glatteis,
n. ,
bis ins 18.
jh. daneben auch gletteis (
s. z. b. unten bei den belegen Dürer 1527, Rätel 1607), glätteis (
s. u. A. Gryphius
trauersp. 417, Döbel 1754)
glacies superficiaria. seit dem 16.
jh. bezeugt, im md. und nd. verbreiteter als im obd. 11)
in der ältesten bezeugung ausschlieszlich (
doch sieh unter glatteisen,
vb., den ersten beleg)
und noch bis heute vorwiegend in spezieller, fest umgrenzter bedeutung: die zu glattem eisüberzug gefrierende nässe aus niederschlägen oder feuchten luftschichten, eine erscheinung winterlichen tauwetters. als bodenbelag, vgl. glatteis '
bildet sich namentlich auf dem boden, wenn nach sehr starker kälte plötzlich eine temperaturerhöhung eintritt. die dabei am boden sich verdichtende feuchtigkeitsschicht erstarrt in berührung mit dem sehr kalten boden zu einer glatten eismasse' Muspratt
chemie (1888) 5, 978: wenn es im winter tawen will, und regnet, und die kelte zeucht ausz der erden, und gefreuret, so heisst mans glateisz Mathesius
Sarepta (1571) 187
a; es werde die winterszeit ... feuchte sein ..., doch sonder standhafftigen frost ... nebell und schneelufft ... und mag leicht solches wetter, wie es anfehet, etliche tage nacheinander anhalten, mit mercklichem gladeisz oder schneewasser Victorinus Schönfelt
prognosticon astrolog. (1573) a 2
b; ein glatteisz oder kleiner eiszregen fiele herunter W. Serlin
beobachtungen (1672) 2, 98; den mit schnee gemischten, in glatteis übergehenden regen Gutzkow
der zauberer v. Rom (1858) 4, 299; von dem thauwetter sey ... auf der strasze glatteis entstanden Christoph v. Schmid
ges. schr. (1858) 16, 200; das wetter war zu sehr wider uns, nach frischer kälte rauheit und dann schnee und gleich darauf tauwetter und ostwind und glatteis Rilke
briefe 1902 -06 (1929) 294.
in festen formeln: es war glatteis, ich glitt aus Bettine
Günderode (1840) 1, 354; wenn glatteis herrscht Stifter (1901) 2, 230; in der nacht des 6. januar geschah sie (
die flucht) bei glatteis nach St. Germain Laube
ges. schr. (1875) 5, 157.
auch die an gegenständen sich bildende eiskruste: kummen aber die nassen gefrüst oder gletteisz, so kan das nichts zureyssen (
an der bedachung der festungen) Dürer
etl. underr. z. bef. d. stett (1527) e 4
b; im winter bemerkt man ... dasz sich steine, mauern und bäume mit einer eisrinde überziehen (glatteis) Sprengel
chemie f. landwirte (1831) 1, 236; stöbernder schnee, gleich duftigem reife fiel anfrierend herab und umzog die schilde mit glatteis J. H. Voss
Odyssee 266
Bernays. weiterhin der aus gefrierender feuchtigkeit entstehende eisbelag an bäumen und pflanzen, besonders reben: es kan dem weinstocke vil böses begegnen von frost und kelte, von glateisz und andern bösen zufellen Colerus
hausbuch 2 (1595) e 2
b; wenn in den kalten wintern glätteis einfällt, da sie (
die akazien) leicht erfrieren können, so schneidet man das erfrohrne weg Döbel
neueröffn. jägerpractica (
Leipzig 1754) 4, 23; nur ... wenn glatteis an den bäumen ist, sieht man ihn (
den baumläufer) so (
traurig) Naumann
naturgesch. d. vögel (1822) 5, 407. 22)
seit dem frühen 17.
