stillstand,
m., nomen actionis zu stillstehen.
neben der form stillstand
begegnet vereinzelt stillestand.
der plural die stillstände
ist selten, er bezeichnet die verschiedenen zeiten des stillstehens; sieh unter 1
u. 5 b.
seit dem 16.
jh. 11) '
das stehenbleiben, sich nicht mehr bewegen'
von dingen und körpern (
häufig in der verbindung etwas zum stillstand bringen): (
es ist) an den grenzen der wüsten keine seltene erscheinung, dasz ströme durch den flugsand ... zum stillstand gebracht werden Ritter
erdkde (1822) 1, 1017; unsere feldlerche läuft ... behende ... mit kurzen stillständen Naumann
naturgesch. d. vögel (1822) 4, 166; eben diesem hindernisse wird die allmähliche abnahme der pendelbewegung und ihr endlicher stillstand zugeschrieben Hegel
w. (1832) 7, 1, 80; einen augenblick liesz sie die kinder ungewiegt. der plötzliche stillstand schreckte den kleinen aus dem schlafe Holtei
erz. schr. 13, 41; das andere mal, ein zweiter Josua, (
bat ich) um stillstand der sonne, wenn ich mich zu verspäten drohte G. Keller
ges. w. (1889) 1, 41; (
die maschine) muszte zum stillstand gebracht werden Boltzmann
populäre schr. (1905) 86.
auch der zustand des stillstehens: also auch jetzt gibt die zeit regen, dann schnee, jetzt nasz, dann trocken, jetzt wind, dann stillstand Paracelsus
opera (1616) 1, 695
c Huser; nach einigem stillstand (
der flüssigkeit) blosz das oberste abschöpfen Lichtenberg
br. (1901) 2, 295; jedesmal, wenn des planeten direkte bewegung in rückgängige, oder diese in jene übergehet, scheint er einige zeit gar keine bewegung zu haben (welches man seinen stillstand nennt) Fr. Th. v. Schubert
verm. schr. (1823) 1, 66; mit groszem vergnügen hört ich ihn neulich über die epochen in der lebenszeit reden und von dem stillstand der mitternacht, von einer ehernen erschrecklichen stille, die er von 12-2 in einsamen gegenden beobachtet W. Grimm in:
briefw. zw. J. u. W. Grimm (1881) 81; (
die) annahme des stillstandes der erde A. v. Humboldt
kosmos (1845) 2, 504. —
in besonderem sinne als '
ruhe, ungestörtsein': betrachtet doch das sichtbare geschöpff ihre natur, gelegenheit, ordnung, stillstand, bewegung, einhelligkeit, holdseeligkeit Fr. Rhot
Jesus Sirach (1587) 1, 9
b; so geschieht es nicht in friedlichem stillstande, da ein mensch in guter ruhe ... sitzet, sondern im streit Jakob Böhme
s. w. 5, 623
Schiebler; leute die ... dafür halten, dasz ohne sie alle mänschliche einigkeit, friede und stillstand in ewigkeit verjagt und die welt längst wäre zu boden gangen Moscherosch
gesichte (1650) 1, 385; in dieser meynung, dasz ... Cato in seiner weiszheit ruhestunden und stillstand öffters gehabt, werde ich ... gestärket Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1500
a.
