scheinen,
verb. lucere, splendere, apparere, videri. II.
Form und verwandtschaft. I@11) scheinen
ist ein gemeingermanisches wort, das sich in allen germanischen sprachen findet, vgl. goth. skeinan,
altn. skína,
schwed. skina,
dän. skinne (
der kurze vocal wol in anlehnung an skin,
n.),
ags. scînan,
engl. shine,
altfries. skîna, schîna,
ahd. alts. scînan,
mhd. nhd. schînen,
niederl. schijnen.
da das -n
offenbar präsensbildendes element ist, das durch formenausgleichung im ganzen paradigma durchgeführt ist, so entspricht scheinen
genau einem indogerm. skhéyô,
das durch sanskr. khyâ '
berühmt sein', châyâ '
schatten',
griech. σκιά,
avest. khṣata '
hell',
lat. scio
bezeugt ist, vergl. Fick4 1, 143
f. andre ableitungen aus derselben wurzel sind innerhalb des germanischen scheim, schemen, schimmer, schimmel, schier
bez. scheier,
vgl. daselbst, ferner altn. skimta. I@22)
die flexion ist im deutschen wie in allen germanischen sprachen ursprünglich stark, ahd. scînu - scein - scinum - giscinan,
mhd. schîne - schein - schinen - geschinen,
nhd. scheine - schien — schienen - geschienen. schînen
ist im nd. und im alemannischen sprachgebiete erhalten. vereinzelt entwickelt zu schînden,
besonders im part. schîndende,
vgl. Lexer
handwb. 2, 751
und die belege. dieses wird häufig zu schînde,
nhd. scheinde
zusammengezogen. ebenda und Schiller-Lübben 4, 97
b.
die lautgesetzliche form des sing. prät. schein
ist im 16.
jahrh. noch sehr verbreitet: der mon schein gar hell. Wickram
rollwagenb. 120, 17
Kurz; ferner Suchenwirt 21, 182. 25, 196. Uhland
volksl.2 s. 147, 2.
buch der liebe 199
d (
s. unten).
ebenso erschein: der (
doctor) erschein, ward der clag nit gestendig.
Zimm. chron.2 3, 630, 37
Barack; und mit der in jener zeit so häufigen anfügung eines unorganischen e: erscheine 1, 502, 12.
dieses tritt auch an die gewöhnliche form schiene: so lieblich die sonne schiene, das waldhorn scholl weit und breit. Eichendorff 1, 660.
für schein
begegnet im bair. frühe schân,
s. Lexer
a. a. o. Weinhold
bair. grammatik § 39.
alemannische grammatik § 34.
das part. prät. lautet mhd. geschinen,
gelegentlich zusammengezogen zu geschin: alsô ein morgenrôt mitten in deme nebele, alsô hât si geschin in deme tempile.
deutsche mystiker 1, 195, 7
Pfeiffer. nhd. ist zuweilen die alte kürze erhalten, so dasz die form geschinnen
lautet: als der mon abermals gar hell geschinnen.
Zimm. chron.2 4, 121, 11
Barack; im bair. gebiet begegnet auch geschunen,
s. 3.
endlich ist das alte ei
des prät. sing. gelegentlich auch in den plur. und das part. eingedrungen: so erscheinen auch baide gebrüder von Bubenhofen. 2, 457, 24; also ist der graf erscheinen. 3, 578, 12 (
vgl. ferner 1, 614, 39. 3, 440, 18).
das umschriebene perfect wird mit haben
gebildet (ich hab geschienen Frisch 2, 171
a),
ganz selten mit sein: so oft ich dieses bildnisz betrachte, befremdet es mich, dasselbe ganz unbekleidet, das ist, heroisch ... vorgestellet zu sehen, welches auch den Römern in einer privatperson, wie Pompejus war, auszerordentlich geschienen seyn wird. Winckelmann 6, 210.
dem entspricht ein gelegentlicher activer gebrauch des part. prät.: (
so) entschlieszt er sich, das wirkliche für das nothwendige gelten zu lassen, und erklärt das ihm bisher wahrgeschienene für phantasterey. Göthe 32, 243; sie (
die chemie) zerstörte eine wirkliche welt, um eine neue, bisher unbekannte, kaum möglich geschienene, nicht geahnte wieder hervor zu bauen. 53, 127. I@33)
daneben begegnet sehr häufig schwache flexion. ein ahd. scînta
refulserat s. Schm. 2, 423.
sonst erst im mnd. und nhd. bezeugt: de vloten beyde schyneden in der sunnen, also twe berge van sulvere clar.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 97
b (
Lüb. chron. 2, 554;
ebenda 1, 242
steht schen); den heiden scheineten die fasnachten, solche fest zu sein. Melanchthon
anl. abg. art. 982
im corp. doctr. Christ. (
Leipzig 1560); das si (
die Römer) alle und ide sachen, so ihnen nur ersprislich und nüzlich gescheinet .. als götter angeruffet. Butschky
hochd. hanzl. 763; was dabey scheynete zagheit des gemüttes zu seyn, ist eine grosmüttigkeit gewesen.
Pathmos 456; welcher (
gaul) .. mit solchem eiffer und begierd zu lauffen anfing, dasz es scheinete, ob setzte er keinen fusz auffs erdreich nieder.
Harnisch 57; (
sie) schimmerten und scheinten. Hörl v. Wätterstorff
Bacchusia 312; und ob ich zwar scheinte nur ein zwerg zu seyn gegen meinen feind.
