reiher,
m. ardea, ein sumpfvogel. II.
Verwandtschaft und herkunft. im ahd. sind folgende formen belegt: reigir
m. und reigira
f., rêgera
in den gleichen bedeutungen ardea Graff 2, 443,
daneben heigir
und heigero,
ardea, alcedo caradrion glossierend 4, 799.
die mit r
anlautenden formen gehen auf ältere mit hr
zurück, neben hreigir
darf man gemäsz dem genau entsprechenden ags. hrâgra
und nach analogie von heigero
ein schwaches masc. hreigriro
vermuten. von diesen formen mit hr
hat sich nur eine, das starke masc. hreigir,
im hd. nd. und ndl. fort erhalten: mhd. reiger,
nhd. reiher,
mnd. rêger,
nnd. reier
brem. wb. 3, 466, reiger Dähnert 378
a, raiger Woeste 209
a, reier, rëer Schambach 170
a,
ostfries. reiger ten Doornkaat-Koolman 3, 24
b,
mnld. reygher Kilian,
nndl. reiger.
das ahd. heigir, heigiro
gieng in die roman. sprachen über (
vgl. Diez
3 1, 10):
ital. aghirone,
provenz. aigron,
catal. agró,
span. airon,
altfr. hairon,
nfr. héron,
dazu mlat. hairo.
in romanisierter form wanderte dann das germanische wort nach England: mittelengl. heroun, hairon, hern,
engl. heron.
dem ahd. heigir,
mhd. heiger
entspricht mnld. heygher Dief. 46
c.
eine nebenform heigel,
wie reigel
neben reiger
läszt sich aus dem späteren mundartlichen aigel
erschlieszen: ein schOener bundter aigel, reiger,
ardea stellaris. Henisch 34.
das verhältnis von ahd. heigiro
zu hreigiro
ist dunkel. Grimm
gesch.2 220
ist der ansicht, dasz heigiro
aus hreigiro
erwachsen sei, heigiro
und reigiro
stünden neben einander wie ahd. waso
neben nhd rasen
cespes aus älterem wraso (
vgl. sp. 3
nr. 8).
die ansicht Grimms
hat Weigand 2, 458
angenommen. umgekehrt ist nach Förstemann
Kuhns zeitschr. 3, 56 hreigiro
aus heigiro
hervorgegangen. während ersteres nur westgermanisch ist, scheint heigiro
weitere verbreitung zuzukommen. heigiro
berührt sich seiner form nach eigenthümlich mit ahd. hëhara,
ags. higera, higora,
nhd. häher.
noch Jacobsson 1, 730
b hat fischhäher
neben fischreiher.
diesem ahd. hëhara
entspricht nun im altnord. hére, hegre,
dän. heire,
schwed. hägar,
welches indesz die bedeutung reiher trägt. Noreen
altisländ. u. altnorw. gr. § 262, 4.
das lehnwort haikara
f. ardea, welches wir im finnischen bei Thomsen 56. 134
antreffen (
vergl. ehstnisch haigr, haigur,
reiher, storch),
weist aber auf ein älteres altn. heigre,
sodasz hier eine bemerkenswerthe verschmelzung stattgefunden hätte, oder wenn finnisch haikara
nicht aus dem skandinavischen entlehnt ist, so ist es mindestens ein zeugnis für das hohe alter und die verbreitung des ahd. heigiro,
welches auf diese weise gegenüber hreigiro,
ags. hrâgra
als das primäre erscheint. über die berührung von hëhara
und heigiro
vergl. die ausführungen von Osthoff
in den beiträgen 13, 416.
ahd. hreigiro
wird von Fick
2 515
zur europäischen wurzel krik
gestellt, welche schreien, knarren, krächzen bedeutet; vergl. a. a. o. noch 353. 35. Schmidt
vocalismus 2, 287. 462. IIII.
verhältnis zwischen reiger, reigel, reiher.
über die nebenform reigel
vergl. sp. 636.
die richtige form reiger,
die im mhd. durchaus herrscht, hält sich auch noch lange im nhd., in den hd. mundarten bis heute, Luther
gebraucht sie in der bibelübersetzung allein: den storck, den reiger, den heher mit seiner art, die widhop, und die schwalbe.
