weltschmerz,
m. ,
zufrühest bei Jean Paul (
s. unter 1)
auftauchende komposition, die vom Jungen Deutschland und den ihm nahe stehenden autoren als modewort und literarisches schlagwort aufgegriffen und verbreitet wurde (
s. unter 2
und 3
und vgl. Bach gesch. d. dt. spr. [1949] 219);
nach ihrem vorbild entstanden entsprechende bildungen in den anderen germ. sprachen (
vgl. Murray 10, 2, 3, 304
a s. v. world und ordbog over det danske sprog 26 [1952] 1229):
engl. world-woe, world-sadness, worldnausea;
ndl. wereldsmart (
auch in hd. form übernommen, s. Dale 2, 1980);
schwed. världssmärta;
dän. verdenssmerte. —
im dt. findet sich vereinzelt auch der pl. weltschmerze (Holtei
s. u. 2)
sowie die kompositionsform weltenschmerz (Arndt
w. 5, 125
R.-M.; Gaudy
s. w. 8 [1844] 132; Gutzkow
handschriftl., bei Houben
stud. üb. d. dramen Gutzkows, diss. Greifswald 1898, 32). 11) '
inbegriff des irdischen leides': nur sein (
gottes) auge sah alle die tausend qualen der menschen bei ihren untergängen — diesen weltschmerz kann er, so zu sagen, nur aushalten durch den anblick der seeligkeit, die nachher vergütet (
gedruckt 1827,
entstanden laut briefl. auskunft von Eduard Berend v. 17. 6. 53
vermutlich 1823-24) Jean Paul
s. w. II 4, 485
akad. (
vgl. auch ebda., anm.: gott, um den weltschmerz auszuhalten, musz die zukunft sehen);
ähnlich vereinzelt auch sonst: da plötzlich fuhr ein dolch mir in das herz, mit starker faust zweischneidig durchgeschlagen, und meine seele risz entzwei der schmerz; doch der mich schlug, den hört' ich also sagen: das ist der weltschmerz, den einst gott getragen. ich sah den höllenabgrund aller zeit und die verdammten seelen drinn gebettet, die nicht errungen die unsterblichkeit, die ihren geist an ihren leib verwettet; ach, wie so gern hätt' liebe sie gerettet! J. Mosen
ged. (1836) 93; zur zeit nur eines volkes todesschmerzen, zur zeit die not nur einer einz'gen stadt, trägt er (
Ahasver) den weltschmerz bald in seinem herzen
ders., Ahasver (1838) 5; ach die körperlosen wesen ... sind nur der schwamm, der die feuchtigkeit der luft einsaugt, die aeolsharfe, die vom winde bewegt wird, die seele, die den weltschmerz empfangen musz; aber keine thräne, kein wehruf ... ist ihnen vergönnt, ihren eignen schmerz den lebendigen kund zu geben! Alexis
ruhe 3 (1852) 121. 22)
für eine pessimistische menschliche geisteshaltung bzw. stimmung. 2@aa) '
schmerz über die vergänglichkeit irdischer herrlichkeit'.
in dieser bedeutung nimmt Heine 1831
den Jean Paul
schen ausdruck auf: (
über ein gemälde Delaroches, das Oliver Cromwell am sarge des hingerichteten Karl Stuart darstellt:) welchen groszen weltschmerz hat der maler hier mit wenigen strichen ausgesprochen! da liegt sie, die herrlichkeit des königtums ... elendiglich verblutend. Englands leben ist seitdem bleich und grau
s. w. 4, 61
E. 2@bb) '
schmerzlicher ekel, überdrusz, resignierende haltung in bezug auf welt und leben' (
vgl. auch weltüberdrusz): kurz, ich ... hatte weltschmerz, wünschte eine andere bibel, ein anderes christenthum, einen andern staat, eine andere familie und mich selbst anders mit haut und haar (1838-40) Immermann
w. 1, 190
Hempel; ich war so kindisch, so albern, wie nur ein junge sein kann, und kam mir doch dabei oft so alt, so überlebt, so todesreif vor; — hätt' ich nur unter strenger gewalt und ernster aufsicht vernünftiger führer tüchtig arbeiten müssen, die 'weltschmerze' wären mir wohl vergangen Holtei
vierzig jahre 3 (1844) 51; ich glaube fast: wie wir uns in der zeit, wo das selbständige denken beginnt, in phantastischen abstraktionen ergehn, bis dann als rückschlag der weltschmerz eintritt, so ist in unserm jetzigen alter die selbstanklage für jeden denkenden unvermeidlich (19. 7. 1856) Treitschke
br. 1, 373
Cornicelius; sie (
Augusta Bender) stecken jetzt mit ihrer kräftigen, tiefen und warmen seele in der wichtigsten häutung, im übergang aus der subjectivität in die objectivität, und er ist immer, glaub ich, mit etwas weltschmerz, mit verzicht auf lebensglück verbunden (20. 9. 1870) Rud. Hildebrand
br. 215
Wocke; da leuchteten keine köpfe mit breiter ausdrucksvoller stirn, über die schon aller weltschmerz eines denkers seine furchen gezogen hat J. v. Hartmann
lebenserinn. (1882) 2, 98; was glaubst du denn, was es für ein junges weib ist, das leben will, sein leben giebt, halb verächtlich hingenommen zu sehn wie eine sünde, wofür andre ihr auf den knieen danken würden, jeden tag anzukämpfen gegen den bleiernen weltschmerz, der herabzieht und tötet Kahlenberg
Barchwitz (1902) 154; dasz kein mensch auf erden weniger als ich zum 'weltschmerz' neigt, das bezeugen sie (
anrede) mir gewisz Chamberlain
