gierde,
f. ,
cupiditas. adjectivabstract zu ger, giri,
vgl. Kluge
nom. stammbildungsl. 65
u. 1gier,
f.; aber auch verbale ableitung von geron
scheint gefühlt worden zu sein, wofür die composita pigirido
ahd. gl. 2, 280, 62, gigirdo 2, 479, 37
sprechen. ahd. giritha, girida, gireda, kirida;
as. giritha Wadstein
kl. as. sprachdenkm. 73, 11;
mnl. geerde,
f., '
begeerte, lust' Verwijs-Verdam 2, 1096,
neunl. geerte,
f., desgl. woordenbook 4, 694;
mhd. girde,
älter giride
Windberger ps. 497
Gr. formen mit e
in der stammsilbe erklären sich wohl aus anlehnung an das stammwort ger,
bzw. geron,
schona hd. pigerido
pro intentione ahd. gl. 2, 280, 63;
reimbelege bei Schirokauer
beitr. 47, 52. —
spätmhd. u. frühnhd. mit apokope: girt Konrad v. Helmsdorf 748; gyrt Hans Sachs 22, 89
K.; gird Gengenbach 316
G.; girdt Zinkgref
auserl. ged. 14
ndr. daneben gierde
seit dem 14.
jh.: Heinrich v. Hesler
apok. 3764. —
in modernen mundarten für das ostmd. bezeugt: gierd Müller-Fraureuth
obersächs. 1, 421
a.
der gebrauch ist schon ahd. gut entwickelt; in neuerer sprache tritt gierde
dagegen merklich zurück hinter 1gier,
f. 11)
die mannigfache anwendung im ahd. zeigt die grundbedeutung wirksam (
vgl. 1gier 1):
verlangen als seelische grundkraft, bewegung (
neben vernunft, wille, denken).
so übersetzt es ahd. adpetitus ahd. gl. 1, 271, 36 (
gen. 4, 7);
appetentia 3, 223, 57;
ambitus 2, 730, 59; 290, 17;
cupiditas 2, 148, 41;
desiderium benedict.-regel bei Steinmeyer
kl. ahd. sprachd. 197, 6; 227, 16;
bei Notker
für desiderare, sinngleich mit gelust:
concupivit anima mea desiderare justificationes tuas ... min sela gereta in geluste haben diniu uuerchreht ... rehtes kiredo was si girig unde gelustig, ube gelust unde gireda ein sint
ps. 118, 20
P.; motus: quarum motus quid habeat iocunditatis, ignoro uuaz an iro giredo uuunnon si daz neuueiz ih 1, 1, 160
P.; cura: non posse pellere atras curas et fugare miseras querelas ... taz tu io nieht uberuuinden nemaht scadohafte gireda unde uuenegliche chlaga, taz chit tie sunda die ze chlagonne sint
ebda 157.
bestimmter für übertragenes sitis (
mortis incensus siti Prudentius
perist. V, 526)
ahd. gl. 2, 429, 50.
scharf faszt die theol. sprache des mhd. gierde
als diese grundkraft, so für die psychol. formel des Honorius Augustodunensis (
anima habet tres vires, quae sunt rationalis, irascibilis, concupiscibilis bei Migne
patr. lat. 172, 1158
B.): die sele hat drú dinc: vernunst, sin unde girde
Lucidarius 60, 23
Heidlauf; in anderer zusammenstellung: drú ding solt du dar an (
an den sitten) merken: daz ist girde, gedenke und dú werch
st. Georgener prediger 335
R.; des ain guot mentsch wol bedarf, daz ist girde. vier begerung sint in der sele, daz ist: girde, vohrt, liep und lait
ebda 56;
als das primäre vom willen (
als gefasztem entschlusz)
unterschieden: der bOesen girde mag si (
die seele) also lang nach hengen daz es zuo dem willen kumet
ebda 116.
