furcht,
f. eine in beziehung auf bevorstehendes oder höheres (
erhabenes)
zurück- oder fernhaltende seelenregung, timor. ahd. forahta, forhta,
in schwache declination übergehend forahtâ, forhtâ,
mhd. vorhte,
mit abfall des auslautenden e vorht,
mit ausstoszung des h vorte, vort,
alts. forahta, forhta,
mnd. mit versetzung des r vrochte,
nnd. mnl. vrucht,
nnl. nur in godvrucht, godsvrucht,
gottesfurcht, sonst veraltet und durch vrees
f. (
s. freis)
verdrängt, altfries. fruchte (Richthofen 769
b).
daneben stellt sich goth. faúrhtei
f., ags. fyrhto,
engl. fright,
abgeleitet von dem goth. adj. faúrhts,
furchtsam, ahd. alts. foraht, forht,
ags. forht.
beide aber, dieses adj. wie jenes ahd. und alts. subst. forahta, forhta,
bildeten sich durch ableitung mittelst -t
dem vermuthen nach von der vorauszusetzenden goth. wurzel faírhan (
s.furche),
wonach sich bei faúrhts
als grundbegrif eindringlich aufgewühlt, d. h. innerlich durchdringend aufgeregt, bei forahta, forhta,
durchdringende aufwühlung, d. h. innerliche durchdringende aufregung, annehmen lassen würde. in so fern diese wurzel aber, wie bei furche
gezeigt worden ist, auf die einfachere und sonach ursprünglichere goth. faíran,
ahd. fëran,
führt, berührt sich engl. fright
mit dem ebenfalls engl. fear,
furcht, welches ags. fær,
unser nhd. fahr
f. (
s. d.),
ist. im nord. fehlt eine furcht
entsprechende form und nur dän. findet sich frygt,
das jedoch dem niederdeutschen nachgebildet ist. ähnlich dem ahd. forahta
hört man noch in Schwaben furacht (
betont fúracht). Schmid 210.
bair., tirol. forcht. Schmeller 1, 560. Schöpf 147.
kärntisch forcht
und fuercht. Lexer 105.
wie aber nach den vorhin angegebenen mhd. formen mit ausstoszung des h vorte, vort
vorkommt, das in dem der mundart rechts vom Oberrhein eignen furt (Birlinger
die alemannische sprache rechts des Rheins s. 122)
heute noch fortdauert, so mitteld. mit ausfall des r
auch fochte.
metus i. e. timor, fochte.
voc. ex quo v. 1469.
noch wetterauisch fôcht.
vgl. fürchten. u
statt seiner von dem a
der endung -ah-t
abhangenden brechung o
taucht, wie furchte
und furthe
bei Diefenbach 360
a u. 583
c,
mnd. vruchte
ebenda 360
b,
zeigen, im 15.
jahrhundert auf, während noch früher mnl. vrucht
erscheint; die alte form forcht
jedoch bleibt dem mhd. gemäsz auch im 15.
jahrh. hochdeutsch die fast allgemein gültige und kommt selbst noch bis ins 18.
jahrh. häufig vor. forcht,
metus .i. (=
i. e.)
timor, formido. voc. theut. von 1482 ij
b. vorcht oder schreck,
pavor. mm 3
b.
eben so haben Eychman v 6
a,
der voc. incip. teuton. e 8
a,
der vocab. gemma-gemmar. von 1505, Dasypodius, Serranus, Frisius (1556)
und nach diesem Maaler forcht,
während Alberus
in seinem dictionar. ss iij
b furcht
schreibt, doch forcht
einmal mit unterlaufen läszt (
s.furchtsam).
bei Henisch
ist diese form noch die übliche und jene mit u
tritt daneben wie Luthers
bibelübersetzung entnommen auf. bei Schottelius
findet sich s. 1318 forcht
und eben so wol 1321 furcht,
bei Stieler
sp. 588
als gebrauchte form diese, daneben aber wird forcht
blosz angeführt. im 18.
jh. setzt Weismann
wieder umgekehrt forcht
als hauptform und führt daneben 2, 135
b nur furcht
an, um auf jenes zu verweisen, während Rädlein
beide formen neben einander hat und der Zürcher Dentzler
blosz forcht
zu kennen scheint. Steinbach
setzt nur furcht
und Frisch
nimmt forcht
auf, um auf furcht
zu verweisen, bei welchem jene form auch nicht einmal mehr erwähnt wird. forcht
ist damit als völlig verdrängt zu bezeichnen und furcht
allgemein und allein gültig. s. auch forcht 3, 1888.
der unverkürzte sg. furchte
bricht hier und da durch und zwar neben furcht
bei den nemlichen schriftstellern die dieses haben: ich mercke dasz bey jhr mehr furchte sey als leydt. Opitz 1, 240; zumal wo furchte steckt. Tscherning
ged. frühl. 88,
vgl. auch die stelle nachher sp. 685,
dagegen steht furcht
z. b. 227; als nun der hirten schaar fast gantz von dannen war ausz furchte der gefahr (
des krieges). Fleming 402; lasz dich die furchte nicht bezwingen. Hoffmannswaldau
getr. schäfer 27;
[] desz todes furcht ist tod (
adj.), mehr als der tod: der tod verkürtzt, was jhn vergällt, der furchte bittre noth. Logau 3, 17, 71.
auch bei Luther
findet sich neben furcht
im dat. furchte (
z. b. Luc. 21, 26).
weitere belege für die form bieten sich in den unten angeführten stellen. auffällig, weil unorganisch, ist der zuweilen erscheinende sg. fürchte: da Sina durch den brandt, durch grosses fewerblincken, durch deiner stimme macht schier meinte zu versincken, aus fürchte zue vergehn, zu schmeltzen gar und gantz vor deiner majestet und unerhörten glantz. Opitz 1624
s. 141,
dagegen 1645 3, 239
an derselben stelle furchte; denn das sag ich vor gewisz, als ein guter freund, dasz auch alle die hie stehn gröszer fürchte führen vor den Reiniken, als sie vor euch laszen spüren.
