krabbeln,
krabeln . II.
Heimat, formen, verwandtschaft. I@aa) krabbeln
weist mit seinem bb
auf das nd. als seine rechte heimat, man bringt es dort mit der da wolbekannten krabbe
in verbindung, '
eigentlich die füsze wie eine krabbe
bewegen',
dann '
auf händen und füszen herum kriechen, wie die kleinen kinder, um sich greifen wie eine krabbe, krauen'.
brem. wb. 2, 860,
und ohne zweifel hat die krabbe
von diesem stamme mit dieser bed. ihren namen, der zugleich als zeugnis für hohes alter des stammverbums gelten kann; so stimmt engl. zu scrawl,
eine krabbenart, scrawl
krabbeln Halliw. 714
a.
ebenso stimmt zu altn. krabbi
krabbe, krebs norw. krabba
krabbeln, kriechen. I@bb)
die hd. form verlangt eigentlich krappeln,
und das besteht auch, schon mhd. (
s. dort).
aber es gibt daneben gut hd. krabeln (
s. die beispiele),
auch diesz schon im 15.
jh., sicher schon mhd. krabelen (
mit kurzem a),
später regelrecht zu krâbeln
geworden, wie das hd. 'krabeln'
u. II
meist zu sprechen sein wird, und wie z. b. aus Tirol Schöpf 337 krbeln
gibt (
doch daneben krabbeln);
ebenso stehn kribbeln
und kriebeln
nebeneinander. Aber nd. krabbeln
und hd. krabeln
sind demnach eig. zwei besondere worte; doch können sie nicht getrennt werden, da sie im nhd. sprachgefühle sich vermischt haben, wie denn Göthe
für sein urspr. krabeln
später krabbeln
annahm (
s. II, 1,
a).
letzteres trug den sieg davon, weil es zugleich in mitteld. rede gilt; übrigens begegnen sich auf md. boden nd. krabbeln
und hd. krappeln. I@cc)
dem hd. krabeln
aber entspricht genau altn. krafla
krabbeln (Möbius 239),
norw. kravla,
schwed. krafla,
dial. kravla Rietz 352
b,
dän. kravle,
während dem nd. krabbeln
nord. krabba
entspricht (
s.krabben),
vielleicht auch krabbla Rietz 352
b (
das isl. krabla
steht für krafla).
alles das zeugt zugleich für hohes alter des wortes in beiden gestalten. die erste zeigt sich auch engl. in dial. craffle
kriechen, nd. mit umlaut (
s. u. II, 7)
in kreffeln
krabbeln Schottel 1350,
nl. krevelen,
wie auch schw. dial. kräväl Rietz 352
b,
falls nicht diese alle unserm kriebeln
entsprechen. I@dd)
aber auch hd. mit f
in tirol. krefflen, krêflen
kriechen, klettern (II, 1,
d und 6),
sodasz im auslaut alle drei lautstufen erscheinen. diesem hd. f
entspricht auch nord. p
in altn. krapsa
kratzen, scharren (
s. II, 3),
vergl. altn. norw. kroppa
klauben, knaupeln, es sind nur andere ausgestaltungen desselben stammes. I@ee)
auch im anlaut erscheint andere lautstufe in nd. grabbeln,
engl. grabble,
hd. grappeln,
aber wieder auch hd. grabeln (
z. b. II, 3,
e. 4,
a),
in der Zips graffeln
tastend kriechen Schröer 56
a,
engl. grape
u. s. w. (
s. weiter unter G),
der ganze stamm ist von alters her einer der am reichsten entwickelten. Auch mit s-
vor dem anlaut (
s. dazu unter krampf)
engl. scraffle
und scrabble (
auch scramble,
wie cramble)
klettern, wimmeln, krabbeln, vgl. nl. schrabben, schrappen
kratzen, nd. schruppen,
engl. scrub
u. s. w. I@ff)
auch ablautung fehlt nicht, denn wie zu krabbeln, krâbeln
sich kribbeln, kriebeln
stellt, ebenso nach e nd. grubbeln
krabbeln, tasten, wühlen, engl. grubble,
und es wird in anbetracht des hd. grabeln, grappeln
auch hd. grübeln
hierhergehören, ahd. grubilôn, crupilôn;
es wird auch schon ahd. grapalôn, krapalôn
bestanden haben. I@gg)
der begriffskern dieser aller ist das krümmen der finger, zehen, klauen zum greifen, krauen, kriechen, wühlen, kratzen, sie bilden einen in sich wieder reich entwickelten zweig der einen groszen sippe von greifen, graben, krampf, krumm
u. a.; s. weiter krimmen,
aber auch kratteln
und krageln
von gleicher bed., zunächst aber krabben. IIII.
