zer- untrennbare, unbetonte vorsilbe von verben und einigen nomina. form. das schriftsprachliche zer-
der gegenwart vertritt zwei ältere formenreihen: eine, welche bis in das 18.
jahrh. reicht, ohne r,
die andere mit r.
die frühesten ahd. denkmäler und beharrsame moderne bair. mdaa. kennen nur formen ohne r,
ebenso alle übrigen wgerm. dialekte. daraus ergibt sich, dasz die gruppe ahd. za-, zi-,
mhd. ze-,
nhd.-dial. (
bair.) z(e)-,
as. te-,
mnld. te-
allein die wgerm. urgestalt bewahren. nahe steht das tô-
des ags., afries., mnd. und nnd., das, ursprünglich *te-,
durch das adv. und die präpos. tô
gewandelt worden ist. diese feststellung gilt aber nur für die verbale vorsilbe. ursprünglich mit -r
versehen ist nämlich das ahd. zur-,
das sich von dem späteren ahd. zar-, zir-,
mhd., nhd. zer-
nicht nur lautlich, sondern auch dadurch [] scheidet, dasz es nur vor subst. und adj. (
und daraus abgeleitete verben)
tritt, also nur nominal gebraucht wird;
vgl. folgende ahd. zur-
composita (
nach der liste bei Graff 5, 699): zurwân,
m., suspicio, argwohn, zurwâni
suspiciosus, argwöhnisch (Graff 1, 860;
wozu das verbum zurwânen
argwöhnen 1, 867
tritt: niowiht zurwânenti
nihil disperantes Tat. 32, 8); zurwâri,
f., superstitio, suspicio (1, 918), zurwârida,
f., suspicio, scandalum (1, 919), zurwâri
suspiciosus, suspectus, argwöhnisch, verdächtig (1, 918); zurwerf,
m., repudium (1, 1040); zurlust,
f., acidia, fastidium, unlust, abscheu, ekel (2, 290;
hierzu -lîh, -ig
fastidiosus und zurlustôn
taedere); zurgang,
m., defectio, defectus, zerfall (4, 102), zurgangida,
f., defectus (4, 105;
wozu zurganclîh
temporalis, vergänglich 4, 105); zurgift,
f., de-, proditio (4, 126); zurheilenti, -onti
debilitatus (4, 871)
als ableitung von einem nicht bezeugten *zurheil
kränklich, schwach; zurtriuwi
perfidus, treulos (5, 466), zurtriuwida,
f., suspicio (5, 468); zurslahtbuoh
libellus repudii (3, 34); zursliz,
n., repudium (6, 818).
die bedeutung der vorsilbe zur-
läszt sich mit übel-, arg-, mis- widergeben, was die sinngleichen oder -nahen bildungen arcwânig
argwöhnisch (1, 860), urwâni,
f., desperatio (1, 859), urlust,
f., luxus, acidia, unlust,
f., luxus, taedium, fastidium (2, 289), urtriuwi
treulos (5, 465), urtriuwida,
f., suspicio, missatriuwida,
f., mistrauen (5, 468)
bestätigen. das ags. und altn. besitzen diese vorsilbe —
die as. überlieferung hat sie nicht aufbewahrt —
ebenfalls und auch in gleicher bedeutung und verwendung, vgl.: ags. torbegete '
hard to get', torcirre '
hard to turn' (Bosworth-Toller 1002
b);
altn. tortrygð,
f., mistrauen, tortryggr
mistrauisch; torkendr
schwer zu erkennen, unkenntlich (
davon auch ein verb. torkenna
unkenntlich machen), tormœði,
n., unmut, ärger, u. a. im got. hat die vorsilbe die form tuz-;
sie ist zufällig nur in einem verb. bezeugt (þisƕazuh ei qiþai ... jah ni tuzwerjai [und zweivelte nicht Luther]
Mark. 11, 23),
doch ist auch hier ein adj. *tuzwers
argwöhnisch, zweifelnd, welches einem ahd. zurwâri
entspräche, als ausgangsbildung anzusetzen. das got. tuz-
führt zu idg. dus- '
übel-', '
schwer-', '
un-',
z. b. in ai. durmanās (<
*du-)
mutlos, betrübt, av. dušmanah
übelwollend, griech. δυσμενής übelgesinnt, air. dochlu
übel berüchtigt, ruhmlos. zur-
trug im ahd. den ton, vgl.: zúrganch '
defectio' Notker
ps. 65, 4 (2, 247
P.; glosse)
und die fälle von vocalentfaltung wie fränk. zuridruuida (
ahd. gloss. 1, 708
8),
bair. zuriuuarda (Notker 3, 286
P., Wiener hs.).
im 12.
jahrh. schwindet zur-
und macht dem verbalen präfix zi-, ze-
platz, vgl.: zegengeda
ps. 36, 20 Notker 2, 130
P., zislizzes
repudii Graff 6, 818,
bes. aber unziganclih, -ze-, -zer-
neben zurganclih 4, 105,
woraus ersichtlich wird, dasz die verlegung des tons von zur-
auf un-
den untergang des zur-
gefördert hat. für die sprachliche deutung von zer-
leistet got. twis-
in twisstasseis (
διχοστασίαι;
sing. twisstass
zwiespalt)
Gal. 5, 20
und twisstandands
sich trennend 2. Kor. 2, 13
beste dienste; es bedeutet '
entzwei', '
auseinander'
und entspricht einem idg. *dis
in ai. dvi,
griech. δίς,
alat. duis,
lat. bis '
zweimal' (
vgl. auch altn. tvisvar,
ags. twiwa,
ahd. zwirôr,
mhd. zwir '
zweimal').
damit ist zer-
an die wurzel von zwei,
idg. *du-,
angeschlossen; zunächst aber nur das nominale ahd. zur-.
