geberde,
gebärde,
f. n. ,
subst. verb. zu gebaren (
s. d.),
ein lange wichtiges wort mit viel weiterem lebens- und begriffskreise als jetzt, gleich seinem zeitworte. II.
Form und nebenformen. I@aa)
ahd. ist nur bezeugt fem. kipârida, gipârida, gebârda
u. ä., gestus, motus, habitus, species, nutus, signum, situs, s. Graff 3, 150
fg., es musz aber auch ein neutr. gipâridi
gegeben haben, wie bezeugt ist gibâri
n. (
s.gebär 2),
mhd. gebære
n. neben gebâre
f., ahd. pâra
f. (
s.gebar 3),
von welchen die formen mit -ida
und -idi
nur gleichsam vollere bildungen sind (
s. sp. 1615);
noch nhd. gehn eine zeit lang neben einander gebär
und gebärde,
beide als f. und n., auch gebar.
mhd. gebærde,
aber auch schon gebêrde (
s. d)
und noch gebârde (
Wig. 44, 7
B).
mnd. geberde, geber,
apparatus, gestus. Dief.
n. gl. 29
a;
auch geberte Schiller
u. Lübben 2, 19
b (
wie gebênte,
s. gebein 1,
b).
mnl. gebard,
auch gebeerre,
s. Oudem. 2, 360. 362,
die letztere form mit angeglichnem d
auch rhein. im Rother, gebêrre 2198. I@bb)
auch mhd. ist das n. nur einmal verzeichnet, und zwar md.: seht an sîn gebierde (: zierde), eʒ zieret vür der sunnen glast. Frauenlob
spr. 133, 11.
aber wie von den stellen im mhd. wb. 1, 149
nur zwei oder drei das fem. sicher zeigen, während in den pluralformen auch das n. enthalten sein kann (
auch Nib. 429, 3),
so findet sich das n. in den var. versteckt, z. b.: sîn gebærde daʒ was sæleclîch.
Wig. 44, 7
in B. nhd. im 16.
jh. oft genug, oberd. wie md., z. b.: edeles geberde.
Bocc. 1, 106
a; gott hat .. das geberde. Luther 4, 151
a,
der es sogar nur so zu brauchen scheint (
s. Dietz 2, 16
fg.); das reich gottes kömpt nicht mit einem euszerlichen geberde oder schein. 1, 74
b; gelobet sei gott und gelobt sei dein geberd.
buch d. liebe 306
d,
nach 1 Sam. 25, 33,
wo rede
für geberd (
vgl. aus Henisch
unter II, 5,
a); redet ich zu meinen gesellen mit trawrigem geberd und worten also. Schaidenreiszer
Od. 163
a; wiewol du ein erbars adeliches gebärdt hast. 174
a; von tugend rein und schonem geberd.
Ambr. lied. 91, 3. 154, 7,
wo vielleicht berd
gemeint ist (
s. e).
noch im 17.
jahrh.: das geberde Henisch 1386 (
neben harte geberde
u. ä.); sein sterbendes geberd' ermuntert mich die nacht. A. Gryphius 1, 206 (
Card. 1, 507),
sein gebaren als sterbender (
s. II, 6); das (
pferd) hatt' ein kleinen kopf und adelichs geberde. Werder
Ariost 19, 65; der sein geberde nicht zur ehrerbitung neiget. Logau 2, 3, 58.
und doch gibt nur fem. schon Maaler 158
c, die gebärd (Dasyp., Henisch, Schönsleder
sind um das geschlecht unbekümmert),
ebenso nur die gebärde Steinbach 1, 150, die geberde Frisch 1, 63
a, Ludwig 698, Rädlein 324
a,
die aber alle schon nur den plur. noch als gebräuchlich behandeln. I@cc)
der pl. erscheint im 16.
jh. noch in starker form, die ihm ursprünglich allein gebührt, z. b.: so die euszerliche geberde so strenge sollen gelten. Luther 3, 55
a;
dieser pl. ist öfter anzunehmen, als er sicher erkennbar ist, z. b. seltzame geberd treiben,
gesticulari. Schönsl. S 6
a; geberd erzaigen,
motus dare. das.; leut, die durch schein betrogen werden, geberde, prangen und das prachten höher denn kunst (
wissen, bildung) und tugent achten. Waldis
Es. II, 76, 17.
aber daneben auch schon geberden treiben
gesticulari Dasyp. 337
a, Alberus Cc 2
a, vol geberden
gestuosus Dasyp.
das. (
sing. geberd), gebAerden Maaler 158
c,
gerade im alem. gebiete mag dieser pl. sich am frühesten entwickelt haben vom gen. aus, der da schon in ältester zeit diesz -n
zeigt (
s. unter kind I,
g). I@dd)
das gebierde
unter b aus Frauenlob
steht nicht allein, es zeigt sich auch später noch in md. mundart, z. b. in einem voc. des 15.