Reinke fuchs, Rostock 1650,
s. 25.
der nhd. pl. ist furchten,
im 16.
jh. auch forchten. o wie viel ist noch zu thun? all meine hoffnungen und furchten starren erschrocken auf und schauen übers lebens schmalen rand hinab, hinunter! Herder
z. sch. lit. 16, 118; andre furchten schweben mir vor den augen. Haller
Fabius und Cato s. 104; weil die strengste von allen furchten, die furcht lächerlich zu seyn, den Römer zwingen wird, sich seinen verwöhnten mitbürgeren gleichzustellen. 90,
wo es auch eben so wol aller furchten
heiszen könnte; wer dich im frieden schawt, ist aller furchten frey. Opitz 1, 5; doch uns hat nie verletzet verzagter furchten blitz. A. Gryphius (1663) 18 =
Leo 2, 37.
am häufigsten ist, wie unten stellen zeigen werden, der dat. gebraucht. heute kommt der pl. des wortes höchstens nur noch alterthümlich vor. vergl. nachher bei in furcht
und von furcht
die stellen von Klamer Schmidt
und Friedr. Aug. Wolf.
er lautet aber furchten,
nicht weil schon ahd. bei Notker
nach schwacher biegung im pl. der nom. und acc. forhtûn,
der dat. forhtôn
vorkommt und der gen. forhtôn
lauten würde, sondern weil nhd. die ursprünglich organisch stark declinierenden feminina auf -e,
auch wenn sie dieses, wie schar, zahl
u. s. w., abwerfen, den pl. schwach bilden. mhd. vorhte
hat, der ganz regelrechten starken declination gemäsz, den nom. und acc. pl. vorhte,
den gen. und dat. vorhten.
übrigens findet sich dem obigen sg. fürchte
gemäsz auch der pl. fürchten
und zwar wieder bei einem und demselben schriftsteller neben furchten: lebest nu in gottes fürchten. Ringwald
laut. warheit 186; mit grossen fürchten sorgen.
dessen geistl. lieder B 4
a.
vgl. auch die stellen unten unter 1)
b)
und unter 2).
auffallend ist der gen. sg. furchts
statt furcht
oder, mit dem artikel, der furcht: dasz hier mehr furchts und noths! A. Gryphius 1, 15.
aber dieses s
scheint aus dem gen. sg. männlicher und neutraler substantive angetreten und ist völlig unorganisch. s. fürsprache.
Nun zu der angegebenen bedeutung. diese entfaltet sich nach zwei richtungen, die seelenregung nemlich ist 11)
eine unangenehme, veranlaszt durch eine wirkliche oder mögliche, auch blosz eingebildete gefahr, durch ein übel das zukommt oder zukommen kann, eben so wol eine unangenehme seelenregung in beziehung auf ein wesen das diese gefahr oder dieses übel zukommen läszt oder doch zukommen lassen kann. 1@aa) furcht
in seiner stellung überhaupt. furcht ist nicht in der liebe, sondern die völlige liebe treibet die furcht aus, denn die furcht hat pein, wer sich aber fürchtet, der ist nicht völlig in der liebe. 1
Joh. 4, 18,
wobei sich vergleichen läszt die wenigen, die ihm noch treu geblieben, knüpft liebe nicht, nur furcht an seine fahnen. Schiller 578
b (
Macb. 5, 3); der herr lies seine furcht uber alle heiden komen.
1 chron. 15, 17; für weiber ist die furcht. Fleming 221; löse, erstgeborner bruder (
Jesus ist angeredet), doch die ruder meines schiffleins, lasz mich ein in den sichern friedenshafen zu den schafen, die der furcht entrücket sein. Allendorf,
in dem geistl. liede »
unter lilien jener freuden;«
[] daher beschleunigte ich meine reise, und die furcht machte meinen füssen so zu sagen flugel.
N. Klims unterirdische reise (
Copenhagen 1765)
s. 144; jene theurung und die noch schlimmere furcht, welche leicht zu unordnungen führet, wird alle orte treffen, welche zu sehr auf die wochenmärkte rechnen und sich blos von einem tag zum andern versorgen. Justus Möser 2, 390 (1778 262); der mensch hat bei eignen und fremden leiden nur drey empfindungen, furcht, schrecken und mitleiden, das bange voraussehen eines sich annähernden übels, das unerwartete gewahrwerden gegenwärtigen leidens und die theilnahme am dauernden oder vergangenen: alle drey werden durch dieses kunstwerk (
die gruppe des Laokoon) dargestellt. Göthe 38, 49; der natur ist furcht wohl gemäsz, ehrfurcht aber nicht: man fürchtet ein bekanntes oder unbekanntes mächtiges wesen, der starke sucht es zu bekämpfen, der schwache zu vermeiden, beide wünschten es los zu werden und fühlen sich glücklich, wenn sie es auf kurze zeit beseitigt haben. 22, 13; es war die zeit der pfirschen, deren reichlichen genusz sie uns jeden morgen versprach, wenn wir nachts die furcht überwunden hätten. 24, 17; rede! rede! ich bin der mann der bleichen furcht nicht. Schiller 135
b; was nützt der führer muth, der helden arm, wenn bleiche furcht die heere lähmt? ein schrecken, wie von gott herab gesandt, hat auch die brust der tapfersten ergriffen. 451
a; kein merkmal bleicher furcht, kein wort der klage entehrte meine königin. 440
a; dér furcht kann es entledigt sein. 416
a; furcht, die schreckliche begleitung der tyrannei, wird schaudernd vor dir herziehn, und jede strasze, wo du gehst, veröden. 437
a (
M. St. 4, 9). zweifelnd noch in dem entschlusse geht sie, bleibt sie wieder stehn: furcht heiszt sie mit einem fusze, liebe mit dem andern gehn. Boie
in Ramlers lyr. blumenl. 1, 309
und in Weinholds Boie 293. knechtische furcht,
eine zu gehorsam u. s. w. nöthigende furcht vor bestrafung. panische furcht,
eine plötzlich überfallende und allen muth benehmende, wie wir auch sagen panischer schrecken (
s.schrecken): wenn aber das läszige rückwärtssehen den blick der vorsicht schwächt, wenn es den, der ihn thut, in süsze träume wieget, oder ihn gar in eine so panische furcht setzt, dasz er keinen tritt vorwärts waget und, wo möglich, hinter sich selbst zurückbliebe. Herder
z. sch. lit. u. k. 6, 300. furcht kommt einen an,
kommt über ihn: und als Zacharias jn (
den engel) sahe, erschrack er, und es kam jn eine furcht
an. Luc. 1, 12; denn es war sie eine grosse furcht ankomen. 8, 37; es kam auch alle seelen furcht
an. apostelgesch. 2, 43. furcht wandelt einen an: als er aber die feurigen augen erblickte, wandelte ihn ebenfalls furcht
an. brüder Grimm
märchen nr. 36 (1857 1, 192). furcht überfällt einen. furcht ergreift einen (
s. sp. 689
die stelle Schiller 503
a). furcht erfüllt einen. furcht haben. furcht empfangen,
s. unten unter c)
γ)
die stelle aus Franks
weltbuch. furcht machen. furcht erwecken. einem furcht einjagen. einem die furcht benehmen, einen der furcht benehmen.