schwieriger ist die verknüpfung des verbalen za-
mit idg. dis-,
einer in verbcompositen gebräuchlichen nebenform von dis- (
in lat. distraho
ziehe entzwei, auseinander),
nicht wegen des s-
schwundes, da diesen die unbetontheit der vorsilbe leicht erklärt, sondern wegen der sonderstellung des got. dis- (
in disdailjan
zertheilen u. a.)
in laut und bedeutung: dis-
statt eines zu erwartenden *tis-
und die '
verstärkende'
bedeutung etlicher dis-
composita. der anlaut d-
gilt seit B. Delbrück
idg. forsch. 21, 356,
ebenso wie in du, du- '
zu'
durch die vortonige stellung entstanden. die hauptgruppe der composita bedeutet zwar trennung, absonderung und scheidung, indem dis-
entweder vor verben tritt, die diese begriffe schon in sich tragen (disdailjan
zertheilen, disskaidan
zertheilen, disskreitan
trans. und disskritnan
intrans. zerreiszen, distairan
trans. und distaurnan
intrans. zerreiszen, distahjan
zerstreuen, dishniupan
[] trans. und dishnupnan
intrans. zerreiszen, diswinþjan
zermalmen),
oder dem compos. erst diesen sinn verleiht, so in dem aus diswiss,
f., auflösung zu erschlieszenden *diswidan,
vergleichbar dem lat. disiungere.
eine andere gruppe aber drückt bewältigung, wie die deutschen be-
composita, oder steigerung aus: disdriusan
befallen (jah agis disdraus ina
ἐπέπεσεν ἐπ' αὐτόν Luk. 1, 12), dishaban 1.
ergreifen (sildaleik ... dishabaida ina
θάμβος ...
περιέσχεν αὐτόν Luk. 5, 9; 8, 37), 2.
be-, festhalten (friaþwa ... dishabaiþ uns ...
συνέχει ἡμᾶς 2. Kor. 5, 14;
Philipp. 1, 23), dissitan
ergreifen (dizuh-þan-sat ijos reiro jah usfilmei
εἶχεν δὲ αὐτὰς τρόμος καὶ ἔκστασις Mark. 16, 8;
Luk. 5, 26; 7, 16)
und (
steigernd) dishuljan
bedecken (
Luk. 8, 16), disniman
κατέχειν,
besitzen (
2. Kor. 6, 10), diswilwan
διαρπάζειν,
ausrauben (
Mark. 3, 27), dissigqan
ἐπιδύειν,
untersinken (
Ephes. 4, 26).
aus dieser hatte Wilmanns
gr.2 2, 174
die steigernde bedeutung der got. wie auch der deutsch. vorsilbe als die ursprüngliche vermutet; zu unrecht, wie dies R. Löwe
Kuhns zs. 40, 548
gezeigt hat: dis-
hat auch in der letzten gruppe, wie schon Jac. Grimm
gr. 2, 865
für einige composita erkannt hat, den trennenden und absondernden sinn, indem disniman
zunächst '
bei seite nehmen', disdriusan '
sich von einem puncte loslösen'
und trans. '
jemand aus seiner umgebung ablösen', dishuljan '
durch die hülle von der umgebung abschlieszen', dissigqan '
sich von dem oberen raume trennen'
besagen, dissitan
wie disdriusan, dishaban
und diswilwan
aber wie disniman
aufzufassen sind. damit ist auch das got. dis-
in die reihe idg. dis-
bis ahd. za-
eingefügt. idg. dis-,
dessen vortonige wechselform dis- (
s. Walde
lat. et. wb. 234;
die trennung vom simplex in dem falle got. dizuh-þan-sat
Mark. 16, 8
hat als analogische und secundäre satzfügung zu gelten)
und dus-
als nebenform von dis,
alle von der wurzel du- '
zwei'
in der bedeutung '
entzwei'
abgezweigt, stellen die grundlage der got. gruppe dis- <
*tis-, twis-
und tuz-
dar, und got. dis-
und tuz-
leiten zu ahd. za-
und zur-
über. die geringfügige abweichung der bedeutung bei idg. dus-
mag erst folge der sonderbildung gewesen sein; der unterschied wuchs, als auch eine scheidung in dem gebrauche (dis-
bei verben, dus-
bei nomina)
durchdrang. woher nun aber -r
auch in der verbalen vorsilbe, da dieser laut ja aus ahd. zur-,
das im 12.
jahrh. zu grunde geht, nicht herstammen kann?