auszerhalb der theologisch-psycholog. terminologie als verlangen, wunsch: diz wære dô sîn (
Peleus) wille gesîn und al sîn girde, daz nieman keine wirde bejaget hæte mê denn er (
Achilles) Konrad v. Würzburg
Trojanerkrieg 6521
K.; so get daz milce danne derselben melancolie dem magen, da von sin girde gestircket wirt
Breslauer arzneib. 4
Külz-Trosse; ich stee in angst, wie wol mir langst het wolgepyrt, bey dir zu suchen hilff mit gyrt Hans Sachs 22, 89
K.-G.; ich thu allzeit nach ewer (
des papstes) gird Gengenbach 316
Gödeke. [] nicht selten auch abgeblaszt als reimformel: du scholt durch dine clge juncvrawen dich baz wirden, daz rat ich dir mit girden Johann v. Würzburg 13566
Regel. 22)
in der neueren sprache gewinnt gierde
ausgesprochene intensivbedeutung, wenn auch zumeist in schwächerem grad als 1gier
oder 1gierig.
vielleicht schon gelegentlich für das altdt. anzunehmen: girida
ardor ahd. gl. 2, 469, 49;
bei Otloh ze den giriden
für ad fervorem (
s. u. 4);
vgl. auch unten 3 c
bei Heinrich v. Hesler.
allgemein wird intensives gierde
erst im nhd., oft in sichtlicher beeinflussung von 1gier,
1gierig,
starkes, zuweilen mehr tiefes verlangen; zufrühest vereinzelt vom tier: wenn die selben schlangen (
vipern) mit ainand brunsten, so steckt das mAendlin sein haubt dem weiblin in sein maul, alszdann beiszt sie jm vor girden den kopff ab
d. neu layenspiegel (1518) 146
b; (
von der curiosität:) zweitens ... eine übermässige förschlungsgierde und erkündigungssucht dadurch verstanden wird, durch welche man der sachen zuviel thut Er. Francisci
d. höll. Proteus (1695) 930; er würde mit gierde und vermuthlich mit glück den pinsel ergreifen, wenn er sich nun noch getraute zu sagen: ich wollte lieber maler werden als trockener kupferstecher
briefe an Merk (1835) 244
Wagner; kann ich die holde vor mir martern sehen und glühen nicht vor gierde, sie zu retten? Grillparzer
s. w. 10, 65
Sauer; sie trat ans fenster, öffnete es und sog mit gierde die kühle luft ein, die ihr entgegendrang Melchior Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 3, 198 (
vgl. 1gierig 2 b); ja wirklicher als jene knechteswelt erschufst du die der freien warmen leiber mit gierden süsz und heisz, mit klaren freuden Stefan George
d. siebente ring (1909) 15.
nur vereinzelt in ganz starkem sinn gebraucht: unermeszliche, unergründliche gierden lösen mich auf, lösen mir das fleisch vom leibe, saugen mit rauher zunge das mark aus meinen knochen Klinger
theater 4, 196; euch hat nie frau Venus berückt, des Hörselbergs zierde, und ihr habt nie das tollkraut gepflückt unersättlicher gierde Ed. Stucken
Gawan (1909) 62. 33)
ethisch vermag älteres gierde
als zunächst neutrale seelische kraft gute wie böse strebung zu bezeichnen. zumeist in theologischem sinn: nu sint zwo girde in der sele: der ist ainú nider keret zuo dem ertrich, und dú gert irdescher ding; dú ander ist uf gekeret, daz si got schowe
st. Georgener pred. 117
R. 3@aa)
positiv; als christlicher forderung gemäsz bezeichnet: rehtes kiredo uuas si (
die seele) girig Notker
ps. 118, 20
P. (
vgl. 1
oben); sîn muot und al sîn girde vor schanden lûter wâren Konrad v. Würzburg
Alexius 62
Gereke. vor allem der mystik eigentümlich: ir solent imer me ewenclige mit suzer girde wesen und sal uch sin (
gottes) imer gelusten
hl. regel f. vollk. leben 23
Priebsch; swa dú minne unsers herren Jhesu Christi gewurzet hat, da wahsent aht schOen bluomen. der erst bluome ist manhait der getât, der ander ist luterkait des willen ... der fúnft ist hailikait der girde
st. Georgener pred. 41
R.; (
Maria) weib alles wünsches hohe künst, dar aus got hat gezogen reine girde Hans Folz 332
M. 3@bb)
negativ; weltliches, fleischliches begehren als versündigung gegen gott: die irdiscon giridi uerbrichest tu an in Notker 3, 6
P. (
terrenas concupiscentias); kirida fleiskes
desideria carnis benedict.-regel 4
bei Steinmeyer
kl. ahd. sprachdenkm. 205, 29; vinster ist der heiden sin, si enhabent niht êren under in, ir girde ist unredelich, ir fleisch irrefüeret sich Otto II. v. Freising
Barlaam 7493.