Simpl. 3 (1684), 668; was da scheinte mein unglück zu seyn. 669; gewisse vorfälle bei der krankengeschichte des eleven
N. N., welche mich etwas näher, als ich wünschte, anzugehen scheinten, haben mich so dreust gemacht, euer hochwohlgebohren mit einer schriftlichen erklärung zu beschweren. Schiller 1, 115; wie Anaxagoras, Perikles, dir gescheint. Scultetus
bei Lessing 8, 310;
vgl. auch: sieh wie dein Pan die ganze nacht an deinem ufer sitzt und wacht, vom mond bescheint. Wieland 26, 213.
jetzt nur noch in einigen mundarten, besonders bairisch-österr. scheinet, gescheint
neben schin, geschinen
und selbst geschunen (gscheĩt, gschinẽ, gschunẽ) Schm. 2, 423.
kärnt. scheinet,
part. gscheint, gschînen, gschûnen. Lexer 216,
cimbr. schainen, schainte, gaschaint
cimbr. wb. 226
b,
auch nd. vereinzelt part. eschînet
neben eschênen (
prät. stets schên
oder schîn). Schambach 183
b. I@44)
unser scheinen
setzt der form nach neben mhd. schînen
auch das causativ mhd. scheinen '
scheinen machen, sichtbar machen, zeigen, erweisen'
fort. vgl. ahd. sceinan Graff 6, 506
ff., mhd. scheinen Lexer
handwb. 2, 687.
in den andern sprachen findet sich ein verb gleicher bildung, aber gänzlich verschiedener bedeutung, sodasz der zusammenhang sehr fraglich ist: altn. skeina
leicht verwunden, schrammen, ags. scnan
verwunden, polieren, altfries. schenia
aufmachen Richthofen 1026
b,
und so auch ahd. irsceinan
frangere Graff 6, 509, arskenan
zeitschr. f. d. alterth. 10, 370, 52,
vgl. zweites erscheinen,
theil 3, 957.
indes ist scheinen
in causativem sinne schon in mhd. zeit erloschen, die letzten belege aus dem 15.
jahrh., s. Lexer
a. a. o.; daʒ dher koninc kleyne meynete daʒ gelaʒ (
betragen), daʒ her im sceynete.
Braunschw. reimchr. 833 (
d. chr. 2
s. 469
b); und wer nu sein clag nicht wil schainen, dem zimpt fürpas nicht ze wainen. H. Vintler
pluemen der tugent 1268.
jetzt nur noch erhalten in cimbr. schoan(en),
in der speciellen bedeutung '
die trauer um einen verstorbenen zeigen, trauerkleider tragen'
; dazu schoana,
f., schoangarüste
traueranzug. cimbr. wb. 228
a.
länger haben sich auch in der schriftsprache behauptet die zusammensetzungen bescheinen
und erscheinen,
s. theil 1, 1559. 3, 957. IIII.
Bedeutung. II@11)
leuchten, glänzen, licht ausstrahlen. ahd. scînan,
lucere, relucere, resplendere, splendere, nitere, enitere, renitere, praenitere, nitescere, enitescere, clarescere, fulgere, refulgere, fulgurare, ardere, micare, emicare, corruscare, rutilare, flavescere, radiare, vibrare, lustrari. Graff 5, 499;
ardere .. hd. schynen, scheynen Dief.
gloss. 46
c,
candere .. schinen .. scheynen 94
c,
candescere an heben zu scheynen .. schinen
ebenda, clarere .. schynen 125
b,
coruscare .. schinen, schynen 153
c,
effulgere zu-, uszschinen, sere scheynen 196
b,
emicare .. schinen, uszschinen, scheynen
vel leuchten 200
a,
fulgurare 250
c,
lucere schinen, scheyn 337
b,
lucescere anheben zu schynen
ebenda, micare, hd. nd. schinen,
hd. scheynen, schinnen, schin 360
b,
nitere, -escere schinen, scheinen, schynden 381
b,
radiare schinen, scheinen, schin 482
c,
refulgere scheynen 490
a,
rutilare schinen, scheynen 505
b, schynen
nov. gloss. 323
b,
splendere schinen, schin, scheynen, scheyen,
splendebat schen
gloss. 548
a,
ferner im part.: candidus hd. schynende .. schinender 94
c,
candidulus, ein ding das klein schynend (
var. scheinen) ist, ein wenig schynend
ebenda, coruscus .. scheinend 153
c,
rutilus .. schinende, schinde
vel luchende, scheynde
vel leuchtender 505
b,
splendens schinende 548
a,
splendidus, splendificus ebenda. scheinen,
splendere, nitere, nidere, et renitere, lucere, micare, coruscare, scintillare Dasyp.; scheynen, ein heitere gäben,
lucere, illucescere, ardere, coruscare, collucere, elucere, enitere, fulgere, nitere, parere, splendere, dilucere, illucere, nidere, renidere, relucere, micare, rutilare, radiare Maaler 350
b, anfahen scheynen oder gleyszen,
splendescere, scheynende, das scheynt unnd heyter gibt,
lucens, elucens, splendens, coruscus, candidus 350
c. Schottel 1396. Stieler 1751. Steinbach 2, 416. Frisch 2, 171
a. II@1@aa)
zunächst von lichtquellen und selbstleuchtenden gegenständen. II@1@a@aα) die sonne scheint: skînandia sunna.
Heliand 3439; er lâʒit sunnûn sînascînan filu blîda. Otfrid 2, 19, 21; iedoch sie in wider gwunnen bî schînender sunnen. Herbort v. Fritzlar
troj. krieg 6524; do erlasch diu sunne diu ê schein.
