wisch,
m. (
n.).
herkunft. in fast allen germ. sprachen bezeugtes wort, doch im got. fehlend, im ahd., ags. ausschlieszlich, im an. überwiegend auf das zweite kompositionsglied beschränkt: ahd. âzwisc (
s. u.), arswisc, ovanwisc (
die belege bei Gröger
ahd. kompositionsfuge 287, 411),
mhd. wisch Lexer 3, 937,
mnd. wisch '(
stroh)
wisch' Schiller-Lübben 5, 739,
mnl. wisch, wesch, wesche '
strohwisch, bündel, kranz zum tragen, wischer' Verwijs-Verdam 9, 2, 2672,
ags. granwisc '
acus' Toller
suppl. 484
b,
engl. whisc '
büschel, besen, rasche bewegung' Murray 10, 2, 3, 63,
an. visk,
f. (
nur einmal belegt, s. Heggstad
gamalnorsk ordbok 812), halmvisk '
strohwisch', sefvisk '
rohrwisch' Fritzner 1, 710; 3, 195,
norw. visk,
m. '
bündel, bes. von heu oder stroh' Torp 869,
aschw. visk Söderwall 2, 996,
daraus erweitert oder umgebildet nach dem verbum schw. viska '
kehrwisch, scheuerwisch' Hellquist 1136,
dän. visk Falk-Torp 1388.
germ. wiska-, wiskō-
steht im ablaut mit ai. veṣká '
schlinge zum erwürgen'
und gehört wie die varianten mit p
in norw. visp '
quaste, büschel',
schw. visp '
quirl aus ruten',
mengl., engl. wisp '
wisch' (
s. 6wispel)
zu einer wurzel eis '
drehen, auch für biegsame, flechtbare ruten',
zu der wahrscheinlich auch lat. virga
zu ziehen ist, s. Walde-Pokorny 1, 243.
über weitere etymologische zusammenhänge s. Falk-Torp 2, 1388.
form. neben wisch,
wofür gelegentlich die schreibung wisze, wisse
fax (15.
jh. md.) Diefenbach
gloss. 228
b, wisc, wisze
facula (15.
jh. md.) 222
b auch wusch,
wohl verdumpfung des i
zu u
unter einwirkung des voraufgehenden w: wusch, wusche
facula (15.
jh. md.) Diefenbach 222
b; wusch
fax nov. gloss. 169
b; wusch (1570)
haushaltung in vorwerken 83, 12,
vgl. auch wuscher
tersor Diefenbach
gloss. 580
c;
dazu wuosche, wuos
fax (15.
jh. md.)
ebda 228
b.
mundartlich wuhsch Stalder
schweiz. id. 2, 458;
Fischer schwäb. 6, 3430; wusch (
Saarwerden) v. Klein
prov. wb. 2, 239; Follmann
dtsch-lothr. 551; Weinhold
schles. 106.
mundartlich md. wesch,
s. die md. wbb., vgl. dazu weysche
fax (15.
jh. md.) Diefenbach
gloss. 228
b.
mit rundung wüsch:
voc. predicantium (1488) k 4
b; Alberus
dict. (1540) K k 3
b; Sebiz
feldbau (1579) 123; Dilich
kriegsb. (1607) 88; Moscherosch
ges. (1650) 1, 373; Steinbach (1734) 2, 946.
mundartlich wüschi Stalder 2, 461; wüsch Regel
Ruhlaer ma. 287. —
in den mundarten gelegentlich mit länge des vokals: wīsch Fischer 6, 884; wuhsch Stalder 2, 458; wîsch Nassl
Tepler ma. 7; Gerbet
Vogtland 437; Regel
Ruhlaer ma. 287.
das geschlecht m., in älterer sprache auch n.: daz wisch (14.
jh.)
