weltgeist,
m. ,
seit dem frühen nhd. in verschiedener anwendung bezeugt. 11)
weltlicher geist. 1@aa)
gleichbedeutend mit weltsinn (
s. dort unter 1 a): werestu euangelisch, du würdest auch kirchisch sein ... weil dich aber der weltgeist treibt, so suchestu schlecht vneinigkeit vnd nur deiner secten wolfart vnd gedeien
dialogus von dem concilio 1535, d 1
b; ist sie (
die obrigkeit) bOese, so sollen sie (
die untertanen) gott bitten, dasz gott ihr hertz wolle lenken und ihnen an statt des weltgeistes den saubern reinen geist geben
Reinicke Fuchs (1650) 281; die uns hierinnen, nach gottes befehl,
[] sollen behülfflich seyn ... die sind, ach leider! grösten theils dem geist gottes widerspenstig, stecken voll atheisterey und unglaubens und wollen nach dem welt-geist die kirche gottes und das reich Christi, das doch von dieser welt nicht ist, regieren Chr. Scriver
seelenschatz (
111737) 1, 159
b;
so noch vereinzelt in moderner mundart: weltgeischt
weltlicher sinn Follmann
lothr. 536
b;
ebenso Fischer
schwäb. 6, 1, 671.
oft in bildlich belebter anwendung, die bis zur personifizierung gehen kann: es ist bald mit der andacht gethan, wann wir die thr offen und den welt-geist lassen hinein wehen J. Dyke
nosce te ipsum (1638) 576; salbe unsere augen mit deiner augen-salbe, dasz wir das faule oel des welt-geistes, das so dunkel brennt, recht erkennen J. W. Petersen
hochzeit d. lamms (o. j.) 258; (
gott) zeigte mir, ... dasz der spiritus mundi (oder welt-geist) in den weibern gerne sich einsetzen, und das ober-regiment darber haben wollen J. G. Gichtel
erbaul. theolog. sendschr. (1710) 1, 40; aber mich packte der weltgeist, tauchte mich tief in der sinnlichkeit lache Schubart
s. ged. (1825) 1, 145; wenn sie nicht der weltgeist wieder fange, und die irdigkeit sie nicht bestricke J. Risler
Spangenberg (1794) 134; die geistlichkeit, nicht eben glänzend durch fülle christlicher tugenden und häufig dem weltgeist dienend K. Fr. Becker
weltgesch. 11, 434; in den hauptstädten, den groszen residenzen des weltgeistes Brentano
ges. schr. (1852) 4, 353; denn je weniger ernst und zug zum heiland in einer seele ist, desto festeren fusz kann der weltgeist fassen L. Hofacker
pred. (1852) 611. 1@bb)
im sinne von '
weltling, huomo del mondo, del secolo, huomo mondano' (Kramer
dt.-ital. [1678] 1227): die welt gaister uber unsz erzurnt (11. 12. 1531)
urk.-b. d. st. Heilbronn 4, 724
Rauch; damit hat man denn in allen stAenden ... welt-geister und satans-apostel genug bekommen Fr. Breckling
Christus triumphans (1661) 138; die schrift eines menschen, der als protestant bey den katholiken — als religionslehrer bey den weltgeistern ... als schwärmer bey den philosophen, als freund philosophischer grund-ideen bey den frommen ... in ... miszkredit steht Lavater
nachgel. schr. 1 (1801) 332
Geszner; es wird sich aber das blatt einmal wenden, so dasz die weltgeister werden von dem gerechten sagen: wir narren hielten sein leben für unsinnig, wie ist er nun gezählt unter die kinder gottes W.