jh., der dem Mittelrhein anzugehören scheint, gebyrde
gestus Dief. 261
c,
und noch im 16.
jh. bei Luther: ein mensch, dem leid und ubel zu mute ist, der hat auswendig elend gebirde.
buszpsalmen C 5
a (Dietz 2, 25
a),
später zurückgeführt auf geberde
schr. 1, 24
a;
es ist die übertriebene wirkung des umlauts, wie sie sich in der md. volksrede noch heute vielfach zeigt, æ
durch ê
hindurch vollends zu î
erhöht (
wie umgekehrt da gern ursprüngliches i
durch brechung bis zum a
hinuntergeht).
kurzer vocal ist mir aber bei dem gebirde
nicht wahrscheinlich, so wenig wie in mhd. zeit bei dem md. wie oberd. geberde (
das im wb. als gebërde
angesetzt wird den reimen nach),
alem. z. b. im Reinfried 8023. 15206. 18043;
zu einer so gewaltsamen kürzung war der verbrauch des wortes doch wol nicht grosz genug. I@ee)
auch ohne ge-
blosz berde, berd
noch nhd., wie baren
für gebaren (
s. dort I,
a), berden
für geberden, ber
für geber (
s.gebär 3);
im folgenden verlangt der reim für das gedruckte berd
freilich ber,
das doch schon damals anstosz finden muszte: ich wünsch allen frawen ehr durch einer frawen willen, ich lieb ihr freundlichs berd gar heimlich und gar stille. Joh. Ott 115
liedlein Nürnb. 1544
nr. 35,
also auch n., wie u. b; s. mehr unter berde (
auch bei Luther, Ayrer),
mhd. bærde
z. b. unter II, 2,
a. I@ff)
die schreibung geberde
ist nhd. vorherschend, obwol gebärde
wiederholt noch auftaucht, wenn man sich des ursprungs von gebaren
erinnerte; das letztere mit längenbezeichnung in gebahren
zog dann auch gebährde, gebehrde
nach sich. das oberdeutsche geperde
erscheint auch bei Luther
ursprünglich, s. unter 4,
a. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11)
auch als sing. schon bezeichnet es ursprünglich die ganze haltung, die gebärd und weis eines menschen,
gestus (
von se gerere) Maaler 158
c,
wie einer seiner art nach gebaret
oder sich gebaret,
z. b. wol
oder übel. II@1@aa)
dem wol gebaren (
s. d. II, 1)
entspricht gute
oder gutes geberde,
mhd. guot gebærde (
vgl. wolgeberdig
unter geberdig 3); H. Sachs
z. b. preist seine zweite frau: ich schweig der hoch (
hohen) geistlichen gab, die ir gott ausz genaden gab ... mit guter geberd, sitten und tugent, die sie anfieng in irer jugent. V, 2, 330 (1, 15
Göz),
zugleich als ausdruck des innern, s. unter 5,
e; im musterbilde einer frau aus dem 15.
jh., bei einem preistanze: welche frau das pest thut mit tanzen, (
nämlich) mit hübschen triten, mit ümbher schwanzen, mit züchtigem lachen, mit lieplichem schmutzen (
lächeln), mit guter geperd, mit freuntlichem angutzen (
anblicken), der wil man schenken (
als preis) ain pernlein kranz.
fastn. sp. 764, 24,
mit var. mit gutem geperd.
auch geradezu gleich bildung, gute sitten, gleich zucht
oder zucht und ere
u. ä.: besser ist haben guot geberd, dann alle richtum uf der erd. usz sitten man gar bald verstat, was einer in sim herzen hat. Brant
narr. 9, 17;
vgl.edeles, adelichs, schönes geberde
u. I,
b. auch verbunden sitten und geberde: wer hat bös sitten und geberd ..
das. überschr., wo freilich auch geberd
plur. sein kann. II@1@bb)
von einem bildungslosen heiszt es z. b., er habe geberde wie eine kuh: mancher der sitten wenig schont, das schafft, er hat sin nit gewont und ist gezogen nit dar zuo, des hat geberd er wie ein kuo. Brant 9, 24.
dem übel gebaren,
sowol von dem thun und lassen ungebildeter als mismutiger, unglücklicher u. ähnl. gebraucht, entspricht auch einfach ungeberde, schon mhd. ungebærde,
ahd. ungipârida
rabies, fastidium Graff 3, 151,
und noch im 18.
