vespern,
verb. 11)
die in Mittel- und Norddeutschland gewöhnliche bedeutung ist von vesper 3
abgeleitet, die zwischenmahlzeit des nachmittags einnehmen: vespern, '
im gemeinen leben einiger gegenden, das nachmittagsbrot essen' Adelung;
im schwäbischen '
mehr städtisch und gebildet' Fischer
schwäb. wb. 2, 1440 (
auch für frühstücken, vgl. vesper);
daher als nachmittagsgrusz: vergesset 's vespern net
u. ä. ebd.; vgl. Martin-Lienhart
wb. d. elsäss. mundarten 1, 154
a;
vesperbrot essen Staub-Tobler 1, 1110; wer reichlich frühstückt, musz sparsam vespern Holtei
erz. schr. 22, 77; er schickt euch hier einen krug wein zum vespern Hauff (1890) 1, 78; wir knechte arbeiteten getheilt in zwei rotten, ... wenn jene ihr abendbrod verzehrten, dann kochten wir unsern morgenkaffee, lagen sie im tiefsten schlaf, dann hielten wir unser mittagsmahl und vesperten wiederum, wenn jene aufstanden Riehl
gesch. v. Eisele u. Beisele (1848) 246; mutter, eben schlug es vier, und um viere vespern wir Hoffmann v. Fallersleben (1890
ff.) 2, 227; im häuschen da drüben ein bauer vespert wohlgemut Mörike 1, 240
Göschen; 22)
nach vesper 1
in katholischen gegenden, vesper singen, beten, vesper halten Schmeller 1, 849; Staub-Tobler 1, 1110; wie langsam pfarrer und lehrer am sonntag vesperten
flieg. bl. bei Sanders
erg. wb.; vespern,
zur vesper läuten Staub-Tobler 1, 1110. 33)
aus dieser bedeutung (2)
abgeleitet: psalmodieren, wie es geistliche thun (Fischer
schwäb. wb.),
unverständliches zeug reden, plaudern (
ebd.),
murmeln, flüstern, halblaut beten (Schoepf
tirol. idiot. 789),
eine flüsternde unterhaltung mit jemandem haben (Staub-Tobler 1, 1110);
hier berührt sich das wort mit fispern (
th. 3,
sp. 1691). 44) vespern (
ebenso wie vesperieren,
vgl. auch vesperei)
bezeichnet das ausschelten, heruntermachen des theologischen doctoranden, das am vorabende der promotion geschah: hie auff erden sollen wir uns theologen auszvespern lassen, wie man zu Erfurdt den jungen doctorn den tag zuvor thut, ehe sie promoviren Mathesius
Luther (1568) 145
b;
diese bedeutung wird verallgemeinert von der volkssprache aufgenommen: vespern,
ausschelten Schmeller
bayer. wb. 1, 849; vespern,
zanken, schelten Schoepf
tirol. idiot. 789; Lexer
kärnt. wb. 94;
schelten, mit heftigkeit einen verweis geben Schmid
schwäb. wb. 190;
einen wortwechsel halten, keifen, zanken, markten (
vgl.: e vesperete mit epperem han) Staub-Tobler 1, 1110;
einem einen scharfen, langen verweis geben Fischer
schwäb. wb. 2, 1439,
vgl. anvespern 1, 281;
die bedeutung '
ausschelten'
ist wohl sicher aus dem akademischen gebrauch abzuleiten (
franz. vespériser,
einen verweis ertheilen);
die bedeutung '
zanken, keifen'
wird von einigen mit einer scherzhaften auffassung der katholischen vesper in verbindung gebracht (vesper,
gezänk, s. unter vesper 4),
doch wäre auch denkbar, dasz die bedeutung '
anklagen, schelten'
fortgebildet wäre und sogar den gebrauch des subst. beeinfluszt hätte. —
weiter entwickelt: fortvespern,
einen zum haus hinausjagen, die kinder ins bett vespern Fischer
schwäb. wb. 2, 1439. 55) vesperen, hin und wider vesperen,
concursare Maaler 440
c;
unruhig, unstät hin und her fahren Staub-Tobler 1, 1110;
des nachts umherschwärmen, auf liebschaft (
vgl. vesperknecht unter flederwisch
th. 3,
sp. 1747)
ausgehen Schmid
schwäb. 190; Martin-Lienhart
elsäss. 1, 154
a;
diese bedeutung ist von vesper,
abendzeit abzuleiten und berührt sich mit fispern,
zappeln Staub-Tobler 1, 1110.
übertragung auf unruhiges wesen und geberde: lebhaft gestikulieren Fischer
schwäb. 2, 1439;
mit den armen unruhig hin und herfahren Martin-Lienhart
a. a. o.,
vgl. vesperig. 66)
am abend (vesper 2)
zur berathung zusammenkommen; gebrauch einer bestimmten genossenschaft; eine solche versammlung und berathung heiszt vespering,
f. Staub-Tobler 1, 1110.