zusehen,
v. ,
ahd. zuosehan Graff 6, 122;
mhd. zuosehen Lexer 3, 1186;
mnd. nd. tosên,
mnl. toesien.
dem wort gegenüber ist zuschauen
das gewähltere schriftmäszige und zugleich landschaftlich süddeutsche, s. th. 8, 2310
und die belege o. 788
f. 11)
in eine richtung sehen als übersetzung von spectare ad: an dem ende, da
das gebirge gegen dem untern meer zusicht Xylander
Plutarch (1650) 125
b. 22) z.
bezeichnet die innere betheiligung an dem gegenstand des sehens, '
gegenwärtig sein und sehen' Adelung.
bes. in neuerer zeit gerne an mit
angeschlossen, s. den beleg aus Göthe
bei a,
aus K. Scheidt
bei b.
darauf beruht auch der unterschied von ansehen. 2@aa)
einem vorgange z.,
der dadurch zum schauspiel wird: ich kan
nicht zusehen des knabens sterben
1. Mos. 21, 16; wann er nur sicht deim mufflen zuo, dasz in auch selbs gleich hungern thuo K. Scheidt
Grobianus v. 4405; ich ... (
habe) in dem groszen kampfkreis dem pferdelauf mit zugesehen A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 387; die fürsten
Z. und Rh. hatten diesen begebungen gleichsam auf einer schaubühne ... zugesehen Lohenstein
Armin. 1 (1689), 80
b; der an ihrer seite sitzend dem tanze zusah Ebner-Eschenbach 3, 213; ich wünsche mir oft aus deinem fenster dem schönen erd- und wolkenspiel mit zuzusehen Göthe IV 20, 17
W. ebenso das part. präs. als subst.: dasz die zusehende anstuhnden, welcher art der vortrefflichkeit sie den ehrenpreysz solten zuurtlen graf v. Brandis
tirol. adlers ehrenkräntzel (1678) 226. 2@bb)
der vorgang wird nur angedeutet: und es waren viel weiber da (
auf Golgatha), die von ferne zusahen
Matth. 27, 55;
amphitheatrum eyn husz
v. ein stat, da man zusicht ritterschafft
zu tryben Diefenbach
gl. 32
a; Antonius hat solchs gethon und vil volcks mit zuosehen lon K. Scheidt
Grobianus v. 1001; es sahe sich possierlich zu, wenn er rauchte
Leipziger avanturieur 1, 111; geh in die kirche und sieh zu menschen beerdigen Hippel
lebensläufe 1, 312 (
nach Heynatz
antibarbarus 2, 681
in der '
gemeinen schreibart erlaubt'). 2@cc) z.
für sich, ohne angabe des vorgangs: item 1 scot den fischerknechten geschankt of dem zoge ..., als der meyster zusach
Marienburger treszlerb. 470
J.; fori die stende darauff man zusiehet
nomencl. hamb. 476; wir sind müder vom lachen als vom zusehen Gryphius
lustsp. 59
P.; der reinigungseid fand nur statt, wenn niemand zugesehen hatte Raumer
Hohenstaufen 5, 340.
bes. in wendungen des sinnes '
vor ihren augen'
u. ä.: iz wuahs in alagahunthar sie alle zuasahun Otfrid III 6, 37;
inspectante deo gote zusehentemo Notker 1, 32
P.; die (
fische) sy zuosehent des küngs aus dem weyer dem knecht ... zuowürfen Arigo
decam. 615
K.; dasz der vater zusahe Kramer 2, 754
c; dasz ... die päbste ... die ehe verbieten, die hurerei aber ... zusehender augen zugeben
neuentlarfftes Rom (1672) 413.
