wirtin,
f. ,
zu wirt.
mhd. wirtinne, -în, -in;
ahd. wirtin, wirtun, wirtinna;
mnd. werdinne;
mnl. werdinne,
nnl. waardin;
lehnwort aus dem mnd. in schw. värdinna,
mschw. vardinna;
norw. vertinde. —
mit abschwächung der endung zu -e
im obd.: nom. sgl. ain wirte
chron. d. dtsch. städte 32, 233 (
Augsburg);
vgl. Fischer schwäb. 6, 1, 879; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 859. wirtin
folgt den verschiedenen bedeutungen von wirt,
jedoch beherrscht vom ahd. bis zum frühnhd. die bed. '
ehefrau'
und später die bed. '
hausherrin'
so stark den wortgebrauch, dasz die bezeichnung der functionen des pflegens, bewirtens, sogar des verwaltens von haus und besitz, besonders im mhd., als zusätzlich erscheint. auch '
gastwirtin'
macht darin keine ausnahme, wirtin
ist hier stets mehr die inhaberin eines wirtshauses als die pflegerin der gäste. 11) '
gastgeberin'
; zu wirt I A: wirtin
hospita Diefenbach 281
a; Frisius
dict. (1556) 635
a; Maaler (1561) 502
c; Calepinus (1598) 658
b; Wiederhold (1669) 423
b; Kirsch (1732) 357; hospita
auch für gastwirtin
bei Steinbach (1734) 999.
im ahd. wirtenno
hospitis Notker 1, 252
P. im mhd. zumeist nur als nebenfunction der gattin und hausfrau, s. z. b. Göttweiger Trojanerkrieg 12821; Heinrich v. Neustadt
gottes zukunft 3424
S.; so auch im älteren nhd.: sant Martha leben nym dir zuo ainem spiegel. sy ist gewessen hie auff erd unsers heren wirtin und hat in offt leiplich enpfangen in ir hausz Keisersberg
granatapfel (1510) d 5
b;
seit dem 17.
jh. deutlicher und häufiger: als die wirtin zu tisch aufwarte Gabr. Rollenhagen
indianische reysen (1603) 150; dem Tyridates ware dis keine geringe vergnügung, bei der wirtin seiner Neronia diese prinzessinnen zu wissen A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 187; seine wirthinn und freundinn Zimmermann
über d. einsamkeit 1, 292; der artigsten wirthin, die ich gekannt habe Hippel
über die ehe (1774) 78; der freundlichen wirtin J. H. Voss
s. ged. (1802) 3, 233; sie war gütige, liebenswürdige wirthin H. Laube
ges. schr. (1875) 14, 143; meine edle wirthin
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 229;
ausdrücklich: weil sie als hausfrau und wirthin freunden und genossen etwas gutes vorzusetzen im stande ist Göthe IV 31, 96
W.; es würde wirtin und gäste beleidigt haben, wenn er sich nicht am tanze beteiligt hätte W. v. Polenz
Grabenhäger 1, 262. — die wirtin machen: Renate machte die wirthin, vertheilte den zucker sogleich in die tassen Fontane
ges. romane u. novellen (1890) 7, 11. —
speziell '
quartierwirtin': es hat ein krieger oder landtsknecht ... sein wirtin
mit gewalt beschlaffen L. Fronsperger
kriegsbuch (1578) 1, t 3
a; unsere wirthin, wolte sie nicht, dasz ich sie und ihr gantzes hausz mit meinen völckern (
läusen) besetzte, so muste sie mich auch davon entledigen Grimmelshausen
Simpl. 181
ndr. 22) '
gastwirtin'
; zu wirt I B:
caupona die wirtin Alberus (1540) l 4
a;
vgl. Hulsius (1661) 416; Steinbach (1734) 2, 999
u. s. w.; lena Calepinus (1598) 804
b; hurenwirthinn
lena Steinbach
a. a. o. über die entwicklung seit dem