[] wieder vor allem bei mystikern: alles daz in der welt ist, daz ist begriffen mit flaischlicher girde und wolnust der ôgen und mit hohfart (
concupiscentia carnis est et concupiscentia oculorum et superbia vitae, 1.
Joh. 2, 16)
st. Georgener pred. 110
R.; (
die seele) mag also lange mit umb gân (
mit dem bild der verführung) untz daz si kumet in bOes girde
ebda 116; sente Paulus spricht dar abe, swer irdische gierde habe, der ensi nie so rich, her ensi deme glich, der den abtgot an bete Heinrich v. Hesler
apokal. 3764
H.; die all ein raizung waren zu fleischlicher gird und unkeusch Müglin
Valerius Maximus (1489) 122
b. —
später in gelegenheitscompositis: fleisches- und gierdelust soltu verachten
bei Schottel
haubtspr. (1663) 847;
vgl. noch: wird doch ... seine (
des teufels) gefährliche jagtlust und fanggierde nicht abgekühlt, sondern allererst heiszer entzündet Er. Francisci
d. höll. Proteus (1695) 529; so liederlich raubete die verdammte beutgierde denen christen den sieg Ziegler
tägl. schauplatz (1695) 1271
b. 3@cc)
in verengerter bedeutung gierde
selbst als üble strebung. mittelalterlich von theologischem gesichtspunkt aus; vgl. das häufige weraltgirida
für cupiditas, ambitio (
mortalium rerum) Graff 4, 229;
in altbair. beichten: meinsuartio enti lugino, kiridono enti unrehtero fizusheiti
bei Steinmeyer
kl. ahd. sprachd. 309, 5; 310, 11; taz sie iro geziug kescaffoen after naturlichero note, nals after demo unmeze dero giredo (
superfluitate ambitus) Notker 1, 93
P. dabei fühlt man die schwierigkeit, dieses girde
von dem neutralen (
oder positiv gewerteten)
desiderium getrennt zu halten: concupierunt concupiscentiam in deserto unde gerten die giride (concupiscentia unde desiderium dei lutent beidiu giride ... seltene wirdit concupiscentia in guote gesprochen, halt allezane ist si in ubil gemeinet ...) — giticheit — gelust — in der wuoste
Windb. ps. 497
Gr. sonst selten bezeugt; Heinrich v. Hesler
liebt es, das wort rein negativ zu fassen (
im gegensatz etwa zum st. Georgener pred., s. 3 a),
vielleicht sogar intensiv, als '
leidenschaft' (
s. bei 2): ... du vul erde, so pruve, war der angel lige der girden, daz da nicht gesige der tuvel noch der girden gart (
stachel), wen den zwein nie nicht argers wart
apokal. 5940; der oren habe, der hore daz und laze manslaht, roub, girde, haz und liegen mit sunden
ebda 4282; girden und hochvart
ebda 6122
u. ö. im nhd. tritt dieser gebrauch nach einer durch die ganze ältere zeit reichenden beleglücke fast in gleicher art, nur ohne ausgesprochen theologischen bezug, wieder zutage; das intensive wird oft deutlich betont: was hat man noch zu verlieren, wenn ehrgeitz, grausamkeit und gierde uns güter, ehre, freyheit und vergnügen geraubet haben? Lessing
s. schr. 6, 80
L.-M.; von unserer innern irdischen nachbarschaft, von unsern gierden und lastern niedergeschlagen Jean Paul
w. 45/47, 139
H.; wo unersättliche gierde von dem pol zu dem gleicher schon jeden zoll breit bestapft hat Stefan George
gesamtausg. (1927) 9, 60; der rennplatz seiner gierden ist die herrliche welt drauszen, darin heiland und valand miteinander tanzen H. Watzlik
d. pfarrer v. Dornloh (1930) 152. 44)
object zu gierde
ist vor allem der materielle bereich menschlichen macht- und ehrstrebens in weitestem sinn, vgl. ahd. (h)ergiridi, scazgirida, kelagirida: in gewaltes (ge-)giridi Steinmeyer