jahrh. z. b. bei Steinbach 1, 151 (
und noch jetzt ungeberdig),
auch von allem auffallenden gebaren,
z. b.: dâ fledert sie (
die verzückte) mit den armen und wônt, sie wêr ein gans, biʒ die priôlin sprach 'du bist kein gans'. dâ lieʒ sie aller êrst von der ungepêrde.
nonne von Engelthal 14, 12 (
s. unter gänsehimmel),
wozu auch verbal ungebaren,
z. b.: als imant sluge, stoisze ader ungebarte in finstern steden ..
weisth. 1, 542,
wie heute er weisz sich nicht zu benehmen.
und entsprechend schon mhd. auch blosz gebâren
von gutem, gebildetem gebaren, wenigstens verneinend (
vgl. Walther 120, 12): zuht zieret frowen wol, schœn gebærde si haben sol .. ist daʒ sie niht gebâren kan, sie haʒʒent sicherlich die man. Zarnckes
d. Cato s. 134,
vgl. geberdig
gleich wol gebarend, fröhlich u. ä. II@1@cc)
die ganze haltung als ausdruck der stimmung, neigung, güte, des wolwollens u. a., des gemütes überhaupt: o was lieplicher gepärd hast du in allem deim thun und laszen, wol schmeckt (
duftet) alle ding, wenn du dich bewegst, so herzlich wol ist es allenthalben
u. s. w. Wirsung
Calistus 2,
wo doch der sing. nicht sicher ist wegen der urspr. starken form des plur.; ich mag des nicht, der stolz geberde und hohen mut hat.
ps. 101, 5; ein mensch, dem leid und übel zu mute ist, der hat auswendig elend geberde, schlecht das heubt nider. Luther 1, 24
a; mit trawrigem geberd. Schaidenreiszer 163
a (
s. unter I,
b); freundliche gebärd des leibs,
gestus corporis venustus. Henisch 1386.
der deutliche sing. aber noch im 17.
jh. und länger bei dichtern, besonders als reimwort: er ist nicht werth so gar, dasz seine mutter selbst je eine jungfer war, der sein geberde nicht zur ehrerbitung neiget, sein haupt zum tiefsten bückt, den fusz in demut beuget .. für so ein liebes volk und himmlisches geschlecht. Logau 2, 3, 58 (
jungfrauen); zerraufte sie ihr rabenhaar und warf sich hin zur erde mit wütiger geberde. Bürger
ged. 1778
s. 82; der eine flieht mit düsterm blick von hinnen, der andre weilt mit fröhlicher geberde (: erde). Göthe 13, 177 (
die geheimnisse); an offenheit, an unschuld der geberde scheint er ein mensch von einer andern erde. 13, 181; da versetzte Reineke drauf mit verstellter gebärde. 40, 71; stolz und würde sprach aus der gebärde (
des sprechenden): einen edlen gab ich dieser erde. Schiller IV, 6, 17.
von der körperhaltung, mehr äuszerlich: mit aufgerichteter geberde der mensch dazwischen steht allein (
unter den thieren). Rückert
poet. w. 6, 64. II@22)
auch der plur. in gleicher bedeutung ist doch alt, schon ahd. zu erkennen, mhd. ganz geläufig, nhd. das vorherschende (
s. I,
b am ende).
entlehnt auch dän. gebärden
pl. II@2@aa)
mhd. z. b.: nemt daʒ in iuwer witze (
beobachtet es), in welhen bærden diu sî. won ir freude oder trûren bî, daʒ sult ir prüeven tougen.
Parz. 709, 29,
ob ihre haltung von froher stimmung zeuge oder nicht; mit bærden, die sie missezement, daʒ iuch disen langen tac nieman getrœsten mac.
Erec 6397,
von der haltung der Enite nach dem verluste des gatten, die stimmung doch nicht ausgeschlossen; von der haltung einer frau an der bahre ihres gatten: eʒ erzeicten ir gebærde ir herzen beswærde an dem lîbe und an der stimme.
Iwein 1321,
in körperhaltung und stimme, die denn in den gebærden
der klage, dem haarraufen und wehschreien inbegriffen ist: si bat in mit gebærden gnuoc. 3819. II@2@bb)
nhd., wozu wegen der form, d. h. auch geberde, geberd
als plur., I,
c zu vergleichen: sawre, ernste geberden. Luther
bei Dietz 2, 17
a; darneben war ich (
Courage) zart, schön und adelicher geberden.
Simpl. 3, 14
Kz.; und als sie mir auch hosen und wambst angezogen, lernte sie mich weitere schritte thun und wie ich mich in den übrigen geberden verhalten solte.
das., d. h. die kleidung in den geberden
eigentlich eingeschlossen (
s. 5,
c); Logau
beginnt ein hohes lob der jungfrauen mit der vorwarnung: ihr jungfern, hört mir zu, doch fasset die geberden und meint durch meinen ruhm nicht stölzer wo (
etwa) zu werden. 2, 3, 58,
wie faszt euch,
nehmt euch zusammen; es hat sich aber solche (
ein bauermädchen, herzogin geworden) dergestalten in diesen stand gefunden, dasz sie wegen dero vernunft und wol anständigen geberden .. in höchsten werth gewest.
