fürsehen ,
s. vorsehen.
ahd. furisëhan
haben nur die keronischen und die Pariser glossen, aus welchen beiden sammlungen die stellen unten angegeben werden; sonst findet sich ahd. forasëhan,
unser nhd. vorsehen.
mhd. sagte man eben so wol vürsëhen,
als auch vorsëhen,
doch das letzte, wie es scheint, spärlicher. nhd. fursehen.
voc. theut. v. j. 1482 i 7
b. Eychman q 8
a.
vocab. incip. teuton. f 4
a.
vocab. gemma-gemmar. (1505) t 8
d. v iij
a. fürsehen. Dasypodius 423
a. Serranus
dict. cc 3
a. Alberus
dict. T iij
f. dagegen bei Frisius (1556) 1052
a so wie 1085
a fürsähen
und vorsähen
und danach beide bei Maaler 149
c,
dann 476
b noch einmal das letzte wort. Emmelius (1630) Hh 8
b und Hulsius 51
b haben blosz fürsehen,
während Henisch 1304, 44
neben fürsehen
auch vorsehen
anführt, aber in den darauf folgenden beispielen nur das erste setzt, wogegen bei Stieler 2025,
indem er »für-
sive vorsehen«
ansetzt, in den beispielen einzig dieses letzte zu sehen ist. dasselbe findet auch bei dem spätern Steinbach 2, 569
statt, der »für-
et vorgesehen«
verzeichnet. Rädlein, Dentzler, Weismann, Kirsch
und dessen nachtreter Matthiä
bringen beide wörter, jedes an seiner stelle, welche ihm dem alphabete nach zukommt, doch weisen die beiden letzten bei vorsehen
noch auf fürsehen
hin, während bei diesem Frisch 2, 257
b, Hederich (1753) 993
so wie der ihm folgende Nieremberger D dd 1
b und Weber
deutschlat. universalwb. (1770) 319
a kurzweg auf jenes erste verweisen. auch bei Adelung
geschieht dies in den beiden ausgaben seines wörterbuches, doch ohne bei vorsehen
etwas über fürsehen
zu bemerken, und eine wenn auch nur kurze andeutung durfte man wol in einem rein deutschen wörterbuche erwarten. in seinem auszuge 2, 313
läszt er dann fürsehen
ganz weg, wie es denn auch Haas
in seinem deutschfranz. wb., Bauer
und Scheller
in ihren deutsch-lat. wörterbüchern (1798
und 1805)
nicht verzeichnen, doch hat jener erstgenannte (Haas)
in seinem deutschlat. handwb. 210
a fürsehen
als subst. aufgenommen. dasz fürsehen
gegen ende des 18.
jh. noch vertheidiger gefunden, erwähnt Heynatz
antibarb. 1, 436.
wenn nun auch in dem ersten viertel des 19.
jh. Campe
und Heinsius
mit jener verweisung Adelung
folgen, so scheint dies ohne bedeutung und blosze fortführung des einmal von den vorausgehenden deutschen wörterbüchern festgehaltenen wortes. Heyse
erwähnt es nicht mehr, und wirklich ist es durch vorsehen
bereits in den drei letzten jahrzehnten des 18.
jh. so verdrängt, dasz es, wenn es ja hier und da auftaucht, nur wie alterthümlich oder der mundart entnommen erscheint. Das part. praet. lautet fürsehen
und fürgesehen.
die letzte form ist die heute allein schriftdeutsche. s. nachher sp. 808
das part. praet. fürsehen.
Das wort steht II.
intransitiv, ohne casus, in den bedeutungen I@11)
vor sich hin sehen, vornhin sehen. I@22)
in die zukunft sehen, und zwar mit zuversicht, mit vertrauen. in die zukunft sehen oder ihr entgegensehen: der berg Morija heiszt dominus videbit, on zweifel, das ich allein es sehen sol, gleich wie ich, als da Abraham fürsahe, darinne er sich gar nichts fürsahe. das ist kürzlich nicht anders, denn ein rechten einfeltigen glauben und fest vertrauen, zuversicht, hoffnunge wil got von uns haben. Luther 1, 25
a. I@33)
mit voraussicht aufachten, vorbedenkend aufachten, vorausbedenkend sich in acht nehmen: du bist yetz gsund worden, fürsihe das (
dasz) du nit die sünd des haupts überkommest. J. Eck
christenl. unterr. 16
b; gott hat uns fallen lassen, wir haben gejrret, lasst uns nun fürsehen und recht leren. Mathesius
Luther (1566) 132
a; derhalben habt jhr wol fürzusehen, dasz, wann jhr nach schnee ziehet, er vielleicht vergeh, ehe jhr dahin kommet, wann jhr nach grasz gehet, es schon abgemehet sey. Fischart
Garg. 126
a (1608 Dd iiij
b); hat also ein verständiger wohl fürzusehen, wi und zu was zeiten
u. s. w. Butschky
kanzlei 321; er mus wohl fürsehen, keinen wegen eines lasters, mit welchem der herr selbst behafftet, bey demselben anzuklagen.