[] 22)
das stehenbleiben einer entwicklung, lebensbewegung, der vorgänge des organischen und menschlichen lebens: dann wir sehen in all creatur keyn stilstand Seb. Franck
sprüchw. (1545) 1, 93
b; befinden sie einerley masz, so glauben sie einen stillstand des glückes J. Prätorius
saturnalia (1663) 407; ist endlich tod die lösung des bandes leibes und der seele, der stillstand und das aufhören ihrer den leib belebenden kräfte Herder 19, 130
S.; es ist ein stillstand in meinen funktionen eingetreten Göthe
gespräche 8, 212
Biedermann; die möglichkeit, dasz die kausalreihe dereinst in einen absoluten stillstand endige, können wir denken Schopenhauer
w. 1, 629
Gr. —
in der entwicklung, besonders des menschen, der zustand, in dem sie den höhepunkt erreicht und sich nach kurzem stehenbleiben abwärts kehrt (
vgl. unter stillstehen 2,
sp. 3048
das häufige sprichwort als begleittext zu bildlichen darstellungen der lebensalter): wie er ein gewachsenen menschen, der in seinem stillstand wirde und krafft ist, höher wirdert denn ein kind oder jüngling Joh. Mathesius
Sarepta (1571) 173
a; (
gott hat) allerley metall in berg ... gesprochen, die sich in gengen ... samlen, und bisz zu ihrem stillstand und volkommenheit durch seinen segen in einem gebirg ertz wachsen solte 30
b; am ende des dritten jars stossen sie (
die ochsen) alle (
zähne) miteinander: wann sie dann im stillstand sein, so sein auch alle ire zAen gleich weiss Sebiz
feldbau (1579) 124; mit dem stillstand im vierzigsten gegenüber dem dreiszigsten jahr scheint in der that die schwebe zwischen jünglings- und mannesalter gemeint Jac. Grimm
kl. schr. 1, 193; jedes geschöpf hat drey perioden, wachstum, stillestand, abnahme Hufeland
kunst d. menschl. leben zu verlängern (1797) 74. — '
die ruhe des lebens': es musz zwischen der unruh meines lebens und tag meines sterbens wasz zeit und stillstand seyn Zinkgref-Weidner
t. nation weish. 3 (1653) 39; dort war jeder gang, jede bank, ja jedes blumenbeet noch immer auf dem alten platze, so dasz die seele ... diesen gemüthlichen stillstand kaum fassen konnte Eichendorff
s. w. (1864) 2, 269. —
in anderer färbung, '
unbewegtheit, gelassenheit': er huldigte einer geistlichen gelassenheit, einem stillstande, einer unbeweglichkeit der seele, die alle betrübnis in sich aufzehrte und sich, ohne sich zu rühren, von den göttlichen sachen und allen guten dingen anfüllen liesz G. Keller
ges. w. (1889) 6, 353. 33)
mit negativer wertung, stillstand
als gegensatz zu fortschritt;
seit dem 18.
jh.; besonders in der politischen und wissenschaftlichen sprache des 19.
jhs.: wo glauben ist, da hat in der seele kein stillstehen statt, stillstand und glauben heben sich auf Lavater
pred. üb. d. brief an Philemon (1785) 1, 456; aller zusammenhang der kräfte und formen ist weder rückgang noch stillstand, sondern fortschreitung Herder 13, 177
S.; wären die nationen ganz voneinander getrennt, so würden vielleicht alle ... zu dem chinesischen stillstand gelangt seyn Lichtenberg
verm. schr. (1800) 1, 148; stockung und hemmung sind nunmehr kaum denkbar; eher vielleicht voreil und übertreiben als krebsgang und stillstand Göthe II 6, 165
W.; ein schuster, der vom stillstand hört, wichst giftig seinen draht, bei ihm musz alles fortschritt sein, sonst wird er desparat Glaszbrenner
verbotene lieder (1844) 167; die märztage in Wien überraschten kaum, in Wien, wo die lehre des stillstands unüberwindlich geschienen H. Laube
ges. schr. (1875) 16, 90; die entartung entspringt in beiden epochen aus dem stillstande, aus dem glauben, dasz alles gethan sei P. de Lagarde
dtsche schr. 286; die männer der öffentlichkeit wogen sorgfältig ab, ob sie es schuldig seien, für den radicalen fortschritt ... oder für den stillstand in der orthographie zu stimmen W. Scherer
kl. schr. 1, 432. 44)
das stehenbleiben, aufhören geistiger und seelischer bewegungen und strebungen: aber so man inen do mit wil wyder stehen an heuptlicher lere, so spaciren sy neben aus, und weren sich dargegen, meher als in eynem furgang,
[] dan in eynem stillstand Eberlin v. Günzburg
s. schr. 2, 51
ndr.; dadurch aufgehalten werden die fleischlichen syndlikait, ... auf solich ermanung und stillstand (
der sündigen lust) berewt sich der mensch und steet auf vom tod der sünd Berthold v. Chiemsee
t. theol. 497
R.; der stillstand deines grams ist nur ein falscher fride, und kündigt lauter aufruhr an Giseke
poet. w. (1767) 165