Simplic. alb. briefst. 15; heutiges tages ziehen wir in Frankreich, in Italien, fremde tänze und geberden zuerlangen. Butschky
Patmos 27; di ehre sol ein zeugnis der tugend sein und bestehet in den gebehrden, wi das lob in reden.
kanz. 50,
die ehre die einem bezeugt wird, ihre äuszerung die geberden womit er behandelt wird; mit was für gnade hat unser durchlauchtigster held (
der kurf. von Brandenb.) nicht den .. wunsch, den wir professores unter denen stadtthoren (
von Halle) abgeleget, angenommen, mit was holdreichen gebehrden hat er selben nicht kürzlich beantwortet? Thomasius 662,
noch von der ganzen haltung überhaupt, es wäre jetzt nicht mehr sagbar; gaukelnde gebärden. Ettner
unw. doctor 733; zu viel geberden machen,
in gestu nimium esse, gesticulari. Frisch 1, 63
a; du (
bär) warst der schönste kerl an bildung und geberden, nun sieht man fast nichts häszlicher als dich. Hagedorn 2, 118; an worte statt sind liebliche geberden, die zwar im takt, jedoch von herzen gehn (
d. h. tanz). Göthe 13, 227; mit den gebärden eines wütenden sah ich ihn eben diesen saal verlassen. Schiller V, 83; man sieht traurigkeit und wut in seinen gebärden abwechseln. V, 5, 13; er warf sich in einen stuhl mit allen geberden der verzweiflung. IV, 240, 17; aber gebehrden und äuszerer anstand verkündigten einen mann, den die welt ausgebildet hat. IV, 339, 3,
also anders als ursprünglich, der anstand
von den geberden
ausgeschieden (
s. 5,
e). II@2@cc)
von bewuszten, gewollten, angenommenen, auch geheuchelten geberden, in welchem sinne es uns heute wol am nächsten liegt: chironomus, der seltzame geberden und bossen treibt mit den henden. Alberus Cc 2
a; seltzam gebärden treiben,
gesticulari. Maaler 158
c (
s. gebärdgaukler); die hexe mit seltsamen gebärden zieht einen kreis. Göthe 12, 129; demnach sind die complimente der gebehrden eine sprache (
der höflichkeit). Bodmer
mahler der sitten 2, 133,
d. h. verneigungen, bücklinge, knickfüsze
s. 130; man soll auch fein mit heroischen gebärden den arm unterstützend die pfeife ausrauchen. Conlin
narrenwelt 5, 426; er (
der schauspieler) weiszt, dasz vielleicht tausend und mehr augen an jeder seiner gebärden hangen. Schiller IV, 346, 16; wer ist sie? fragte die gräfin .. eine schauspielerin .. war die antwort, indem der schalk (
Philine) mit einem gar frommen gesichte und demüthigen gebärden sich neigte. Göthe 18, 238; und so gieng er (
Reineke) dahin mit stillen frommen geberden. 40, 80.
von einem neuling im theater heiszt es: sein ganzes gesicht wird zum spiegel, der alle die abwechselnden gebehrden der auftretenden personen, verdrusz, spott, neugier, zorn, verachtung getreu zurückwirft. Engel
mimik 1, 87. II@33)
dazu dann der sing., mit dem u. 1
nicht ganz zusammenfallend, wo mehr der unbewuszte ausdruck des ganzen inneren gemeint ist, hier mehr ein bewuszter einzelner ausdruck eines augenblicklichen empfindens, wollens u. ähnl., obwol sich beides im einzelnen falle nicht streng scheiden läszt. nhd. z. b.: der Italiener, der überhaupt viel mit gebehrden .. spricht, hat unter andern eine sehr redende pantomime, womit er vor einem falschen, hinterhältischen menschen warnet (
folgt beschreibung und bild) .. anfangs wollte ich ihnen diese ganze gebehrde als eine .. malerei des falschen charakters erklären .. es ist sonderbar, dasz diese gebehrde so sehr leicht zu verstehen und ihre erklärung doch schwer ist. Engel
mimik 1, 92. 93; noch eine andre gleich sprechende gebehrde macht der Italiener, wenn er verachtung einer drohung oder warnung ausdruckt. 1, 93; das deutende in der gebehrde (
Admets), die richtung der augen, des hauptes, der hände. 1, 333,
der zusatz als ausführung des begriffs; Mephistopheles, mit ernsthafter gebärde (
spricht). Göthe 12, 117; er macht eine unanständige gebärde. 128; anständige, doch seltsame gebärden und grüsze hab ich bemerkt .. 'dreierlei gebärde habt ihr gesehen, und wir überliefern eine dreifache ehrfurcht'. 22, 11. 12 (
wanderj. 2, 1,
pädag. provinz); er machte eine gebärde des unwillens, der abwehr,
auch mit dem bestimmten artikel die gebärde des höchsten erstaunens
u. ähnl.; übrigens schon im 16.