nach Jac. Grimm
gr. 2, 862
aus dem zusammentreten der beiden partikeln za-
und ar- (zar-
aus za-
und ar-, zir-
aus zi-
und ir-;
vgl. die schreibungen zearfellan, zeirgân, zeerlekke [
gr. 2, 862], zeirfuoren [1019]),
die aber nicht, wie Jac. Grimm
meint, als fertige vorsilbe zar-, zir-
vor den verbkörper getreten sind, vielmehr sind jene ahd. verben als doppelcomposita aufzufassen, wie solche in ûzantbrestan
ebullire, emergere, ûzarbrestan
increpare, erumpere (Graff 3, 273), abafarbrechan
abscindere, ûzfarbrechan
evellere (266), ûzargangan
exire (4, 91), anafargangan
invadere (93), inbiheften
implicare, inserere (751)
u. a. zur genüge belegt sind. za-
setzte sich vor ar-,
das häufig eine dem za-
nahe stehende bedeutung entwickelt hatte. auch zer-
der wenigen nhd. zer-
subst. und -adject. läszt sich nicht von ahd. zur-
ableiten, da die ahd. lautgestalt, wie urteil
neben erteilen
lehrt, hätte von bestand bleiben müssen; noch konnte zur-
etwa über adject.- und subst.-bildungen der art zaganclîh
und zidenida,
f., distentio (Graff 5, 146),
die den übergang zwischen nomen und verb vermitteln, auf das verbale präfix einwirken, da diese zusammensetzungen fast ausschlieszlich nur za-
annehmen. die heimat der neuen form zar-, zir-, zer-
ist Alemannien, auch der fränk. boden nimmt sie auf; dieser bringt sogar vereinzelt eine nd.-obd. mischform ter- (
gloss. 1, 712
25)
zustande. die älteste lautgestalt ist überall za-,
jünger zi-, ze-;
ins bair. dringt erst spät und nur gering zir-, zer-
ein; vgl. Schatz
ahd. gr. 58. ze-, z-
hält sich bis heute in Bayern; belege: ein zriszner bettelmon H. Sachs 7, 428
K.; tsraisn, tstrena, tšlōŋ Gebhardt
Nürnb. mda. 121; zbeysen Forster
liedl. 93
ndr.; zrinnen Schmeltzl
Sam. u. Saul 21
Wien. ndr.; zbrechen, zdrucken
u. a. Schmeller-Fr. 2, 1069; sich ztrgen Schöpf 749;
[] tsəšlūgŋ
zerschlagen Tschinkel
Gottsch. mda. 206;
niederösterr. z-
zs. Teuth. 1, 184; zwuschen
entwischen (
Iglau) Frommann
d. mdaa. 5, 459.
wie mag sich aber südtirol. zor- (Schmeller
cimbr. wb. 244
b; Bacher
Lusern 429)
erklären? auch entlegene sprachinseln md. abkunft halten an ze-
fest: siebenbürg. zedrällen Frommann
d. mdaa. 5, 362; 1, 123; tsetāwa '
zerthauen',
zerschmelzen, tselōfa Gusinde
Schönwald (in Oberschlesien) 69; 208
a.
ebenso bewahrt ze-
das Erzgebirge, namentlich das östliche (Müller-Fr. 2, 699
a; Borchers
erzgeb. kol. im Oberharz 63),
wozu zbricht J. J. Schwabe
tintenf. 75
stimmt. Luther
schreibt gegen den heimischen brauch nach mhd. muster einigemale ze-: zeschmetter (1531)
Sir. 36, 12; 1523: zeschmissen
ps. 2, 9, zeschmeltzet
ps. 147, 18, zeschlagen
Jer. 17, 18; 1545: zefiel
3. Mos. 8, 20, zebrochen
Hes. 26, 2 (
s. C. Franke
grundz.2 1, 248); zebrochen 19, 193
W.; zefiel (
var. zuo-, zer-)
ebda; einen verdächtigen fall bei B. Waldis
s. unt. zerschellen;
sonst noch: gantz verwirrt, zerwirrt, zwiret im kopf Kramer
teutsch-it. 2, 1364
a.
in den mhd. hss. steht ze-
anscheinend ohne regel neben zer-,
vgl. Jac. Grimm
gr. 2, 862;
mhd. wb. 3, 871
b; H. Paul
gr. 1, 241
glaubt, ze-
sei vor consonant, zer-
vor vocal ursprünglich. to-
herscht im mnd. und nnd., jetzt durch die cultursprachliche mischform ter-
bedroht; nur an wenigen stellen hat sich das as. te-
erhalten: te-, to-, ter- Doornkaat-K. 3, 406
a; to-, tertuseln Schütze 4, 289; te-, terbreken Woeste 269
b; to-
brem. wb.; Dähnert; ter- Schambach, Mi, Frischbier;
groning. te- (ter Laan 1016
b;
wol aus dem mnld.).
gelegentliches te-
wie in meckl. tebraken J. Brinckman
nachl. 2, 116
scheint aus to-
geschwächt zu sein. dem nd. to-
entspricht md. zu- (
s. th. 16, 144);
diese form reicht von Herbort v. Fritzlar,
dem passional, Nicolaus v. Jeroschin
u. a. bis auf v. Fleming
vollk. sold. (1726)
und das allg. haush.-lex. (1749)
herab; am Niederrhein steht zo-
dafür. auch H. Sachs, Weckherlin
u. a. obd. schriftsteller lassen zu-,
oft neben zer-,
zu; vgl.: zobrochen
Morant u. Galie 855
K.; zubrochen ... zerbricht B. Waldis
psalt. (1553) 61
b; zupleuet und zertroschen Bastel v.
d. Sohle
Harn. (1648) 61; zuoryssen und zuobyssen Luther 11, 251
W. (
viele andere fälle unten in der einzeldarstellung; s. auch C. Franke
grundz.2 1, 197; 248); in zurissenen kleidern Chr. Weise
klügst. leute (1675) 24; zubrechung Bucholtz
Herkulisk. 740; zuschneidet v. Fleming
sold. 429: zerbrechen 266; zubrochene
allg. haush.-lex. 2, 8
b; zusplittert Mathesius
hochzeitpred. 109; zubehr
zerschlage Ringwald
christl. warn. N 2
b; zufriszt P. Gerhard
bei Fischer-T.
