wirrwarr,
m. ,
daneben n., ganz selten f.; alliterierend-ablautende bildung vom typus schnickschnack, mischmasch, ticktack
u. s. w. aus dem vb. mhd. werren
bzw. wirren,
nhd. wirren (
s. dort),
vgl. das bei Tauler
belegte vb. wirrwarren (
s. d.),
das früheres vorhandensein auch des subst. vermuten läszt; wirrwarr
erscheint vereinzelt ende des 15.
jhs., gehäufter in der reformationszeit, verbreitet sich stetig seit dem beginnenden 18.
jh. und gehört seit der klassischen zeit, nachdem es noch von Adelung
wb. 4, 1575,
der insbesondere auf die starke nd. verbreitung des wortes hinwies (
vgl. über den styl [1785] 3, 430;
ebenso brem.-ndsächs. wb. 5, 270
und Mensing
schlesw.-holst. 5, 666)
als vulgär abgelehnt worden war, zum gängigen gut aller sprachschichten. in älterer zeit zeigen sich grosze schwankungen im formenstand, vgl. wirwer, wirenwer Melber (
s. u.), wirrwerr Gebwiler (
s. u.), wirrewerre, wirriwerri, würwer Geiler v. Keisersberg (
s. u.), wirrewarry Calepinus (
s. u.), auszerdem das dissimilierte wirrwald (
s. d.);
im 18.
jh. hat sich wirrwarr
durchgesetzt; schwed. virrvar
ist junges lehnwort aus dem deutschen, vgl. Falk-Torp 1387;
s. auch das synonym gewirre. 11)
entsprechend wirren 1
im 15./16.
jh. meist '
streit, zank',
vgl. uneinigkeit, hadder, wirrer und werer, wirwer
jurgium Melber
voc. präd. (1482) p 2
b,
ähnlich (1486) p 2
b wirenwer: wer da zwischen zweien personen, die frid mit einander haben ..., wirrewerre macht Geiler v. Keisersberg
sünden des munds (1518) 47
a; es sol auch billich ein jeder weyser sich hütten, eyntrag, wirrwerr oder hinderung solchen gottsgaben zu vermischen H. Gebwiler
ein schöne warhafft hist. (1522) b 3
b; häderige leut, denen mit wirrewärry wol ist
tricones Calepinus
sept. ling. (1579) 1575;
in verbindung mit irrung: bis daz die wirwer und yrrung des Luthers sich in dem land erhuob H. Gebwiler
beschirmung des lobs Marie (1523) 26
b;
in neuerer zeit nur noch vereinzelt, vgl. Richey
idiot. hamb. (1755) 341,
ähnlich Dähnert
plattdtsch. wb. 553
b; die fahne, der ich lang zuvor, eh dieser wirrwarr sich entspann, den eid der treue schwor, führt izt mich gegen dich Gökingk
ged. (1780) 3, 84. 22)
entsprechend wirren 2
im sinne '
durcheinander, chaos, unordnung'
erst seit dem 18.
jh. allgemein gebräuchlich, doch vgl. schon ähnlich: ein verworner oder unrichtiger handel, wenn man sich ausz einem ding nit verrichten kan, ein wirrenwäreten
discrimen confusum Frisius
dict. (1556) 424
a;
an wirr 1 a
bzw. wirren 5
angelehnt: sie söllend führen reine lehr, allein gottswort ohn wirrewer ... studierend fleiszig tag und nacht J. R. Rebmann
naturae magnalia (1620) 569; das ist recht körperlich und unkörperlich zeug ..., mit mischmasch und wirrwarre durchstucket v. Schönaich
ästhetik in e. nusz (1754) 410; was für wirrwarr und verwüstung musz das in dem ... gewebe des cerebelli anrichten J. J. Ch. Bode
Tristram Schandi (1774) 2, 181; die griechische mythologie, sonst ein wirrwarr, ist nur als entwicklung der möglichen kunstmotive ... anzusehen Göthe
gespräche 2, 272
Biedermann; die veränderung des ministeriums vermehrt den wirrwarr J.
u. W. Grimm
briefw. (1881) 473; sein leben ist wirrwarr, aufregung, getöse G. Freytag
ges. w. 4, 105;
oft mit bestimmenden zusätzen: der wirrwarr von menschen H. Watzlik
der pfarrer von Dornloh (1930) 112; als gäbe es in diesem wirrwarr von terrassen überhaupt keine straszen P. Dörfler
Peter Farde (1929) 192; in diesem wirrwarr von gestrüpp und dornen Platen
w. 2, 118
R.; ein wirrwarr von bunten farben G. Keller
ges. w. 5, 39; der ganze wirrwarr der töne ist an unser ohr geschlagen Görres
ges. schr. 6, 396; unter all dem wüsten wirrwarr der wahlen Bismarck
br. an s. braut u. gattin 135; (
Österreich war) zu einem parlamentarisch regierten, undeutschen wirrwarr herabgesunken A. Hitler
mein kampf 160; der wirrwarr ihrer rechtssachen und öconomischen angelegenheiten J. A. Eberhard
Amyndor (1782) 211; wirrwarr des gerichtswesens Gervinus
gesch. d. 19.
jhs. (1855) 2, 54; der wirrwarr von geschäften Gleim
briefw. 2, 550
Körte; in dem wirrwarr der zeiten J. v. Müller
s. w. (1810) 18, 364; auch ich stand einst im wirrwarr dieser welt W. Weigand
renaissance (1904) 1, 98; das wirrwarr dieses lebens Hippel
lebensläufe (1778) 3, 1, 392;
wie wirren,
pl.: wir geraten zunächst in blutigen wirrwarr Laube
ges. schr. 14, 300;
besonders gern in bezug auf geistige erscheinungen, gedanken und gefühle: ein wirrwarr von sätzen Lessing 5, 325
L.; der wirrwarr von tausend plänen fürst Pückler
briefw. u. tageb. 6, 436; aus dem bunten wirrwarr der gedanken H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 167; wenn ein höheres wesen in den wirrwarr von ideen treten könnte Jean Paul
w. 7/16, 266
H.; man schildert gern den wirrwarr des gefühles Göthe 15, 344
W.; mit kennzeichnenden adjektiven, selten indifferent: in dem allgemeinen wirrwarr Ranke
s. w. 4, 367;
meist pejorativ: ein babylonischer wirrwarr J. H. Benner (1749) 4, 133; einen wüsten wirrwarr Göthe 40, 285
W.; ein böser wirrwarr Herder 23, 50
S.; ein heilloser wirrwarr Langbein
s. schr. 31, 148; gleichgültige tage selbst verwandelt ihr in garstigen wirrwarr netzumstrickter qualen Göthe 15, 311
W.; aus dem tollen wirrwarr aller träume und einbildungen E. Th. A. Hoffmann
s. w. 11, 63
Gr.; nur vereinzelt werterhöhend: wenn auch der verliebte man, vor all diesem harmonischen wirrwarr von reiz und nachlässigkeit, zu asche brennte
F. M. Klinger
neues theater (1790) 2, 206;
auf eine person übertragen '
unruhiger kopf, konfuser mensch',
vgl. wirr 1 b,
s. Bock idiot. pruss. (1759) 77. —