jh. auch handgebärde (
s. d.),
und auch ahd. schon nutus, signum (
s. I,
a),
also wink, zeichen, wol auch schon von handgebärden. II@44)
für den älteren gebrauch, als das wort noch lebendiger war, ist zunächst noch zu bemerken II@4@aa)
wie das verhältnis oder misverhältnis zwischen den geberden und dem inneren auch schon ausdrücklich bezeichnet wird: an geberden kennet man das gemüet. Henisch 1386, 30; mit herzen und gebärden ein christlich trauren gehalten. Schweinichen 1, 61.
aber auch: freundlich geberd, verborgen tück. Henisch 1386, 11; das geberde ist gut,
ex habitu bonum virum prae se fert. 1386, 16; du urtheilst niemand nicht so leicht nach den gebährden und stellst in jedem wort dir ein geheimnüs vor. Wernike 44 (
an einen staatsklügling). Luther
spricht viel und nachdrücklich von äuszerlichen geberden,
z. b.: und sihe, wie er sein gebet beschreibt, das er sich auch mit euszerlichen geberden des knie beugens
dazu stellet (
gestalt, haltung annimmt).
Dietz 2, 17
a; kein euszerlich ding fordert ... gott, dennoch müssen wir euszerlich ding und geperde halten, so dazu dienen, das man die leute zum wort gottes halte.
das.; das reich gottes kompt nicht mit euszerlichen geberden .. das reich gottes ist inwendig in euch.
Luc. 17, 20 (
μετὰ παρατηρήσεως,
vulg. cum observatione),
wobei Luther
offenbar an die ceremonien und das ganze äuszerliche wesen der kathol. kirche dachte, die er oft so bezeichnet, z. b.: warumb heiszt denn der bapst seine schlüssel des himels schlüssel? so sie doch weder zum himel noch zum glauben oder zur christenheit helfen, sondern allein euszerliche irrdische geberden stellen.
schr. 5, 219
b; das die euszerlichen irrdischen gesetze und geberden nichts nütze sind.
das., mit berufung auf Luc. 17, 20; der priesterstand, tempel, altar, mit irem geberde, kleidern, werken, opfern .. 5, 471
a,
s. auch unter geberdle;
ebenso nennt er das einhalten der cultusgebräuche ein geberden (
s. d. 1,
c von Paulus). II@4@bb) geberde haben
war jahrhunderte lang gebräuchlich von unwillkürlichen und willkürlichen geberden, wie jetzt machen,
z. b.: dô chlageten sie ie mêre unt mêre, si heten manige ungebêre.
Rol. 258, 18; der (
Wate) hete die gebærde,daʒ im lachens gebrach.
Gudrun 334, 4; nu habe du die gebærde,diu werc wil ich begâ
n. Nib. 429, 3,
anweisung Siegfrieds an Gunther im wettkampfe mit Brünhild; ago gestus, ich hab geberden. Alberus Bb 2
b; got hat aller ding (
durchaus, völlig) das geberde, als wolt er Esau segenen und alles geben, noch kriegts endlich der Jacob. Luther 4, 151
a (
zur bedeutung s. 6); vor frewd geberd haben,
gestire. Henisch 1385, 50,
sich freudig geberden; von höflichkeit hast du geberden. Weckherlin 372 (
od. 1, 6).
daneben geberde führen,
in einem osterliede bildl. von der saat: die saat desgleichen solches spürt .. und ein fröhlich geberde führt. Ringwaldt
bei Mützell 650. II@4@cc)
auch in geberden sein
u. ä. geht in die mhd. zeit zurück; im 16. 17.
jahrh.: hilf, gott, wie gehts so ungleich zu in dieser welt auf erden? der gottlos hat gut fried und ruh in frölichen geberden ... Ringwaldt
bei Mützell 689; seid frölich in geberden.
ders. evang. R 6
a; und leben in geberden dem lieben gott zu hohn.
laut. warh. 447 (399),
vgl. auch unter 6
aus Ringwaldt
u. ö.; Daphnis freundlich in gebärden seufzet mit gar sanftem sinn. Spee
trutzn. 240 (249); ihr menschen alle gar, frisch frölich in geberden vor ihm euch stellet dar. 140 (147); kläglich in gebärden. 61.
mhd. z. b. in gebære,
gewiss auch in gebærde: man sach in der gebæreHartmuoten den rîchen, daʒ er edeler minnean hôhe vrouwen gerte billîchen.