zs. f. dt. altert. 10, 276, 29,
vgl. die mhd. wbb.; in neuer sprache selten: Herder 5, 371
S.; ein solches wisch E. Kossak
Berliner kunstausstellung (1846) 4;
im pl. vereinzelt wischer
für wische Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 5
ndr. 11)
ausgang ist '
gedrehtes büschel, bündel',
zunächst von heu, stroh u. ä. (
vgl. die nord. verwandten)
zu verschiedenstem gebrauch, woraus die bezeichnung wisch
auch auf andersartige gegenstände gleicher verwendung übergeht (
s. bei 2-4). 1@aa)
alt '
fangwisch'
zur vogeljagd, vgl. wischfang: (
das mädchen zum verleumder ihres geliebten:) ir künnet mir in leiden alsam der wachteln daz wisch H. v. Beringen
in zs. f. dt. altert. 10, 272, 29;
vgl. dazu: welchen wisch (
haberwisch, halb aus stroh) etzliche mit einem faden oder andern
wischen strohe umb und umb hart bewickelen, dasz die vöglein im wisch die füszlein nicht verstecken können Aitinger
v. vogelstellen (1653) 146. —
kräuterbüschel, das geweiht wird: umb de selve zit wart keiser Heinrich vergeven up unser vrauwen dach, as man de wische wit (15.
jh. Köln)
städtechron. 13, 21, 2;
vgl.: wösch
kräuterbündel, das auf Maria himmelfahrt vom priester gesegnet wird lux. ma. 491. —
allgemeiner '
gebündel': item 1½
m. vor 60 schog wische hays zu wynden (1404)
Marienburger treszlerbuch 327, 41; mach dünne wüsch von heu oder stroh Ryff
thierbuch Alberti magni (1545) 49; der ander fischer mus einen wüsch von reisige an einer stangen haben
haushaltung in vorwerken 191, 18; ihr (
sollt) den spund ... mit einem stein oder wisch von heu gemacht zudecken Hohberg
georg. cur. aucta 3 (1715) 1, 273
b;
vgl. wisch
involucrum herbae, straminis, panni Kilian (1605) 675
a; um das einsinken des zuggarnes (
am zugnetz) in den oft weichen boden des grundes zu verhüten, befestigt man an dem unterrande wische (wiepen) aus stroh, schilf, kieferstrauch, birken, ginster Seligo
fanggeräte § 159,
s. dazu auch Mensing
schlesw.-holst. 5, 667. —
im besonderen '
tragwisch',
ein aus stroh gefertigter, ringförmiger wulst oder gepolstertes kissen als unterlage für kopflasten: wisch
cesticulus (1507) Diefenbach
gloss. 116
a; wisch oder tragwisch, etwas auff den kopf zu tragen Duez
germ.-gall.-lat. (1664) 686
b; wenn die bauerweiber mit tragekörben zu markte gehen, so legen sie unter den korb einen wisch stroh, dasz der korb darauf ruhet und sie nicht so sehr drücken kan, und das heist man einen ruhewisch J. G. Schmidt
rockenphil. 2 (1709) 280;
vgl. auch Verwijs-Verdam 9, 2, 2672.
allgemein mundartlich im südwesten und westen Deutschlands: Fischer
schwäb. 6, 884; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 874; Follmann
dtsch-lothr. 545; Müller-Weitz
Aachen 261; Waldbrühl
rhingscher klaaf 220. 1@bb)
der ausgesteckte wisch,
zunächst ebenfalls meist von stroh, dient als zeichen, signal; so ganz allgemein: da ihnen der profosz ein wisch oder zeichen stecken würde Kirchhof
wendunmuth 2, 310
lit. ver.; wisch
etiam est virga speculatoria ..., unde den wisch fallen lassen ...
signum dare adventus hostilis Stieler (1691) 2563;
dabei wird unter wisch
vielfach das ganze zeichen, bündel und stange, verstanden, vgl. noch: 'wisch
nennt man eine stange, an deren ende ein strohbündel ... befestiget ist' Helfft
wb. d. landbaukunst (1836) 412.
vor allem zu rechtssymbolischen zwecken. 1@b@aα)
seit alters als flurzeichen, schutzzeichen für bestelltes land (
hegewisch),
auch wegsperre, vgl. rechtsalterthümer 1, 270.
so zu verstehen der älteste beleg: cultura azuuisc (8.
jh.)
ahd. gll. 3, 2, 18,
s. M. Heyne
dtsche hausaltertümer 2, 47;
wohl auch: wîngarten, boume, gesætez velt, al die wisen unt die heide ... al den bû unz an des strôwes wisch Wolfram v. Eschenbach
Willehalm 256, 27; sodann wird die frischbesäte flur durch einen zaun geschlossen oder durch ein warnungszeichen in gestalt eines wisches abgesperrt Wimmer
gesch. d. dtschen bodens (1905) 62.