Iwein 638; an diê berga scînet diû sunna ze êrist. Notker
ps. 35, 7; der stern (
die sonne) ist scheinend und leuhtend über all ander stern. Megenberg 57, 33; bi schonime tage unde bi schininger sunnen.
quelle bei Haltaus 1695; datz der denselbin herren oder irme amptman sin zinse und gulde off sante Martins tag yn richten und gebin sall bey schinden sonnen. 1696 (
urk. von 1423); und seien liechter an der feste des himels, das sie scheinen auff erden.
1 Mos. 1, 15; wenn die sonne beginnet heis zu scheinen.
1 Sam. 11, 9; die sonne sol nicht mehr des tages dir scheinen.
Jes. 60, 19; denn nach dem ungewitter leszt du die sonnen wider scheinen.
Tob. 3, 23; die sonne scheint eben so lebhaft nach dem saale der vergangenheit. Göthe 20, 196; dieser rok da ist ewig gut, wenn gottes liebe sonne nicht durch den ermel scheint. Schiller
kabale und liebe 5, 5; mit kalten streymen schyn die sunn. H. Sachs
fastn. sp. 1, 22, 7
neudruck; itzund scheint fein warm die sunn. Rebhun
Susanna 3, 1, 1 (
schausp. aus dem 16. jahrh. 1, 52); sobald die liebe sonne schien. Hölty 6
Halm; er (
Helios) sieht die schönste göttin weinen, die wolkentochter, himmelskind, ihr scheint er nur allein zu scheinen. Göthe 5, 182.
mit accusativ der wirkung: schein uns, du liebe sonne, gib uns ein hellen schein! schein uns zwei lieb zusammen, ei die gerne bei einander wollen sein! Uhland
volksl.2 57 (31
A, 1;
vgl. schriften 3, 452
f. und besonders: du edler sonnenschein, schein mir den weg zu ihr! 453).
von gott im bilde: er ist dein quellund deine sonne, scheint täglich hellzu deiner wonne. P. Gerhardt 275, 6
Gödeke. II@1@a@bβ)
vom monde: der mond scheint mit fremden licht,
luna lucet alieno lumine. Frisch 2, 171
a; und der mond, in aller welt mus scheinen zu seiner zeit.
Syr. 43, 6; der mond scheinet tunckel.
Jes. 13, 10; ich hatte mit dem holden mädchen noch vor ihrem hause gezögert, bis das licht der nacht in die ruhige dämmerung schien. Hölderlin 2, 118
Köstlin; ein teil schein ûʒ den wolkendes liehten mânen prehen.
Nib. 1560, 1; die mane scinet an der heiden also claer alse die dach.
Reinaert 1098; die nacht die was so finster, der mon gar lützel schein. Uhland
volksl.2 147 (90
A, 7); mit erstorbnem scheinen steht der mond auf todtenstillen haynen. Schiller 1, 106. II@1@a@gγ)
von sternen: die sterne scheinen,
stellae micant radiis Frisch 2, 171
a; daʒ an dem tail des gestirnten himels, dâ diu strâʒ (
milchstrasze) scheint, vil zesamen gesæter stern sint. Megenberg 78, 21; denn die sterne am himel und sein Orion scheinen nicht helle.
Jes. 13, 10; to myddensomere schen en cometa.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 97
b; the sterro liohto skên hwît oBar them hûse.
Heliand 662; ôstar filu ferrosô scein uns ouh ther sterro. Otfrid 1, 17, 23; der abendt steren glantzend schein. H. Sachs
fastn. sp. 1, 23, 25; und steht's nur erst hier unten glücklich, gebet acht, so werden auch die rechten sterne scheinen! Schiller
Piccol. 3, 1. II@1@a@dδ)
vom blitz: svasve raihtis lauhmoni lauhatjandei us þamma uf himina in þata uf himina skeiniþ.
Luc. 17, 24; sein blitz scheinet auff die ende der erden.
Hiob 37, 3.
so auch bildlich: der gefangene wuszte nichts von dem lichte, aber ein traum der freiheit schien über ihm wie ein bliz in der nacht. Schiller 4, 37. II@1@a@eε)
vom feuer, wobei man zugleich an die licht- und wärmeausstrahlung denkt, die ja bei den meisten lichtquellen vereinigt sind: er doufit thih, sô thu iʒ ni weist,thuruh then heilegan geist, joh reinôt iuih scirein skînentemo fiure. Otfrid 1, 27, 62; in dem fewr, das ewiglich musz scheinen. Weckherlin 708.
so sagt man auch vom ofen: er scheint,
zunächst von eisernen öfen, wenn sie stark geheizt sind, dasz die eisenplatten rotglühend werden, dann auch, wenn überhaupt eine weiterhin spürbare wärmestrahlung stattfindet, so besonders nd. de ôwe dê schînt recht. Schambach 183
b. Woeste 229
b. Frommann 5, 292 (
um Fallersleben). II@1@a@zζ)
von lampen, fackeln, lichtern u. s. w.: und Aaron thet also, und setzt die lampen auff fürwerts dem leuchter zu scheinen.
4 Mos. 8, 3; dasz niemand sich von des abends eilf uhr bis morgens 5 uhr auf den straszen und öffentlichen plätzen ohne eine laterne mit scheinendem lichte betreten lassen solle.
wöchentl. Rost. nachr. u. anz. 1807,
st. 44. II@1@a@hη)
von dem phosphorescierenden schimmer organischer substanzen. morsches holz scheint.
von katzenaugen sagt man, dasz sie im dunkeln scheinen;
ebenso Megenberg
vom hering: sein augen scheinent des nahtes in dem mer reht sam ain lieht. 245, 13. II@1@bb)
mit loserer beziehung auch von dem lichte selbst, dem tage, morgen u. s. w. II@1@b@aα) das licht scheint: guþ saei qaþ ur-riqiza liuhaþ skeinan. 2
Cor. 4, 6; sô blîði uuarð uppan themu berge;skên that berhta lioht
Heliand 3135; in êwînîgo wunnisô ferit thaʒ adalkunni, ... in filu scînintaʒ lioht. Otfrid 5, 22, 7; ein lieht gar lûter unde klar hât geschinen offenbar.
erlösung 5139
Bartsch; du scheinen vom lieben licht. Tieck
ged. 3, 28; der selbe tag müsse finster sein .. kein glantz müsse uber jn scheinen.