kirchenl. 3, 325
a; zubläut Gryphius
lustsp. 298
P.; zubricht Jac. Böhme
schr. 4, 128. Kramer
teutsch-it. 2, 323
a glaubt, zerreiszen
als das trans., zureiszen
als das intrans. verb. unterscheiden zu sollen. bei obd. schriftstellern: zusprang
Teuerdank 262; zerbrennen oder zureiszen Paracelsus
op. (1616) 2, 381
H.; zuflambt H. Sachs 5, 196
K.: zerflamet und zerschlissen 22, 254
G.; zuspalten Weckherlin
ged. 1, 354
F. aus einer neuen mischung, diesmal des md. zu-
und des obd. zer-,
erwuchs schon in mhd. zeit das gebilde zur-,
das nach süden einigen raum gewann: zurspielt Herbort v. Fritzlar 7632 (: zerschriet 6738 : zuschrac 12 498); zurkretzet
j. Tit. 5389, 4; zurbrochen
väterb. 6002; zurprochen Hutten
op. 4, 266
B. (: zerbrochen 1, 382
B.);
sehr gewöhnlich in Luther
s schriften: zurtrennet ... zutrennen 26, 333
W.; zurknyrssen 8, 22
W. (: zuknirst 11, 376
W.; nach C. Franke
grundz.2 1, 197
und 248
bevorzugt Luther zubrechen, zureiszen, zureiben
gegen zurschlahen, zurschellen; zur-
neben zustreuen;
doch auch zurbricht 10, 2, 112
W.); zuorbrechen v. Schwarzenberg
Cic. 50
v; zurpeist Mathesius
ausgew. w. 2, 39
L.; zurbrich ... zerbrich B. Waldis
psalt. 14
b. zur-
ist auch in die mdaa. gedrungen: oberlaus. zor-
F. Wenzel
dialektg. d. südl. Oberlaus. 27;
alt zor-
Oberharz Borchers
erzgeb. kolon. 63.
im übrigen wird zer-
gesprochen, theils aus unmittelbarer mhd. überlieferung (
Schweiz),
theils unter nhd.-schriftsprachlichem einflusz [] (
Rheinland, Hessen, Thüringen, Obersachsen, Böhmen, Schlesien, Österreich).
gebrauch. II.
rückgang. bereits in der ahd. und mhd. zeit den vergleichbaren untrennbaren vorsilben be-, ent-, er-, ver-
an häufigkeit des vorkommens weit unterlegen (
vgl. z. b. Hartmann v. Aue 197 be-, 42 ent-, 103 er-, 137 ver-: 6 zer-
nach F. Karg
d. liter. erwach. d. deutsch. ostens 42),
theils aus geringerem sprachlichen bedürfnis, theils wegen des vorraths an ersatzausdrücken (ze stücken, entzwei, auseinander, klein, los
u. a.),
erleidet zer-
in der folge weitere einbusze, wofür die ursachen einerseits in dem veralten des verbstammes, anderseits in der verdrängung der vorsilbe liegen. zur ersten gattung gehören folgende ahd. und mhd. composita [a)
das simplex enthält die vorstellung des trennens und sonderns, b)
das simplex besitzt diese bedeutung nicht]: a) zascrintan
dehiscere, zaslîzan
scindere; zerdrumen
zertrümmern, zerkînen
spalten, bersten, zerklieben
spalten, zerlëchen, -chzen
vor trockenheit risse bekommen, zermilwen
zu mehl machen, zermülmen
und zermüln
zu staub zerreiben, zermürsen
zerquetschen, zerschîten
zerspalten, zerschrenzen
zerreiszen, zerspalten, zersprîzen
zersplittern, zerstrobelen
struppig machen, zervlëcken
zerstückeln, zerzeisen
zerzupfen; b) zarîsan
delabi, zaweipen
dispergere, ventilare; zerbâgen
refl. durch hader in feindschaft gerathen, zerbern
zerbläuen, zerbôzen
zerklopfen, zerbrinnen
verbrennen, zerbrîsen
losschnüren, zerdiezen
zum schwellen bringen, zerdinsen
hin und herziehen, zergengen
zerstören, zergliden (zerliden)
zergliedern, zerlegen, zerhëllen
mishellig, uneins sein, zerklëcken
zerschellen, bersten, zerknëllen
mit einem knall zerspringen, zerkrimmen
zerdrücken, zerkneifen, zerkratzen, zerniuwen
zerstampfen, zerrêren
zerrinnen, zerfallen, zerschricken
zerspringen, zertrëchen
auseinanderziehen, zertreigeln
zerstreuen, zervlœzen
zum zerflieszen bringen, schmelzen. an die stelle des einfachen verbums ist dabei bisweilen dessen diminutiv- oder pluralform (
s. sp. 652)
getreten, vgl. nhd. zergliedern, zerscheitern, zertrümmern.
die zweite abtheilung zerfällt in besondere gruppen: 1)
die zer-
zusammensetzung schwindet ohne ersatz durch ein anderes compositum desselben verbums, vgl. a)
ahd. zasceidan
separare, zezucchen
diripere; b)
ahd. zelîdan
transire, zirennen
liquare, liquefacere, zaslîfan
delabi, zislîhhan
desilire, zitrîpan
diverberare, exagitare, ziwerfan
disjicere, dispergere, zizimparon
destruere, ziziohan
distrahere; mhd. zerbinden
auseinanderbinden, zerbiuten
beute vertheilen, zergëben
vertheilen, zergenzen
zerstückeln, zerhüllen
aufdecken, zerkriegen
refl. in streit gerathen, zerspënden
als spende vertheilen, zerstân
vergehn, zerstrîchen
mit ruthen zerpeitschen, zertragen
auseinandertragen, zerstreuen, zertrîben
auseinandertreiben, zerstreuen, zertuon
ausbreiten, zerstreuen, zervüeren
zerstreuen, zerreiszen, zerwerfen
ausspreiten, zerstreuen, zerstören; 2) ent-, er-, ver-
oder die trennbaren partikeln auf-, aus-, fort-, hin-, los-
oder umschreibungen wie auseinander, entzwei
u. a. treten für zer-
ein, vgl. a)
ahd. zalôsen
dissolvere, zarspreitan
disspergere, expandere, mhd. zersperren
auf-, auseinandersperren, zertrennen
auftrennen, zerzerren
auseinander-, verzerren; b)
ahd. ziplâhan
inflare, zisâwan
disseminare, mhd. zerblâsen
auf-, auseinanderblasen, zerblîchen
erbleichen, zerbreiten
aus-, verbreiten, zerdenen
ausdehnen, zerdræjen
auf-, verdrehen, zergiezen
aus-, auseinandergieszen, zerlëdigen
erledigen, zerrecken
aus-, verrecken, zerrîten
auseinander-, fortreiten, zerrücken
zerreiszen, verrücken, zerrüeren
verrühren, zersenden
aus-, versenden, zerspannen
ausspannen, zervûlen
verfaulen, zerwæjen
auseinander-, verwehen, zerwüelen
verwühlen; 3)
das simplex übernimmt ganz oder zum theil die rolle des zer-
compos. bei den intrans. zerbersten, zerbrechen, zerreiszen,
den trans. zerbrechen (
z. b. nhd. die ehe, treue brechen),
bei zerschroten, zerspalten, zerstreuen, zertrennen.
