gottesfurcht,
f. ,
die grundhaltung rechter frömmigkeit. nach Ruppel
rückbild. dt. subst. aus adj., diss. Freiburg (1911) 42
u. Henzen
dt. wortbildung (1947) 245
ist gottesfurcht
rückbildung aus dem älteren adj. gottesfürchtig (
s. d.).
da aber beim adj. bis ins 16.
jh. die fugenlose bildung gotförhtec
vorherrscht gegenüber der bildung mit genitivfuge beim subst., ist es wahrscheinlicher, dasz das seit dem späten 15.,
häufiger seit dem 16.
jh. bezeugte substantivische kompositum eine zusammenrückung der seit ahd. zeit als lehnübersetzung zu lat. timor dei bestehenden genitivverbindung gottes furcht (
s.gott sp. 1056)
ist; vgl. auch woordenboek d. nederl. taal 5, 294
s. v. godvruchtig. 11) gottesfurcht
nach bedeutung, anwendung und wertung. 1@aa)
bedeutungsumfang. der bedeutung der älteren genitivverbindung entsprechend, bezeichnet gottesfurcht
die grundhaltung alttestamentlicher frömmigkeit in dem sinne, dasz die furcht, die scheu vor gott die gläubige haltung des menschen in der ehrfurcht vor gott und damit die erfüllung des göttlichen willens bedingt. Luther
setzt im alten testament gottes furcht (
trotz durchweg noch getrennter schreibung wohl schon als kompositum zu werten)
für hebr. םי ת u. ä., lat. timor (
dei, domini): ist das deine (gottes) furcht, dein trost, deine hoffnung, vnd deine frOemkeit?
Hiob 4, 6
u. ö.; im neuen testament nur einmal für gr. φοβούμενοι τὸν κύριον: ir knechte, seid gehorsam in allen dingen ewern leiblichen herrn ... mit einfeltigkeit des hertzen vnd mit gottes furcht
Kol. 3, 22.
die älteren deutschen bibeldrucke haben statt dessen durchweg vorcht gotz (des herren).
in den lexika vertritt gottesfurcht
seit dem 16.
jh. vornehmlich lat. pietas und religio, vgl. Frisius
dict. (1556) 1136
b; Maaler
t. spr. (1561) 190
c; Reyher
thes. (1686) g 5
d;
aber auch noch lat. timor domini Stieler
stammb. (1691) 588; Frisch
teutsch-lat. (1741) 362
a. gottesfurcht
bezeichnet also eine durchaus positive grundhaltung der frömmigkeit. das moment der furcht und scheu vor gott schwingt an sich immer mit, wird aber nur selten greifbar: 'gottes furcht' heisset eigentlich 'gottes dienst', wir habens zu scharff und spitzig gedeut, wenn die schrifft von gottes furcht redet, das wir allezeit haben grosse unterscheyd gemacht de timore filiali et servili, aber auffs einfeltigst ists nichts denn gott mit dem hertzen ynwendig und mit auswendigen wesen dienen, wilches darynne stehet, das man yhn ynn ehren halte und sich fur yhm schewe, thue und lasse nichts, on was man weys, das yhm wolgefalle (1527) Luther 24, 548
W.; sie besasz warmes religiöses gefühl, aber sie war in hinsicht auf göttliche dinge viel zu neugierig und indiskret und hatte auch ein zu groszes persönliches sicherheitsgefühl, um das haben zu können, was man in reinerem sinne sonst unter gottesfurcht verstanden hat G. Keller
ges. w. (1889) 5, 285.
zumal in der weise, dasz die angst vor strafe in den vordergrund tritt, nur vereinzelt: diss mirakel (
der untergang der Ägypter im Roten Meer) sol in uns erwecken gottes furcht, das wir uns dran spiegeln und schawen, wie gott die gottlosen und unbussfertigen straffen und strtzen kOenne (1525) Luther 16, 274
W.; gottesfurcht ist diejenige gemüths-beschaffenheit, da man sich hütet dasz man gott nichts zu wieder thue, weil derselbe uns deswegen bestraffen mögte Zedler
univ.-lex. 11 (1735) 392.
die bedeutung von gottesangst (
s. d.)
wird nirgends erreicht: gottesfurcht ist schon recht. aber gottesangst ist eine sünd gegen den heiligen geist Rosegger
d. försterbuben (1908) 23.
das verhältnis von gottesfurcht
zu gottseligkeit (
s. d.)