F. Besser
bibelstunden 3 (1877) 1187. 22)
spiritus mundi, universi (
vgl. geist
teil 4, 1, 2, 2647
f. [11 a]
sowie ndl. wereldgeest,
dän. verdensaand,
schwed. världsande
und engl. world-spirit). 2@aa) '
ein geistliches wesen ..., das sich durch die gantze natur ausbreite und das principium, oder die wrckende ursach alles dessen sey, so darinnen geschehe' (Walch
philos. lex. [1726] 2885,
ebda. eine knappe historische überschau über die verschiedenartigen vorstellungen eines weltbeseelenden geistes von Plato
und den Stoikern bis zu Thomasius [
versuch vom wesen des geistes, 1709];
hierzu vgl. ferner Eisler
wb. d. philos. begr. [
31910] 406
ff. und 1760
f.): messen etliche solches (
das anziehungsverhältnis zwischen magnet und eisen, mond und meer) dem allgemeinen weltgeist (
randglosse: spiritus vniversi latinis dicitur) bey, dessen eigenschaft ist alle geschOepfe wesentlich zu erhalten Harsdörffer
gesprächsp. 8 (1649) 492; item bey den chymicis heisset anima mundi ein gewisser allgemeiner welt-geist, so allen natrlichen dingen ihr ... leben mittheilet
Blancard, neues med. wb. (1710) 25; die vierte und letzte meinung (
über die ursache des veraltens der erde) kann derjenigen ihre sein, die einen allgemeinen weltgeist, ein unfühlbares, aber überall wirksames principium als das geheime triebwerk der natur annehmen, dessen subtile materie durch unaufhörliche zeugungen beständig verzehrt würde Kant
w. 9 (1839) 12
H.; wenn man diesen Proteus der natur erwägt: so wird man bewogen, eine überall wirksame subtile materie, einen sogenannten
[] weltgeist mit wahrscheinlichkeit zu vermuthen
ebda. 22.
der glaube eines weltimmanenten geistes festigte sich insbesondere in der Göthezeit (
s. Korff
geist der Göthezeit 1 [1923] 99): was zusammengesetzt ist, wird aufgelöst: denn eben diese zusammensetzung und auflösung heiszt weltordnung und ist das immer wirkende leben des weltgeistes (1787) Herder 16, 540
S.; über metamorphose und deren sinn; systole und diastole des weltgeistes, aus jener geht die specification hervor, aus dieser das fortgehn in's unendliche (
mai 1808) Göthe III 3, 336
W.; sowie in anschlusz an Hegel,
der '
die welt als die notwendige entwicklung des göttlichen geistes betrachtet und die stelle und den wert angibt, welcher innerhalb dieser entwicklung jeder einzelnen lebensform des universums gebührt' (Windelband
gesch. d. neueren philos. 2 [
31904] 314): im gange der geschichte ist das eine wesentliche moment die erhaltung eines volkes ... das andere moment aber ist, dasz der bestand eines volksgeistes, wie er ist, durchbrochen wird, weil er sich ausgeschöpft und ausgearbeitet hat, dasz die weltgeschichte, der weltgeist fortgeht Hegel
philos. d. weltgesch. 1 (1944) 75
Lasson; der besondere geist eines besonderen volkes kann untergehen; aber er ist ein glied in der kette des ganges des weltgeistes
ebda. 37; die neuesten aesthetiker wollen der stoffe suchenden tragischen kunst blosz allein die geschichte anweisen, deren fakta, als unmittelbare ausflüsse des weltgeistes, allein die nötige tiefe und würde hätten (1822) Grillparzer
s. w. 15, 91
Sauer. zuweilen wird weltgeist
gleichbedeutend mit weltseele (
s. dort)
gebraucht: wiewol ihnen Sextus Empiricus hierauf artlich begegnet, wenn er schreibt, der allgemeine welt-geist, oder die welt-seele, gehe auch durch pflantzen und steine E. Francisci
lust-haus (1676) 26 (
ähnlich ebda. 49);
zuweilen auch davon unterschieden: auch die erde hat leib und seele, ein ganz andres ding als die weltseele, die sich vom weltgeist unterscheidet Hippel
kreuz- u. querz. 2 (1794) 317; die welt ist der makroanthropos. es ist ein weltgeist, wie es eine weltseele gibt Novalis
schr. 2, 220
Minor. 2@bb)
in persönlicher form (
als erhabener weltenlenker oder weltimmanenter gott)
aufgefaszt. diese mehr oder minder ausgeprägte vorstellung kommt seit dem 18.