hier spielt der gebrauch der fachsprache, die wie bei dung streuen, gerste schroten, holz spalten
ohne zer-
auskommt, hinein, und, da diese mit umgangssprache und mda. zusammenhängt, so zeigt sich im grunde die sprache des volkes als urheberin des rückganges, [] den zer-
in den beiden letzten gruppen erleidet. diese meidet im obd. die vorsilbe wegen ihrer lautschwäche (ze-, z-;
s. ob.),
im md. und nd. wegen ihrer lautgleichheit mit der präpos. zu
und hat daher in diesen gebieten die zer-
zss. nahezu getilgt. ganz geschwunden ist aus den gleichen gründen te-
im nld. (
ersatz ist ver-, stuk-
und umschreibende wendungen)
und engl. reichlicher kommen verbale zer-
zss. noch in der Südschweiz als erbe aus ahd. zeit und in Ostmitteldeutschland, hier aus dem frühnhd. zur-
geflossen, sowie merkwürdigerweise im Rheinland mit Luxemburg vor. so gut wie ausschlieszlich ist zer-
vor ver-
in Norddeutschland, im Elsasz und in Schwaben gewichen; ver-
herscht im westmitteldeutschen, in Thüringen, im osterländ. und weiter östlich vor. zer-
anstelle eines ver-,
bes. in Schwaben, erklärt sich aus der reaction gegen die verdrängung (
s. zu zernichten, zerrücken,
partic. zerschieden);
ebenso sind wol aufzufassen: zerbluten Hulsius-Rav. (1616) 428
a; zerdunsten Abelius
leibmedic. d. student. (1720) 209; zerfaulen; zergleichen Jac. Grimm
Reinh. fuchs cii; zerheeren
M. Behaim
reimchron. 93; zerklemmen, -mengen, -mischen, -modern; zerschlagen (
in: bis ein sturm mich zerschlüge und ich landete an dem orte, wo sie meiner harrt Klinger
w. 4, 229); zerursachen J. v. Watt 2, 314; zerwunden H. Boner
Justin. (1532) 5
a (
doch auch mnd. towunden Lübben-W. 415
a); zerzeihen; zerzweifeln Solger
nachgel. schr. 1, 422. ver-
greift auch in der schriftsprache um sich; es heiszt jetzt verbeulen, -biegen, -brennen, -hudeln, -jagen, -scheuchen, -schieben, -sinken (zer- Lavater
hdbibl. f. freunde 1, 45), lanzen verstechen
u. a. v. Schönaich
ästh. in ein. nusz 385
lit.-dkm. tadelt schweiz. zerzanken, -schelten; Heynatz
antib. 2, 664
nennt zergänglich, -gehn, -jagen, -laufen, -legen, -schieden, -zerren, -zetteln
obd. eigenbildungen. zer-
und vergehn
gebraucht Luther
noch nebeneinander für '
ver-, untergehn'
; heute bedeutet zergehn
nur noch '
auseinandergehn'.
doch scheidet auch neuere sprache noch beide vorsilben, vgl.: unsere zertreter wurden unsere vertreter
Berlin. krakehler (1848) 30, 1;
in früherer zeit: ein zerworfen, verworfen ... mensch Artomedes
christl: ausleg. (1609) 1, 572.
daneben tritt er-,
woraus bair., ostfrk., schles., preusz. mundartl. der-
erwächst, für zer-
ein, vgl. zerschrote, 1475 erschrotte
Luk. 12, 33
erste bib. 1, 266;
mhd. zerlëdigen, -lëschen, -lœsen,
älteres nhd. zerblühen (H. Fischer 6, 1126), -frieren (Paracelsus
op. [1616] 2, 551
H.),
landschaftlich zerwürgen
tragen jetzt er-;
vgl. sogar älteres zerziehen 1
d δ für er-.
in Ostpreuszen ist zer-
umgekehrt aus ter-,
welches vortonig für der- < er-
steht, eingetreten, z. b. sich zerkubern
sich erholen (
von er- <
lat. recuperare). ent-
ist nam. bei ausdrücken der bewegung wie zergleiten, -lassen, -laufen, -senden,
aber auch bei zerzweien (A. a
s. Clara
merks Wien 107)
sieger geworden. groszen abbruch haben schlieszlich die trennbaren vorsilben wie auf-
in -lösen, -schneiden, -trennen
oder fort-
in -laufen
u. a. gethan, und noch weit beträchtlicher ist der schaden, den die umschreibungen in stücke, klein (klein stoszen
für zer-), auseinander
usw. angerichtet haben. IIII.