früher auch forcht (
s. d.). eim forcht in buosen stossen, einen schräcken ynstossen, einen forchtsam oder angsthafft machen,
injicere timorem, afferre metum alicui. Maaler 139
c. 1@bb) furcht
nach einer praeposition, von der es regiert wird. hier sagt man aus furcht,
veranlaszt durch furcht, auf grund der furcht: am abend aber desselbigen sabbaths, da die jünger versamlet und die thür verschlossen waren, aus furcht fur den Jüden, kam Jhesus und trat mitten ein.
Joh. 20, 19; mich dünckt du wohnest jetzt ausz furchte nicht bey dir. Tscherning
ged. frühl. 226, weswegen denn aus furcht eines geschwinden überfalls sich das gantze lager verlaufen. Hofmanswaldau,
bei Steinbach 1, 530; dem etwas aus furcht entfällt,
cui aliquid prae timore excidit. Steinbach
ebenda; er macht dich sonst aus furcht nicht von der marter frey. Rost
schäfererz. 18.
schäferged. 23. aus furcht vor gespenstern nachts nicht aus dem zimmer gehn.
eben so früher im pl. aus furchten: zu dem, der lieber uns will sonder glauben wissen, als dasz man seine furcht aus furchten ein soll schliessen, und nach dem winde gehn. Opitz 1, 6.
[] auszer furcht,
nicht in furcht: o, seyd auszer furcht! schon die politik könnte sie zwingen, wort zu halten. Schiller 123
a.
durch furcht: vorsätzlich zögern die, durch furcht, bestochnen!
V. Weber
Tell 239.
in furcht,
wo furcht
entweder dat. oder acc. ist. wenn dat.: in furcht sein. der knabe ist immer in furcht vor seinem strengen vater.
früher auch der pl.: indem man wegen abgang des kindes in grösten furchten war. Ettner
hebamme 509.
dieser pl. begegnet selbst noch zu anfange des gegenwärtigen jh.: so wie die diener umher, die vor des teufels krallen in furchten sind und platt zu boden fallen. Klamer Schmidt
kom. dicht. 196. in furcht stehen,
früher ebenfalls der pl.: der sonsten allezeit hat seine rüstung an, der nie für schwerdt und todt in furchten pflegt zu stehen. Werder
Gottfried 13, 61; dasz er hinfüro alle tag und alle stund wird müssen in furchten stehen, dasz er namhafft gemacht, criminaliter angeklagt und für der gantzen welt zu schanden gemachet werde. Schuppius 565; bist du eines andern geboht und willen unterworffen, so stehet er selbst offt in grossen furchten. Butschky
Patmos 85; doch was wolte er machen, verantworten kunte er sich nicht, und darzu muste er in furchten stehen, es möchten noch berenheuter und ohrfeigen unter einander auff ihn zufliegen.
drei erznarren 353 (1672
s. 366); ich stehe so genung in furchten, wann ich bey denen kindern meine meynung werde mit beytragen sollen. Ettner
hebamme 558; weiln er wegen des starcken durchbruchs bey verliehrung der kräfte des patientens in furchten stehet. 799. in furcht leben, in der furcht leben. er musz dem gläubiger die wahl lassen, ob dieser ihm seine bewegliche oder unbewegliche haabe und güter zur bequemen oder unbequemen zeit nehmen wolle, mit einem worte, er musz immer in der furcht leben. J. Möser
patr. phant. 2, 231 (1778
s. 104). in furcht schweben.
auch hier früher der pl.: musz ich in beständigen furchten schweben.
Felsenb. 2, 345.
bei andern verben: dennoch übergieszt mich ein grauen, ... da ich erfüllt musz vor augen schauen, was ich in ahnender furcht nur gesehen. Schiller 507
a.
auch die alte form forcht
kommt hier vor: in der forcht verschlucken sie jre jungen. Forer
fischb. 77
b.
im pl.: fraw, ich leyd mich in forchten, dann du dich mit recht erzürntest. Wirsung
Cal. (1520) F 8
b.
wenn acc.: in furcht setzen. der in furcht gesetzte bischof übergab die letztern (
es sind angeworbene soldaten gemeint) sogleich in die hände des Tilly. Schiller 930
b.
s. auch vorhin die stelle von Herder
zu panische furcht. in die furcht geben,
machen dasz die furcht erfüllt: in wil dich sampt allen deinen freunden in die furcht geben, und sollen fallen durchs schwert jrer feinde, das soltu mit deinen augen sehen.