mhd. vgl. auch wirt I B: er iltt bald, da er vand die alten herberg sin; Lisea hiess die wirtin, der er den jungen bevalch
Göttweiger Trojanerkrieg 1410
Koppitz; liebe wirtin, ... wOelt ihr mir die zech schencken Montanus
schwankbücher 34, 8
Bolte; und zoch zu herberg bey einer wiertin, die war ein witfraw
V. Schumann
nachtbüchlein 23
Bolte; die ... wirtin (
uns) auf das freundlichst empfienge ... und begert sie von einer person und mahlzeit nicht mehr als zehen kreutzer Guarinonius
grewel (1610) 842; als nun die wirtinne ihm die rechnung macht Zinkgref-Weidner
t. nation weisheit 3 (1653) 39; die ... versprechen ihrer wirtin, vor die zeche, die hant S. v. Birken
ostl. lorbeerhayn (1657) 149; die wirthin zum schwartzen beer Zend. a Zendoriis
teutsche winternächte (1682) 103; die frau wirthin weist ihnen (
anrede) wohl ein zimmerchen mit einem bett an Göthe I 11, 136
W.; sie haben so wol gesungen bei met und külem wein, darbei da ist geseszen der wirtin töchterlein Uhland
hoch- u. nd. volksl. (1881) 74;
in sprichwörtern: wo die wirthin schön ist, da ist gut bier Rädlein (1711) 1066
a; je schöner die wirthin, je schwerer die zeche Binder 214; eine hübsche wirthin zügelt mehr gäste als sieben rothköpfige kellnerbuben Wander 5, 285,
ebda weitere belege. 33) '
ehefrau'
; zu wirt II:
matrona wirtin Diefenbach 351
c; wirthinn
hera, hospita, caupona; ehwirthinn
uxor Steinbach (1734) 2, 999;
uxor Scherz (1781) 2044. 3@aa)
vom ahd. an reich bezeugt. fast immer in unmittelbarer beziehung auf den ehegatten: wirten
uxor Graff 1, 932; sin (
Jovis) wirten (
Juno)
ebda; was der knc hat gesait des nahtes siner wirtinne Johann v. Würzburg
Wilh. v. Österr. 11 383
Regel; er minnet eine wirtin
sammlg. dtsch. ged. aus d. 12., 13.
u. 14.
jh. (1782) 1, 213
a Myller; dasz der man sîne wirtinne sol reht haben als sich selber
predigt. 2, 20
Grieshaber; von der seele als braut gottes: swenn aber minneclich erlost dú sel wirt von hinnen, so wil got sin wirtinnen trOesten und hóher setzen
sœlden hort 8318
Adrian; (
sie) ist nit ein wirtin auf ein tag, sunder die weil du lebst Albr. v. Eyb
dtsche schr. 1, 7; da er ... des Elie gehorsamer wirtin mit ehren erwenet J. Mathesius
Sarepta (1571) 3
b; Gertrud würd in kurzer zeit eine frische wirthin werden, käme nur ihr ehgemahl durch den tod ab dieser erden J. Grob
dicht. versuchgabe (1678) 52; Plume und wirthin G. Stephanie
d. j.
sämtl. lustspiele (1771) 5, 4;
archaisierend: bleibt doch, bis meine wirthin kommt Schiller 14, 281
G. (
Wilh. Tell 1, 2).
seit dem 13.
jh. oft verdeutlicht durch êlich
oder ersetzt durch êwirtin,
besonders in beurkundungen und chroniken, was sicherlich mit dem sich ausbreitenden wirtin '
gastwirtin'
zusammenhängt: sein eliche verlassne wirtin Knebel
chron. v. Kaisheim 54
lit. ver.; ich, Henrich Druosmuod und Gerdruot, min eliche wirthin, duon kuont
hess. urkundenbuch 2, 279
Wysz; auch späterhin: diese wurden auch wegen ihrer geburt liberi homines, ..., ihre gattinnen aber eheliche wirthinnen, weiber genennet Gottsched
d. neueste a. d. anmuth. gelehrsamkeit (1751) 3, 677; hier tragen unsere eheliche wirthinnen zwar noch keinen merlin J. Möser
s. w. (1842) 1, 152;
vgl. ehewirtin teil 3,
sp. 52.