Gebrauch und bedeutung. II@11)
mit den füszen, mit allen vieren krabbeln, von gewürm, kleinem gethier, oder von kindern, sich krabbelnd bewegen (
schweiz. gramseln,
zu demselben stamm gehörig).
[] II@1@aa)
oberd. krabeln (
s. I,
b, aber auch hier a. e.): auch schmeckten (
witterten) do der sunnen prünseln (
im lenz) die kleinen würmlein in den clünseln, aus gruft der erden gunden sie (
l. gundens) crabeln und auch nach irer narung zabeln. H. Folz,
fastn. sp. 1305; wie .. die fr sun herfür lockt mit mancherlei zabelns und krabelns das clein gewürm. 1302; wie .. der alten hausväter reim leret: wer nicht recht und gabelt (
heu), wenn die brem sticht und krabelt, der lauft im winter mit dem stroseil, fragt 'hat auch jemands hew feil?' Mathesius
Sar. 24
b (
kann doch auch jucken sein); die würmer krabeln im käse. Steinbach 1, 921.
Noch bei Göthe: der medicus .. fand mich auf der erde unter Lottens kindern, wie einige auf mir herumkrabelten ...
Werther 1775
s. 48 (
in den werken 16, 40 krabbelten); wenn meine buben noch über einander krabeln wie junge katzen. Göthe
und Werther 122,
doch ebenda schon auch: wollte ich säsze noch zu Lottens füszen und die jungen krabbelten auf mir herum. 56.
Die aussprache mit kurzem a
fehlt doch auch oberd. nicht (
vgl. I,
b): wi i kumm, so het si (
die sterbende elster) noch gezawwelt un mit de füeszle so am bodde stark gekrawwelt. Arnold
pfingstmontag 60,
wie ebend. gawwel, schnawwel,
gabel, schnabel. aber bair. z. b. gibt Schm.
bestimmt krabeln,
tirol. Schöpf krbeln,
anderseits vom Mittelrhein bei Kehrein 242 krabeln
oder kraweln
und krabbeln, krawweln. II@1@bb) krabbeln (
so z. b. bei Ludwig,
neben grabbeln): Klinias hatte indessen seine reusen gehoben. viele krebse krabbelten drinn. Bronner
fischerg. 18; was brauchts dir (
Erwin v. Steinbach) denkmal! du hast dir das herrlichste errichtet. und kümmert die ameisen, die drum krabbeln, dein name nichts, hast du gleiches schicksal mit dem baumeister der berge aufthürmte in die wolken. Göthe 39, 339,
vgl. unter 5,
b; da krabbeln sie nun wie die ratten auf der keule des Hercules. Schiller 106
b; die welt und alles was in ihr lebt und krabbelt. Gutzkow
ritter v. g. 9, 327. II@1@cc)
die art der bewegung wird auch näher bezeichnet, mit heran, umher, herauf
u. ä. (
s. schon unter b): grashupfer tanzten um mich her, ameisen krabbelten heran. Göthe 22, 195; ein käse, auf dem milben umher krabbeln. Immermann
Münchh. (1841) 3, 228.
auch die folgenden beispiele gehören dazu. II@1@dd)
auch von erwachsenen menschen (
wie bildlich schon u. b),
wenn sie kletternd, kriechend u. ä. mit händen und füszen arbeiten: er (
der gestürzte) rafft sich auf und krabbelt nach. Göthe 10, 250. 1, 182; von ferne seh ich einen menschen .. der zwischen den felsen herumkrabelte und kräuter zu suchen schien.
Werther 1775
s. 163,
in der ausg. 1787
s. 221 herumkrabbelte (
in den werken 16, 135 rabbelte); im walde herumkrabbeln (roder). Hermes
Sophiens reise 6, 235,
von einem alten der nach moos sucht. selbst trans., refl.: ich krabbelte mich wieder in die höhe und stieg wieder auf das pferd.
derselbe. II@1@ee)
dasselbe in kühner bildlichkeit bei Göthe (
es war offenbar eins seiner lieblingswörter): nehmen sie ihre knaben gleich mit zu schiffe und lassen sie im diense herankrabeln.