lebenswege (1919) 171; mann von dreissig jahren. ansprung, kampf, benommnes nehmen, hinterher der katzenjammer. fratzen, die den tag dir lähmen, weltschmerz in der dunkelkammer Weinheber
adel u. untergang (1934) 122; Hadwiger war maszlos in allem: im trinken, rauchen und fluchen, im überschwang der glückseligkeit und im weltschmerz Mühsam
namen u. menschen (1949) 87. 2@cc)
auch im sinne von '
wehmütige stimmung': wir sind uns immer darüber einig gewesen, dasz der frühling des jahres 1914 der schönste frühling unseres lebens gewesen ist. der letzte zauberhaft schöne. aber schwer auszudrücken ist das, was wir damals empfanden. es war eine stimmung von süszem weltschmerz, der ich mich, obgleich ich weisz gott nicht sentimental bin, nicht entziehen konnte. wir lebten in der Schweiz ... in einem neutralen lande, in dem sich angehörige aller nationen zusammenfanden und von der drohenden kriegsgefahr sprachen Sauerbruch
leben (1950) 219. 33)
als terminus der literaturkritik. 3@aa)
zur bezeichnung einer bestimmten (
in Deutschland etwa zwischen 1814
und 1840
vorherrschenden, im ausland ebenfalls vertretenen)
pessimistischen dichterischen haltung, schlieszlich gleichbedeutend mit zerrissenheit (
s. teil 15, 743
s. v. zerreiszen u. vgl. Merker-Stammler
reallex. 2 [1926-28] 668),
so von (
zeitgenössischen)
dichtern, kritikern und literarhistorikern gebraucht: ein fühlendes herz für den modernen weltschmerz der jungen dichter-schule
die eisenbahn (1838) 189; die stimmung, welche Heine damals in gleichgesinnten weckte und vorfand, war in gewissem betracht der anfang jener zerrissenheit, die später noch berüchtigter geworden ist unter dem namen des weltschmerzes, der besonders aus den süddeutschen lyrikern, namentlich aus Nicolaus Lenau, in so lichter lohe herausschlug. indesz, wie viel miszbrauch auch mit diesem schmerz getrieben worden, so musz man doch gelten lassen, dasz die zerrissenheit jener zeit so gut ein historisches moment war, wie die Wertherstimmung im 18. jahrh. (1842) Mundt
lit. d. gegenw. 361
in: Meyer 400
schlagw. (1900) 44; ich bin auch weit davon entfernt, dem Byron'schen weltschmerz, obgleich ich ihn zum theil auf den nationalspleen zurückführen zu müssen glaube, die subjective wahrheit abzusprechen, oder gar ihn lieblos zu bespötteln. töne, wie sie ihm zu gebote standen, werden nicht erheuchelt, und es ist ein sehr wirkliches, ein sehr handgreifliches unglück, wenn ein mensch licht und luft anders verlangt, als sie nun einmal sind ..., und das widerwärtige und verächtliche stellt sich erst mit den nachäffern ein (1858) Hebbel
w. 12, 177
Werner; ein andres stück aus dem tunnel(
über der Spree)-krontresor: der 'stiefelknecht', der, ich weisz nicht wie motiviert, die 'unendliche wehmut' oder den weltschmerz symbolisieren sollte ('
aus dem Berliner literarischen leben der vierziger und fünfziger jahre') Fontane
ges. w. (1920) II 2, 180; leider herrscht in manchen (
der gedichte fräulein Paolis) jener kranke ton des weltschmerzes, den Lenau so kultiviert und wodurch er viel verderben angerichtet hat O. Ludwig
ges. schr. (1891) 6, 313; man wird nach dieser lyrischen probe nichts für gewisser halten, als dasz ich ganz dem verfallen gewesen, was man damals weltschmerz nannte und jetzt pessimismus nennt Hamerling
s. w. 13, 78
Rabenlechner; die anfänge des weltschmerzes in der dt. literatur W. Rose in:
germ.-roman. monatsschr. 12 (1924) 140. 3@bb)
für die weltschmerzliche stimmung als thema der dichtung: die lyriker der jetztzeit, die mit Heine begannen, greifen dreist in die gährenden substanzen der gegenwart und gestalten sie, wie es gehen will. die liebe, die an ihrer eigenen narrheit verzweifelt, das gefühl, das an der skepsis der materiellen zeit hinstirbt, der liberalismus, der weltschmerz, Afrika, Orient, Amerika, wo möglich Südindien ... das sind die themen der jetzt berühmten (1840) Immermann
w. 20, 160
Hempel; nicht einmal der lyrische weltschmerz, den man immer modern nennt, ist neu; er ist, sofern er schön ist, schon vollkommen in chinesischen liedern ausgedrückt (26. 6. 1854) G. Keller
leben, br. u. tageb. 2 (1916) 348
Erm.; und wie ward unserem freund, als er an Europa zurückdachte und bemerken muszte, dasz eben jetzt die ironie die herrschende form der europäischen literatur, aber auch ein weltschmerz, Polenschmerz, Judenschmerz der herrschende inhalt war? Kürnberger
d. Amerika-müde (1855) 74; an ihr (
meiner muse) herz schlägt das grosze herz der zeit, und aller weltschmerz scheint ihr abgedroschen (1884) Arno Holz
in: mod. dichtercharaktere (1885) 138
Arent-C.-H. 44)
da weltschmerz
früh zum leeren schlagwort geworden war (
s. unter 2
und 3),
tritt es schon bald in ironischer anwendung auf (
vgl.weltschmerzelnd und weltschmerzler): was ist weltschmerz gegen geldschmerz?