Gärtner; allerley häusliche umstände ... haben mehrere solche stillstände veranlaszt wie der zwischen ihnen und ihm Lichtenberg
br. 3, 125
Leitzm.-Schüddek.; in einem solchen zustande ist die seele begierig, einen jeden gegenstand zu umfassen, der sie aus diesem unleidlichen stillstand ihrer kräfte ziehen kann Wieland
Agathon (1766) 2, 114; nichts bringt den menschen tiefer hinab als ein trauriger stillstand seiner gedanken Herder 17, 247
S.; mein verstand hat seit montag einen stillstand gehalten Schiller
br. 1, 103
Jonas; durch den widerstreit der motive, die der intellekt dem willen vorhält, dieser in stillstand gerät, also gehemmt ist Schopenhauer
w. 2, 255
Gr.; das köstlichste was ich haben kann, ist ruhe und heiterkeit, das war ja die ursache meines stillstandes seit 1848, dasz diese beiden fehlten A. Stifter
briefw. 2, 90. 55)
das aufhören, stillstehen menschlicher einrichtungen, unternehmungen, tätigkeiten. 5@aa) stillstand
in der menschlichen arbeit, in bestimmten tätigkeiten und unternehmungen; '
einstellung, unterbrechung'; stillstand einer arbeit, stillstand in einer arbeit;
vgl. cessatio müssiggang, saumung, hinderhaltung oder stillstand J. Frisius
dict. (1556) 205
b; haben wir verordnung und bevelh geben, mit inen abermals umb stilstand irs furnemen (
eines aufruhrs) ... zu handlen (
v. j. 1525)
d. dtsche bauernkrieg, aktenbd. 329
Franz; welches sichs die von Amberg ... mit anzeig, wie ine ... Castners und der Plech fürhaben ... nachteil geberen wirdt, etwas hoch und vast beschwerdt, und um stillstandt und instehens (
eines bergbauunternehmens) zu haben angeruffen (
v. j. 1531) v. Lori
bair. bergrecht (1794) 197; sintemal die feldarbeyt, wie eyn urwerck ... gehn musz, und wo ein gesind ... zu rechter zeit nit dem andern sein befolen werck in die hand richtet, das gantze werck stillstand halten musz Sebiz
feldbau (1579) 559; der abschnitt oder die cäsur ist ein abzug oder stilstand in mitten des verses, wenn man bey lesung oder abmessung des reimes ein wenig stille hält Schottelius
t. vers- od. reimkunst (1656) 71; sie nahm also, bey einem kleinen stillstande des gespräches, die gelegenheit wahr, ihn anzureden J. J. Chr. Bode
Thomas Jones (1786) 5, 50; Tasso hat einen stillstand gemacht. der achte band ist indesz auf dem sprunge Göthe IV 9, 44
W.; heute kommt der herzog. das gibt einen stillstand in unseren arbeiten 20, 337
W.; so wie für diese, gibt es auch für das recht keinen augenblick eines absoluten stillstandes v. Savigny
v. beruf. uns. zeit (1814) 11; indessen ganz abgebrochen war auch während jenes stillstandes (
der nordischen studien) der faden nicht Wilh. Grimm
kl. schr. 3, 3; und es wird für mich der stillstand der geschäfte (
kaufmannsgeschäfte) eintreten. sie werden in andere hände übergehen oder sich ganz auflösen A. Stifter
s. w. 7, 333. —
im besonderen sinne vom stillstehen (
retardieren)
einer dichterischen handlung: so ist in unserer vortrefflichen Iphigenia nach dem dritten aufzuge ein stillstand, wir sehen nur eine vorbereitung des schlusses Tieck
schr. (1828) 5, 155; denn es bleibt ewig wahr, dasz keine characteristik der welt für den stillstand der handlung entschädigen kann Fr. Hebbel
br. 6, 345
Werner. 5@bb)
gerichtlich; zeitweiliges aufhören der gerichtsbarkeit, unterbrechung eines gerichtsverfahrens, vgl. justitium ... stillstand am gericht, wenn man wegen eines plötzlichen falls nicht gerichte sitzt A. Corvinus
fons lat. (1646) 446; wo die weltlichen richter solchem nicht nachkommen, so sollen solche weltliche richter stillstand haben in iren gerichten ein monat lang
ordnung, statuten u. edict keiser [] Carols V. (1540) b
b; an etlichen orten ... werden treitägige stillstände und verzüge, wo sie beklagter begert, zugelassen
M. Beuther
praxis rer. crimin. (1565) 57
a; wo man aber den termin versaumt, ist der grundherr nicht schuldig einen stillstand deszwegen zu halten v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 45; mittlerweile waren alle ceremonien eingestellt, die gerichte machten einen stillstand, wie in einer eroberten stadt Schiller 7, 233
G.; so sind in allen ländern bisweilen gerichtliche stillstände oder ferien K. L. v. Haller
restaur. d. staatswiss. (1816) 2, 256; die verjährung ist gehemmt, solange der berechtigte durch stillstand der rechtspflege innerhalb der letzten sechs monate der verjährungsfrist an der rechtsverfolgung verhindert ist
bürg. gesetzbuch § 203.