Jer. 20, 4.
mit furcht,
so dasz furcht überkommt und ergreift: und werden secke umb sich gürten und mit furcht uberschüttet sein.
Ez. 7, 18; der ganze hauffe stund mit kalter furcht beeist und schry: erlöser hilf! Drollinger 110; diese anstalten erfüllten den kurfürsten von Mainz, Anselm Kasimir, mit furcht. Schiller 941
b.
dann: so dasz furcht innewohnt. denn mit furcht bistu aus Egyptenland gezogen.
5 Mos. 16, 3; vordem paszirte ich diese strasze mit furcht und zittern. Justus Möser 2, 427 (1778 297); sie blickte den Amint mit furcht und schalkheit an, mit schalkheit, weil er ihr noch nichts gethan, mit furcht, damit ers auch nicht wagen sollte. kurz Doris wollte nicht und wollte. Rost
schäfererz. 49.
schäferged. 73; mit widerwillen hab ichs (
das haus) betreten und mit furcht bewohnt und in verzweiflung räum ichs. Schiller 512
b. mit furcht nahte er ihm.
auch hier kommt früher der dat. pl. vor: mit furchten,
mhd. mit vorhten (Walther 32, 8): mit furchten hüten. Luther 3, 27
b; so füret ewren wandel, so lange jr hie wallet, mit furchten. 1
Petr. 1, 17; das volck ging in die stad mit sondern furchten sehre. Ringwald
evang. Ee 8
b;
s. auch oben sp. 684
die stelle aus dessen geistl. liedern B 4
a. ade! du hartes wort! mit furchten musz ich scheiden, mit sorgen musz ich weg. Fleming 611.
[] die form forcht
war früher auch hier gebräuchlich: wann ich bin, wie du sagst, umbgeben mit grosser forcht, angst und unrhu. H. Sachs III (1588). 2, 222
a, mit forcht, schrecken. Weckherlin 89 (
ps. 22, 13).
selbst der alte sg. forchte
erscheint noch in: dasz wir hertzliebende (
Thisbe u. Pyramus) allzwey zusammen kommen ohne scheuw augen wincken, mit forchte redn. Gilhusius 75.
ohne furcht.
mhd. si sündent âne vorhte. Walther 33, 34; sît man übel âne vorhte tuot. 112, 13.
nhd. sondern sollen sicher wonen, on all furcht.
Ezechiel 34, 28; auch der winckel, darin sie waren, kundte sie nicht on furcht bewaren.
weish. 17, 4. Bayard der ritter ohne furcht und tadel,
sans peur et sans reproche. ein deutscher patriot (
es ist J. G. Fichte gemeint) ohne furcht und tadel.
Frankfurter journal 1869
nr. 105. seyd ohne furcht! Maria Stuart wird als eine königin und heldin sterben. 440
a.
in gleichem sinne steht auch sonder furcht: so ungern völker sich ins joch der treiber spannen, die niemand sonder furcht im kronenschmuck erblickt. Gottsched
ged. 2, 26.
vgl. auch oben auszer furcht.
über furcht: über furcht klagen.
um der furcht
willen: ein jglicher hat sein schwert an seiner hüfften, umb der furcht willen in der nacht.
hohel. 3, 8.
unter furcht: kaum war der gnome in seiner burg angelangt, so wurde der krauskopf ins verhör geführet, der unter furcht und erwartung der dinge, die da kommen würden, die nacht in einem unterirdischen kerker zugebracht hatte. Musäus
volksm. (1788) 2, 171.
von furcht: von furcht befallen sein. von furcht ergriffen sein. von furcht erfüllt sein. von furcht sprechen, reden. von furcht befreien. den soll diesz schwert durchbohren, der mir von furcht spricht und von feiger flucht. Schiller 464
a; von einer groszen furcht sind wir befreit. 548
b.
im 16.
und 17.
jh. eben so wol von furchten: erlöse dieses landt von furchten und beschwer. Opitz 1, 52.
doch auch noch gegen ende des 18.
jh.: von furchten entgeistert (
metu exanimis).
F. A. Wolf
Horat. 1
sat. s. 5.
vor furcht: mein herz entsetzet sich und musz vor furcht erkalten. ich sterbe schier vor angst. Joh. Peter Titz,
s. v. d. Hagens Germania 10, 217; die kinder bebten und gebehrdeten sich ängstlich vor furcht und schrecken, dasz sie der vater zu Rübezahl führen wollte. Musäus
volksm. (1788) 2, 106. vor furcht wollte er keinen schritt weiter gehn. zittern vor furcht.
die alte form forcht
findet sich in: vor forcht würt oft der weisz ein stumm. Schwartzenberg 157
b; dasz sie vor forcht haben im feldt sampt dir geben das fersengelt. H. Sachs III (1588). 2, 206
c; die haben jn vor forcht nit mehr wollen einlassen. Reiszner
Jerusalem 2, 55
b.
auch früher wol im pl. vor furchten,
wie denn mhd. vor vorhten bleichent mir diu wangen rôt. Walther 123, 12.
im 16., 17.
und 18.
jh. auch für furcht,
das sich alter- und volksthümlich selbst bis in das gegenwärtige jh. erhalten hat: und da jn die jünger sahen auff dem meer gehen, erschracken sie und sprachen: es ist ein gespenst! und schrien fur furcht.
Matth. 14, 26; die hter aber erschracken fur furcht und wurden als weren sie tod. 28, 4; und die menschen werden verschmachten fur furchte und fur warten der dinge, die komen sollen auff erden.