3 Mos. 11, 19; da selbs nisten die vogel, und die reiger wonen auff den tannen.
ps. 104, 17. Maaler 330
a hat reiger
neben reigel, Schottel 1384 reiher
und reiger, Stieler 1578
verzeichnet reiger
als nebenform zu reiher: hier sieht man hoch empor den stoltzen reiger nisten. Opitz 3, 174. Steinbach 2, 249
führt reiger
und reiher
als gleichberechtigte formen auf, Frisch 2, 83
a hat nur raiger. Adelung
und Campe
bemerken, dasz die form reiger
mundartlich und auch hin und wieder in der schriftsprache gebräuchlich sei: der heischre kiebitz schrie: nichts kann mir besser klingen; der reiger sagte: du hast recht. Hagedorn 2, 46; o rief ein reiger, das ist schnöde, wir fangen uns're kost mit müh, ein fauler schlemmer speiset sie. Lichtwer 54; nie gleichst du in der fabel, ... dem reiger, der für seinen schnabel karausche, hecht und schley zu schlechten fischen zählt, um sich zu guter letzt an einem frosch zu laben! Kl. Schmidt
poet. briefe 125; legt ihr zu füszen ein verhau'nes schwert, und einen blutbespritzten reigerbusch! Platen 230
b. ein reiger flog auf. Göthe 43, 201; ein gar schöner vornehmer sperber, der kann in die luft steigen und den reiger herunter holen. Tieck
Octav. 202; die Emire der rechtgläubigen unter den hohen reigerbüschen. Steub
bilder aus Griechenland 127.
mundartlich raiger Schmeller 2, 70. Birlinger 369
b. raijer Kehrein 327.
die form reiher
begegnet erst um 1500 Dief. 46
c,
es steht für älteres reier,
das schon in den altmd. Darmstädter glossen zu Heinrici summarium belegt ist (
Germ. 9, 20),
aber auch noch im 16.
jahrh. mehrfach begegnet (
vergl. Diefenbach
a. a. o. 46
c). reyger
oder reyer Dasypodius; vom reyher und der gansz. Waldis
Esopus 4, 54. reiger
im reim auf geyer Rollenhagen
froschm. Q 8
a.
erst im verlaufe des 18.
jh. erhält reiher
das übergewicht und reiger
verschwindet. Während im ahd. starke und schwache formen neben einander stehen, so ist seit dem mhd. nur die starke flexion von reiher, reiger
im gebrauch. IIIIII.
Bedeutung. III@11)
name des vogels. im ahd. glossiert reigir
ardea (Graff 2, 443), heigir
neben ardea auch alcedo und caradrion (4, 799), hrâgra
ebenso neben ardea larum. mhd. ist der gebrauch schon, wie im nhd., befestigt, als name einer familie aus der ordnung der stelzvögel. mit reiher
schlechthin bezeichnen wir den in Deutschland gewöhnlichen grauen reiher ardea cinerea Nemnich; diser grawer reigel, ... nennend wir einfaltig einen reigel dieweyl der bey uns gar gemein ist. Heuszlin
vogelbuch 205
a,
hier werden auszerdem aufgeführt der weysse reigel
ardea alba. der moszreigel oder urrind
ardea stellaris minor, der grosze rorreigel
ardea stellaris major und einige fremdländische arten: die lerche suchet korn, die ringeltaube waldt, der reiger einen teich, die eule trübe nacht. Opitz 2, 286; es wolt ein reiger fischen auf einer grünen heide, da kam der storch,da kam der storch und stal im seine kleider. Uhland
volksl. 34; am ufer eines baches ging ein reiher auf und ab, auf langen dürren beinen, mit langem hals, an dem ein langer schnabel hing. Gleim 3, 353; ihren tiefen entschlüpften die fische, von laurenden reihern oft erspäht. Stolberg 1, 380; ein frevel tödtete die reiher, umstellend ruhigen friedensweiher. Göthe 41, 151;
im bilde: der wein, der uns befreit, befittigt unsre herzen, ein reiher flieg' ich hin, vom weine nasz die schwinge. Platen 77
b. III@1@aa)
der reiher
wurde mit stoszvögeln gejagt und zu diesem zwecke bisweilen besonders gehegt im sogenannten reigerhalter (
vgl. Sebiz
feldbau 557
und 558). der reiher wird gebeizt; der falke wird an (auf) den reiher abgetragen.
Zedlers universallex. 2, 1275; (
die falken) schlagen die reyger oder antvögel von oben heraber, je eynen umb den anderen, und steigen dann wieder. Sebiz
feldbau 570; der falke giebt (dem reiger) einen griff und fang.
öcon. lex. 2019; man gesach ouch nie vederspil so manegen schœnen fluc getuon. den antvogel und daʒ huon, den reiger unde den fasân sâhens vor in ûf stâ
n. Erec 2040; ein reiger tet durch fluht entwîch in einen muorigen tîch: den brâhten valken dar gehurt.