werke 49, 80,
krabbelnd heranwachsen, zugleich nach 5. II@22)
wimmeln, von der wirren und stätigen bewegung einer unerfaszbaren menge (
schon unter 1
öfter mit),
früher und oberdeutsch wieder krabeln: wann ich sah dort (
auf der kirms) ein grosze meng der bawern, die mit eim gedreng .... mit schweinspisz, trischeln und mistgabeln theten fast (
sehr) durch einander krabeln. H. Sachs 1, 529
d (1590 396
d); laszt nur, mich irrts nicht wenn noch so viele (
feinde) um mich herum krabbeln, mir ists als wenns ratten und mäuse wären. Göthe 8, 61; da nun Winter ein wahrer koloss ist, so stellt er (
indem er die tauben füttert) das bild des Nils dar, der von einem kleinen geschlecht umkrabbelt wird. Bettine
br. 2, 100.
vgl. 'kribbeln und krabbeln'
unter kribbeln. II@33)
krabbelnd jucken, kitzeln, krauen, theils mit dat., theils mit acc. des objects, wie kitzeln. II@3@aa)
so wieder krabeln Stieler 1033 (
nl. krevelen): elten, fohren oder forellen, die musz man fein unten an den beuchen krabeln oder krauen, so stehen sie gar stille. Coler.
hausb. (1640) 500. II@3@bb) krabbeln: wenn ein käfer in dem nabel krabbelt (
unter eine stürze gethan). Chr. Weise
kl. leute 273
c. 14; ihm krabbeln käfer in der hand. Göthe 41, 46.
auch von menschen: im bart krabbeln. Fr. Müller 1, 144;
[] wenn ich hübsch traulich rabble und hinterm ohr ihm krabble. Bürger 22
b; bald krabbelt sie mich an dem bart. Weisze
kom. op. 2, 87. II@3@cc)
von dingen, eig. im vergleich mit krabbelnden thieren oder fingern: ah! was krabbelt mir denn hinter den ohren? (sie hascht darnach) verzweifelt, ohrgehänge! Weisze
kom. op. 2, 59,
noch mit dat., weil die urspr. bed. 1
noch vorwiegt, während bei dem acc. unter a schon völlig die bed. kitzeln eingetreten ist. auch unpers., wie kitzeln: mir krabbelts an der groszen zeh. Göthe 41, 19; es krabbelt mir am hals! (
vom vorgefühl des stricks). 7, 66. II@3@dd)
auch von inneren '
kitzelnden'
empfindungen: de leve (
liebe) de krabbelt mi sehr. Lappenbergs
Lauremberg 144; doch der verkappte gast empfand auf seinem rücken mit krabbelndem entzücken kaum seine schöne last. Bürger 22
b (
Europa); ich weisz nicht was für ahndungen wie spinnen mir übers herz krabeln. Göthe
an fr. v. Stein 1, 162,
noch mehr nach 1,
wie unter e am ende; es krabbelt ihr ums herz, und sie versteht nicht was (
liebe).
werke 7, 47; das trallern ist bei mir verloren, es krabbelt wol mir um die ohren, allein zum herzen dringt es nicht. 41, 120. II@3@ee)
auch, wie kitzeln,
von üblen empfindungen: dem herren pfaff das krabbeln thät (
ärgern). Göthe 56, 28 (
ew. jude); aber geistliche zusprüche mochte er doch nicht, sie machten ihm wunderlich, sie krabbelten ihm in den gliedern, er wurde ungeduldig. Gotthelf 3, 270; wie ihm auch der zorn krabbelte auf der stirne, unten im herzen fühlte er sich doch getroffen. 11, 404.
schwäb. der handel grabelt ihm im kopf rum,
der handel
ist da aber noch ganz wie ein käfer o. ä. gedacht (
vgl. grille).
s. auch krabbelig 2,
b. II@44)
andres krabbeln
mit den händen. II@4@aa)
tasten, krabbelnd greifen: sie stellte sich an die komode, schlug die augen nieder, krabbelte mit den fingern oder spielte mit einer feder (
verlegen). Miller
Siegwart 1, 89. nach etwas krabbeln,
fingernd suchen: er krabbelt nach dem schweine (
der dieb im finstern). Voss 1825 4, 129;
östr. die hühner (
acc.) grabeln,
ob sie ein ei haben. Höfer. unzüchtig krabbeln,
tangere aliquam lascivius. Frisch 1, 541
b.
ebenso früher grappeln,
z. b.: (
dasz du) dich grappeln laszt die jungen gsellen, als ob sie kelber kaufen wöllen. H. Sachs 1, 383
d (1590); bisz in ein floch im hindern, nach dem grappelt er.
