... meinen rücken mit so einem vergnügen krauen als meine eigene finger. Olearius
pers. baumg. 2, 1; so thaten sie die äuglein zu wie eine katze die man am kopf kraut. Kotzebue
dram. sp. 2, 329; doch wie man auf dem köpfchen (
des liebchens) kraut. Göthe 5, 52; da wo dichs juckt, darfst du nicht krauen. 26, 324; kraut mir (
als bären) um die ohren. 2, 94; uns hinter den ohren krauen lieszen. 14, 102; sonntags dann auf des hauses schwelle krau euch die ehfrau auf dem kopf. Eichendorf
ged. 242; wo einsam sich ein rabe die rupp'gen federn kraut. Annette v. Droste 64; sie (
die krähe) zuckt die klaue, kraut den schopf. 67. II@1@b@gγ)
als liebesdienst oder schmeichelei: was ist mer dienstlich, dann wann ein maulesel den andern krauet? S.
Frank ... 35,
vgl. unter kratzen 2,
bei Stieler 1029 ein esel kraut den andern,
mulus mulum scabit, von dummen leuten die einander loben; dasz wir den cardinälen zu Rom ihre maulesel krauen und ihn schmähliche dienst tun. Hutten 5, 227; sie ... kützeln und krawen sich, das sie mügen eins andern unlust rü
gen. Luther 4, 404
b;
vgl. weiter 2. II@1@b@dδ)
eigen: du krawest dich mit schalknegeln,
d. h. du bist ein schalk. Eulensp. hist. 22, 5. 30
Lapp.; etliche von diesen halte ich stracks für buben, die mit schalksnegeln sich krauen. Pape
garteteufel K 2
b.
auch so: wie sie (
die müller) denn oftmals mit schalksnegeln und diebshenden gekrauet sein. Coler
hausbuch 14. II@1@cc)
aber auch spöttisch von schmerzendem krauen,
wie kitzeln: ich musz komen und der farchmutter (
sau) auf der kanzel die borsten krauen. Luther
br. 4, 635; und also die haut ganz vor den feind tragen. wem sie alsdann jucket, dem kann sie wol gekrauwet werden. Reutter
kriegsordn. 33; will ihn mit bech und schwefel zwagen und mit mein scharfen negeln krauen. Ayrer 376
b; wenn es meine schläge nicht sind, welche ihr (
der esel) juckendes fell krauen, so ist es der erste der beste eckstein (
der es thut). Lessing 8, 478.
nl. krauwen
ist geradezu auch prügeln, plagen, durchhecheln. II@1@dd) sich im kopfe krauen
u. ä., vor verlegenheit u. ä.: daher wir hintern orn uns krauen.
fastn. sp. 337, 9; es hilft kein hintern oren krawen. Folz
bei Göz,
H. Sachs 4, 160; dʒ sich etliche noch im nacken zu krawen haben. Alberus
widder Witzeln G 5
b,
eine drohung, dasz es ihnen noch übel gehn wird; sie (
die fürsten) gewinnen zuletzt das krawen im nacken. Luther 4, 441
b,
wie 'das kratzen hinter den ohren gewinnen' (
s.kratzen 1,
e); wie werden wir einmal uns hinter den ohren krawen.
tischr. 150
a; capitain Horn krauete sich zwar ziemlich im kopfe dieses unglücksfalles wegen.
Felsenb. 3, 251; krauete sich im kopfe und fuhr seiner wege. Ettner
hebamme 45; Danischmend kraute sich hinterm linken ohre und sagte — nichts. Wieland 8, 102; gewohnt die sommernacht mit grazien wegzuscherzen, sänn' ich mich mager und bleich beim dampfe nächtlicher kerzen und kraute die nägel mir ab? und wofür? 4, 4 (
Amadis 1771 1, 17),
von der not des schriftstellers; es sind nun fünf jahre, dasz ich über diesen unwürdigen Idris an meinen nägeln kraue.
ders. Idris (1768) 9; da sitz ich vorgestern im bloszen wamms, kraue mir den alten kopf und verwünsche die viereckten schelme da (
die würfel). Göthe 42, 292; unsere eigenliebe gieng verloren, die mädchen krauten hinter den ohren (
zweifelnd). 5, 262. II@22)
geradezu für kitzeln, vgl. kratzen 2
und kräueln. II@2@aa)
eigentlich: und zu ir nidersitz und trets auf die füsz, kraut sie ein wenig in der hant.