dessen Patmos 765.
vgl. unten III 2). I@44)
in voraussicht des zukünftigen thätig sein dasz das erforderliche da oder vorhanden sei, vorher sorgend vorkehrung treffen. um proviant fürsehen,
providere rei frumentariae et rem frumentariam. Dentzler 2, 118
b.
vgl.fürsehung thun
unter dem worte fürsehung. I@55)
im voraus fördernd die thätigkeit zuwenden. mit dat. der sache: dem gemeinen nutz fursähen und wol hauszhalten,
publice providere. Maaler 149
d.
vgl. auch hier den eben erwähnten ausdruck fürsehung thun. IIII.
transitiv, mit beigesetztem acc., dessen stelle aber auch ein satz einnehmen kann, und hat die bedeutungen II@11)
vorhersehen, voraussehen. dasz in dieser bedeutung ahd. furisëhan
gestanden, zeigt unfurisëhandi,
unversehens, unvermuthet, ex improviso, in den keronischen glossen 170
a bei Hattemer.
nhd. »
prospicere animo, bey jm selbs vor radten, vorgespüren, fürsähen«. Frisius (1556) 1082
b; »
conjectura aliquid prospicere, durch etwas gemerck fürsähen«.
ebenda und danach Maaler 149
d.
in den sinn überschlagend: gefaszt sein auf —. als dann man nichts vornam, dann aller kürtzweil, thurnieren, tantzen und andern reden, zu welchem ein jeder sein vermügen gebraucht unnd sich zum frölichsten hielte ... unnd gar nicht gedachten oder fürsahen die misztrauwen und ubelwöllung desz glücks, welche sich gemeiniglich understehen deszgleichen versammlung unnd freudenreiche tage, bey denen man mehrmals menschlicher schwachheit, trübseligkeit unnd jammers nicht eingedenck, besonder derselbigen vergist unnd vermeint, dasz der himmel (wie man sagt) gar voller geygen hange unnd sich das wetter nicht verkeren köndt, zu verwirren und mit leidt zu uberfallen.
Amadis 298, 632. II@22)
im voraus ersehen, vorausersehen, voraus ausersehen, vorher mit bedacht ausersehen. so ahd. furisih,
provide, in den keronischen glossen 158
a bei Hattemer
und in den damit stimmenden Pariser glossen Diut. 1, 179
a,
in so fern hier »
provide«
exod. 18, 21
übertragen ist. mhd. man liset, das sich unser hërre zuo einem mâle frœwete, dô ër indewendig an sach die von sînem vater fürsëhen wôrent. Tauler
in W. Wackernagels altd leseb., 4.
ausg., sp. 1023; wën ich in mîner êwikeit fürsëhen hab zer sælikeit, in dëm bestêt mîn genâde.
der Minne spiegel 358,
in der erlös. s. 254. II@33)
voraussehen und als zukommend erwarten, entgegenharrend voraussehen. fursehen,
providere vel expectare. voc. theut. 1482 i 7
b. II@44)
in voraussicht vorbedenken oder überdenken. colligere animo, bey jm selbs wol fürsehen. Frisius (1556) 246
b und danach Maaler 149
c,
der noch »
providere«
zufügt. II@55)
vorbedenkend für den fall des erfordernisses da sein oder vorhanden sein machen. noch wetterauisch und oberhessisch z. b. bei einem bau noch ein fenster in einem zimmer fürsehen, damit dieses volle hellung habe; schmelzbutter auf den winter fürsehen. II@66)
vorbedenkend für den fall des erfordernisses haben machen, vorbedenkend zum gebrauch oder zur verwendung ausstatten, versehen (
s. d.).
mhd. und wurden alsô wol vürsëhen daʒ in nihtes gebrast.
krone 26183.
nhd. fursehen oder versorgen,
providere. voc. theut. v. j. 1482 i 7
a. so hat er uns fürsehen mit manicherleig köstlicher treffenlicher hilf. Keisersberg
seelenparadies 110
a; da gieng
s. Johannes (
Chrysostomus) lang in dem walde und bat gott, das er mit seinen gnaden mit jm were und jn fursehe.
legende bei Luther 6, 501
b; fürsechent si nit ... nach got! Schade
sat. u. pasqu. 2, 144, 20; muos man si ... mit trib und trab und holz fürsehen. 149, 10. II@77)
mit voraussicht wahren, behüten oder bewahren, mit voraussicht sicherstellen. mhd., mit acc. der person: wirt ër vor zouber niht vürsëhen und endelîche wol bewart ...: wirt aber ër wol behuot so enwart nie ritter sô guot.
krone 28567; vasten vertreibt niht allain die eingevallen siehtüem, ëʒ fürsiht uns auch und beschërmt uns vor dën künftigen siehtüemen. Megenberg 492, 14.