entspricht demjenigen von gottesfürchtig (
s. d. unter 1 c
u. d)
zu gottselig. 1@bb)
begrifflich gefaszt, erfährt die gottesfurcht
einzelne bestimmungen und wertungen. 1@b@aα)
als umfassende tugend, als quelle sittlich-religiöser tugenden und als bedingung für eine praktisch-sittliche lebensführung: die gottesfurcht hat verheissung dieses und des zukünfftigen lebens Schupp
Corinna 43
ndr.; und andere aus der gottes-furcht qvellende tugenden
ebda 9; (
die demut ist) milde mutter aller zucht, weiser gottsforcht erste frucht J. Grob
dichter. versuch. (1678) 120; da die gottesfurcht zu allen dingen nütze ist, so musz solche von rechtswegen als die vornehmste tugend auch an einen soldaten hervor leuchten Fleming
d. vollk. teutsche soldat (1726) 96; was ist beglückender, als wahre gottesfurcht? Lenz
ged. 251
Weinhold; alle einzelnen neigungen vereinigen sich in eine, deren wunderbares objekt ein höheres wesen, eine gottheit ist; daher echte gottesfurcht alle empfindungen und neigungen umfaszt Novalis
schr. 2, 293
Minor. so vor allem als grund und anfang aller weisheit im anschlusz an Sirach 1, 16;
Hiob 28, 28 (
vgl. die zusammenstellung bei C. Schulze
bibl. sprichw. [1860] 32;
ebda 33
ein hinweis auf eine entsprechende Euripides
-stelle): gottesfurcht und tugend, die der weisheit anfang sein Neumark
fortgepfl. lustwald (1657) 1, 185; B. Auerbach
ein volksbüchlein (1835) 65;
vgl.: gottsforcht ist eben die weiszheyt Seb. Franck
sprichw. (1541) 1, 51
b; das wort weissheit hat unterschiedliche deutungen und wird mehrmals gebraucht für die gottesfurcht Harsdörffer
secretarius (1656) 1, Rrr 7
b.
im zusammenhang damit steht die bewertung der gottesfurcht
als vornehmster tugend des herrschers: so viel ein fürst oder herr mit ansehen vnd gewalt höher ist, als seine vnterthanen, so viel mehr soll er denselben mit gottesfurcht, fromkeit, gerechtigkeit, mässigkeit vnd gütigkeit zuvor gehen Zinkgref-Weidner
weisheit 3.
theil (1653) 65; die gottesfurcht der grund vom throne Joh. Chr. Günther
ged. (1735) 149.
vergleichbar noch: in der familie Kusa war ein fürst ... ausgezeichnet durch gottesfurcht und tapferkeit J. G. Forster
s. schr. (1843) 9, 187. 1@b@bβ)
in anderer auffassungsweise kann die gottesfurcht,
namentlich im 17.
jh., als objektivierte, selbständige macht gedacht werden: die gottesfurcht hat ihn besessen dergestalt dasz weder teffel, tod, noch einige gewalt der ungetreuen welt ihm solche (
wahre lehre) kan entreissen Rist
Parnasz (1652) a 9
b; was uns die gottesfurcht und greiser brauch befiehlt Fleming
dt. ged. 1, 121
lit. ver.; geh hin, wo gottesfurcht den weg gebahnet hat Neukirch
anfangsgründe (1724) 26.
dem entspricht gelegentliche personifizierung: ich (
der friede) führe mit mir da her diese seelige göttin, die rechte gottesfurcht Schottel
friedenssieg 61
ndr. blasser und begrifflicher in vergleichbarem jüngerem gebrauch: mir ist, als ob die gottesfurcht mit euch von dannen ziehe und aller schutz des himmels G. Freytag
ges. w. (1886) 12, 26.
in sprachlich ähnlichen wendungen steht gottesfurcht
als kollektiver begriff gelegentlich stellvertretend für den gottesfürchtigen menschen: gotsforcht súndt nit Seb. Franck
sprichw. (1541) 1, 51
b; die gottesfurcht muszte ein libertinistisches sich-einlassen mit dem verbotenen darin (
in den naturwissenschaftlichen studien) sehen Th. Mann
Faustus (1948) 25. 1@cc)
schon früh in der anwendung auf nicht christliche religiosität, vgl. seltener belegtes götterfurcht (
kompositionstypen gott IV 1 d): (
ohne entsprechung in der vorlage:) dann die gOetter mOegen nit leiden das wir jr vergessen, schicken vns vil widerwertigkait zuo, dardurch wir ye zuo andacht vnd gotsforcht geraitzt vnd getriben werden Schaidenreisser
Odyssea (1537) 16
b; Mandelslo
morgenl. reisebeschr. (1696) 81
Olearius; Numa, den ... der ruf seiner gottesfurcht ... auf den thron brachte, erscheint als der repräsentant des religiösen prinzips Jhering
geist d. röm. rechts (1852) 92. 22)
in bestimmten sprachlichen prägungen. 2@aa)
unter dem gesichtspunkt unmittelbarer beziehung auf den menschen ist gottesfurcht
eine haltung, die diesem eignet oder von ihm gefordert wird: besunder getruw ich, ir sehent an bruderlich truw und gottsforcht, die ir als eyn cristelicher keiser und haubt der cristenheit sunderlich hand (15.
jh.)
bei Steinhausen
privatbr. d. mittelalters 1, 67; es ist auch an ihm zurühmen die gottesfurcht S. v. Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) 146; eine dame ... von groszer schönheit und gottesfurcht Lichtenberg
verm. schr. (1800) 4, 534; nun, herr philosoph, ich glaube immer, du hast doch ein klein wenig gottesfurcht! G. Keller
ges. w. (1889) 5, 285.