Gudr. 622, 3; in allen sînen sorgenstuont er in der gebære (
so stattlich schön), als er mit einem penselan einer wende wol entworfen wære. 1601, 3,
vgl. in armutseliger geber
bei H. Sachs
unter gebär 1,
wie wir jetzt in stolzer haltung
u. ä., man kann an der jetzigen unmöglichkeit dieses in
die verengung, veräuszerlichung des begriffes sehen. II@55)
wie weit der begriff der geberde
sich ursprünglich erstreckte, ist auch näher zu betrachten; in allen folgenden bedeutungen sowol sing. als plur. II@5@aa)
was zu den geberden
im allgemeinen sinne gerechnet wird, z. b.: ein vernünftiger merkt den man an seinen geberden, denn seine kleidung, lachen und gang zeigen in
an. Luther
Sir. 19, 26. 27 (
gr. ἀπάντησις),
also auszer mienen und haltung auch die art wie man sich kleidet, s. dazu unter c; ob ers guot mein .. das wirstu im an all seinen geberden, reden, farb (
gesichtsausdruck), gestalt (
haltung) abmerken und an augen sehen. ob nun dise zeichen .. das ist mund, augen, geberd (
pl.), gestalt alle fählten, so wirt dirs dein herz sagen. Frank
spr. 1, 21
b,
auch da ist geberde
wol doch zugleich umfassend gemeint, denn dasz auch das reden eingeschlossen werden konnte, darauf deutet z. b. die stelle aus dem buch der liebe unter I,
b, nachher unter d die stelle aus der Magdeb. chron. und folg.: ernsthaft gesicht, nicht leicht zu lachen, mäsziger gang, milte stimm seind geberd so ein ansehen machen. Henisch 1386, 40 (
offenbar aus einem dichter); berden,
kleider und wörter eines schauwspilers, histrionicus gestus. Maaler 58
b. II@5@bb)
insbesondere auch der gesichtsausdruck, die miene, welches wort ohnehin sehr jung und ein fremdwort ist (
noch Engel
mimik 1, 315. 355
u. ö. spricht von gesichtsmine): der (
Wate) hete die gebærdedaʒ im lachens gebrach.
Gudr. 334, 4; da ergrimmet Kain seer und sein geberde verstellet sich. 1
Mos. 4, 5,
vulg. et concidit vultus ejus; und David .. verstellet sein geberde fur inen.
1 Sam. 21, 13, immutavit os suum,
s. auch Sir. 25, 23. Henisch 1385, 41
erklärt im allgemeinen geberd eines menschen, gestalt des angesichts, weise eines menschen,
habitus, status, vultus, facies, gestus, dann aber 1386, 9
ff. besonders mit vultus: freundlich geberd und rede,
benignus vultus et sermo; frölich geberd,
laetus vultus; harte geberde,
vultus severus et tristis; die geberden zeigen die sitten an,
vultus est animi imago. und so noch lange: häszliche geberden mit dem mund machen,
far' smorfie, geberden mit den augen machen,
far' occhi. M. Krämer 504
b; freundliche gebehrden,
vultus benignus. Stieler 79; verächtliche geberden,
a scornfull look. Ludwig 699; verdrieszliche geberden,
a tedious countenance. das.; an den gebärden siehet man was hinter einem steckt,
vultus pictura animi. Steinbach 1, 150.
bei Frisch 1, 63
a sind zwar geberden
schlechthin nur motus corporis, status corporis, aber auch geberden des gesichts,
habitus oris, compositio vultus, die geberden ändern,
mutare vultum, die geberden verstellen,
distorquere vultum, das gesicht verziehen. auch bei Adelung (
und Campe)
ist es noch '
in engerer und gewöhnlicher bedeutung die bewegung der gesichtszüge, die mienen',
mit beleg: unschuld lächelt sanft auf ihren wangen, voll anmuth ist jede geberde. S. Geszner,
der doch auch gesicht
und geberde
trennt, z. b.: freud und unschuld reizten im kleinen gesicht und in jeder geberde. 2, 12.