die eisenbahn (1838) 209; ein korb voll weltschmerz
als bildliche darstellung in den fliegenden blättern 1 (1845) 39,
erwähnt in: zeitschr. f. dt. wortforschg. 8 (1906-07) 24; wir möchten gerne wissen, ob sie (
anrede) vielleicht europamüd, vom weltschmerz so zerrissen? (1850) Eichendorff
s. w. 1 (1864) 252 (
der auswanderer); sogar unsre vornehmen industrieritter sind nicht blosze egoisten, die nur für sich stehlen, sondern sie wollen den schnöden mammon erwerben, um gutes zu thun ..., und unter der buntgestickten ... weste trägt mancher auch ein herz, und in dem herzen den nagenden bandwurm des weltschmerzes (1854) Heine
s. w. 6, 18
E.; des geldes, das allerdings sonst, wenn es mangelte, dem 'weltschmerz' vorschub zu leisten pflegte, besasz Klingsohr genug Gutzkow
zauberer (1858) 1, 262. 55)
etwas später gerät das wort vielfach gänzlich in miszkredit (
vgl. Vischer
ästhetik [1846] 1, 452: der schmerz des humoristen ist daher immer allgemein und wäre als weltschmerz zu bezeichnen, wenn dies wort nicht durch miszbrauch lächerlich geworden wäre)
und wird in abschätzigem sinne gebraucht, als bezeichnung einer unfruchtbaren, krankhaften (
mode-)
stimmung: jede menschliche natur will ihre bestimmte consumtion von kummer und sorge haben, je nach der constitution, und bleiben die reellen aus, so musz die phantasie welche schaffen, kann sie das nicht, so grämt man sich aus weltschmerz, aus allgemeiner unverstandner weinerlichkeit (1. 3. 1847) Bismarck
br. a. s. braut (1900) 58; und das war kein leerer schein, den er etwa, wie manche zieraffen des weltschmerzes, zur schau trug. es kam von innen. sein auge war wirklich der spiegel einer in ihrer irdischen behausung sich abquälenden seele Holtei
erz. schr. 2 (1861) 78; sie (
ein bestimmter typ von männern) leiden am sumpffieber europäischer stagnation (aus welchem bei albernen laffen und eitlen gecken der sogenannte weltschmerz entspringt)
ebda. 23 (1861) 21; und wie gut stand ihm (
Oldenburg) sein weltschmerz und die duldermiene? sollte man, wenn man ihn hörte, nicht glauben, er werde nächstens in die wüste gehen und sich von heuschrecken nähren? Spielhagen
s. w. (1877) 1, 461; streberthum, parteihader, weltschmerz und derlei blüten unserer zeit sind im Jackellande (
sanct Jakobs-land) noch nicht entfaltet Rosegger
schr. (1895) II 7, 64; seine (
Göthes) kerngesunde natur konnte sich die empfindung des leeren weltschmerzes an einem groszen künstler (
Byron) nicht vorstellen Treitschke
dt. gesch. (1897) 3, 688; es handelt sich nicht um atheismus und freigeisterei, um frivolität, zweifelsucht und weltschmerz und welche spitznamen man alles erfunden hat für kränkliche dinge! G. Keller
ges. w. (1889) 3, 188;
so definiert schlieszlich ein bekanntes philosophisches wörterbuch: weltschmerz heiszt die krankhafte empfindlichkeit für die mängel und übel der welt Kirchner-Michaelis
wb. d. philos. grundbegr. (
61911) 1094.
in scherzhafter übertragung: Guizot aber gehört zu jener unglücklichen sekte von geistreich muckerischen staatsmännern, die auch in Preuszen jetzt am ruder sitzt und die krankheit des politischen weltschmerzes durch die kirche heilen will Gutzkow
ges. w. 12 (1846) 430; ich verwendete meine letzten thaler zu einer reise nach Karlsbad, wo der körperliche weltschmerz seine krisis und mit gutem glück seine genesung findet Laube
ges. schr. (1875) 1, 157.