auch als warnungszeichen an häusern, deren dach neu gedeckt wird Schön
Saarbrücken 230
a. 1@b@bβ)
als handels- und verkaufszeichen. zur kennzeichnung verkäuflicher ware: man bindet rossen uff den schopf ainen wisch mit strowe, dar umb das man schowe das man sy verkofen wil
liedersaal 3, 544
Laszberg; wanne eynich schiff mit houltz des morgens vro zo marte kumpt, dar sall man eynen wisch upstecken, also dat dat houltz veyl sij den gemeynen burgeren (
um 1370-90)
akten z. gesch. d. verfass. u. verw. d. st. Köln 2, 55
W. Stein; vgl. Frisch (1741) 2, 453
a;
bei grundstücken Schrader
dt.-frz. 2, 1642; '
pfandwisch' O. Weise
Altenburger ma. 124.
als schank-, gasthauszeichen, vgl. wisch vor ein schenkhausz oder vor einer herberg
suspensa hedera Duez (1664) 686
b; ein wisch, ein bierwisch Ludwig
t.-engl. (1716) 2505;
bierzeichen Schmeller-Fr. 2, 1041;
wirtshausschild, bier- oder weinzeichen Follmann
dtsch-lothr. 545; Bauer-Collitz
waldeck. 114
b:
vino vendibili non opus est suspensa hedera eim guten wein darff man kein besondern wüsch ausstecken Conrad Dieterich
bei Fischer
schwäb. 6, 884.
hierher unterm wisch '
in der kneipe' (
vgl. mit anderm sinn hier unten): bald fähet er an zu zechen ... desz morgens bei dem gebrannten wein ... dann zu tisch, von dem tisch untern wisch, da bier und wein sind frisch Westphal
faulteufel in: theatr. diab. (1575) 357
b.
vor allem als marktzeichen zur regelung des handelsverkehrs, bes. auf md. boden, vgl.: 'wisch
heiszet an vielen orten ein gewisses bund stroh ..., welches am marckte ausgestecket und wodurch besonders denen höckern (
verkäufern)
angezeiget wird, wie lange sie sich des einkaufs enthalten sollen'
allgem. haushalt.-lex. (1749) 3, 753.
sachlich kann dabei mit der zeit auch ein anderes zeichen (
z. b. fahne)
anstelle des ursprünglichen strohwisches treten, s. u.: item da sal nymandes, der nicht mit der stat ... rechtes pflegit, uffkauffen uff dem markte, die wiele der wusch steckt (
v. j. 1413)
urkb. d. st. Freiberg in Sachsen 1, 125; keiner soll, weil (
solange) der wisch stecket, korn kaufen (
v. j. 1650)
bei Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 672.
daraus ergeben sich rechtliche wendungen; so bei stehendem wisch: jus fori, dasz sie ... marckrecht haben, ... quod stante quoque signo, bei stehendem wisch ... in foro publico emere ... liceat A. Beier
v. d. zünfte zwang (1688) 25. —
den wisch werfen, fallen lassen: ehe der ausgehängte wisch geworffen wird Chr. Diether (1686) 492; bis die auf dem markt aufgesteckte fahne hinweg gethan, oder wie man (da ehedem ein strohwisch deren stelle vertreten) sagt, der wisch geworfen ist (
Culmbacher, Höfer stadtrecht)
bei Schmeller-Fr. 2, 1041; in den städten ... (
sollen) die höcken nicht eher etwas aufkauffen, bis der wisch gefallen
Noël Chomel (1750) 5, 484; (
strafe,) weil (
ein viehhändler) 'vor fällung des wisches' einen handel abgeschlossen hat (1801)
zs. f. dtsche mundarten (1906) 12
f.; im volksmund: nun ist der wisch gefallen
für das ende eines festes Müller-Fraureuth
sächs. volkswörter 69. —
unterm wisch (ver)kaufen zur zeit des ausgesteckten zeichens: dasz sie, die Schneeberger, uf dem weit berühmten kornmarckte zu Zwickau allerley getreyde vor, unter und nach dem wisch gleich denen bürgern daselbst erkaufen mögen Chr. Melzer
Schneebergk (1684) 332;
mit anderer, sicher sekundärer erklärung: das heiszt unter dem wisch verkauft, wenn die bauern etwas in die stadt bringen und wollen es nicht ansagen, so legen sie einen strohwisch darüber Chr. Weise
überflüss. gedank. (1701) 415.