Luc. 21, 26; der ich für furcht zitterte.
N. Klims unterird. reise 151,
während auf der seite vorher vorkommt vor furcht fast erstarret; Ihr sehet Eure noth und unsre, herr, und dasz wir all am rand des todes schweben — die steuerleute aber wissen sich für groszer furcht nicht rath. Schiller
Tell, erster druck s. 162.
[] wegen furcht: endlich aber hat es der dienstfertige herr Solbist auf sich genommen, ihn wegen dieser furcht in sicherheit zu setzen. Lessing 1, 135. 1@cc) furcht
mit besondern fügungen. 1@c@aα)
mit einem gen., der ausdrückt, wer die furcht hat. leider rechtfertigen deine worte die furcht des volks, die allgemeine furcht! Göthe 8, 265. die furcht der eltern bei der gefahr eines kindes. die furcht des fuchses, wenn er den jäger erblickt.
aber der gen. wird auch gesetzt, um das auszudrücken, in beziehung auf dessen gegenwart, dasein, entstehn, zukommen, gegenübersein, entgegensein, einwirken oder wirken furcht innewohnt: in der furcht des zorns. Luther 3, 1
b, =
vor dem zorne; das (
dasz) viel der völcker im lande Jüden wurden, denn die furcht der Jüden kam uber sie.
Esth. 8, 17, =
vor den Juden; auch alle obersten in landen und fürsten und landpfleger und amptleute des königes erhuben die Jüden, denn die furcht Mardachai (
gen.) kam uber sie, denn Mardachai war gros im hause des königes. 9, 3, =
vor Mardachai; die kauffleute solcher wahr, die von jr sind reich worden, werden von ferne stehen fur furcht jrer qual, weinen und klagen.
offenb. 18, 15, =
vor ihrer qual; so würde niemand aus furcht der diebe ruhig schlaffen können. Olearius
pers. baumgarten 2, 24, =
vor den dieben; die furcht der diebe zu vertreiben.
pers. rosenthal 3, 27; aus furcht des elends elend leiden. 7, 6; dasz keine furcht der pein bestritten meinen geist. A. Gryphius (1663)
s. 63; aus furcht der schande oder ernährung. Ettner
unwürd. doctor 945 =
vor der schande oder ernährung; vor furcht der kälte. Butschky
Patmos 50, =
aus furcht vor der kälte; di der ganzen welt angebohrne furcht des heisgirigen todes.
kanzlei 682, =
vor dem heiszgierigen tode; vil seyn ehrliche leute aus furcht der strafgesäzze. 308, =
vor den strafgesetzen; ältern, welche die liebe und das zutrauen ihrer kinder zu gewinnen wissen, werden sie immer sichrer und besser regieren, als diejenigen, die ihr häusliches regiment auf blosze gewalt und furcht der strafe gründen. Wieland 28, 274, =
vor der strafe; nur der procesz, in welchen er mit unserm vater verwickelt ist, hat ihn, durch die furcht einer schimpflich abschläglichen antwort, abgehalten, um ihre hand zu bitten. Lessing 1, 135, =
vor einer schimpflich abschläglichen antwort; die furcht der spanischen inquisition kam erneuert zurück. Schiller 814
b.
auch die form forcht
begegnet hier: forcht der arbeit, faulheit,
pigritia. Henisch 1172, 65, =
vor der arbeit; forcht eines vorstehenden ubels,
timor. 1173, 3, =
vor einem bevorstehenden übel; beharrliche forcht eines ubels,
formido, formidatio. 9.
seltner steht der gen. so, wie wir gewöhnlich für
in dem sinne »
in beziehung auf«
mit dem acc. setzen. vgl. für I
A 1)
e). aus furcht seines lebens. Olearius
pers. baumg. 10, 1, =
für sein leben. häufiger als diese genitive aber ist 1@c@bβ)
die vorhin beigesetzte fügung der praep. vor
mit dem dativ. s. vor. er hatte doch scheu und furcht vor seinem weibe, auf einer unrechten that sich erfinden zu lassen. Musäus
volksm. (1788) 2, 140; unglücklicherweise hatte man noch die erziehungsmaxime, den kindern frühzeitig alle furcht vor dem ahnungsvollen und unsichtbaren zu benehmen. Göthe 24, 16;
gräfin. und bange furcht bewegt mich.
Wallenstein. furcht! wovor?
gräfin. du möchtest schnell wegreisen diese nacht, und beym erwachen fänden wir dich nimmer. Schiller
Wallenst., erster druck 2, 222 (
W. t. 5, 3). furcht vor dem tode haben. furcht vor gespenstern haben.
im besondern ist auch diese furcht vor gespenstern
gemeint, wenn gesagt wird: er weisz von keiner furcht
oder er kennt keine furcht. er hat keine furcht im dunkeln.
s. auch spalte 685
die stelle von Göthe 24, 17.
an der stelle dieses vor
hat die schriftsprache, zumal im 16.
und 17.
jh. oft für,
das selbst noch im 18.
jh. nicht selten sich findet. s. oben sp. 645,
dann auch vorhin sp. 685
die stelle Joh. 20, 19.
es kann hier noch hinzugefügt werden: was halff ihm alle furcht für dem geliebten weibe.
Hoffmannswaldaus u. anderer ged. 1, 173. der ehrliche Schwab vertrauete ihm seinen unstern so treuherzig, als ob er seine beichte ansagte, ohne seine furcht für dem tode zu verheelen. Musäus
volksm. (1788) 3, 125.