vgl. auch u. bei zusehends. 2@dd)
einer person z.,
sie bei ihrem thun beobachten: sihe der hennen und yhren küchle zu, da sihistu Christum und dich gemalet Luther 10, 1, 1, 281
W.; wie sant Augustin, da er einer spinn ein halbe stund hett zugesehen Fischart
Gargantua 296
ndr.; einem comedianten, springer, gauckler, fechter, taschenspieler, einem artzten z. Kramer; wenn ich ihnen (
den kindern) zusehe und in dem kleinen dinge die keime aller tugenden, aller kräfte sehe, die sie einmal so nöthig brauchen werden Göthe 19, 41
W.; und konnte reifen spielen wie ein junger marquis; wahrhaftig, es war ein vergnügen, ihm zuzusehen Fontane I 5, 163.
als lernender: das man dem lerer eben und wol zuseh und zuwarte und ym glaub
theologia deutsch 43
M.; die jungfrawen sollen ... den eltern dienen und lernen haushalten und z. Joh. Bugenhagen
Braunschw. kirchenordn. (1531) 52; auch vom herrn vatern in der wirthschaft zuzusehen unterwiesen und dazu gehalten worden H. v. Schweinichen
denkw. 21
Ö. 33)
wer zusieht,
handelt selbst nicht, so wendet sich zusehen
mehr und mehr nach der negativen seite. 3@aa) zusehen
im gegensatz zum handeln: des sichst du zu und schweygest still, samb kümmer dich die sach nit viel H. Sachs 5, 109
K.; es kriegt sich mechtig wol, wenn andre streitten, und du zusichst von weitten, bist fewrscheuch, magst des pulfers rauch nit schmecken Theob. Höck
schönes blumenfeld 114
ndr.; wer der arbeit zusiehet, der wird nicht müd davon Lehmann
floril. polit. (1662) 1, 46; wir können der französischen revolution wie einem schiffbruch ... vom sichern ufer herab zusehen Herder 18, 315
S.; also ... soll man die arme ruhig übereinander schlagen und z.? A. Ruge
briefw. u. tageb. 2, 238
N. 3@bb)
sprichwörtlich in besonderen anwendungen, nicht mitessen und -trinken, ggth. selber essen macht fett
u. ä.: wenn ander brassen und sich füllen, so hat er gar kein pfenning nicht. als denn er so sehnlich zusicht H. Sachs 14, 74
K.; sie hatte seit dreiszig jahren nur besorgt sein müssen, die heiszhungrige tochter zu füttern und derselben mehr zugesehen als selbst gegessen G. Keller 5, 144; jetz könne mir zusehn (
wenn man schon viel gegessen hat) Martin-Lienhart 2, 340.
beim spiel z.,
nicht mitspielen: die da z., können am besten spilen Luther 20, 115
W.; z. ist das best auffm spiel, da gibt man kein geld für Petri 2, Ooo 1
a; wer nicht wil z., der musz den beutel ziehen 2, Hhh 8
a; ich gewinn das z.
schöne weise klugreden 80
a; beim whist, wo ich meist zum z. geladen bin Bauernfeld
ges. schr. 2, 35. 3@cc)
unthätig einem vorgang z.,
ihn ertragen und nicht hindern können: ... du sichst zuo und geduldest, das der gast ... geschlagen wirt Schaidenreiszer
Od. 78
a; der narrheit z. Jac. Frey
gartenges. 14
B.; der sohn legt sich aufs spielen und allerley laster und der vater sihet zu Kramer; ich weisz es, der ich diesem irrsal seit mehr als zwanzig jahren zusehe Göthe IV 37, 189
W.; dasz Deutschland theilnahmlos (
dem unglück der Holsteiner) zusieht, ist schmerzlich und demüthigend Moltke
ges. schr. 4, 145.
mit bezug auf personen, wie nachsehen: das du mir ein solches zusechst, dast nit wehrest und widersprechst H. Sachs 5, 106
K.; einem schuldner noch eine weil z. Kramer.
besonders von gott: deine augen sind rein, dasz du übles nicht sehen magst, und dem jammer kanst du nicht z., warum siehest du denn zu den verächtern und schweigest, dasz der gottlose verschlinget den, der frömmer denn er ist?