meist handelt es sich um verbotenes geschäft, woraus die redensart sich verallgemeinert zu '
verbotenes oder heimliches tun': unterm wische kaufen
de eo, qui occulte et fraudulenter agit Peisker
index (1685) 39;
ähnlich Körte
sprichw. 495; Hertel
Thür. 259; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 672.
hierher wohl, als '
rasch eine heimlichkeit begehen',
beim schäkern mit frauen: (
beim gelage:) wir springen auf den tisch, wir tanzen um ein glas, verkaufen unterm wisch, im fall es greifens gilt. das zehrlein (
der wein) macht uns ein jeder ist bemüht, zu haben eine fine kühne. P. Fleming
dtsche ged. 1, 97
L. deutlicher auf das (
verboten-)
heimliche zielend unterm wisch, ohne das obige verb: schreib mir alles! geht s im examen scharff? dasz man wohl nicht unterm wische in die bücher gucken darff? Hoffmannswaldau
u. a. Deutscher auserw. ged. (1697) 7, 232; die leutgen essen selten viel, und welche was verschlingen wil, die thut es unterm wische Chr. Weise
überfl. ged. (1701) 415; hat einer unter dem wisch (
insgeheim) was genossen, so ihn vergnüget Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 672; die welt murmelt unterm wisch (1732)
ebda. auch verharmlost '
für jedes schnell und unbemerkt erledigte geschäft, ..., wie man denn z. b. unterm wische
jemand gelegentlich besuchen oder mitten in der arbeit sein frühstück essen kann' A. Richter
dtsche redensarten nr. 205;
die vorstellung von wisch 5 a
als rasche bewegung, husch kann dabei sekundär mitspielen. 22) wisch
als licht, fackel, in älterer zeit, vgl. fackhel, visch (
statt wisch)
fax (
voc. ex quo 1432)
bei Diefenbach
nov. gloss. 169
b; eyn wisch dar mede luchtet
facula ebda 165
a; wüsch, kertz, was liecht von sich gibt Alberus (1540) K k 3
b: dar nâch liz her (
Maximilianus) si burnen mit gluwendem îsene und mit wischen und burnenden vackelen
mystiker 1, 12, 28
Pfeiffer; die knechte mit den bornenden wischen uf daz tanzhuss luchten Rothe
düringische chronik 632
L.; vgl. saevis facibus brinnenden wischen (15.
jh.)
anzeiger f. kde d. teutschen vorzeit 6 (1837) 347
Mone; item so verpieten wir auch, das niemands des abinds ... sunder wisch adir liecht uf der straszen nicht gehin sall (1491)
quellen z. rechtsgesch. d. stadt Marburg 2, 199
Kück; wann man des nachts einen strowüsch anzündet und mit dem wüsch an einer fohrenbach am rande über dem wasser herlchtet (1569/70)
haushaltung in vorwerken 191, 36
Ermisch; sind mit fackeln und fewerbrenden und wischen umb die schantzen gelauffen Gyr. Spangenberg
mansfeld. chronica (1572) 465
a.
mundartlich noch in der redensart hä bürnt bî ä wûsch
er glüht vor erhitzung u. s. w. Regel
Ruhlaer ma. 287.
licht, das in die irre führt, irrlicht, irrwisch (
als kobold),
s. d. teil 4, 2, 2172, '
weil er als ein brennender lockerender wisch,
der von verbrennlicher materie ist, leuchtet' Frisch (1741) 2, 453
b;
doch wirkt sicher auch wisch 5 a
auf diese bezeichnung gerade des rasch huschenden wesens ein, vgl. sp. 710: jm nebel hellt er (
der teufel) uns eitel yrre wissche fur, das er uns verfure Luther 26, 174
W.; item in welden und bey dem wasser, da man sie (
die bösen geister) sihet wie die böcke springen odder bornen wie die wissche
ebda 34, 2, 396; wenn die fuhrleute nur braff in die lufft mit ihren peitschen klatschten und solche zertheilten, würde der wisch ehe von ihnen fliehen als durch seufftzen oder gebeth Chr. Frz. Paullini
bauren physik (1705) 42; hier schwankt ein schatten, dort irrt ein fahler wisch H. Löns
aus forst u. flur 193; sie habe dem licht einen topf milch versprochen, wenn es ihr heimleuchte. da sei der wisch vor ihr dahingeglitten und habe sie geführt Watzlik
der pfarrer v. Dornloh (1930) 179. 33)
ding, werkzeug zum wischen, reinigen, vgl. ouinwisc
ahd. gl. 3, 167, 38,
z. t. wieder in der ursprünglichen form des strohwisches oder eines sonstigen gewundenen bausches: des kühirten ampt ist ... sie (
die ochsen) abends mit eym wüsch stro, ehe sie sich legen, zu reiben Sebiz
feldbau (1579) 123;
vgl. penicillus ... peniculus ... wisch Kilian (1605) 675
a;
strofinaccio M. Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1365
c; wisch von stroh ...