jh. auch allgemeiner und ohne rücksicht auf diese besonderen metereologischen voraussetzungen, von der glätte des vereisten bodens überhaupt, darum gern mit anspielung auf groszen frost und starke kälte. vielleicht nur als sekundäre, aber selbständige zusammenrückung aus der alten verbindung glattes eis (
s. u. 3
und glatt D 1 a): die christnacht des eintrettenden 1503 jahrs ist namhafft von wegen des grossen gefröstes und gletteisz Heinr. Rätel
Curäi chron. d. herzogtums Schlesien (1607) 225; und indem man die zugochsen bei ihm, wegen der glätte, im winter mit hufeisen beschlagen müszte, so besorgte er auch, einen üblen fall zu thun auf dem glatteise des so gar abschüssigen berges (1683)
ungarischer Simplicissimus 88
Seiz; den 10. kahmen wir auffs dorff Membêre und hatten wegen des kalten und mit glateisz belegten weges abermahl sehr übel reisen Olearius
persianische reisebeschr. (1696) 364; endlich in dem 29. bericht von dem groszen heer eine art sündenbekenntnisz, worin vom winter und glatteis viel, von der schärfe des russischen glaubens und schwertes wenig E.
M. Arndt
geist der zeit (1813) 3, 189; tiefer schnee ... berge mit glatteis ... haben uns ... aufgehalten Bismarck
br. an s. braut u. gattin 405. 33)
figürlich und redensartlich nur selten im anschlusz an die spezielle bedeutung 1: beleidigungen der ehre, der liebe, des mitleidens machten den physikus nie warm, und er behielt seinen überzug aus glatteis an Jean Paul 15/18, 133
Hempel; wenn ich also für die guten, vom glatteis des nachwinters überzogenen seelen den frostableiter und den frühling abgäbe
derselbe jubelsenior (1797) 74; da sieht man sich mit seinen worten wie beim glatteis vor A. v. Arnim 18, 91.
im übrigen wurzelt der recht entwickelte übertragene gebrauch in der von glattes eis
aus zu verstehenden bedeutung 2
und in der allgemeinen vorstellung des glatten, trügerischen, brüchigen eises (
s.glatt D 1 b).
seit der barockdichtung bezeugt, meist moralisch gewendet: man gibt auf meine wort, ja tritt und umbgang acht, und zeucht den treuen dienst leichtfertig in verdacht. dem degen hab ichs nur und meiner faust zu dancken, dasz ich mich noch nicht schau auf diesem gläteis (
politischer ränke) wancken A. Gryphius
trauersp. 417
Palm; und er glaubte, es würd ihm leicht sein, mich durch sein beispiel die kunst Thialfs zu lehren, das heiszt auf schlittschuhen zu fahren, wo glatteisz ist (
von dem an versuchungen reichen beruf des künstlers) Schubart
leben u. gesinnungen (1791) 1, 112.
mit genitiv. attribut: denn die heftigen gemüthsregungen wären das glateisz der vernunft Lohenstein
Arminius (1689) 2, 643
b; sei es dann, du brüchiges glateis weiblicher tugend A. G. Meiszner
Bianca Capello (1785) 470; ihr seid schon zu schwer, ihr fallt überall durch auf dem glatteis der liebe Eichendorff (1864) 3, 163; die ersten schritte auf dem glatteis der liebe tut man überhaupt womöglich nicht unter den augen der eltern und schwestern E. Strausz
Hans und Grete (1919) 38.
auch die redensart aufs glatteis führen
ist wohl entstanden aus auf das glatte eis führen,
vgl. die wesentlich ältere form der redensart: aufs eis leiten, führen (
s. teil 3, 360),
die durch das adj. glatt
gesteigert bei Karlstadt
vorliegen wird: der (
Luther) ... nuon durch solchen schein und erworbens lob, als der teufel unsz uff das gladt eysz fren gedenckt
bei Luther 18, 89
W., vgl. auch: das wer ihm noter und den christen viel nutzer, dan sich so durftiglich mit umbeschlagen holtzschugen auff das glad eysz zu legen Karlstadt
antwort geweicht wasser belangend b 1
a.
das compositum glatteis
ist in dieser redensart einwandfrei erst seit dem 18.
jh. zu belegen; die bedeutung ist '
durch betrug zu unrecht oder irrtum verleiten': ich soll mich stellen; soll besorgen lassen; soll fallen legen, soll aufs glatteisz führen Lessing 3, 83
M.; auch die absichten des kaiserlichen hofes waren dem erzherzog verdächtig; er sagt, er werde sich von denselben nicht auf das glatteis führen lassen Ranke
s. w. 7, 168; H. W. Seidel
Krüsemann (1935) 131.
