Eintrag · Etym. Wb. des Deutschen (Pfeifer)
zer
zer
zer- bei Verben (und deren Weiterbildungen) auftretendes Präfix im Sinne von ‘auseinander’, ahd. za-, zi- und zar-, zir-, mhd. zer-, (selten) ze-, asächs. te-, aengl. to-, got. dis- (statt zu erwartendem *tis-, s. unten). Die Bedeutung ‘entzwei, auseinander’ macht es wahrscheinlich, das Präfix germ. *tis- in einen Zusammenhang mit gleichbed. lat. dis- (s. dis-) stellen und damit an ie. *dis-, eine Nebenform von ie. *du̯is- ‘entzwei, auseinander’ bzw. *du̯is ‘zweimal’ (s. Zwist und zwei), anschließen zu können. Dazu (im Anschluß an ie. *du̯is-) got. twisstandan ‘sich trennen’, twisstass ‘Zwiespalt’ und (im Anschluß an ie. *dis-) got. disdailjan ‘(ver-, zer)teilen’, disskaidan ‘trennen, zerteilen’ (dis- entweder aus vortonigem *tis- entwickelt oder aus lat. dis- entlehnt), ahd. (mit s-Schwund in unbetonter Vorsilbe) ziwerfan ‘durcheinanderwerfen, zerstreuen, zerstören’ (8. Jh.). Daneben treten im Ahd. (vom 9. Jh. an) die Präfixformen zar-, zir- auf (vgl. zirwerfan), die entweder das alte s bewahren oder aus einer Präfixkombination von za-, zi- und ir- (mhd. nhd. er-) hervorgegangen sind, vgl. zi-irgān ‘untergehen’, zi-irfellen ‘zerstören’. Im Mhd. und besonders im Nhd. nimmt die Gebrauchshäufigkeit von zer- erheblich zu, das nunmehr als selbständige Vorsilbe empfunden wird. Davon zu trennen ist in der Zusammensetzung mit Nomina auftretendes ahd. zur-, aengl. tō̌r-, anord. tor-, got. tuz-, vgl. ahd. zurgang ‘Abfall’ (um 800), zurlust ‘Unlust, Widerwille, Ekel, Wollust’ (10. Jh.), zurtriuwi ‘treulos, verdächtig’ (um 900), aengl. tō̌rbegete ‘schwer zu erlangen’, anord. tortryggr ‘argwöhnisch, mißtrauisch’. Diesem vergleichbar sind aind. duṣ-, dur-, duḥ- ‘schlecht, übel, schwierig, miß-’ in durā́pa- ‘schwierig zu erlangen’, awest. duš-, duž- ‘übel, miß-’ in dušitay- ‘übles Wohnen, Elend’, griech. dys- (δυσ-) ‘übel, un-, miß-’ in dysmenḗs (δυσμενής) ‘böse gesinnt’, air. du-, do- in dochlu ‘ruhmlos’, so daß von ie. *dus- ‘übel, arg, miß-’ auszugehen ist. In diesem Sinne belegtes ahd. zur- wird im 12. Jh. aufgegeben.