Habakuk 1, 13; got der almechtig, ob er schon ein weil umb unser sünden willen zusicht, und laszt sein kirch von dem bösen angefochten werden Hieron. Gebwyler
beschirmung des lobs Marie (1523) 26
a; und sitzet doch gott am gericht, der kan int leng zusehen nicht H. Sachs 7, 292
K.; arm war ich und übermüthig, lange sah mein gott mir zu Brentano 1, 114.
beliebt die wendung durch die
finger z.,
vgl. finger 10,
th. 3, 1654: sehet gleichsam als durch die finger zuo Schaidenreiszer
Od. 7
a; was thut gott ...? sieht er also durch die finger zu? Abr. a st. Clara
etwas für alle 2, 74; gestat seym hofgsind alln mutwillen und sach im nur zu durch die brillen H. Sachs 2, 138
K. 3@dd)
zeitlich befristet wird das z.
zum abwarten: die hauszmad sprach: ja, so will ich euch zusehen ein vierteljar, und so ir euch bekeret gar, alsdenn wil ich euch antwort geben H. Sachs 5, 213
K.; er (
gott) kan ein weil noch z.
sero molunt deorum molae Eyering
prov. copia 2, 691; man solte noch ein zeitlang mit mir (
dem kranken) z. Grimmelshausen 1, 252
Keller; ich danke für den beytrag zur auslegung des mährchens, wir würden freilich noch ein bischen z. Göthe IV 10, 355
W. 44)
als verstärkung von sehen
ist z.
das genaue hinsehen, aufmerken. 4@aa)
etwas sich genau ansehen: und schmiere dem rosz die schranckadern damit, und siehe zu, dasz es nicht angewachsen ist Mart. Böhme
roszartznei (1618) 34; anfangs hangt der himmel voller geigen, hernach wenn man recht zusieht, so sinds kaum nuszschalen Harsdörfer
gespr.-sp. 2, 303; so hätte er gewünscht, da droben einen hafen zu besitzen, wo er die schiffe anhalten und z. könnte, was für fremde köstliche dinge sie geladen hätten Brentano 5, 269; als ich aber schärfer zusah, war es S. nicht mehr Fontane I 4, 132; nachher freilich wurden sie (
die grundlagen einer geduldigen naturbetrachtung) von der sentimentalen naturschwärmerei überschwemmt, die nicht mehr genau z. mag Lichtwark
bildnis in Hamburg 2, 3. 4@bb)
dies geht über in die des geistigen aufnehmens und betrachtens: und täglichen noch woll zuesehen, dasz noch so grosze wunder gschehen
Endinger judenspiel 55
ndr.; (
das ir) dem deste gerner zuo sehent, ob ich nicht missetuo und ir damit besseront mich Rudolf v. Ems
Wilhelm v. Orlens 3579
J.; also bliebe nur noch eins ... übrig, (
dasz man) sich ... nach den resten des volksliedes ... umthue, zusehe und sammle Herder 25, 7
S.; wir wollen übrigens mit bestem willen zusehen, was die lebenden hervorbringen, indem wir die thaten der abgeschiedenen verehren Göthe IV 31, 260
W.; er wolle z., ob er von dem imperator eine milderung des Pariser vertrages erlangen könne Treitschke
dtsche gesch. 1, 328. 4@cc) z.
ist acht geben auf das was man zu thun oder zu lassen hat: wer sich läszt dünken, er stehe, mag wohl z., dasz er nicht falle
1. Kor. 10, 12; mir aber bald anbefohlen ..., in küche und keller helfen z., dasz bis zum fürstl. begräbnis richtig zuginge H. v. Schweinichen 460
Ö.; da ist nicht genug, dasz ein knecht oder magd selbst nicht stehle, sondern sie musz auch z., damit es andere nicht thun B. Schupp
schr. (1663) 349.