jh. verschiedentlich zum ausdruck; im philosophischen und populärphilosophischen sprachgebrauch (
vgl. auch Hegel
unter a): tugend und laster, unschuld und verbrechen, wer ihm dienet, und wer ihm lAestert ... seien dem allgemeinen weltgeist vollkommen gleich Mendelssohn
ges. schr. (1843) 2, 184; nach diesem gesetz musste der zustand eines allgemeinen lebens ... vergänglich seyn, da er nur einen theil der absichten des weltgeistes realisirt darstellte Schelling
s. w. (1856) I 5, 301; würfe man dem weltgeist vor, dasz er die individuen, nach kurzem bestehn, vernichtet, so würde er sagen: 'siehe sie nur an ... die sollte ich auf immer bestehn lassen?' Schopenhauer
w. 5, 288
Gr. (
vgl. auch ebda. 2, 381); in den händen des allbewegenden weltgeistes sind die mächtigen ohnmächtig A. Ruge
aus früherer zeit (1862) 2, 249;
wie in poetischer sprache (
seit Herder
zuweilen auch in der komposition mit dem gen. pl., s. unter den kompos.-typen A 1 a): der weltgeist hat als mann hier die natur zur frauen, sein zeugungssaamen ist das feuer und die glut, so wie der ihrige die salzig-fette fluth, dadurch sie bald das erz, bald wieder unermdet die sauerbrunnen wrkt, die schwefelbAeder siedet König
ged. (1745) 253 (
vgl. Brockes
teil 4, 1, 2, 2648
s. v. geist 11 a); es schwebet aus den saiten; es lispelt mir ins ohr. der geist der harmonieen, der weltgeist tritt hervor. 'ich bin es, der die wesen in ihre hülle zwang und sie mit zaubereien der sympathie durchdrang ...' Herder 29, 93
S.; erreicht wohl klage jenes hohen weltgeists ohr, der, so lehrt der schule sage, kreiset in der sphären chor Stolberg
ged. 2 (1821) 249;
[] wirken wir fort, bis wir ... vom weltgeist berufen in den äther zurückkehren (19. 3. 1827) Göthe IV 42, 95
W.; mir ist oft, als könnt' ich den ewigen weltgeist durch die glieder seiner weltordnung stillschaffend wandeln hören, als könnte mein entkörperter blick durch das grosze gebäude dringen und die hohe ordnung verstehn Tieck
schr. (1828) 8, 60; da kommt es wohl, dasz er den sonnenwagen der zukunft donnern hört aus weiter ferne, davor des weltgeists götterpferde jagen Greif
ged. 2241; der ton, in dem der arme waffenlose wanderlehrer (
Christus) sprach, dieser ton eines rechtmäszigen königs von des weltgeistes geheimnisvollen gnaden, dies alles wendet sich machtvoll an die gemüter Carossa
winterl. Rom (1947) 16;
oft für die angerufene gottheit: du weltgeist, hier steh ich, verloren, auf einem staube des ganzen und breite die hände zu dir aus Ramler
lyr. ged. (1772) 389; hättest du, mächtiger weltgeist, diese freiheit (
die freiheit unseres handelns und wollens) uns genommen, du kämest dann auf dem kürzesten wege zum ziele Fichte
s. w. (1845) 2, 282; lasz uns, o weltgeist, ... ... leuchten dein angesicht J. H. Voss
s. ged. (1802) 3, 95; o groszer buchbinder weltgeist, warum hast du mich zu fein eingebunden? — in dieser welt braucht's schweinsleder, wenigstens ruck und eck Vischer
auch einer 25490; ach weltgeist, ohne dich ring' ich vergebens; du tränke mich vom borne deines lebens! H. Hart
in: mod. dichtercharaktere (1885) 178
Arent-C.-H.; zuweilen erscheint weltgeist
geradezu als gleichrangige bezeichnung neben gott: der atheist (