weniger häufig '
aufschub in einer zahlungsangelegenheit, frist': allain es wöll ainer dem andern, der gmain one nachtl (
nachteil), aus gueten willen stillstand erweisen
österr. weist. 5, 69, 29; es ist zu unsern zeiten etwas sehr gemeines, dasz die verschuldeten erben einen vieljährigen stillstand, unter der bedingung, jährlich eine summe zur tilgung ihrer schulden aufzubringen, erhalten J. Möser
w. (1842) 5, 100
Ab.; vgl. noch 1, 188; von stillständen und von der behandlung der gläubiger
allg. dt. bibl., anh. zu bd. 37-52, 1161. 5@cc)
vom aufhören kriegerischer handlungen, '
waffenstillstand'.
am häufigsten und frühesten (16.
jh.) stillstand,
seltener (
seit dem 17.
jh.) stillstand der waffen (
heute ist waffenstillstand
geläufiger): der krieg hat wol vier tag stillstand J. Ayrer
dramen 1457
Keller; wann die silber- und schatzkammern und kasten geledigt und gereumet, so machen sie bündnusz ... oder stillestand zum friede Wolfg. Bütner
epitome historiarum (1596) 212
a; vollziehung des stillstands mit Polen Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 1; es wurde zu dem ende ... von beiden seiten ein stillstand getroffen, damit sie zeit und musze haben möchten, ihre todten zu beerdigen H. v. Fleming
soldat (1726) 371; Turin und Parma schlieszen stillstand Göthe 49, 414
W.; so dasz bei ablauf des stillstandes 68 bataillone landwehr formiert waren Treitschke
dt. geschichte 1, 466; dir kirche suchte durch den frieden gottes ... oder den stillstand gottes dem übel einhalt zu tun Ranke
s. w. 8, 22. — diese vertauschten mich dem könig von Corea, ... mit welchem sie eben stillstand der waffen gemacht hatten Grimmelshausen
Simpl. 454
Scholte; bey getroffenen stillstand der waffen Ettner v. Eiteritz
mediz. maulaffe (1719) 314; eben so findet sich, dasz die Lacedämonier einen stillstand der waffen von vierzig tagen machten Winckelmann
s. w. (1825) 5, 350; verhandlungen über einen krieg oder einen stillstand der waffen Ranke
s. w. 8, 38. —
ähnlich: item, wan der richter ... von gerichts und obrigkeit wögen fridt und stillstand pudt
österr. weist. 9, 309 (16.
jh.). 66)
vereinzelte gebrauchsweisen. im schweizerischen: '
gemeindegericht, preysbyterium'
; dazu stillständer (
s. d.).
vgl. 'stillstand,
name eines gemeindegerichts, das Zwingli zur aufsicht über zucht und sitte in den gemeinden einsetzte. die bezeichnung ist daher gekommen, dasz die mitglieder dieses presbyteriums nach weggang der gemeinde aus dem gottesdienst beisammen blieben' P. Zeller
theol. hwb. (
Calwer kirchenlex.) (1843) 2, 764; Stalder
schweiz. id. 2, 399; Tobler
Appenzell. 409
a:
consistorium stillstand in den kirchen Dentzler
clavis (1697) 1, 721; während diesem tumult ersuchten unserer vorgesetzten den pfarrherrn zu G., ... einen stillstand zu halten U. Bräker
s. schr. (1789) 2, 267; und versammelte zu diesem ende am 2. januar seinen 'stillstand', wie ... die kollegien der kirchenältesten in den gemeinden des kantons Zürich amtlich hieszen und noch heiszen Joh. Scherr
gröszenwahn 259; — '
ort, an dem landgrenzen zusammenstoszen': an einem stillstande,
d. h. an einem orte, wo die grenzen dreier dörfer zusammenstoszen A. Peter
volkstüml. a. österr. Schlesien 2, 56. —