übrigens kommt statt für
mit dem dat. zuweilen, wol mehr durch verwechselung, für
mit dem acc. vor, in welchem falle diese praep. freilich auch, wenn es bei furcht
nicht zu ungewöhnlich wäre, in der bedeutung »
in beziehung auf, in hinsicht auf«,
die unter [] für I
A 1)
e)
angegeben ist, genommen werden könnte: denn nur mit mühe vermocht es die überredungskunst des arztes und die mütterliche autorität über sie, dasz sie die furcht für den stählernen zahn des schneppers überwanden und den fusz ins wasser setzten. Musäus
volksm. (1788) 2, 169.
sicher aber ist die eben angegebene bedeutung und bleibt der acc. unanfechtbar z. b. in furcht für das leben: dasz Kombab ein opfer ... nicht der furcht für sein leben, sondern dem gefühl seiner pflicht, der tugend, brachte. Wieland 10, 245.
dies furcht für sein leben
ist eins mit dem vorhin angeführten furcht seines lebens
bei Olearius.
Wie furcht
mit dem gen., in so fern diese fügung dasselbe ausdrückt, was furcht vor
mit dem dat. des wortes, das in jenem gen. steht, kann auch furcht
mit einem diesem gen. oder vor
mit dem dat. entsprechenden possessiv gesetzt werden: und niemand kund jnen widerstehen, denn jre furcht war uber alle völcker komen.
Esth. 9, 2 = die furcht der Jüden,
wie es oben Esth. 8, 17
heiszt, oder die furcht vor den Juden. 1@c@gγ) furcht
mit einer andern praep., als vor, für,
gefügt: die mutter hat furcht ihres kindes halben, das gefährlich erkrankt ist. er ist in furcht ob seines unklugen benehmens. er hat nicht wenig furcht seines bruders wegen, der sich auf einer reise befindet, von der er längst zurück sein sollte. furcht über etwas,
die, durch etwas veranlaszt, erfüllt in beziehung auf dieses: Diego. o jetzt ergreift mich plötzlich bange furcht.
don Manuel. furcht, und worüber? Schiller 503
a.
auch das alte forcht
findet sich hier: die fischer haben ein grosse forcht ab solchen fischen. Forer
fischb. 6
b,
s.ab
wb. 1, 7. forcht empfangen ab etwas,
von furcht erfüllt werden über etwas oder wegen eines dinges: entpfiengen grosse furcht darab. Frank
weltb. 213
b. 1@c@dδ)
sehr häufig steht bei furcht
ein satz, der den gegenstand derselben ausdrückt, d. h. das was gefürchtet wird oder ist. dieser satz kann mit dasz
beginnen. einen beleg hierzu bietet vorhin sp. 687
die stelle von Musäus 2, 106. er schwieg aus furcht, dasz man es andere wissen lasse.
mit nicht
nach dasz
ohne änderung des sinnes: aber aus furcht, dasz es der hoffman nicht seinen vetter wissen lasse. A. Gryphius
seugamme 14.
aber der von furcht
abhängige satz kann auch durch ob
eingeleitet werden, und zwar dies wenn das, was er ausdrückt, zweifelhaft ist: er traut sich selbst nicht mehr; der liebe leichtster scherz erweckt die furcht, ob Oberon ihn verdamme. Wieland
Oberon 6, 19.
der zweifel kann noch durch ein eingefügtes nicht
verstärkt werden: in ihm entstand die furcht, ob der freund ihm nicht mistraue.
häufig ist der satz ohne dasz
und ob
gebildet und die abhängigkeit liegt in dem conjunctiv: aus furcht, ich möchte gleich Loths weibe zur saltzsäule oder wenigstens zu einem lorberbaum, gleich der Daphne, werden. Ettner
unwürd. doctor, anhang 68; denn dieses war des landes ewge furcht, sie (
Elisabeth) möchte sterben ohne leibeserben, und England wieder papstes fesseln tragen, wenn ihr die Stuart auf dem throne folgte. Schiller 415
b. er war in furcht gesetzt, er befinde sich krank.
auch kann der satz ein um dasz
verkürzter sein, indem das verbum in den infinitiv mit zu
verwandelt wird: jedoch sobald ein blitz die wolken trennt, so bebt er (
der spötter) vor der macht, die sein gelächter war, stimmt lieder an, doch sich nicht zu bekehren, er singt aus furcht, den donner nicht zu hören. Rost
schäferged. 90. es war bei ihm die furcht, zu unterliegen. die furcht, gefangen zu werden.
endlich kommt das verbum des von furcht
abhängigen, ohne dasz
gebildeten satzes auch im indicativ vor: er (
der wucherer) kann in ruh nicht schlafen, aus furcht, die diebe gehn ihm nach, ihn aus dem nest zu stehlen. Eschenburg
in Ursinus balladen 15. 1@dd) furcht
in besondern verbindungen. 1@d@aα) furcht und schrecken: ewer furcht und schrecken sey über alle thier auff erden.
1 Mos. 9, 2; die bürger wären sonst durch einen unvermutheten unglücksfall in furcht und schrecken gesetzet worden.
N. Klims unterirdische reise 182; da mir schon der blosse name eines medici ... furcht und schrecken verursachte. 187; furcht und schrecken ergriffen die ganze partey. Schiller 984
a =
hist. kal. 1793
s. 744.
s. auch oben sp. 687
die stelle von Musäus 2, 106. furcht und entsetzen:
[] die leute des grafen kannten ihren herrn kaum, als er wieder zu ihnen kam, so sehr hatten furcht und entsetzen ihn entstellt! Naubert
volksm. (1840) 2, 94. furcht und grauen: und stangen waffnen sie (
die häscher), und senden furcht und grauen vor ihren schritten her. Zachariä
renommist 5, 140;
auch: die nacht brach ein, ich fühlte weder furcht noch grauen. Naubert
volksm. (1840) 1, 86. furcht und grausen. furcht und scheu: Franz trat, ohne furcht und scheu, in das vorhaus. Musäus
volksm. (1788) 4, 89. furcht und zittern: furcht und zittern ist mich ankomen.
ps. 55, 6; mit furcht und zittern lobet jn in seinen werken.