Shaftesburg) mit seinem groszen weltgeist (für mich der prächtigste name für gott) ist mir mehr als 10 ... kleinmeister der philosophie (12. 9. 1770) Herder in:
br. an u. von Joh. Heinr. Merck (1838) 9
Wagner (
bei Herder
auch als bezeichnung ägypt. und german. gottheiten, s. 6, 351
f. und 5, 171
S.); gott, oder der weltgeist wäre pensionirt, wenn ein groszer mensch aufstünde Laube
ges. schr. (1875) 5, 125; gutes aus ueblem hervorzubringen ist die sache gottes oder des weltgeistes, oder wie man es sonst nennen mag Grillparzer
s. w. 9 (1872) 264
Laube-Weilen (
aphorismen);
oder es bezeichnet einen bestandteil göttlichen wesens: gott habe drey wesen in sich, das gute ... den schöpfer ... und den allgemeinen weltgeist
M. E. D. Colberg
platon.-hermet. Christenthum 1 (1690) 9. 33)
gelegentliche sonderanwendungen verschiedener art. 3@aa)
teils freiere anwendungen in anschlusz an 2: du konntest freilich, kleiner Maria (
Wuz), in keinen antikentempel zu Sanssouci oder zu Dresden eintreten und darin vor dem weltgeiste der schönen natur der kunst niederfallen Jean Paul
w. 1, 381
Hempel; der mensch, der weltgeist in der natur, wird so lang dem tod verfallen sein Bettine
d. buch geh. d. könig (1843) 1, 83; sie ist nicht erfunden, diese innere welt, sie beruht auf wissen und geheimnisz, sie beruht auf höherem glauben; die liebe ist der weltgeist dieses inneren, sie ist die seele der natur
dies., tageb. (1835) 9; nicht du lebst und die welt ist todt, nicht lebt die welt und du bist todt; ihr seid zwei leben gleichgestellt. magst du dich nun als mann, sie sich als weib verhalten; mag weiblich dein gemüth, der weltgeist männlich walten Rückert
ges. poet. w. (1867) 8, 108. 3@bb)
teils an andere bedeutungen von geist
anschlieszend: diesen gemeingeist des aufgeklärten oder sich aufklärenden Europa auszurotten ist unmöglich ... irre ich nicht, so sind drei hauptbegebenheiten oder epochen Europa's, an denen dieser europäische weltgeist haftet ... über der dritten brütet der weltgeist, und wir wollen ihm wünschen, dasz er in sanfter stille ein glückliches ei ausbrüten möge Herder 17, 81
S.; in den mitgetheilten heften (
von Bode) weht der gute weltgeist (12. 8. 1793)
[] Friedr. Christian zu Schleswig-Holstein
an Jens Baggesen in: Timoleon u. Immanuel, briefw. 184
Hans Schulz; dieser mächtige geist des Christenthums, der nun der weltgeist geworden war und nicht allein die wirklichen Christen, sondern auch, die noch heiden waren, anhauchte, ... ward von allen gefühlt ... es lebte ein viel geistigeres geschlecht auf erden E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 2, 416; das genie Goethe konnte seinen weltgeist (damaliger modeausdruck) nicht in einer engen ausdünstungspfütze, vulgo stadt, gefangen nehmen. Bertuch muszte ihm seinen garten am park abtreten Böttiger
literar. zust. u. zeitgen. (1838) 1, 52; die bessern weltgeister fühlen und denken, handeln und ahnen für jahrtausende ... noch nach jahrtausenden spinnt die menschheit fäden weiter, so die groszgeister — völkergründer, spracherfinder, religionsstifter knüpften
F. L. Jahn
w. 1, 168
Euler; in ihr (
der deutschen verwaltung von Tsingtau) hat am frühesten ein hauch des neuen deutschen weltgeistes geweht
qu. a. d. j. 1912.