Hiob 3, 4; wenn man denn das land ansehen wird, sihe, so ists finster fur angst, und das liecht scheinet nicht mehr oben uber jnen.
Jes. 5, 30; und sihe, der engel des herrn kam daher, und ein liecht schein in dem gemach.
ap. gesch. 12, 7;
vielfach bildlich: und das liecht scheinet in der finsternis, und die finsternis habens nicht begriffen.
Joh. 1, 5; denn die finsternis ist vergangen, und das ware liecht scheinet jtzt. 1
Joh. 2, 8; das liecht der gerechtigkeit hat uns nicht geschienen, und die sonne ist uns nicht auffgangen.
weish. 5, 6;
von guten werken: lâtad iuwa lioht mikilliudiun skînan.
Hel. 1400;
von Jesu, Johannes: wanta thiu mîn ougûnnu thaʒ giscowôtun, ... lioht, thaʒ thâr scinitinti alla worolt rînit. Otfrid 1, 15, 19; er (
Johannes) war ein brennend und scheinend liecht.
Joh. 5, 35. II@1@b@bβ) der tag scheint,
zur bezeichnung der tageshelle: that the lasto dagliohtes skîne thurh wolkan-skion.
Heliand 4290; unz ther dag scînitjoh naht inan ni rînit. Otfrid 3, 20, 15; der tac der dâ hiute schein.
Iwein 7524; nu seht, dô schein ûf in der tac.
Parz. 587, 26; in einer kurzen stunt dar nâch den liechten tac man schînen sach.
livl. reimchron. 10296
Meyer; das jr (
der gestirne) dritte teil verfinstert ward, und der tag das dritte teil nicht schein.
offenb. Joh. 8, 12; du wirst hingehn, wo kein tag mehr scheinet. Schiller 2, 68 (
räuber 2, 2
schausp.);
von bestimmten tagen: wann eures bundes jahrstag scheint. Gotter 1, 234;
bildlich: wo du nur die noth siehst und die plag, da scheint mir des lebens heller tag. Schiller
Wallensteins lager 11. II@1@b@gγ) der morgen scheint: unz der liehte morgendurh diu venster schein.
Nib. 589, 7; er kôs den morgen lieht, do er in dur diu wolken sô verre schînen sach. Walther v.
d. Vogelweide 88, 14; sie schwatzten, bis der morgen durchs hüttenfenster schien. Hölty 10
Halm. poetisch zur umschreibung des lebens: liebe, scherze, von verdrusz entladen, weil die parze deiner tage faden seiden spinnet und dein morgen scheint! Gotter 1, 84. II@1@b@dδ)
auf einer weitergehenden verallgemeinerung beruht der ausdruck scheinendes (
laufendes) jahr
in kärntn. urk. des 15.
und 16.
jahrh.: auf sandt Ulrichstag dits scheinenden jars
u. ähnl. Lexer 216.
vergl. die zahlreichen analogen fügungen mit verscheinen (
s. daselbst). II@1@cc)
auch ohne subject, es scheint. II@1@c@aα)
es ist hell: ins land, da es stock dicke finster ist .. da es scheinet wie das tunckel.
Hiob 10, 22; das volck so im finstern wandelt, sihet ein groszes liecht, und uber die da wonen im finstern lande, scheinet es helle.
Jes. 9, 2; der im finstern wandelt, und scheinet jm nicht. 50, 10; samlet ein, weil es scheinet und gut wetter ist, braucht gottes gnaden und wort, weil es da ist. Luther 2, 472
b; das es regnet und scheinet, wenn er (
der bauer) wolt. 6, 134
a. II@1@c@bβ)
in neuern (
oberd.)
mundarten für '
blitzen, wetterleuchten'. Stalder 2, 312. Schm. 2, 423. Birlinger 392
b. II@22)
von andern gegenständen zur bezeichnung eines starken, intensiven glanzes. blancken, glentzen, scheinen, schimmern,
enitescere, coruscare, micare, fulgere. Henisch 404, 29. II@2@aa)
von körpern mit glatter oberfläche, die das licht zurückstrahlen, wie gold, edelsteine, metallene waffen u. a. m.: hei waʒ dâ liehtes goldesvon den mœren schein!
Nib. 531, 1; do vant he (
der hahn) enen edelen stein, de lecht was unde schone schein. Gerh. v. Minden 1, 4; als ein goldes zain, der ärtig vein in glentzen schain. Suchenwirt 21, 182; der selb adamas scheint sam ain new gefeilt eisen. Megenberg 433, 3; epistutes ist ain scheinent stain rôtvar. 446, 8; eʒ (
gold) scheint ze aller zeit. 474, 19;
so auch: die kirch scheint an wenden, und darbet in armen, yhr stein kleydt sy in gold, unnd laszt yre sün nackend geen. S. Franck
chron. (1531) 376
b; von perlein und von reichen steinen jhr haupt und jhre klayder scheinen. Weckherlin 349.
im vergleich: dat schient (
fällt ins auge) as karfunkelsteen int rooklok,
um einen ausgesuchten putz zu bezeichnen. Schütze 4, 41. II@2@bb)
ein übergang aus der grundbedeutung selbstleuchtenden glanzes in die bildliche verwendung (
s. d)
liegt vor, wenn von gott, engeln, auch menschen in poetischer hyperbel gesagt wird, dasz sie scheinen: blîkandi sô thiu berhta sunnasô skên that barn godes, liuhta is lîkhamo.