bestand und ausbau. gegenüber diesen verlusten erweist sich der nhd. besitzstand doch als recht ansehnlich, und vielfach lassen sich kräftige neue triebe erkennen. II@11)
das simplex besitzt die vorstellung des trennens und sonderns; zer-
tritt nur verstärkend hinzu, a)
trans.: zerbrechen, -bröckeln, -brocken, -brosmen, -fasern, -gliedern, -grageln, -grätschen, -kauen, -kerben, -kiefen, -kleinen, -kleinern, -kleuben, -klüften, -kneten, -knetschen, -knicken, -knirschen, -knischen, -knisten, -knitschen, -kratzen, -krümeln, -lösen, -mahlen, -malmen, -manschen, -matschen, -metzeln, -metzgen, -merkeln, -milben, -mörden, -mörschen, -mörseln, -müllen, -mürben, -müschen, -pflücken, -pulvern, -quetschen, -quirlen, -rädern, -reiszen, -ritzen, -sägen, -scheiden, -scheiten, -scheitern, -scherben, -schleiszen, -schlitzen, -schmettern, -schneiden, -schnitzen, -schränzen, -schroten, -spalten, -spellen, -sperren, -spilden, -spleiszen, -splittern, -spreiszen, -sprengen, -stampfen,
[] -stäuben, -stören, -streuen, -strobeln, -stückeln, -stücken, -stümmeln, -stürmen, -stufen, -theilen, -trennen, -trümmern, -viertheilen, -zausen, -zasern, -zeisen, -zerren, -zetteln, -ziehen, -zupfen;
mit einbefaszt ist der begriff des zerkleinerns, zermalmens; b)
intrans.: zerbersten, -brechen, -keinen, -klaffen, -klieben, -lechen, -lechzen, -morschen, -platzen, -schrinden, -spalten, -springen, -stieben; II@22)
eine gewöhnliche thätigkeit oder ein vorgang erhält durch zer-
den begriff des theilens, einschneidens, zerreiszens, zerhauens; hier stellen sich ausdrücke für gewerbliche und handwerkliche arbeit ein; ein theil der zss. betrifft die zerstörung der oberfläche von gegenständen, ein anderer die zertheilung ganzer körper; a)
trans.: zerbeiszen, -beren, -beugen, -biegen, -blähen, -blasen, -bohren, -drängen, -drehen, -dreschen, -drücken, -eggen, -fällen, -fegen, -feilen, -fressen, -führen, -gängen, -gerben, -graben, -hacken, -hämmern, -hauen, -jäten, -klauben, -klemmen, -klopfen, -knautschen, -kneifen, -knittern, -knüffeln, -knüllen, -kochen, -krimmen, -legen, -nagen, -picken, -pochen, -prellen, -prügeln, -puffen, -quellen, -rammeln, -raufen, -reiben, -renken, -ringen, -rupfen, -rütteln, -rütten, -schaben, -scharren, -schieben, -schieszen, -schinden, -schlagen, -schleifen, -schleppen, -schleudern, -schmeiszen, -schmieden, -schmitzen, -schütteln, -schütten, -schüttern, -schwingen, -setzen, -sieden, -spannen, -spinnen, -stauchen, -stechen, -stoszen, -thun, -tragen, -trampeln, -trechen, -treiben, -treten, -walken, -wehen, -weichen, -werfen, -wirbeln, -wirken, -wühlen, -zwicken, -zwingen; b)
intrans.: zerfahren, -fallen, -frieren, -gehn, -kochen, -laufen, -prallen, -schnellen, -weichen, -wittern; II@33)
unterabtheilungen von 2
stellen die zss. dar, a)
welche den begriff des ausbreitens, hinspreitens, ausdehnens oder aufblähens enthalten, α)
trans.: zerblähen, -blasen (
s. 2 a), -breiten, -dehnen,
partic. -dunsen, -führen (
s. 2 a), -lassen, -legen 2
c, -recken, -richten, -schwellen, -spannen, -spreiten, -strecken, -thun (
s. 2
a);
β)
intrans.: zergleiten; b)
welche den vorgang des schmelzens oder ausgieszens ausdrücken, α)
trans.: zerflöszen, -gieszen, -lassen, -rennen 1, -saugen, -schmelzen, -schwemmen, -spülen;
β)
intrans.: zerflieszen, -rinnen, -schäumen, -schleichen, -schleifen 1
b, -schwimmen, -triefen, -tropfen; c)
welche besagen, dasz eine schar menschen oder thiere auseinandergejagt, zerstreut oder entlassen wird oder auseinanderläuft, α)
trans.: zerdrängen, -fleugen, -jagen, -lassen, -scheuchen, -stöbern, -stören, -streuen, -theilen;
β)
intrans.: zerfliegen, -fliehen, -gehn, -laufen, -reiten, -rinnen, -stieben, -zittern; II@44)
bedeutungsgeschichtlich verbundene gruppen sind entstanden a)
für die geschlitzte kleidertracht des 14.
bis 17.
jahrh. s; von den in der mehrzahl nur in der participialform gebrauchten ausdrücken besitzt ein theil bereits im simplex die vorstellung des aufschlitzens; die meisten tragen tadelnden sinn an sich: zerfetzt, -flammt, -flattert, -hackt, -hadert, -hauen, -hudelt, -hunzen, -lappt, -lottert, -ludert, -lumpt, -schnitten, -zottelt; b)
im schriftthum der mystik zum ausdruck der ekstase zerflieszen, zergieszen
und zerstreuen 7
für die ablenkung von der inneren sammlung; die ausdrucksweise des pietismus übernimmt das erbe der mystik; c) zerstreut '
unaufmerksam'
gewinnt seinen sondersinn im 18.