Parz. 400, 19; von reygern falcken was ein streit da oben in den lüfften weit. Wickram
irr reit. bilger 21
a; wie zwen falcken beitzen ein reiger, da einer stost von oben nidder, der ander fast jhn unten widder, und reist den feind eins uberquehr, das die federn stieben umbher. Rollenhagen
froschm. (1595) Q 8
a; (
der edelfalk spricht) o, könnt' ich deinen reizen allzeit ein diener sein: den reiher wollt' ich beizen, herrin, für dich allein! Freiligrath 1, 55; wie ein falke kühn und muthig durch die luft sich bahnen sucht, und der reiher auf der flucht wird von seinem bisse blutig, also auch der feind unmuthig möchte schon zur flucht sich wenden. Tieck
Octav. 414.
das fleisch des reihers wurde gern gegessen, galt sogar als vornehmes gericht. Schultz
höf. leben2 1, 388. so sagt man auch one das, das reygelfleysch sey ein königliche kost. Sebiz
feldbau 557; nichts lieblichers ist an seinem fleisch, dann das theyl an der brust, unnd umb den magen. 558.
dabei findet der verfasser im allgemeinen das reiherfleisch unschmackhaft: unangesehen aber das reygelfleisch eine königliche und köstliche speisz soll sein, jedoch dieweil er ein wasservogel, ist sein fleisch auch uberausz unreiner natur, und gar beschwärlich zuo verdauen: ist darzuo auch vil härter dann sonst anderer wasservögel fleisch. 558.
noch im 18.
jahrh. galt das fleisch des reihers für ein vornehmes essen: ihr fleisch schmeckt stark nach fischen, darum es nicht wohl zu essen. gleichwohl, wenn sie noch jung, und halbwachsen, werden sie wegen ihres zarten fleisches an theils orten vor ein leckerbiszlein gehalten.
haushaltungslex. (1728) 774; ir reutr, mir ist verkundschafft spat, heut werd für fahrn der abt von Klingen. wenn wir den in das netz köndn bringen, das wer ein guter feister reiger. H. Sachs
fastn. sp. 3, 16, 36
neudruck. die schönen kopffedern einiger reiherarten werden zum schmuck der kopfbedeckung verwendet, mehr aber bei den Slaven, Ungarn und Orientalen. Heppe
wohlredender jäger 241
hält diesen schmuck für nicht waidgerecht: vor einen falkenier und flugschützen gehet dieser staat an, der hirschgerechte jäger aber trägt eine auerhahnsfeder oder einen gemsbart, auch wohl statt des letztern ein klein büschlein saufedern, das ist, schöne lange borsten; auf der haube (
des ritters) nickt die feder von dem silbergrauen reiher. Freiligrath 1, 42. III@1@bb)
beobachtetes, volksglauben, aberglauben. der hohe flug des reihers entzieht ihn dem verfolgenden jagdvogel: die timpentampen man ûf sluoc, dâvon sich der reiger in die hœhe truoc, sô verre hin ûf, daʒ er wart sehens irre. zwên rôte falken mit im vlugen, die dannoch ze solchem vliegen niht entugen.
Lohengr. 3391.
man meinte, dasz er durch seinen hohen flug sich dem unwetter entzöge, daher ist es ein zeichen des nahenden gewitters oder regens, wenn die reiher hoch fliegen; auch in anderer beziehung ist der reiher wetterprophet: der (
der reiher) fleugt gar hôch über die wolken, wan er fürht den regen und daʒ weter, daʒ auʒ den wolken kümt. wenne er nu über daʒ wolken kümpt, sô fleuht er daʒ weter. Megenberg 168, 13.
es kommt regen, wann der raiger hoch flieget, oder, die wasser verlassend, sich ins feld setzet. Hohberg 1, 103
a; die reigel werdend von menschen seer lieb gehalten, und verkündend den sommer und den winter, da sy jren kopff auff die brust legend, und damit ein gar ungestümen wind anzeigend. so er hoch fleugt, verkündt er ein ungewitter. so er mit einem gschrey und ungestümen flug ausz dem meer an das land flügt, bedeut er einen künfftigen wind und grosz ungewitter. wenn er mitten im sand traurig ist und schauderig, verkündt er den winter, als Plinius leert. Heuszlin
vogelbuch 204
b; tief um das schilfgras streichen die erdschwalb und der spatz: der häher sucht die eichen, der reiher hohe luft, sein bette hirsch und thier: mit aufgerecktem hals schnauft der beklommne stier: die pferde treiben sich, die ställe zu erreichen. Hagedorn 2, 124.
der reiher ist bekannt wegen seines flüssigen kothes, den er leicht und häufig auswirft, derbe redensarten beziehen sich hierauf, vgl. das gedicht von dem reyger
bei Keller
erzähl. aus altd. handschr. 564;
mundartlich heiszt ein starker durchfall beim vieh geradezu reiher Kehrein 327.