Tob. 13, 5; schaffet, das jr selig werdet mit furcht und zittern.
Phil. 2, 12. 1@d@bβ) furcht und zweifel: so lange noch verliebte leben, ist furcht und zweifel ihre qual. Rost
schäferged. 104, uns erschüttern furcht und zweifel. Schiller 566
a (
Macb. 2, 10); mein sohn! ich sehe deinen blick umwölkt, dich quälen furcht und zweifel! — fürchte nichts mehr! 606
a (
Tur. 5, 1).
in demselben sinne stehn auch sonst beide wörter neben einander: der geist, der mich beherrscht, diesz herz, das in mir schlägt, wird nicht von furcht, von zweifeln nicht bewegt. 579
a (
Macb. 5, 4). 1@d@gγ) furcht und hofnung: die dirne machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich furcht und hoffnung in ihrer seele kämpften. Musäus
volksm. (1788) 2, 70.
hierbei läszt sich vergleichen da ist jmer sorge, furcht, hoffnung und zu letzt der tod.
Sir. 40, 2. zwischen furcht und hofnung,
in einem zustande dasz eben so wol furcht als hofnung oder eben so viel furcht als hofnung da ist: unterdessen lebte fräulein Emilie zwischen furcht und hoffnung, sie zitterte für das leben ihres getreuen Amadis und legte sich fleissig auf kundschaft, wie es den wintergästen im felde ergehe. Musäus
volksm. (1788) 5, 264; so wie leute, die noch zwischen furcht und hofnung schweben, unglücklicher sind, als die schon entscheidung haben. Claudius 4, 201.
Die hierher gehörigen sprichwörter und sprichwörtlichen redensarten sind sehr zahlreich: mhd. swër âne vorhte wahsetdër muoʒ sunder êre wërden grî
s. MSH. 2, 251
a, 18, =
wer ohne furcht vor der ruthe aufwächst. nhd. forcht der beste hüter,
custos optimus, metus. Henisch 1174, 65. die furcht hütet den wald mehr als der jäger.
s. Wander 1, 1273, 16,
womit übereinstimmt waldeckisch forcht hütet den wâld (Curtze
volksüberlieferungen aus Waldeck 364, 563)
und die furcht bewacht den forst (Wander 1, 1273, 12).
eben so furcht bewahrt das holz. Wander 1274, 38. forcht ist ein böser hüter desz so lang wehren soll,
malus diurnitatis custos est metus. Henisch 1174, 68. bei grossem gut ist übel furcht. 1295, 48. ein widerkehrige forcht macht den vertrag sicher,
reciprocus timor foedus tutum reddit. 1174, 61. wo forcht da scham, wo scham da ehr. 1175, 23. Kirsch (1723) 2, 124. wo kein zucht ist, da ist kein ehr, wo kein furcht ist, da ist kein lehr. wo furcht oder zwang ist, da ist auch ehr. Henisch 1298, 10
u. 11. furcht gebürt (
gebiert) gar offt hasz. 1295, 57,
vgl. 1175, 17. furcht ist allzeit ein böser dolmetscher (auszleger),
metus semper malus interpres. 1295, 68,
vgl. 1175, 15. furcht der hoffnung geferdt (
gefährte). 1296, 1,
vgl. vorhin γ). hoffnung und furcht ein jeder hat darnach gut oder bösz ist sein that. 1297, 26. frewde soll man allzeit mit furcht mischen. 1296, 31. kein lieb ohn argwohn oder forcht. 1175, 21. die furcht unnd sorge ist allzeit sicher, die sicherheit nirgendt. 1296, 11. furcht und argwon bringt eitel qual. 44. die furcht ist offt grösser, denn die gefahr. 18. furcht dröwet allzeit grösser fahr. 35. die furcht thut viel weher als die gefahr selbst. Lehmann,
s. Wander 1, 1273, 21. die furcht inn widerwertigkeit ist ein bösz zeichen. Henisch 1296, 19. es kompt mehr furcht von innen herausz, denn von aussen hinein. 29. durch gelt, furcht, hasz und lieb können auch wol fromme leuth zu fall kommen. 7. furcht hindert und verruckt das gedächtnisz. 3,
vgl. 39. furcht, geschenck, lieb unnd neyd verkehren das gericht. 6. die forcht hat offt mehr kraffts, als die lieb
[] 1175, 13. furcht befridiget das landt. 32. furcht hat kein gesetz. Wander 1274, 48. kein grösser ubel denn forcht. Henisch 1295, 64. jede furcht ist ein dienstbarkeit. 62. furcht ist ein böser knecht, sie thut die länge nit recht. 1296, 42; furcht ist ein tyrann, der quälet kind und mann. Lehmann,
s. Wander 1, 1274, 60. furcht macht beine
oder auch macht füsze.
s. Wander 1, 1273, 19,
wozu stimmt furcht macht lange schritte. 1275, 71. furcht und angst machen auch einen alten mann lauffen. Henisch 1296, 40,
womit stimmt alte leuth lauffen auch schnell, wenn sie ein furcht anstoszt. 1295, 42. forcht richt alles anders an, als es gekocht ist. Simrock 2928. furcht hört mit den augen und sieht mit den ohren. furcht hat tausend augen. furcht macht aus mücken elephanten. zu viel furcht zerbricht das glas.
von einem, der keine furcht kennt, sagt man er hat davor so viel furcht, wie ein mädchen vor dem brautbette,
aber auch er hat davor so viel furcht, wie die gans vor einer habergarbe.
auf einem sprichworte beruht: man sprichet, wër von vorhten stirbt, daʒ dër im sëlber daʒ erwirbt, daʒ man in sol in mël begraben. Boner 32, 27.
feige männer nemlich wurden nach alter deutscher sitte in koth oder einen sumpf versenkt und mit dorngeflecht bedeckt (
s. Tac. Germ. 12). mël (
s.mehl)
aber bedeutet hier, wie schon rechtsalterth. 695
bemerkt ist, staub, kehricht. 22)
die aus dem bewustsein des geringerseins hervorgehende seelenregung der pflicht und rücksicht gegenüber einem höheren (
erhabenen)
wesen oder überhaupt höherem. eine in der bibel häufig vorkommende bedeutung. du hast die furcht faren lassen und redest zu verechtlich fur gott.