jahrh., wol unter franz. einwirkung; d)
die participien zerfahren, zerfallen, zerrissen
zeugen von der geistesverfassung des jungen Deutschland; e)
kraftvoller bibelstil führt die wendungen das herz
oder einen menschen zerbrechen, zerknirschen, zerreiszen, zerschlagen
dem sprachschatze zu und bereichert ihn auf vielen andern gebieten; II@55)
von den mhd. verben zergenzen
zerstören, zertheilen und zerhüllen
aufdecken, erklären, in denen der begriff des simplex durch zer-
ins gegentheil gewendet wird, kommt nur das erste in die nhd. periode hinein; II@66)
entzweiung, zwiespalt, uneinigkeit bezeichnen in älterer sprache zerfallen, -hellen, -schlagen, -tragen, -werfen,
gegenseitigen streit und zank die reciproken zss. sich zerhadern, -kriegen, -raufen, -rupfen, -schmähen, -zanken, -zerren;
[] II@77)
unübersehbar ist die masse der reflexiven zss., welche bedeuten, dasz man sich mit etwas übernimmt, überanstrengt, abmüht, kann doch in vulgärer redeweise nahezu jedes deutsche verbum eine solche zss. mit zer-
eingehn; zum schriftlichen gebrauch zugelassen sind davon aber nur wenige; Stieler
und Campe
bringen mehr als die nachfolgende bearbeitung. Luther
s volksthümlicher stil duldet manche bildung, die später wieder zurücktritt, vgl. bei Luther sich zerarbeiten, -fasten 6, 7
a Jena, -freuen 34, 2, 539
W., -kämpfen, -katzbalgen 16, 180
W., -murren 32, 413
W., -plärren
ebda, -studieren, -wundern 34, 2, 539
W.; Kramer
teutsch-it. bietet u. a. sich zerbinden 1, 115
c, -blättern (bisz man den spruch findet) 1, 121
c, -feilschen 1, 354
b, -flicken 1, 380
a, -fressen 1, 413
a, -greinen 2, 1444
b, -klopfen 1, 801
a, -saufen 1, 413
a, -schieben (an einem rad) 2, 516
a, -suchen 2, 1036
c, -sudeln 2, 1038
b;
sonst seien noch angeführt: sich zereilen Steinbach 1, 325, -grimmen Rosegger
schr. II 15, 349, -haben
überaus geschäftig sein, sich zergrämen Schambach 229
a, Frischbier 2, 491
a, -heben J. G. Schmidt
rockenphilos. 1, 331, -lustigen Schottel
haubtspr. 654, -maulen
lux. wb. 502
b, -weinen 97, -rathen
lalebuch 135;
s. die artikel zerängsten, -ärgern, -balgen, -denken, -disputieren, -eifern, -glauben, -grämen, -grübeln, -härmen, -kämpfen, -lachen, -lügen, -schwitzen, -singen, -sinnen, -sorgen.
dasz das subject nur durch die erschöpfung, welche das übermasz des thuns erzeugt, an dem geschehen antheil hat und dasz sich die handlung nicht unmittelbar auf das subject richtet, ergibt etwa das beispiel er zerblättert sich mit dem suchen des spruches; II@88)
seltener erscheint die transitive construction a)
mit der bedeutung übermäszigen thuns, welches eine person oder sache schädigt, entstellt, abnutzt oder starken qualen aussetzt, auch anhaltendes, lästiges thun ausdrückt, vgl.: zerarbeiten, -dichten, -foltern, -fragen (
anhaltend fragen Hönig 207
a,
s. auch unt. zerpuffen 1), -herzen, -jagen, -kasteien (Luther 33, 574
W.), -ketzern, -klappern (Luther 38, 364
W.), -kreuzigen, -krümmen, -krüppeln, -küssen, -loben, -lügen, -malen, -martern, -peinigen, -placken, -plagen, -plappern (Luther 38, 364
W.), -quälen, -rackern, -rollen, -rühmen (
übertrieben rühmen Seiler
Basl. mda. 324
b, -werken
viel arbeiten ebda), -schänden, -schelten, -schreiben, -singen, -schwatzen, -speien, -spotten, -wüthen,
wozu sich in dem sinne von durchhecheln, bös mitnehmen, kein gutes haar an einem lassen noch zerrupfen, -tragen, -zausen, -zupfen
gesellen; b)
in der zss. mit intrans. grundverben, die eine körperliche bewegung, eine geistige thätigkeit, reden oder singen ausdrücken und als object den eigenen körper (den kopf zerdenken, -rechnen, -sinnen, -sorgen, -fallen, die lippen zersprechen, den bauch zerlachen, die füsze zerlaufen, -springen, -tanzen, die schenkel zerreiten),
die eigene kleidung (seine schuhe zerlaufen, -rennen, -springen, -tanzen, die hose zersitzen)
oder die stelle, über welche die bewegung hin geschieht (den weg zerfahren, -laufen, den acker zerreiten),
und geräthe haben (das sofa zersitzen, -liegen, den speer zerstechen, die waffe zerfechten, ein glas zersingen, -schreien);
junge entwicklung gibt den zss. zersingen, -sagen, -spielen
den fachbegriff- der formauflösung volksthümlicher überlieferung; c)
in der zss. mit trans. verben zum ausdruck der beschädigung: zergreifen, -lesen, -melken, -waschen, -wetzen, -winden; d)
günstiger sinn wie etwa bei der zss. zerwerken (
s. a)
ist im mnld. anzutreffen: ic sel ... u tesaden ende u tevoeden (
ganz sättigen und speisen)
quelle bei Verwijs-Verdam 8, 286; II@99)
transitive bildungen entstehn in reicher fülle a)
aus der verbindung von zer-
mit grundverben, welche eine ton- oder lichterscheinung ausdrücken und nun durch zer-