aber noch später, z. b. in einer bekannten stelle, die uns durch den verlust dieser bedeutung eigentlich schon verdunkelt ist, obwol noch nicht hundert jahr alt: schöner malt sich mir die schöne erde, heller spiegelt in des freunds geberde, reizender der himmel sich. Schiller 8
a (
freundschaft),
wo nach dem sich malen
und spiegeln
sogar hauptsächlich an den blick gedacht sein musz. noch jetzt heiszt es im hause zu kindern, die gesichter schneiden, auch, sie sollen keine geberden machen,
s. auch Schiller
unter geberdenspäher,
noch Arndt
unter geberdenspiel,
das doch schon vorher vom mienenspiel
auch unterschieden wird: sein (
Talmas) mienenspiel ist erstaunlich ausdrucksvoll, seine geberden natürlicher. W. v. Humboldt
an Göthe s. 90; stimme, miene und geberde. 108.
auch nl. ghebeer
erklärt Kil.
mit franz. '
mine, geste',
und das gebräuchlichere nd. wort für geberde, gelât (
mhd. gelâʒ),
bezeichnet noch jetzt auch die miene Danneil 262
b,
wie engl. countenance,
miene, eigentlich nichts als '
haltung'
ist. II@5@cc)
auch von der kleidung unter umständen insbesondere (
vgl. Luther
unter a): geberde,
apparatus. voc. 1482 k 3
b; was seine fraw, das stolze thier wil haben zu des leibes zier, auf das sie fein in dem geberd von jederman gepreiset werd. Ringwald
laut. warh. 97 (86); man musz keine sauere geberden auf einem platze vorstellen, der da vor ansehnliche leute ist. Olearius
pers. baumg. 4, 5,
ein armer in zerrissenen kleidern hatte sich nämlich oben an gesetzt; folgendes sinngedicht Logaus
ist überschr. französische geberde: wir kleiden jetzund, ihr Franzosen, der Deutschen ruhm in eure hosen: ihr künt es schwerlich anders machen, ihr müst zu unsrer thorheit lachen. 3, 5, 20.
auch mhd. schon ist oft die kleidung mit oder vorzugsweise gemeint, z. b. bei einem empfang von helden: dô diu alte Hildebî ir tohter saʒ, die minneclîchen meidevil wol behuoten daʒ, daʒ si ieman vündedâ in der gebære daʒ man iht anders spræchewan daʒ ieclîche ein küniginne wäre.
Gudr. 339.
es ist wie beim lat. habitus (
von se habere)
das auch sonst mit geberde
mehrfach übereinkömmt (
auch z. b. habitus oris,
miene)
und gleichfalls die bedeutung kleidung schlechthin entwickelte, frz. habit,
auch bei uns habit. II@5@dd)
von der ganzen erscheinung (
wie mhd. lîp
oder bilde),
ungefähr wie gestalt,
doch mehr als diesz jetzt gewöhnlich bedeutet: den Franken begunde to wunderen, do se de manheit segen (
sahen, nämlich der Sachsen) und or geberde, wente se konden herliken reden und hadden lange har .. se weren stete an orem gemote
u. s. w. Magdeburger scheppenchr. 15, 25, geberde
zusammenfassend auch für das was von ihrem reden und gemüte gesagt wird; (
Christus) da er in gottes geperden war, liesz er sich nicht dunken .. gott gleich zu sein, sondern er euszert sich sein selbs und nam an sich die geperde (
pl.) eins knechts. Luther
bei Dietz 2, 16
b (
nach Phil. 2, 6. 7,
wo übersetzt ist in göttlicher gestalt, nam knechts gestalt an); auf das der mensch das greszlich geperd und bild des tods tief betrachte.
das. 17
a;
im folg. ist die beschriebene kleidung nicht allein gemeint: so setzt nun auf mein weisze hauben und nemet umb mein rothe schauben und kompt in meinem gberd hinbei, so wird er meinen das ichs sei. Waldis IV, 81, 71 (2, 205
K.).
und nicht blosz für die äuszere erscheinung (
vgl. scheinen und geberden
unter geberden 1,
d),
wie es denn auch für falschen schein vorkommt: die da haben das geperde eines gottseligen wandels. Luther
2 Tim. 3, 5
var., sondern auch für die wesenhafte erscheinung, ja das wesen, leben und thun selber: auf das sie (
nach der geistigen anstrengung) ir geblüt vernew, die luft verendre, speis verdew, und also wider im geberd erfrischt und new geschaffen werd (
durch leibesübungen). Ringwaldt
laut. warh. 238 (213); auf das ich wider frisch und frei erwach nach meinem muthe und in geberd erfreuet werd, der ich war fast verkommen.
ders. bei Mützell 685 (ach gott erbarm dich über mich
v. 5); dort aber gar ein new geberd den engeln gleich bekommen werd.
ders. tr. Eck. L 8
b; da wir denn fein in himmlischen geberden .. beinander bleiben werden.
ders. geistl. lied. 87; du (
sonne) hast nicht menschliche gebehrde, du issest nicht wie wir
u. s. w. Claudius 3, 4.