Heliand 3126; zi in (
den hirten) quam boto scôni,engil scînenti. Otfrid 1, 12, 3; gimma thiu wîʒa,magad scînenta. 1, 5, 21; thanne rehte skînent (
justi fulgebunt) samasô sunna in rîhhe iro fater.
Tat. 76, 5; wer gelêrt ist und die läut lêrt zuo der gerehtikait, der scheint an dem jungsten tag sam der schein des liehten himels und sam der lieht sunnen schein. Megenberg 214, 17; (
Lucretia) schen also de dach.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 97
b; und zur zeit, wenn gott drein sehen wird, werden sie (
die gerechten) helle erscheinen.
weish. Sal. 3, 7; mitten unter dem unschlachtigem und verkereten geschlecht, unter welchem jr scheinet als liechter in der welt.
Phil. 2, 15;
so auch von körpertheilen, besonders dem antlitz, und vom gewande solcher personen: jah varþ, miþþanei baþ is, siuns andvairþjis is anþara jah gavaseins is hveita skeinandei.
Luc. 9, 29; inti uuard thô mittiu her betôta, uuanta sîn glînissi (
transfiguratus est) fora in inti scein sîn annuzi sô sunna.
Tat. 91, 1; sênu thô zuuênê man stuontun nâh in in scînentemo giuuâte. 218, 2; Luther
hat an den entsprechenden stellen glänzen
oder leuchten.
vgl. auch: swelch schœne wîp mir denne gæbe ir habedanc, der lieʒ ich liljen unde rôsen ûʒ ir wengel schînen. Walther v.
d. Vogelweide 28, 7. II@2@cc)
mit bezug auf die farbe: gewöhnlich gilt scheinen
vom reinen, leuchtenden weisz; vergl. candere .. nd. wit schinen, wisz
vel schinen,
hd. weys scheynen
vel weys blicken, wisze schin. Dief.
gloss. 94
c;
candidus .. nd. wit schynende .. weys scheynigk,
hd. weiszschein, .. -scheinend
ebenda. aber auch von jeder glänzenden farbe: dar inne wehset swarzer sâm, der scheint vor swerz. Megenberg 415, 1; eʒ sint egdehsen in dem land India, die .. sint gar scheinender varb. 274, 26: ir rosenrôtiu varwevil minneclîchen schein.
Nib. 281, 2;
ähnlich: ir munt nâch fiwers rœte schein (
glänzte feuerrot).
Parz. 233, 4; es scheinen die alten weiden so grau. Göthe 1, 184. rot scheinen
von der sonne: wenne aber si des âbendes rôt scheint, sô bedäut eʒ den andern tag schœ
n. Megenberg 58, 8;
ähnlich: dâr umb scheint diu obrist varb an dem regenpogen clâr und rôt. 99, 31; wan durch wäʒrigen dunst scheint daʒ lieht grüen. 99, 34; sô danne ain kerzenlieht dâr inn (
in einer feuchten stube) prinnet, sô scheint ain grüener kraiʒ umb die flammen. ist aber der luft niht gar wäʒrig, sô scheint der kraiʒ weiʒ oder plaich. 100, 1
f. die beziehung zur weiszen farbe, aber ohne den nebensinn eines besondern glanzes, tritt zu tage in der verbindung blasz scheinen,
aussehen (
vgl. 4,
a): du scheinst doch blasz, und deine stirn ist voll schweysz. H. v. Kleist 3, 47
Hempel (
Käthchen 3, 1).
auch scheinen
allein in ähnlichem sinne, von einem blaszgelben gesicht Schm. 2, 423.
vom getreide, wenn es vor der zeit gelb wird. Campe.
öcon. lex. 2158. II@2@dd)
in übertragener bedeutung: was nicht scheint, das gilt nicht. Simrock
sprichw. 8915; sol dann geld, gold, und das euserliche ansehen, alles aus machen; nichts gelten, was nicht scheinet und gleiszet? Butschky
Pathmos 146; scheint der mann, so glentzt das weib. Petri Ss 3
a;
vom gesichtsausdruck: nur um ein paar ellen hätt' ich ihr näher seyn sollen, ihre mienen auf mich herabscheinen zu sehen. Lenz 1, 321.
so sagt man oft: jemand scheint vor freude. wonne, glück
u. ähnl. scheint (jemandem): einfoltu wunnasô scînit thâr sô sunna. Otfrid 5, 23, 165; dasz doch den burschen das glück soll scheinen, und so was kommt nie an unser einen! Schiller
Wallensteins lager 6; lasz scheinen deinen trost und hilff zu rechter zeit! Logau 1, 4, 6. handlungen, tugenden scheinen: do Gorm dot was, do volghede em Harald .. de gantze schinende werke dede in allen yeghenen ummelank.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 97
b; denn meine lere leuchtet so weit, als der liechte morgen, und scheinet ferne.
Sir. 24, 45; (
der bapst gibt antwort:) uf erd schein grosz min heiligkeit. Manuel 3
Bächtold; besonders vor den leuten scheinen
u. ähnl.: so man vrevelich unde alle zît sprichet oder ze unzîten, daʒ man eteswaʒ schîne under anderen liuten. Mone
anz. 4, 370 (
der seele spiegel); wenn jr fastet, solt jr nicht sawr sehen, wie die heuchler, denn sie verstellen jre angesicht, auff das sie fur den leuten scheinen mit jrem fasten.