sehr früh tritt wirtin
als '
ehefrau'
hinter weib, frau, hausfrau
zurück; der Frankf. druck des renner ersetzt entsprechend das wirtin
der hs., vgl. auch die varianten in den hss. des Schwabenspiegels: gît sîner wirtinn (
var. hosfrowen; sinem andern wibe) ir guot wider
Schwabenspiegel 136
W. 3@bb)
alte schweiz. sonderbedeutung: '
brautführerin': daz der briutigame und sîn friunde niht wan zehen wirtinnen haben suln
Zürich. richtebr. 72
bei Lexer 3, 934. 44) '
hausherrin'
; zu wirt III.
seit alters in engster sinnverknüpfung mit den bedeutungen '
gastgeberin'
und '
gattin',
daher in den frühnhd. glossaren und wbb. nie gesondert aufgeführt; so erst bei M. Kramer 2 (1702) 1364
b; wirthin, hauswirthin Rädlein (1711) 1066
a; wirthin
hera Steinbach (1734) 999. 4@aa)
ahd. u. mhd.; in der function der gastgeberin: sô si (
Maria) in ira hûs giang, thiu uuirtun (
Elisabeth) sia êrlîcho intflang, Otfrid I 6, 3; do enwas wider wirt nach wirtin, der sie hiesse willekomen sin
herzog Ernst 2159
v. d. H.-B. '
hausmutter, hausherrin'
schlechthin: in disem huse gezimet wol ain erberú wirtinne mit wolgezognen jungfrowen
St. Georgener prediger 247
Rieder; von Maria: vrewe dich, vrouwe! in dînem hove irret niemen stein noch schrove. got ist wirt, du bist wirtinne; daz schuof dir din wâre minne
Mariengrüsze in: zs. f. dt. alt. 8, 289.
im nhd. nur langsam veraltend, langsamer als die bed. '
ehefrau' (
vgl. 2).
von wirt III
wird wirtin
gestützt. das bürgertum des 18.
und des beginnenden 19.
jhs. scheint sogar eine gewisse vorliebe für wirtin
zu haben: die gute alte frau ... bittet mich, ich sollt wegfahren, ... wann mich denn die wirthin bat, wegzufahren, so thät ich es auch (16.
jh.) H. v. Schweinichen
denkwürdigkeiten (1878) 171
Ö.; der wirtin sohn aber ... holete ausz dem stall ein jung kalb Kirchhof
wendunmuth 2, 141
lit. ver.; führt den wirt und wirtin gefangen Rollenhagen
froschmeuseler (1595) r 6
b; im hause finden sie die wirthinn wohlgesinnt J. E. Schlegel
w. (1761) 1, 481; ... ging selbst zu markt, wie jede wirthin thut Müllner
dram. w. (1828) 5, 200; unten aber hohlen sich reinliche wirthinnen in weiszen zubern den sand nach hause maler Müller
w. (1811) 1, 367; sie (
anrede) sind die wirthin dieses hofs Schiller 12, 104
G. (
Piccol. 2, 4); da sich alle von ihren plätzen erhoben, um an der bräutlichen wirtin glückwünschend und grüszend vorüberzuziehen G. Keller 2, 227; Humboldt erschien auf die angesetzte minute, an der thür schon wie ein groszer ambassadeur von der wirthin empfangen H. Laube
ges. schr. (1875) 1, 331. 4@bb) '
hauswirtin, logierwirtin, zimmerabmieterin',
im verhältnis zum mieter einer wohnung oder eines zimmers. aufeinander bezogen: wenn nicht seine wirtin, ungeduldig den mietzins länger zu entbehren, ihm den schlüssel schon abgefordert hat Göthe I 45, 5
W.; nur durch den zusammenhang verdeutlicht: so rief die distel Zeherief, flog schnell nach hause, ... steckte geld ein, gab den stubenschlüssel der wirtin E. T. A. Hoffmann