doch ist wol da mehrmals zugleich die bedeutung 6
eingemischt, wie überhaupt ein verflieszen der nahliegenden bedeutungen sich mehrfach zeigt. übrigens ist auch diesz schon ahd. zu vermuten nach der glossierung species (
nach situs wol selbst auf dinge übertragen, vgl. 8),
und in lat. habitus
gleichfalls vertreten. II@5@ee)
auch berührt sich damit wie mit dem folgenden zugleich die bedeutung sitten, art, charakter, schon in der stelle aus der Magdeb. scheppenchr. vorhin deutlich mit inbegriffen: zweihundert seckel silbers klar und auch ein güldin zungen gar (
eine ganz goldene zunge), namb das aus geizigen gebärden und grub dasselb unter die erden. H. Sachs III, 1, 27; dolle geberden,
ovilli mores. Dasyp. 337
a; mannicherlei sitten und geberden,
varietas morum. Henisch 1386, 22.
ebenso gebär,
nd. gebêre: nu scholle gi horen van der Sassen gebere. se weren endrechtlich .. und vredesam
u. s. w. Magd. scheppenchr. 18, 13. II@66)
von thun und lassen eines menschen überhaupt, oder von seinem verhalten, verfahren in einem bestimmten falle, was wir ja noch das gebaren
nennen (
oder haltung,
auch lat. habitus).
so gewiss von jeher, mhd. z. b. wol im folgenden, mit pl. (
vgl. in gotlîchen gebæren
gen. 8, 24
D.): wan er (
Christus) ûʒer waʒʒer hie mit götlîchen gebêrden wîn lie schône werden.
Reinfr. v. Br. 18043,
wo doch zugleich gemeint sein musz: mit göttlicher kraft. nhd.: gestus, geberd, gewonheit des wandels, sitten
u. s. w. Melber
varil. k 6
a,
die ausführung stimmt nicht zum lateinischen, nur zum deutschen worte; got hat aller ding das geberde, als wolt er
u. s. w. Luther 4, 151
a (
s. die stelle u. 4,
b),
er verhält sich durchaus so, thut so, als wollt er Esau beglücken; als werdet ihr, wo ihr dergleich gottfürchtig werdet halten euch, von jederman in den geberdn geliebet .. werdn. Ringwaldt
tr. Eck. H 3
b; der pfaff ist reich und wird die leng in den geberdn ein edelman im dorfe werdn. J 7
a,
wol zugleich: auf diese art und weise (
s. 7),
vgl. unter amtsgebärde,
haltung im amte, trew in amtsgeberden; ein christ sol kostfrei sein .. auf das er wegen der geberd von jederman gepreiset werd.
laut. warh. 109 (97); dasz wir vergessen dieser erd und allermeist unser geberd in himmel naufen heben.
ders. bei Mützell 659,
deutlich zugleich sinn und sitten einschlieszend (
s. 5,
e),
wie Logau
im folgenden geberden
mit sinn
wechseln läszt; ich wil nicht Damon sein, die welt darf auch nicht werden mein Pythias, wir sind von zweierlei geberden. mein sinn steht aufgericht, die welt geht krumm gebückt, mein sinn ist ungefärbt, die welt ist glat geschmückt
u. s. w. Logau 3, 245, 45 (
letzte zugabe); wie kümmt es, dasz die zeit nicht wil gebessert werden? die menschen in der zeit verbösern die geberden. 1, 1, 90;
vgl.sterbendes geberde Gryphius
unter I,
b. auch noch folg. musz hierher gehören, die gebärden
gleich das gebaren: mit seltsamen gebärden gibt man sich viele pein: kein mensch will etwas werden, ein jeder will schon was sein. Göthe 4, 315. II@77)
endlich selbst abgeschwächt zu der allgemeinen bedeutung art und weise, die aus mehreren der angeführten bedeutungen sich bilden konnte und schon im vorigen öfter mit anklingt: der gar keinerlei geberdn zum leiden kan gezwungen werdn. Ringwaldt
tr. Eck. C 2
a; da denn nach allerlei geberdn rechtschaffen wird gesehen werdn (wie
u. s. w.). C 3
a.
vgl. so östr. par,
d. i. gebar,
weise, art sp. 1635,
schon mhd. selbst aller brôte gebâre
gen. 81, 22
D., aller art brote, was ahd. mit species doch auch gemeint sein könnte. II@88)
eigen auch von naturerscheinungen, in Seb. Brants
spruch von dem donnerstein bei Ensisheim: es sint gesehen wunder vil im luft comet und füren pfil ... stosz, bruch des himels und der erd und ander vil seltzen geberd. Stöbers
Alsatia 1873
s. 63, Liliencron 2, 308
a,
es musz doch wol als ein seltsames gebaren der natur gedacht sein.