im nd. nennt man den reiher daher schitreier
brem. wb. 3, 466,
dän. skidheire Schiller
zum thier- u. kräuterbuche des meklenb. volkes 2, 15
a;
er kann nicht viel bei sich behalten, nicht ordentlich verdauen, er hat nur einen darm: der reigel, wie auch das düchelin schmeiszt merteils die speisz schier ungetöuwt von jm, darumb ist er allzeyt frässig, sagt Albertus. Heuszlin
vogelb. 204
b; der raigel hât neur ainen darm sam der storch. Megenberg 168, 21.
er bedient sich seines scharf ätzenden kothes, um den verfolgenden raubvogel abzuwehren: die habich müegent die raigel gar vil und setzent in vast zuo. aber der raigel helt seinen aftern gegen dem habich und verunrainet in mit seim mist, und wâ er in trift, dâ faulent des habichs federn. 168, 18; mit jrem kaat verderbend sy alle böum darauff sy nistend: dann sy von jrem geschmeisz verdorrend. Heuszlin
a. a. o. 204
b; der reyger feilt jhrer (
der falken) auch nicht, scheust ihn seînen mist ins gesicht. Rollenhagen
froschm. (1595) Q 8
a; dasz Niger edel, must du wissen, ein reiger hat ihn auszgeschissen. Logau 1, 178, 53.
wenn die reiher ihren jungen keine nahrung verschaffen können, speien sie die genossene speise wieder von sich und geben sie den jungen zu fressen. sie bedienen sich des speiens zu listiger abwehr: so disz letst geschlächt (
die geringere falkenart) den reigel fahen wil, kotzet der reigel einen frischen ale oder fisch, den er neüwlich geässen hat, von jm, so laszt jn denn der falck frey ledig darvon fliegen, und nimpt den stinckenden fisch darfür. Heuszlin
a. a. o. öcon. lex. 2019,
vergl. reihern.
reiher und kräher sind befreundet, die weiszen möven haszt der reiher. ebenda; die grauen reiher begatten sich unter groszen schmerzen. 205
a. dise vögel legend für alle zauberey und vergalsterung einen kräbs in jr näst. 204
b; so soll man vorhin wissen, das eyn reyger eyn unbeständiger, eynsamer und solcher fantastischer seltzamer vogel ist, der nirgends bald sich auffenthällt, das ort habe jme dann vorhin uberausz sehr wol gefallen. Sebiz
feldbau 557.
Das schmalz des reihers ist für mancherlei gut: zu linderung der podagrischen schmertzen, benehmung der taubheit und dunckelheit der augen.
haushaltungslex. (1728) 775 (
vgl. unter reiherschmalz). wenn man die füsz, oder viellicht die feiszte nid sich distilliert und man mit dem selbigen öl darvon gesamlet, die hand schmirbet, werdend die fisch von jnen selbs zuo hand schwümmen und gefangen werden. Heuszlin
a. a. o. die fische sollen gern nach den beinen des im wasser stehenden reihers schwimmen, welches daher wahrscheinlich sey, weilen, wenn die fischer den schmaltz in reissen, oder an angel hiengen, sie mehr fische, als sonsten, fangen sollen. Göchhausen
notab. venat. 130.
der schnabel des reihers ist ein schlafmittel, er wird zu diesem zwecke allein oder mit einer krebsgalle in eselshaut gewickelt und vor die stirn gehängt. Heuszlin
vogelbuch 205
a,
mit der bemerkung ebenda: wenn einer in einem gastmal ein tuoch mit weyn dar spreitet, darinn ein reigelschnabel ligt, so werdend die trinckenden entschlaffen,
zu vergleichen mit óminnis hegri heitir sá er yfir ölðrum þrumir, hann stelr geði guma.
Hávamál 13.
sprichwörtliche wendungen: die fittich hencket wie ein nasser reiger. Fischart
podagr. trostb. C 7
a;
nd. so schref as en raiger. Woeste 209
a; he hefft raigers bêne.
ebenda; hê stinkt as 'n reiger. ten Doornkaat-Koolman 3, 24
b; it is quât water! sprak de reiger. Tunnicius 880; wenn de raiger nitt schwemmen kann, dann sall 't wâter de schuld heffen. Woeste
a. a. o. Wander 3, 1634; er (
der reiher) sprach: das wasser war zu bösz. Waldis
Esopus 4, 54, 34.
Wohin die beiden folgenden wörter gehören, ist unklar: III@22) reiher
heiszt in der Pfalz die männliche blüte des nuszbaums. Frankfurter conversationsbl. 1850
nr. 13, 49
b. Schm. 2, 134. III@33)
im westfäl. ist raiger
ein stock, mit dem die kohlen im backofen auseinander gescharrt werden. Woeste 209
a; reiger, reiher
scheint in dieser bedeutung schon mnd. vorzukommen. Schiller - Lübben 3, 450
b.