Matth. 6, 16; das ist nu die grosze unaussprechliche gnade und gabe (wie sie S. Paulus nennet) so gott den christen gegeben hat, ob sie wol fur der welt nicht scheinet. Luther 6, 345
b; scheinen für der welt. Butschky
Pathmos (
im register); nicht begehrst du zu scheinen in der montur vor den mädchen. Göthe 40, 269. II@2@ee)
überhaupt: schön, prächtig sein, schwäb. scheinen
schön sein, der mensch, das kleid scheint Schmid 456.
so namentlich im particip: die welt aber pfleget jrer gestalt in seiden, golt, und scheinend essen. Luther 1, 21
a. 3, 3
b. II@33)
übergehend in die bedeutung: zum vorschein kommen, sichtbar werden, sich zeigen. II@3@aa)
in eigentlicher bedeutung, so dasz der begriff des glänzens noch klar zu tage tritt: und wiewol disz meidtlin schnöde angethan war, schein doch die schöne unter dem kleyd, wie der mon durch finstere wolcken.
buch der liebe 199
d; was (
ist) eine zauberlaterne ohne licht! kaum bringst du das lämpchen hinein, so scheinen dir die buntesten bilder an deine weisze wand. Göthe 16, 55; di weiʒʒ durich de rote schain. Suchenwirt 25, 196.
ähnlich: der uuinter ist hina .. dîe blûomon schînent in alle demo lante. Williram 39, 2;
zum vorschein kommen: swâ ir der lîp blôʒer schein.
Iwein 1331; in die arme und in die bein und dâ er ungewâfent schein, dâ gap er im vil manegen slac. 6778;
hervortreten: daʒ pain scheint aller maist an den mannen under dem kinn. Megenberg 18, 23; dem die âdern scheinent an der stirn. 49, 24.
so besonders in die augen scheinen: die ersten unterhaltungen .. wandten sich auf Hamann, dessen grab in der ecke des entlaubten gartens mir bald in die augen schien. Göthe 30, 236;
sichtbar, kenntlich werden überhaupt: thaʒ er filu kleinothaʒ sin korn reino; sîn denni gikerre,thiu spriu thana verre, thaʒ thaʒ korn scîne,intiʒ gabissa ni rîne. Otfrid 1, 27, 66. II@3@bb)
in übertragener verwendung: in imo sâhun se odowângotes kraft scînan. Otfrid 2, 11, 29; zi thiu thaʒ guatî sînethes thiu baʒ hiar scîne. 5, 25, 39; Brünhilde sterkegrœʒlîchen schein.
Nib. 425, 1; nû schînet êrste an dir dîn triuwe die dû hâst.
arm. Heinrich 418; sîne vüeʒe und sîniu bein, dar an sîn schœne almeistec schein.
Trist. 3340; dîn êinvaltige skînet in allen dînen uuerchon. Williram 22, 4; sider scinon in ecclesia maniger slahta tugede. 42, 4; so haben doch dein hauszfraw dise edlen Römer und ich, nit wöllen ablassen und versuchen, ob kindtliche lieb, die du mir von jugent auff erzeygt hast, noch an dir scheinen wöl.
Livius (
Mainz 1557) 37
b; es scheinet darausz gottes sonderbare providentz, dasz gleichwie in einem lande nicht alles wächst, also kan man an einem ort offtmals nicht das thun, was am andern geschiehet. Schuppius 47; die einen führten an, dasz das, was von dorther in die augen schiene, eines festen grundes ermangele und riethen ab (
einem rufe nach München zu folgen).
Fr. Jacobs personalien (1840) 75.
so auch im part. scheinend
offenbar: item alle schinende leemthe in den armen, handen .. dese zullen alle yechte wesen. Richthofen 299
b, 8; op schineder dd
auf frischer that. Woeste 229
a. II@3@cc) scheinen lassen,
zeigen, erweisen, beweisen: er lieʒ dick ellen schînen.
Parz. 222, 24; wol lie daʒ schinen Kriemhiltdaʒ si in holden willen truoc.
Nib. 355, 4; (
gott) de dâr noch lêt vele têkene schînen dor bede willen sunte Marînen.
v. sunte Marinen 311; Harre lie dô schînen, als er ê dicke erzeiget, wie grôʒ er was in pînen. Hadamar v. Laber
jagd 564; doch lasz die gunst mir scheinen, vermöge welcher du es pflegest wol zu meinen mit aller wissenschafft. Opitz 1, 22; und damit euwer schuldig gehorsam zugleich gegen gott und der keyserlichen maiestat scheinen lasset und beweiset. Fronsperger
kriegsb. 3, 20
a. II@3@dd)
besonders es scheinet (an, aus ..)
ist klar, erhellt, geht hervor (
aus ..),
apparet: eʒ schînet noch als eʒ dô schein und ich wæneʒ immer schîne: sîn rede was nâch wîne.
Iwein 2457
f.; daʒ scheiden tete ir herzen wê, als wol an ir gebærden schein. 2961; Isegrijn hadde groten nijt op Reinaert, alsoot wel scheen.