darauf beruht die wendung: ihr möget also z., wo ihr einen anderen vogt kriegt, der für euch zum kaiserlichen hoflager reitet Just. Möser 5, 14; ich zwinge meine tochter nicht. stehen sie ihr an — wol und gut, so mag sie z., wie sie glücklich mit ihnen wird Schiller 3, 364
G.; der doctor (
Faust) mag jetzt z., wie er (
der goldschmied) bezahlt maler Müller 2, 33. 4@dd)
feste wendungen mit verschiedener färbung sind auch die imperative geworden: sih zuo, so erhebt sich erst ein neüwer handel (
em, nova res extat) Boltz
Terenz (1539) 118
b; sehet zu! dort kompt ein landsknecht her, der wirt uns sagen neue mer Schade
satiren 1, 58; sieh zu, ob in dem keller noch bier vorhanden ist Rachel
sat. ged. 16
ndr.; holst ein paar schuh, die sind mir viel zu klein, sieh einmal zu Brentano 2, 126.
dies wird zu einer verbindenden bemerkung ohne deutlichen sinn für sich: (
Götz) sehe ain man zuo: der haist mich Götz und nit schuolmeister Albr. v. Eyb
dtsche schr. 2, 11
H.; sihe zu, wie daz klosterleben so dappfer und steiff in dem heiligen evangelio gegründet ist (
damit endet die erörterung) Hieron. Gebwyler
beschirmung d. lobs Marie (1523) 30
b.
besonders in warnendem sinne gib acht!: sehet aber zu, das yhr sie (
die sünde und böse lust) zwinget Luther 7, 331
W.; wer tantzen wil, der sehe wol zuo, welche er bei der hand neme
schöne weise klugr. (1548) 42
a; sihestu nicht vor zu, so sihe nach zu Petri 2, Ss 1
b; du sihe zu, dasz dich dein leben, zum schutz der ehre nicht gereut Logau 643
E. 4@ee)
danach ist auch z.
auf sich und andere vorsichtig achten, vgl. fürsehen u. vorsehen: welchen (
leiblichen kindern) man fleiszig warten und wol z. musz Huberinus
spiegel d. hauszucht 243
b; man kan nicht zu wol z. oder sich zu wol fürsehen Petri 2, Nn 7
b; ein vögelein ... suchet alsbald seine nahrung, aber eines menschen kind hat nicht so viel verstand und sinne, dasz es für sich zusehe A. Olearius
pers. rosenthal 100. 55)
viel gebraucht wird der infinitiv als substantiv den verschiedenen anwendungen des verbs entsprechend. wie oben 2: und waren ... für den gesamten raht bequeme stellen zum z. bereitet A. U. v. Braunschweig
Oct. 1, 896; im beiwesen und z. etlicher ... glaubwürdiger leut Fischart
bienenkorb (1588) 34
a.
besonders in adverbialen best. mit präp.: bei näherem z., ohne näheres z.
wie 3: den könig ... zu ruhigem z. bei den erschütterungen im orient ... zu vermögen Ranke
s. w. 31/32, 186; ich will, ... diese wissenschaft wie das l'ombrespiel lernen nur zum z., nicht zum mitspielen Gottschedin
br. 1, 81; ein paar buden mit flitterstaat, um welche sich die kinder und dasjenige volk drängten, welches sich einstweilen mehr mit dem z. begnügte G. Keller 4, 141.
verbreitet ist die wendung das z. haben,
vgl.das nachsehen haben
th. 7, 122: (
die mädchen) spielten alle schach, und wir männer hatten das z. Heinse 6, 206
Sch.; wir haben das z. da, wo wir nichts ändern können Forster
s. schr. 8, 177; wenn es lauter wirkende und keine endursachen gibt, so hat das denkende vermögen in der ganzen natur blosz das z. Fr. H. Jacobi
w. 4, 1, 59.
wie 4: die man alle und stete sollen ... zu seinen (
des königs) gnaden ein z. haben als zu dem obirsten vormunden der herzoginne und ires sones
lehnsurk. Schlesiens 1, 449; an herrnhöfen, wo eyn furst seynen synn gefangen gibt den groszen hanszen und schmeychlern und seyn z. lest anstehen Luther 11, 274
W. vereinzelt auch wie zusehends: bei zusehn schwind ich ab P. Fleming
dtsche ged. 1, 10
L. —