nhd., mit acc. der person oder der sache: fursehen, bewarn, huten,
cavere. voc. theut. v. j. 1482 i 7
b. man hats fürsähen und fürkommen. Frisius (1556) 1085
a.
cavere testamento, im testament oder gemächt fürsähen, verordnen und fürkommen. 199
a und danach Maaler 149
d; wir wollend das auch wol fürsähen,
sed id quoque videbimus. Maaler
ebenda. mit acc. der sache in dem sinne: mit voraussicht aufachtend wahren oder bewahren, mit voraussicht in acht nehmen, vorausbedenkend in acht nehmen. die alt sprach: mein mann ist fein trachtsam, gut ordnung in dem hausz er hat und kauffet ein all ding nach rath, zu rechter zeit all ding für sicht, dasz ein ding werd verwarlost nicht durch meid und knecht oder durch kinder. H. Sachs I (1590), 335
a. II@88)
vornhinaus sehen machen, weisen, zeigen. mhd. dar umbe hât uns unser hêrre ougen gegëben an dëm lîbe und ouch an dër sêle: als uns diu ûʒern ougen wîsent unde zeigent das wægeste (
vortheilhafteste, beste) an lîplîchen dingen, daʒ uns diu innern ougen dër verstantnüsse alsô lêren unde vürsëhen, waʒ das beste sî an geistlîchen sachen.
myst. 1, 330, 9.
zwei handschriften des 14.
jh., eine Straszburger und eine Münchner, lesen hier wirklich weisen
d. i. wîsen
statt vürsëhen.
nhd. läszt sich diese bedeutung nicht mehr nachweisen. doch vgl. oben I 1). II@99)
voraussehend bestimmen, voraussehend festsetzen, vorausbestimmen. predestinare, bereyten zu eim auszerwelten, fursehen zu eim auszerwelten, fursehen, von ewigkeit an sehen, bereiten zum heil. Eychman q 1
b.
provisum hoc legibus, die gesatzte habend das geordnet, oder, man hats fürsähen oder fürkommen mit, u.
s. w. Frisius (1556) 1085
a. IIIIII.
reflexiv, sich fürsehen,
in den bedeutungen III@11)
mit voraussicht oder vorbedenkend für den fall des erfordernisses zu haben oder auszustatten thätig sein. III@22)
mit voraussicht aufachten, vorausbedenkend sich in acht nehmen. vgl. oben I 3). so sehet euch fur, fur ewrem geist, und verachte keiner das weib seiner jugent.
Mal. 2, 15; darum hüte dich und sihe dich wol fur, du lebest in grosser fahr.
Sir. 13, 17; sihe dich für, das du nicht selbs drüber zu schaden kompst. 29, 27; sehet euch für, das jr jnen solchs nicht nachthut.
Bar. 6, 4; sehet euch fur fur den falschen propheten, die in schafskleidern zu euch komen, inwendig aber sind sie reissende wolffe.
Matth. 7, 15; sehet euch fur fur dem sawerteig der phariseer.
Marc. 8, 15; sehet euch fur, das wir nicht verlieren, was wir ererbeitet haben, sondern vollen lohn empfahen.
2 Joh. 8; ich wil mich fürthin basz fürsehen, es sol mir nit mehr not geschehen. Alberus
dictionar. T iiij
a,
der erste satz auch in dessen buch wider Witzel M 4
b; ich sehe mich für, ht mich, hab meinn acht, ich meid, vermeid, ich schew.
dictionar. a. a. o.; sis cautus, sehe dich für, sei gewarnet.
ebenda; man kan sich für eim dieb htten oder fürsehen. T iiij
b; alleyn vermane ich euch, dz (
dasz) ihr euch fursehen, was ihr thut.
dessen wider Witzel L i
b; man seh sich für mit allem fleisz, das sich niemandt an dem bescheisz, der nichts dann höhn und spotten kan.
dessen Esop (1550) 107; Alexander Magnus ist hie, ... der all herrschafft gert zuverdrücken mit list und gwalt und wie er kan, secht euch für, tht sein mszig gahn, kehrt euch nit an sein schmeichelwort. H. Sachs III (1578). 2, 222
b; es musz sich aber ein junger hoffmann wol fürsehen, dasz er nicht peccire in excessu oder in defectu. Schuppius 109; so ist sich wohl fürzusehen, das man ihme solche leute erwehle (
nemlich zu freunden), da sich weder des sagens noch fragens zu scheuen ist. Butschky
Patmos 413; seht doch, eine grosze spinne kriecht zur tochter in das hausz: seht euch doch bey leibe für, denn es ist ein gifftig thier. Picander 3, 450; sehen Sie sich wol für, milady — stunden der nüchternheit, augenblicke der erschöpfung könnten sich melden. Schiller (
Gödeke) 3, 462 =
kab. u. l. 4, 7
in den meisten ausgaben. doch ist sich fürsehen
in der zweiten hälfte des 18.
jh. bereits sehr selten und schriftdeutsch durch sich vorsehen
verdrängt.