Reinaert 7035; wende dirre orden ê spitâl hête ê danne ritterschaft, als eʒ wole schînet an dem namen, wande er daʒ spitâl heiʒet.
stat. des deutschen ordens, regel 4
Perlbach; worde ok schijnde (
zeigte es sich auch), dat desse schutten (
schützen) schaden nemende worden, dar en zolen ze dem ertzebisscop ... nicht umme to spreken.
livländische urkunde von 1439
bei Schiller-Lübben 4, 97
b; und (
Ahab) hies also gott Baal, und widerumb Baal hies er gott, wie das aus Hosea 2. wol scheinet. Luther 3, 205
a; das es wol scheinet, wie er (
Habacuc) nicht ein gering ansehen bey den aposteln gehabt hat. 224
a; und zwar, das der teufel in diesen teufflern solchs gerne wolt, scheinet wol an dem, das solche teuffler schon bereit .. weib und kind, haus und hoff verlassen. 4, 321
b; das scheinet aus dem, das die poltergeister durch alle welt .. umb die messe gebeten haben. 5, 285
b; ist der tod, so ist auch alle der welt wüten und toben, verschlungen. aber das scheinet noch nicht, ja das widerspiel scheinet. 8, 341
a;
jetzt nur in dem abgeblaszten sinne relativer wahrscheinlichkeit '
es leuchtet ein, ist glaubhaft' (
oder nur '
es hat den anschein',
s. 4,
f). II@3@ee)
mhd. mit dativ der person eʒ schînet mir,
ist klar, ich sehe, sehe ein: einem sînen meistere daʒ wol schein ('
der muszte das erfahren'). Lamprecht
Alex. 262
Kinzel (
vgl. d. anmerk. und zu der folgenden stelle); vil harte wol mir daʒ schein, daʒ du dâ nierne wære. 3607; dit sceen arem man Brunen wel.
Reinaert 773;
noch freier gewendet: hi (
Reinaert) hevet ghedaen so goede carine, levic een jaar, het sal hem scinen (
er soll dafür büszen). 424; mîn geselle was her Gâwein, als mir in mînem troume schein.
Iwein 3534;
in letzter stelle würden wir auch noch sagen mir scheint,
um das ungewisse der wahrnehmung zu bezeichnen; synonym mit '
mit dünkt', '
ich glaube': das will mir nicht scheinen; es het em g'schinne (
eingeleuchtet) Hunziker 220; will es euch scheinen, dasz jemals beszre red' ein mann als dieses weib für sich begann? Rückert
ges. poet. werke (1882) 4, 44. II@44) scheinen
von dem äuszern anschein oder aussehen einer sache, indem dabei das innere wesen, die wahre beschaffenheit unbestimmt gelassen wird. scheinen, das ansehen haben,
videri, speciem habere, speciem prae se ferre. Frisch 2, 171
a. II@4@aa)
der ursprünglichen bedeutung bleibt scheinen
am nächsten, wenn es '
aussehen'
bedeutet (
vgl. 2,
c),
in stellen wie: wîʒ und swarzer varwe er schein.
Parz. 57, 18; si schînet ûʒen fröidenrîch. Walther v.
d. Vogelweide 121, 7; heimlich musz ich immer weinen, aber freundlich kann ich scheinen, und sogar gesund und roth. Göthe 1, 102; weh euch schrifftgelerten und phariseer, jr heuchler, die jr gleich seid wie die ubertünchte greber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller todtenbein, und alles unflats.
Matth. 23, 27. II@4@bb) etwas scheinen,
zu sein scheinen, wobei unbestimmt bleibt, ob man es in wirklichkeit ist oder nicht: so dat hi (
Reinaert) sceen een peelgrijn licht ghenoech.
Reinaert 3034; für menschen leer hab grauen, wie gut sie imer scheint.
bergreihen 52, 11
neudruck (26, 5); um was wir gestern weinten und nicht zu trösten scheinten. P. Fleming 330; diese frage scheint mir der untersuchung werth. Schiller
don Carlos 4, 12; läszt man ihn scheinen, was er mag, er wird ein groszer prinz bis an sein ende scheinen.
Wallensteins tod 1, 7; in ihren (
der protestanten) augen konnte es verdienst scheinen, diesen reichstag zu stören oder aus einander zu scheuchen.
werke 8, 388; so muszten die hohen freyherrn den niedrigen freyen endlich die letzte hand scheinen, aus welcher ihnen sowohl bedrückungen kamen, als wohlthaten zufloszen. 9, 235; aber zum glücke ist dieser stein von schlechter arbeit, und mit einer griechischscheinenden schrift vollgefüllt, die keinen verstand macht. Lessing 8, 253.
mit prädicativem genitiv, besonders im mhd.: der tugent schein di reine niht von geburte alleine.
Elisabeth 2583
Rieger; vielleicht auch, dasz er (
pastor Göze) sich so unphilosophisch ausdrücken muszte, um nicht gar zu deutlich meiner meynung zu scheinen. Lessing 10, 146.
mhd. kann das prädicat auch eine präpositionale verbindung sein: mîn her Gâwein, der ie in rîters êren schein.
Iwein 4718; mîn lieber herre Gâwein, der ie nâch vrouwen willen schein. 4280; in grôʒen vreuden er schein.
Barl. u. Jos. 109, 36. II@4@cc)
vielfach in dem sinne '
wie etwas aussehen',
in vergleichen, um die ähnlichkeit der gestalt oder des eindrucks auszudrücken, nicht, dasz man wirklich eins für das andre halten könnte: doch er wider in schine ein berc (
so grosz wie ein berg).