fastn. sp. 235, 34; eins tags da tanzt ich mit einer frauen, das sie mich in der hend ward krauen. 726, 17,
als ein zeichen groszer gunst, vgl. kitzeln
so; das erst das er am tanz kain frauen nit heimlich in der hend sol krauen. 715, 19.
dasselbe ist vielleicht in alter nebenform nd. krajen
streicheln, liebkosen im brem. wb. II@2@bb)
bildlich wie kitzeln,
schmeichelnd krauen, vgl. 1,
b, γ: ich wil euch nicht in den oren krauen und euch die rechten warhait sagen.
fastn. sp. 322, 1; du solt auch niemant in oren krauen.
klopfan weim. jahrb. 2, 98; aber die papisten haben gute tage und feiste pfründ, darumb musz er den selbigen krawen und heucheln. Alberus
wider Witzeln H 5
a; wer nicht wil, der fare hin, und lasse im die ohren krawen, bis im der kutzel zum schmerzen werde. Luther 6, 335
a,
von predigern die den leuten zu gefallen reden; (
prediger) die da den mann und frawn fein werden ihre ohren krawn und mit verschmitzter falscher lehr sie an dem glauben teuschen sehr. Ringwald
laut. w. 335 (299); solch ohrenkrauen oft eim gfelt. Schmelzl
Saul 9
b; will keinem schmeicheln noch hofieren (
mit meinem bericht), viel weniger krauen oder schmieren. Scheibles
flieg. bll. 55; nun ich will drob sein, nicht dasz ich zierlich, sondern beweglich predige, nicht die ohren kraue, sondern das herz rühre. H. Müller
erquickst. 207; wann ich schon ursach hätte böse auf ihn zu sein und er mir nur gute worte gibt und (
mir) freundlich krauet, lasse ich ihn doch wieder zu.
ped. schulfuchs 30; ihr, die ihr gern was neues wiszt, das euch die ohren kraut. Hagedorn 3, 76; wir werden ihm so lang die ohren krauen ... Göthe 41, 36; die gründlichsten schuften die gott erschuf ... auf Deutschlands angebauten gauen die menge zu kirren und zu krauen, indem sie sagen tag für tag was jeder gerne hören mag. 56, 83 (1850 6, 201); selbst die keuscheste fühlt ein vergnügen, auf diese weise gekraut zu werden. Tieck 12, 258. II@2@cc)
aber auch so: ein sehr ernsthaft frölicher und redlicher mann, der meines wissens kein zank gesucht, doch ihm nicht gern under der nasen krauwen leszt. Kirchhof
wendunm. 223
a (1602 1, 349),
spott nicht verträgt. II@33)
dasz es auch gewerblich wie kratzen 4
gebraucht war, zeigt '
refricare, renovare, aufkrauwen'
voc. opt. Lpz. 1501 Z 4
b,
aufkratzen, wie z. b. einen filzhut. II@44)
mit umlaut kräuen (
gewiss schon mhd. ahd.): das haupt kräuen. Ettner
unw. doct. 462,
vgl.cräwen
unter 1,
a (
schon Megenberg 207, 1), krewen 1,
b, es deutet auf ein ahd. chrâwian: der fuchs wird bischof werden gnau, so kräut der wolf die schweinen sau. Ayrer
fastn. 125
b; alte leut mögen wol daheim bleiben und das danzen der jungen welt überlassen, dann was jung ist das freut sich, was alt ist das kräwt sich, sagt man im sprichwort. Creidius 2, 454,
vergnügt sich still mit einander. sich kräuen,
sich grämen: hab ich schon kein schmalz im haus, solt ich mich dann darumb kräwen (: säuwen)! Philander 1650 2, 88,
wol nach 1,
d. auch noch hildesheim. kröuen Fromm. 2, 121.
Auch folg. kreben wird aus altem krewen, kräwen
geworden sein (
s.krauben unter I,
c): die ohrn kreben. Eyring 1, 720; ein hand krebt die andre. 2, 104; krebt dich einer, so kreb in wider. 2, 105. 109;
doch s. auch kräben unter krabben 3.