fasciculus straminis ad detergendum vel purgandum aliquid Frisch (1741) 2, 453
a; '
etwas zusammengewickeltes zum abwischen' Martin-Lienhart
elsäss. 2, 873; '
bündel von pflanzen oder lumpen ... zum wischen' Mensing
schlesw.-holst. 5, 667. —
dann auch in anderer gestalt, so als schwamm Kilian (1605) 675
a;
bürste: ein wisch von borsten
tersorium e setis Frisch (1741) 2, 453
a,
mundartlich wusch
bürste aus borsten o. wurzeln Follmann
dtsch-lothr. 551;
besen Schmeller-Fr. 2, 1041; Fischer
schwäb. 6, 884;
sprengwedel Gangler
luxemb. 481.
vor allem tuchlappen, z. b. wisch, lumpe
torchon Wiederhold (1669) 423
b;
tersorium Kirsch
cornucop. (1718) 357; Fischer
a. a. o.; Martin-Lienhart
a. a. o.; Follmann
lothr. 545
u. a. im einzelnen nicht immer scheidbar: so man sie (
die pferde) mit dem striegel oder wisch durchstriegelt oder wischet Ryff
thierbuch (1545) 44; da die stallbursch ... wüsch, schwerze und bürsten ... darbey haben (1617) Hainhofer
reisetagebuch, in d. baltischen studien 2, 2, 129; die schuh mit einem wische reinigen Chr. Schwan
nouv. dict. 2, 1060
b; bey allen zuständen, allwo weder entzündung noch hitz ist, musz man das (
betreffende) glied mit der hand oder einem wisch reiben Hohberg
georg. cur. aucta 3 (1715) 2, 186
b; komm! zieh dir rock und leibgen an, lasz wisch und besem liegen
das mädgen von Orleans (1821) 1, 57.
im besonderen wisch
zum reinigen des hintern, vgl. arswisc
ahd. gl. 3, 73, 32: ein wisch
anitergium (15.
jh.) Diefenbach
gloss. 36
a; junckfraw Porte ... nam yhr nicht der weile, da sie stulen gieng, das sie einen wisch gemacht hette Agricola
t. sprichw. (1534) q 4
b; wilt die finger behalten rein, so mach den wisch nicht zu klein Fischart
Gargantua 211
ndr.; die wische auf seinem abtritt Heinse
s. w. 7, 150
Sch.; wie ein sprudelnder steisz, der die wische verhöhnt J. H. Voss
Aristophanes (1821) 359.
daher die redensart vom tisch zum wisch: der ist vom tische bald gelaufen hin zum wische Rachel
satyr. ged. 136
ndr.; bin ich von taffel, es ist mir aber gangen met verlöff, wie dasz teutsche sprichwort sagt, 'von den tisch auff den wisch' (1715) Elisabeth Charlotte v. Orleans
br. 2, 573
Holland; von tische zu wüsche
a ferculo ad lasanum surgere Steinbach (1734) 2, 946; vam disch na de wisch Richey
idiot. Hambg. (1755) 342;
vgl. noch Wander 5, 288. 44)
aus 3
übertragen, '
wertloses, verächtliches, schlechtes',
was gewissermaszen nur mehr zum wischen taugt. 4@aa)
zunächst noch eigentlich, '
wertloses, schlechtes stück papier, fetzen' Krünitz 239, 422; Kindleben
stud.-lex. (1899) 216.
bes. volkstümlich gebraucht, vgl. Fischer
schwäb. 6, 884;
charta futilis Serz
idiotismen 177
b u. a. vgl. dazu: einen wie einen wisch hin und herwerfen
mangel an achtung zeigen Wander
sprichw.-lex. 5, 288.