s. w. 12, 43
Grisebach; ein marktasternbukett ..., das die wirtin, vielleicht um sich ihres mieters fester zu versichern, in eine blaue glasvase ... hineingestellt hatte Fontane
ges. w. I 4, 368. 4@cc)
in manchen ostdeutschen gegenden, besonders im Baltikum, '
gesindewirtin': 'wirthin 1)
eine ausgeberin, ausspeiserin, sonderlich wenn sie von deutscher geburt ist; 2)
die bäuerin, welche einem gesinde oder bauerhofe vorsteht' Hupel
Lief- u. Esthland (1795) 266; Sallmann
dtsche ma. in Esthland (1877) 86
a; die beiden herrschaften, zwei inspectoren, und zwei wirtinnen
M. Bialluch
d. lachende dorf (1935) 10; nicht nach goldnem stalle brüllt ich, ... aber faul ist meine wirthin, wollt nicht kommen, mich zu melken K. Bücher
arbeit u. rhythmus4 (1899) 129 (
aus d. lettischen);
auch im niederschles., vgl. B. Martiny
wb. d. milchwirtsch. (1907) 139.
überhaupt, wenn auch weniger verbreitet, für die bäuerliche hausfrau; besonders in nd. maa., s. Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 539; Dähnert
pomm. 546
a; Frischbier
preusz. 2, 475
a.
vgl. die belege für die bed. 5.
sprichwörtlich: wie die wirthin, so die kuh Wander 5, 285. 55) '
verwalterin von haus und besitz'
; zu wirt III. wirthin, haushälterin Rädlein 1 (1711) 1066
a.
durch die qualifizierung aus bed. 4
bis zum beginn des 18.
jhs. entwickelt, bewahrt es weit stärker als wirt
den sachbezug auf '
haus': dasz eine gantze hauszhaltung bey einem guten wirt und bey einer guten wirthin und bey einem guten ochsen stehe
viehbüchlein (1665) 3; wenn eine gute wirthin mägde und grosze töchter hat, so siehet sie ... gern, dasz des sonnabends fein auffgereimet ... werde J. G. Schmidt
gestriegelte rockenphilosophia (1706) 1, 246; jetzt sieht man bey heyrathen aufs geld und nicht auf gute wirthinnen Nicolai
literaturbr. (1759) 9, 146; du wirst im ganzen lande keine so gute wirthin bekommen, als ich bin Petrasch
s. lustsp. (1765) 1, 531;
übertragen: ach, seelchen, armes seelchen! so lange meine gute freundin, so lange leibes gute wirthin, wohin wirst du nun wandern? Herder 25, 552
S. mit anderem adj.: welche ihn, in den ehestand zu treten und sein haus mit einer trauen wärterin und wirthin zu versehen, ermahneten
d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 177. —
unter einbeziehung des positiven werturteils: übrigens kann sie lahm oder schief sein, wenn sie nur eine wirtin ist und die erziehung der kinder versteht Christ
schauspielerleben 318; aber sind sie (
anrede) keine wirthinn, so musz ihr mann zu grunde gehen Rabener
sämtl. w. 6, 79;
vergleichbar: sie (
d. krankheit) ist beschwerlich ... für einen mann, der sich seine frau ... genommen hat, um ... eine wirthinn zu haben J. A. Cramer
d. nord. aufseher (1758) 3, 19.
sprichwörtlich: eine gute wirthin springt um eine feder über neun zäune Wander 5, 285; eine schlechte wirthin ist ein täglicher schiffbruch
ebda.