Hiob 15, 4.
mit gen. bei furcht: die furcht des herrn, das ist weisheit, und meiden das böse, das ist verstand. 28, 28, =
gegen den herrn; kompt her, kinder, höret mir zu! ich wil euch die furcht des herrn leren.
ps. 34, 12; auf welchem (
einem zweig aus der wurzel Isai) wird rugen der geist des herrn ..., der geist des erkentnis und der furcht des herrn.
Jes. 11, 2; die furcht des herrn ist ehre und rhum, freude und ein schöne krone.
Sir. 1, 11; es ist keine furcht gottes fur jren augen.
Röm. 3, 18; so lasset uns ... fort faren mit der heiligung, in der furcht gottes.
2 Cor. 7, 1.
s. gottesfurcht. ein frommer knecht war Fridolin und in der furcht des herrn ergeben der gebieterin der gräfin von Savern. Schiller 67
a. tugend und unschuld und die furcht der götter sollen das glück meines lebens seyn. Geszner (1789) 3, 155.
mit der praep. vor
bei furcht: ich habe noch keinen gekannt, der über die furcht vor gott erhaben zu seyn vorgab. Hölty
der kenner (
Leipzig 1775)
s. 253.
der dat. pl. furchten
kommt auch hier vor. aber die oberkeit so christlich ist und das evangelium leidet, derhalben auch die bawren keinen schein wider sie haben, sol hie mit furchten handeln. und zum ersten die sachen gott heim geben. Luther 3 (1573), 124
b; wer sich in gottes furchten helt. Ringwald
lautere warheit 145; in gottes furchten. 242; gib mir, wilstu mir was geben, armut nicht, herr, reichthum nicht, dieses möcht ausz deinen furchten reissen mich in seine pflicht, jenes dürffte zwingen mich, mich durch unrecht zu ernähren. Logau 3, 11, 36.
den alten sg. forcht
hat als noch im 15.
jh. herschende form die bibel von 1483: sein nam ist heilig und erschreckenlich und die vorcht des herrn ist ein anfangk der weisheit. 288 (
ps. 110, 10); die vorcht des herrn wollustiget das herz und gibt freud und freud in die lenge der tag. 319
a (
Sir. 1, 12).
von menschen gegen menschen: so gebet nu jederman, was jr schüldig seid, schos, dem der schos gebürt, zol, dem der zol gebürt, furcht, dem die furcht gebürt, ehre, dem die ehre gebürt.
Röm. 13, 7; auff das auch die, so nicht gleuben an das wort, durch der weiber wandel (
nemlich dasz sie ihren männern unterthan sind), on wort, gewonnen werden, wenn sie ansehen ewren keuschen wandel, in der furcht. 1
Petr. 3, 2. kindliche furcht,
die auf pflicht und rücksicht sich kund gebende mit liebe gepaarte seelenregung des kindes gegen die eltern oder wie gegen die eltern. vgl. ehrfurcht.
[] in guter zucht und furchten haben. Ringwald
deutsche wahrheit (1700) 221.
Sprichwörter und sprichwörtliche redensarten sind: die forcht desz herren ist ein gesegneter gart. Henisch 1296, 63. wer stets inn gottes fürchten steht, im unglück nimmermehr vergeht. 1297, 10; ein christ inn furcht soll immer stehen, wenn gleich die welt solt untergehen. 1296, 23. 33)
Nhd. erscheint furcht
in seiner ersten bedeutung auch personnificiert oder doch wie personificiert: wehe! raunte die furcht ihm ins ohr, das ist fürwahr der poltergeist! es ist der wind und weiter nichts, tröstete die herzhaftigkeit. Musäus
volksm. (1788) 4, 95; fürchte nicht! betrüglich schlosz die furcht mit der gefahr ein enges bündnisz. beide sind gesellen. Göthe 9, 74; dem unglück ist die hoffnung zugesendet, furcht soll das haupt des glücklichen umschweben. Schiller 400
b (
Wall. tod 5, 4).
Dies leitet über auf die bedeutungen 44)
etwas das in furcht setzt, das furcht bewirkt: den ungeheuren krokodil, des meeres furcht, der erde schrecken, ... den wütrich in dem breiten Nil. Lichtwer 3, 3, =
das die geschöpfe des meeres in furcht setzt. vgl. schrecken. 55)
etwas das befürchtet wird, ein gegenstand der furcht: den augenblick, mein liebster Friedeberg, erhalte ich die traurige bestättigung unserer furcht. unser lieber, theurer Dörner ist mit fünf andern relegirt, die tausendmal strafbarer wären, als er. (J.
M. Miller)
briefwechsel dreier akademischer freunde, Ulm 1776,
s. 386.
Zusammensetzungen, in denen furcht
als letztes wort steht, sind nach den bereits erwähnten ehrfurcht
und gottesfurcht: fürstenfurcht, geisterfurcht, gespensterfurcht, gewitterfurcht, höllenfurcht, knechtesfurcht, lebensfurcht, menschenfurcht, scheinfurcht, sclavenfurcht, seelenfurcht, todesfurcht, tyrannenfurcht (Schiller 613
b), unfurcht, vorfurcht, wasserfurcht (=
wasserscheu, in Matth. Hammer
histor. rosengarten, Zwickau 1654,
s. 428).