die bedeutung des vernichtens, zerstörens unter begleitung dieser erscheinungen gewinnen: zerdonnern, -klatschen, -klecken, -knallen, -schreien, -singen (
s. ob. 8), -wettern; zerblitzen, -flammen, -flattern;
einige zss. bleiben gewöhnlich intrans.: zerklirren, -knallen, -knellen, -platschen, -prasseln, -schellen; b)
aus der zss. mit einem substantiv, wobei zer-
α)
den im substantiv liegenden begriff des theilens, trennens [] oder zerreiszens nur verstärkt, vgl.: zerackern, -brosmen, -fasern, -fetzen, -gliedern, -hadern, -hecheln, -inseln (
in inseln auflösen Ritter
erdk. 1, 778), -krallen, -krümeln, -lästern, -löchern, -messern (Fischart
Garg. 385
ndr.), -narben, -pfriemen, -rotten, -runzeln, -säbeln, -scharten (H. v. Barth
Kalkalp. 288), -schrammen, -stufen, -zasern, -zotteln,
β)
der zss. erst die bedeutung des zerbrechens, zertheilens, verderbens verleiht, vgl.: mhd. zerbiuten
als beute vertheilen, -brüdern (
brüder entzweien M. Claudius
w. 8, 221), -federn, -fenstern, -fiedeln, -flammt (
s. 4
a und 9
a), -fleischen, -geiszeln, -gläsern (
glas zerschlagen Müller-Fr. 2, 699
b), -hämmern, -kacheln (
irdenes geschirr zerbrechen schweiz. id. 3, 120), -karbatschen, -keilen, -keulen, -knien (
übers knie zerbrechen E. Wipf
mda. v. Visperterminen 68; -schweinen
beschmutzen ebda), -knöchen (
alle knochen zersplittern W. Mylius
drei hpsche mAerlein [1777] 582; Bürger
hist. v. Europa u. Jupiter [1777] 7), -pauken, -peitschen, -riemen (
zu riemen schneiden schweiz. id. 6, 912), -töppern (
töpfe zerschlagen Albrecht
Leipz. mda. 240
a;
brand.), -trommeln;
vgl. noch sick topungeln
sich durch schleppen von säcken (punge)
müde machen brem. wb. 5, 76;
γ)
einige dieser compositen scheinen geradezu aus dem satze heraus zusammengewachsen zu sein, wie zerkrümeln
aus zu krümeln machen, zerzasern
aus zu zasern machen.
diese entstehung gilt als wahrscheinlich bei zerscheitern
und zertrümmern
und läszt sich noch in ihrer bildung erkennen bei lothr. zerlichten
zur leiche gehn (
aus zer licht gehn) Follmann 556
b;
δ)
eigenartiger sinn ist den zss. zerdieben-, -huren, -schelmen (
s. unt. zerhuren) '
dieb ... schelten'
eigen; II@1010)
eine merkwürdige sonderbedeutung, die im nhd. abgekommen ist, hat zer- a)
in mhd. zerflicken
mit flicken besetzen, -næjen
besticken, -rihten
falsch zusammensetzen, -strîfen
aus streifen von verschiedenem tuch zusammensetzen, -stücken
aus verschiedenen stücken zusammensetzen, wobei zer-
etwa nebeneinander, hier und da bedeutet; vgl. zerstreuen 5; b)
der schroffe gegensatz von zerlegen 1
d entzweien und 2
a beilegen, von zertragen 1
b uneins machen und 1
c ausgleichen erklärt sich aus der art der objecte im zweiten falle, indem '
beilegen'
aus '
spannungen auseinanderlegen'
entstanden zu denken ist; c)
die erstreckung nach einer richtung ergab sich für zer-
bei den zss. zerfliegen, -flieszen, -gehn, -laufen, -rinnen,
wenn sie von der zeit oder in der zeit ablaufenden vorgängen ausgesagt wurden; im nhd. wird ver-
vorgezogen; d)
mit ent-
für älteres zer-
in zerlassen, -laufen, -senden (
heer, gesellschaft, boten)
leistet die neuere sprache auf die bezeichnung der zwei oder mehr richtungen der bewegung verzicht; II@1111)
neuerdings zeigt sich vereinzelt vorliebe für zer-,
und neue sinnlich faszbare zss. werden gewagt, vgl. u. a.: zerbärmlicht A. Kerr
ges. schr. 5, 84, -decken 3, 43, -fernen 5, 524, -nerven 5, 230, -platten 3, 304, -schwirren 4, 143, -seelen 2, 19, -wischen 3, 252; -wimmeln R. H. Bartsch
bittersüsze liebesgesch. 23; -schweigen Werfel
spiegelmensch 18;
vgl.zerleben
und zerschelten (A. Schopenhauer
tageb. 1, 90); II@1212)
zur formenbildung: a)
einzige composita ihrer grundverben sind zerknirschen, -knitschen, -malmen, -manschen, -matschen, -scheitern, -schmettern, -trümmern; b)
substantiva mit zer-: zerbruch, -fall, -gang, -risz;
hierzu adjectivische ableitungen; aus participien sind gebildet: zerblasenheit, -brochenheit, -fahrenheit, -fallenheit, -flossenheit, -fressenheit, -rissenheit, -schlagenheit, -worfenheit, -zogenheit; c)
ungewöhnlich steht -ge-
im partic. perf.: din vederlike erve dat hestu snodeliken togebracht (
verbracht)
quelle bei Schiller-L. 4, 556
a; mit zergedrückter stimme Jean Paul
uns. loge (1793) 2, 171; d) zer-
ist aus präpositionalem ze-, zu-
umgebildet, ein zeichen des kampfes der beiden formen ze-
und zer-
der vorsilbe miteinander, in folgenden belegen: zererschte
zuerst Jecht 127
b; zergegen Martin-L. 1, 202.
so wird auch wol mhd. zersamenen
versammeln Lexer 3, 1080
nach zesamen
zusammen gebildet sein. jedoch ist zer—
[] berechtigt in zerletzt
zuletzt: Müller-Fr. 2, 699
b; Jecht 127
b; Schambach 229
b.