so in mehr oder weniger festen syntaktischen bindungen, die z. t. biblisch vorgeprägt sind. mit possessivpronomen oder mit possessivem genitivattribut: sihe zu, das deine gottes furcht nicht heucheley sey, vnd diene jm (
gott) nicht mit falschem hertzen
Sirach 1, 34; J. Prätorius
saturnalia (1663) 133; die gottesfurcht Davids in den psalmen Herder 12, 318
S.; man wird erbaut und erfreut, wenn man von ihm und seiner hohen gottesfurcht vernimmt Göthe I 31, 245
W.; seine tugend, seine ungeheuchelte gottesfurcht Schubart
br. in: Strausz
ges. schr. (1876) 8, 157. in,
seltener mit gottesfurcht
leben, handeln: die anderen aber, so die trübsal nicht haben wollen annemen mit gottes furcht, sondern mit vngedult wider gott gemurret vnd gelestert, sind von dem verderber, vnd durch die schlangen vmbbracht
Judith 8, 21;
Kol. 3, 22; Hartmann
fluchspiegel (1672) 76; vnd als er neun vnd neunzig jar alt war, welche er in gottes furcht frOelich zugebracht hatte, begruben jn seine freunde
Tobias 14, 16;
ebda 9, 12;
Sirach 48, 28
u. ö.; einer frau, ... die, in alttestamentlicher gottesfurcht, ein tüchtiges leben ... zubrachte Göthe IV 38, 12
W. verbale umschreibungen zielen auf die bemühung um die haltung rechter frömmigkeit: (
Esau) acht sich weder gotsforcht noch zucht Hans Sachs 1, 91
lit. ver.; die sich aller gottesforcht vnnd tugent befleissen Ferdinand II. v. Tirol
speculum vitae hum. 12
ndr.; die (!) gottesfurcht für augen hat, dem folgt all ding recht früh vnnd spat Lehman
floril. polit. (1662) 3, 46; hält sie sich auch fleiszig zur gottesfurcht?
dt. schaubühne (1740) 5, 333
Gottsched; gottesfurcht und tugend üben
allg. dt. bibl. 101 (1791) 350.
in anderen verbalen umschreibungen erscheint die gottesfurcht
als ziel und gegenstand der erziehung und unterweisung: vernünftigen leutten, die zuo gotsforcht gezogen ... solten werden Berthold v. Chiemsee
theologey 188
Reithm.; Luther 30, 2, 524
W.; als er zuvor seine söhne zu gottesforcht ... vermanet hat Stumpf
Schweizerchron. (1606) 17
b; wo er ... zu tieferer gottesfurcht anzuleiten sucht Ranke
s. w. (1867) 1, 200.
auf ein unfrommes, sündhaftes leben und handeln zielen wendungen, die den mangel an gottesfurcht
ausdrücken: da man das fasten vnd gebot der heilgen kirchen bricht, on scham vnd gotzforcht Pauli
Keisersbergs narrenschiff (1520) 173
b; es ist von grund meines hertzen von der gottlosen wesen gesprochen, das kein gottes furcht bey jnen ist
ps. 36, 2;
1. Mose 20, 11; ist alls zurissen, kein regiment, zucht, ehr und gotsfurcht (1538) Luther 46, 263
W.; aber was hilfft viel wissen ohne gottesfurcht J. Arndt
nachfolgung Christi (1631) 3; D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 6, 15. 2@bb)
häufig in verbindungen und reihungen neben verwandten begriffen sittlich-religiöser haltung oder mehr praktisch-sittlichen verhaltens: der ritter vom Turn, von den exempeln der gotsfurcht vnd erberkeit
titel (
Basel 1493); er (
der papst) ist nit gottes haushalter, sondern verterber und zurutter aller erbarkeit unnd gottes furcht (1545) Luther 51, 99
W.; das dieser mann nicht ist, wie er, aller gotsforcht und frömbkeyt ler Hans Sachs 9, 198
lit. ver.; nach gottes-furcht, keuschheit, schahm, zucht vnd redligkeit sollen junge-gesellen am meisten freyen
Venusgärtlein 12
ndr.; und habt einander lieb in gottesfurcht und frieden Mörike
w. 3, 88
Maync. sehr oft gottesfurcht und tugend: ey, den wolt ich auffziehen thon auff gottes-forcht, guet sittn und tugent Hans Sachs 17, 220
lit. ver.; so fern er ... ehrlich in aller gotsforcht vnd tugend lebet Mathesius
Sarepta (1571) 1
b; die gräfin ... unterwies ihre söhne in aller tugend und gottesfurcht br. Grimm
dt. sagen (1891) 2, 162. religion und gottesfurcht: die jhre religion, gottesfurcht vnd philosophie durch besondere trachten vnd kleidungen an tag geben wollen, die seyen gleich fasznacht butzen Zinkgref
apophthegmata (1628) 232; ein trauerspiel, in welchem die religion und gottesfurcht den helden ... in allen zufällen begleiten Scheibe
crit. musicus (1745) 615;
vgl. Haller restaur. d. staatswiss. (1816) 1.