von da ausgehend, abschätzig für ein druck- oder schriftstück: was soll ich machen mit den wischn? die dienn nicht z hetzen noch z fischn. mit büchern ists nicht auszgericht Gilhusius
grammatica (1597) 58.
auf den wertlosen inhalt bezogen: der elende wisch, welcher über mich erschienen, ist gar keiner achtung würdig Winckelmann
s. w. 11, 128; dasz ich ungern diesen wisch (
band) schmiere, können sie glauben (1767) Lessing 17, 234
M.; noch ein ganz elender wisch ist in Wien 1787 gedruckt Nicolai
reise (1783) 8, xviii; mich giebt nur wunder, wie man unverschämt genug seyn kann, einen solchen wisch vorzuzeigen, der so dumm und so grob zugleich ist Göthe IV 14, 65, 10
W.; der freche wisch des knaben Theon Adolf Deissmann
licht vom osten4 195; deine bestallung mit ihren königlichen forderungen ist ein werthloser wisch papier H. Laube
ges. schr. 14, 48; wer hat auf seinem wisch die grenze falsch gezeichnet? Rosegger
schr. I 3, 406; Leonhard Hagebucher aber schob den wisch (
schreiben der polizei) in die tasche W. Raabe
Abu Telfan (1870) 2, 126.
amtliche schreiben bezeichnet gerade volkstümliche sprache gern mit wisch,
mit und ohne geringschätzung, vgl. Hügel
Wien. 190; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 672
a; Brendike
Berl. wortschatz 193.
daneben auch auf die äuszere lässige form mitbezogen; kurzes, rasch hingeworfenes schreiben: ich mag ihm keinen bloszen wisch zusenden, und etwas ordentliches schreiben, ist mir jetzt unmöglich Heinse
s. w. 10, 133
Sch.; was ich von dir habe, ist ... nur ein wisch A. v. Chamisso
w. (1836) 5, 37; mein liebes herz, du bekommst wieder nur einen wisch O. v. Bismarck
br. an s. braut u. gattin 447; als sie stocken muszte im weiterlesen des nur so hingekritzelten wisches (
einer schuldverschreibung) K. Gutzkow
ges. w. 2, 99;
druckwerk von schleuderhafter aufmachung: übrigens gefällt mir die neue einrichtung der jahrbücher (wöchentlich ein wisch von 3 bogen) gar nicht Görres
ges. br. 2, 46. 4@bb)
übertragen auf menschen als schelte: ein mensch, der nur eine geringe courage besitzt, heiszt gleich eine alte hure, ein kleines werkchen, ein wisch Lichtenberg
verm. schr. (1800) 3, 63; dasz sie ein wisch von einer frau sei (1813)
briefe v. D. u. Fr. Schlegel an d. fam. Paulus 99
Unger; fuszfällig müszt sie dir ja abbitten, der wisch! Emil Strausz
kreuzungen 74.
noch derber in den mundarten '
schmutziges, verkommenes weib' Ruckert
unterfränk. 197; Fischer
schwäb. 6, 884. 55) wisch
nicht aus der urbedeutung des '
gedrehten bündels',
sondern als rückanlehnung an wischen
als bewegungsvb. zu verstehen. 5@aa) wisch
als etwas rasch bewegliches, zu wischen B.
erst spät (
auch auszerdeutsch nur im neuengl., s. Murray 10, 2, 3, 63
und neudän. som en visk Falk-Torp 1388)
bezeugt, aus sprachl. unterschicht; das onomatopoetische element der silbe wisch
ist nur als sekundär wirksam anzusehen, gestützt durch wisch,
interj., witsch, wusch, wutsch
u. ä.: ein ding, welches wischet, sich schnell und leicht bewegt Campe 5, 744;
etwas unbestimmbares, das an dem auge rasch vorüber zieht Knothe
Markersdorfer ma. 124;
rasche bewegung, husch, huschendes etwas ten Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 563;
übertragen: lebhaftes kind Hofmann
niederhess. wb. 265;
unruhiges kind Fischer
schwäb. 6, 3430.