Eulensp. hist. 35. II@4@bb)
so von vielen durch einander greifenden fingern, wenn z. b. geld '
in die rappuse'
geworfen wird: denare fliegen aus des siegers hand, ha, wie es krabbelt im arenasand! Annette v. Droste
ged. 176.
da ist das wort recht in seiner eigentlichen geltung (
auch das wimmeln unter 2
ist von selbst dabei),
das werfen in die rappuse heiszt denn auch nd. in'n grabbel smîten Danneil 68
b,
nl. in de grabbel werpen Kilian,
und mit ablautender wiederholung clevisch in de grubbel grabbel smîten,
ostfr. in de gribbel grabbel (
vgl. kribbelkrabbel).
und die bezeichnung wird bis in die vorzeit reichen, denn romanische volkswörter dafür klingen nahe an, ital. grappiglia (fare alla
gr.),
franz. gripaille,
span. garbullo.
englisch heiszt es scramble,
d. i. krabbeln (
s. I,
e),
s. auch unter krappeln Rädlein. II@4@cc)
wühlen, wie ahd. grubilôn,
nhd. grübeln: mit hauen, schaufeln und gabeln, do mit sie in dem mist umb krabeln.
fastn. sp. 381, 22;
auch in dem 'ergarakrabelen'
Garg. 196
b (363),
ergrübeln. nl. in't geld grabbeln,
im gelde wühlen. II@55)
von gewissen arbeiten, eig. fingerarbeit. II@5@aa)
kritzeln, unleserlich schreiben, so osnabr. krabbeln, krawweln Strodtm. 113,
nl. krabbelen,
gewiss auch nrh., da es oberrh., schweiz. besteht als krapeln
und kräbeln (
s. 7);
auch mrh. gewiss krabeln (
s. 1,
a a. e.),
denn Göthe
brauchte es von seinem zeichnen, scherzend geringschätzig: den ganzen morgen hab ich für sie gekrabelt auf dem papiere.
an fr. v. Stein 1, 117; ich krable allerlei, das dir auch mit der zeit zur freude werden soll.
[] 2, 267,
vgl. krabbelei
und kritzeln.
schwäb. heiszt das kritzelnde schreiben grapfen,
gekritzel krapferei Schmid 239. 324,
englisch scrabble, scribble (
vgl. I,
e),
es steckt meist urspr. der scherz dahinter, dasz solche schrift von krabbelnden vögelklauen herrühre (
s. krakelfüsze). II@5@bb) Göthe
brauchte es aber auch für kleingeistige, äuszerliche kunstarbeit überhaupt: der künstler, der an der oberfläche nur herumkrabelt, wird dem geübten auge immer leer .. erscheinen. der künstler der sich ums innere bekümmert ...
werke 36, 234,
diesz mehr nach 4.
und für kleinliches, wurmartiges thun überhaupt (
vgl. u. 1,
b beim Straszb. münster): meine .. talente müssen hier (
in Italien) ganz durchgearbeitet, ganz reif werden, sonst bring ich wieder euch einen halben freund zurück und das sehnen, bemühen, krabbeln und schleichen geht von neuem
an. 29, 9; euer fahles wesen, schwankende positur, euer tripplen und krabeln und schneidernatur. 57, 262 (
Hansw. hochz.),
vgl. dazu krabbelig 3, krabbeligkeit. II@5@cc)
letzterem entsprechen gleichfalls volksworte, wie östr. grabbeln
langweilig herum tappen, nicht fertig werden können Höfer 2, 312,
nd. kraueln
im kleinen, leichten geschäftig sein Danneil 114
b (
nd. scheinen krawweln
und kraueln
hie und da zu verflieszen),
s. auch krabben
a. e. II@66)
klettern, klimmen, so bair. krabeln Schmeller 2, 378,
mrh. krabbeln,
z. b. er krabbelt am baume hinauf. Schmidt
westerw. id. 85,
ebenso bei den Deutschen im Temescher Banat (
neues laus. mag. 42, 320).
entsprechend auch fläm. kravelen Schuerm. 290
a,
dän. kravle,
schwed. dial. kraväl, kräväl Rietz 352
b,
tirolisch krefflen, krêflen
klettern (
auch kriechen, wie kinder) Schöpf 343,
nd. aber wieder kraueln Danneil.
das erklärt sich nicht durch umstellung aus klebern
klettern, dän. klavre,
fläm. klaveren (
auch klefferen),
sondern ist echt und alt, wie franz. gravir
klettern zeigt, benannt vom angestrengten gebrauch von '
allen vieren',
s. die ableitung von klettern
selbst und klebern (1,
g). II@77)
endlich gehört wol dazu schweiz. kräbeln,
kratzen (kräbel
f., kratzwunde, schramme, nl. krab
f.) Stalder 2, 125.
es scheint nur umgelautetes krabeln,
denn es hat auch die bed. 5,
und nl. nd. krabben
heiszt gleichfalls kratzen; vgl. kräben
unter krabben 3.