kl. ahd. sprachdenkmäler 142, 31; in lobes giridi
ebda 143, 33; in giredo ... hohero eron Notker 1, 699
P.; daz fúnfte úbel ist girde weltlicher richeit (
grösze)
st. Georgener pred. 203
R.; [] gar ane stritis girde unde sunder herzen zorn wirt sin leben im verlorn
Daniel 7050
Hübner; zuforderst setz die tugent frey, so mag solch gird nach eer vnd gut dir nit verkerren deinen mut Schwarzenberg
trostspruch 49
ndr.; wenn dann die gierde nach rache alle geister verschlungen Klinger
w. (1809) 2, 23. —
gern engt sich dabei auch die wortbedeutung auf den betr. sachkreis ein: gierde
selbst als habgier, ehrsucht: girida
ambitio Notker 1, 27
P.; girida
avaritia Tatian 105, 1
Sievers; der scaz der waz deme wisagen lib ... div girde in irblante, daz reht gotes er nerkante
Vorauer bücher Mosis bei Diemer
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 72, 27; di pristere in der alden ê opferten vor deme volke, daz si iz reizeten zu deme opfere, und ir meinunge was girde (
habgier), und des opfers wil got nicht
dt. myst. 1, 202
Pf.; ist der raub Siciliens nicht hinreichend für seine (
Karl v. Anjous) gierde? Klinger
theater (1786) 1, 28; des papstes gierde kam zur höhe nun. euch ist ja längst bekannt der kirche brauch: wollüstig auf erpresztem geld zu ruhn Paul Ernst
d. kaiserbuch 3, 2 (1928) 326.
als sinnliches verlangen: nû lânt ouch mîne girde erfüllet an ir (
Helena) werden Konrad v. Würzburg
Trojanerkrieg 4450
Keller; dorumb ergib dich (
Susanna) gantz vnd gar, volg vnsern girden, rath ich dir: in dyner liebe prinnen wir S. Birk
in schweiz. schausp. d. 16. jh. 2, 23
B.; lieb ist ein bidergeist, ausz fewr vnd lufft vereint, ders hertz mit girdt entzndt, den mut mit luste khlet Schede
bei Zinkgref
auserl. ged. 14
ndr.; liebstes hertze, schönste zierde, meine wollust, meine gierde Schottel (1663) 835.
seltener als begehren nach nahrung; alt als verlangen, gelüste: da gab er in himelbrot ... iz smahte in nach svev si wolten, ir igelich dar ane nam alsez sin girde wolte haben suze oder suere
Vorauer bücher Mosis bei Diemer
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 47, 25;
modern intensiv: ganz anders der begierige, der durstige trinker, denn hier nehmen die andern sinne alle an der gierde antheil: die stieren augen liegen hervor ... ich beschreibe ... hier ... den höchsten grad von durst J. J. Engel
schr. (1801) 7, 205.
mittelalterlich dazu religiös, verlangen nach gott (
vgl. 3 a): zunta mih ze den giriden des euuigen libes (
meque ad tui amoris et dilectionis fervorem ... accendas) Otloh
bei Steinmeyer
kl. ahd. sprachdenkm. 182, 7; keins wisen herzen girde mac diner (
Marias) tugende richen tuom ... volleclichen übergern Konrad v. Würzburg
gold. schmiede 54
Schr.; wann ich so vil lewte sich, die nicht allein girde und lieb haben zuo got
buch d. zehn gebote (1483) 2. 55)
übertragen, meist auf das herz
als sitz des verlangens, wunsches: enkan joch der mentsch der worte nit verstan, so sol ez doch sin gedenke und die girde sines hertzen an got setzen
st. Georgener pred. 22
R.; wunsch: du (
Salome) hast ouch vil wol verschult daz ich dins hertzen girde erfúlle (
tod des Johannes)
sœlden hort 2677
Adrian; bist aller jungfrawn zirde, meins hertzes inre girde Schede
bei Zinkgref
auserl. ged. 6
ndr.; des bauchs gierden W. v. Humboldt
ges. w. (1841) 3, 57.