dazu in der bedeutung '
irrwisch',
s. sp. 708. —
als bewegungsvorgang selbst; wie wischer 3
als scheuch- und schlagbewegung: die vögel (
kinder) räumen ab den tisch, und alles pickt, und fürchtet sich vor keinem wisch Fr. Rückert
w. (1867) 2, 26;
vgl.: wuschen
schläge, haue, prügel Kleemann
nordthür. 25
c;
dazu uneigentlich: einen wisch geben
ausschelten Nicolai
österr. id. 142; v. Klein
prov. vb. 2, 234.
auch in der wendung unterm wisch '
rasch'
steckt z. t. dieser strang, s. sp. 708.
s. auszerdem wischlein '
wiege'. —
anders, als ergebnis einer wischbewegung (
vgl. wischen A 1 d), '
flecken, verriebene farbstelle': wisch
litura, eine verwaschene unbestimmte zeichnung von andrer farbe Illinger
thier- u. pflanzenreich (1800) 93; flügel (
einer braconenart) sehr dunkel, und die gewöhnlichen hellen wische sehr hell Ratzeburg
ichneumonen d. forstinsekten (1844) 1, 47. 5@bb)
als mengebezeichnung, aus der im komp. erwischen
stärker als im simplex wischen (
s. d. A 5)
wirksamen vorstellung des '
fassens'
entwickelt. zunächst im wortsinn als '
handvoll', '
was mit einem griff gefaszt werden kann',
vgl. Campe: hätte auch ... fortgeplaudert, wo nicht ein teuffel ... ihm den athem mit einem wüsch flammenrauchenden cass gestopffet hätte Moscherosch
gesichte (1650) 1, 373.
als '
handvoll'
vor allem mundartlich allgemein, z. b. Fischer
schwäb. 6, 884; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 874; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 672; Frischbier
preusz. 2, 475.
im bes. von haaren: der mann hatte ... in der lincken hand auch einen wüsch haar, aber im gesicht war er verkratzt Moscherosch
gesichte (1650) 2, 343; so dasz ... ganze büschel seines haares herunterfielen ... wenn ihm jedesmal ein neuer wisch in der hand blieb G. Keller
ges. w. 6, 228;
vgl. auch Frischbier
preusz. 2, 475;
als '
dichtes büschel',
vgl.wuschelkopf: en wusch blonde haare ufn kopp Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 672;
daraus '
haarschopf'
in der wendung einen am wisch nehmen,
s. Fischer
schwäb. 6, 884; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 672: dasz sie ihn (
Gwyon) nicht packt am wisch, was thut er? Gwyon wird im nu ein fisch Fr. Th. Vischer
auch einer (1879) 1, 134.
erweitert zu der vorstellung einer gröszeren menge, '
soviel ... als man mit zwei händen fassen kann' Bock
preusz. wb. 78, '
ein armvoll' Fischer
samländ. 98
u. ä.: fenile eyn hauhop ('
heuhaufen'), eyn wisch (
v. j. 1417
nd.) Diefenbach
n. gl. 170
b; soll man den pferden einen wisch heu vorlegen (
manipulum foeni, brancata di fieno) Winter v. Adlersflügel
stuterei (1687) 46.
ganz allgemein '
haufe, anzahl': wo er als monarch oben auf dem thron sitzt, und ihm ... ein ganzer wisch von tagdieben huldigen Lenz
ges. schr. 1, 19
Tieck; do (
zu fastnacht) fahrt e ganzer wisch von beese gaistren als mit viele dausig hexe us de kämminre nus Arnold
pfingstmontag (1816) 139.
der gebrauch ist wieder hauptsächlich volkstümlich, vgl. noch Friedli
Bärndütsch 3, 213, Martin-Lienhart
elsäss. 2, 874, Hennig
preusz. 302.
als bestimmtes masz für stahl in der alten handelsspr. des Niederrheins, '
stangen, ungefähr 10 ℔' Kuske
qu. z. gesch. d. Kölner handels 4, 543;
fraglich bleibt hierbei, ob als ausgang die '
handvoll' (
stangen)
oder, von 1
her, '
bündel'
anzunehmen ist: pro 30 wuyscche cleyns stayl (1487)
Kölner stadtrechn. 1, lix
Knipping; wie dat Nyngelgin van Segen ... ieme verkouft sullen haven ... einen wusch staels
qu. z. gesch. d. Kölner handels 2, 703
Kuske; stahlwusche
ebda 1, 301.