so auch mundartlich, z. b. Danneil
altmärk. 90; Rother
schles. sprichw. 280.
meist, besonders in jüngerem gebrauch, harmloser und scherzhaft, '
eine falle stellen', '
hinters licht führen': als er mich mit dem Klaas Kolijn auf das glatteis führen wollte, muszte ich herzlich lachen Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. (1890) 7, 113; der witzbold führt euch aufs glatteis Zschokke
ausgew. schr. (1824) 25, 333.
in ähnlichen formeln; vereinzelt schon im 17.
jh.: 'der keuschheit heilig öl vermehrt des ehstands kerzen.' 'nicht, wenn ein blinder trieb uns auf das glateisz jagt' Lohenstein
Sophonisbe (1680) 65; das (
die sprödigkeit einer schönen) verlockte aber die lustigen gesellen nur noch immer mehr aufs glatteis Eichendorff (1864) 2, 444; (
die philosophieprofessoren) werden sich hüten, aufs glatteis zu gehen Schopenhauer 3, 63
Gr. 44)
in der hauswirtschaft '
glasierter zuckergusz': (
man) lässet sie (
die makronen) alsdann so lang backen, bis sie gelb werden, hierauf wird ein glatteisz darauf gemacht (nemlich von guten weiszen klein geriebenen und mit rosenwasser dünn angemachten zucker) Marperger
magazin (1708) 801. —
dazu glatteisen, vb. impersonale, conglaciare, '
glatteis ansetzen': Hulsius-Ravellus (1616) 140
b; Kramer 1 (1700) 289
c; Campe 2, 388
b.
wie glatteis
vorwiegend auf md. und nd. boden. —
in der ältesten bezeugung wie glatteis 2,
allgemein von der eisbildung bei winterlichem frost: do wart es wedder kalt und snigete, also das der stadgrabe gefrosz mit isze spannedicke, und gladiste (
um 1500) Stolle
thür.-erfurt. chron. 162; wann des winters tieffer schnee und es glateyset, dasz eine haut auf den schnee friehret Täntzer
Dianen jagtgeheimn. (1682) 1, 105.
meist wie glatteis 1,
von der winterlichen tauwettererscheinung, namentlich der bildung eines eisbelags auf feuchtem boden: den 22. novembris war ein nasz feuchte wetter, darauff fiel eine eilende frost mit regen, davon es glateisete Cyr. Spangenberg
mansfeld. chron. (1572) 478
a; es glaadeist
oder glatteist,
wenn auf das thauwetter ein frost des winters einfällt, davon der weg und die straszen glatt zu betreten sind Bock
idiot. pruss. (1759) 14; unterhalb des wasserfalles, wo es glatteiste, gingen wir E. Curtius in:
Ernst Curtius ein lebensbild in briefen (1903) 249; wanns glatteist und hal is (
sollen die hausmeister trottoirs und fuszgänge bestreuen) Nestroy
ges. w. (1890) 9, 284; es hatte geglatteist, ohne mich hätte sie vielleicht ein bein gebrochen Kotzebue
s. dram. werke (1829) 44, 61; Moltke
briefe an seine frau 180; es glatteiste, aber die pferde hatten scharfe stollen A. v. Mackensen
briefe u. aufzeichn. (1938) 124.
häufiger auch auf pflanzen, namentlich reben angewandt: im winter schaden die treugen fröste den weinreben nichts, wenns nur nicht glateiset Colerus
hausbuch 2 (1595) e 3
a;
prägnant: wenn die pfalhauffen gemacht werden, so werden sie über einen oder ein paar stöcke gemacht ... die erfrieren auch nicht leichtlich, weil ihnen das glatteisen nicht zukommen kan E. A. v. Dehn
weinbaubuch (1629) 125.
bildlich: ich weisz nicht, obs bei dem innen brennenden, auszen glatteisenden hofmann so ist Jean Paul 1, 185
Hempel.