Erec 9237; und tugent scheint ain hoher bergk, wiltu recht klimmen auff dj spitz, in guotem üb stet sinn und witz. Schwartzenberg 124
b; die weisze brust, die alabaster schien. Wieland 10, 183; betrachte das kalte, aber keck und schneidend geschliffne auge, dessen winkel eine offne blechscheere oder aufgestellte falle scheinen. J. Paul
Titan 2, 32; ihr (
der maske) groszer, trotzender hut, der ihm eine krone schien. 105. II@4@dd)
häufig steht scheinen
in ausgesprochnem gegensatz zu sein: maneger schînet vor den frömden guot, und hât doch valschen muot. Walther v.
d. Vogelweide 103, 10; als tuot mîn lieber herre Jêsus Kristus: der leit uns underwîlent ein grôʒ joch ûf ze lîdende; aber er hilfet eʒ uns tragen und schînen wir niuwen under der bürdi.
d. mystiker 1, 270, 5
Pfeiffer. diese bedeutung ist besonders in der neuern sprache ausgebildet: ein gutmüthiges liebevolles belachen der unerfahrenheit in der bösen, obgleich auf unsere schon verdorbene menschennatur gegründeten kunst zu scheinen. Kant 10, 128; jener (
der edelmann) darf und soll scheinen, dieser (
der bürger) soll nur seyn, und was er scheinen will, ist lächerlich und abgeschmackt. Göthe 19, 153; scheine du nicht meine mutter, sei es. Schiller 15, 2, 563 (
Demetrius); und das sollte ich — (mit dem
seyn hat es keine noth ...) — das sollte ich ruhig auch nur
scheinen wollen? ich müszte nicht wissen, dasz die welt mehr darauf achtet, was man scheinet, als was man ist. Lessing 10, 60
f.; darum eben war das kein tempelherr; er schien es nur. 2, 200; es ist die gegenwart die mich erhöht; abwesend schein' ich nur; ich bin entzückt! Göthe 9, 124; so laszt mich scheinen, bis ich werde. 20, 159; ich kam als königinn in dieses land, zu leben, nicht zu scheinen. Schiller
jungfrau von Orl. 2, 2; sie (
Elisabeth) geb' es auf, mit des verbrechens früchten den heil'gen schein der tugend zu vereinen, und was sie ist, das wage sie zu scheinen.
M. Stuart 1, 7;
königin. nun wohl, weswegen scheint es so besonders dir?
Hamlet. scheint, gnäd'ge frau? nein, ist; mir gilt kein scheint.
Shakespeare Hamlet 1, 2. II@4@ee) scheinen
mit infinitiv. im mhd. fehlen die belege, weil diese bedeutung überhaupt noch weniger entwickelt ist, und ein adjectivisches prädicat direct zu scheinen
gesetzt wird ohne die jetzt übliche copula sein.
im mnd. mnl. steht der inf. mit te,
ebenso in der neuern sprache mit zu;
dagegen hat das ältere nhd. (16.—17.
jahrh.)
den infinitiv ohne zu. II@4@e@aα)
infinitiv ohne zu: der glaub scheinet klein sein, ist aber viel edler und besser. Luther 4, 135
a; es scheinet wol ein geringer gottesdienst sein. 5, 190
b; lieber wie scheinen dise sprüch war sein? Agricola
sprichw. 151
b; und dieses theil oder stücke (
der leber) ist so grosz und dick, dasz es die halbe leber seyn scheinet. Uffenbach
neues rossb. (
Frankf. a. M. 1603) 1, 124; er sah' ein jungfräwlein bey zween schelmen stehn, die schien gar wacker seyn, und der in ferne schö
n. Dietr. v.
d. Werder
Ariost 4, 69, 8; doch scheint es so viel seyn, du wirst was neues bringen. Opitz 1, 171; trifft uns nur solches leyd was klagens werth scheint seyn. 223; ein trojanisch pferd, scheinet unser friede seyn; stecket voller groll, reiszet viel verfassung ein. Logau 2, 63, 55; es scheint nicht höflich seyn, was schläfet auffzuwecken. 2, 69. II@4@e@bβ)
infinitiv mit zu: ic sie hier noch so veel staen mijnre maghen ende gheslachten, die luttel schinen mijns te achten.
Reinaert 4386; unde alse desse dre berge eyn berch schynt to wesen.
seebuch 14, 8
Koppmann (
s. 62); ich wil gar nicht darauf sehen, was ich für der welt zu seyn scheine. Butschky
Pathm. 59; wie groszmüthig, ohne zweifel, schien sich der reiche mann zu seyn! Lessing 3, 303; so lernte ich ihr geschlecht kennen, mein freund, und wie rein haszte ich's, da ich zu bemerken schien, dasz selbst leidliche männer, im verhältnisz gegen das unsrige, jedem guten gefühl zu entsagen schienen. Göthe 19, 87
f.; was seine majestät aus pflicht gethan, will ich nicht scheinen ihrer huld zu danken. Schiller
don Carlos 5, 2. II@4@ff)
mit nachfolgendem satze, eingeleitet durch dasz
oder wie,
jetzt auch namentlich durch als ob,
wofür in älterer zeit auch ob
allein; es scheint als ob: es schein wol, als esse und trüncke ich mit euch.
Tobias 12, 19; die künsten musten flihen, die wissenschafft hört' auff von lieblichkait zu blühen, es scheint' ob wer es ausz. Rompler
reimged. 232;
selten in persönlicher fügung: er (
der fürst) scheinet, ob wehre alle ehr, herrligkeit, glük und behäglichkeit auf der welt ihme zu diensten gemacht. Butschky
Pathmos 718; verstelle dich, Judas, schein', als wolltest du ihn in die hand der wartenden priester überliefern. Klopstock 3, 147 (
Mess. 3, 631);
ähnlich auch: mich will Antonio von hinnen treiben, und will nicht scheinen, dasz er mich vertreibt. Göthe 9, 216. II@4@gg) scheinend
scheinbar: als gar ungleich und anderweit stehet ein recht warer heiliger gegen den scheinenden und falschen betrogenen heiligen. Luther 3, 11
a; und macht einen ertichten, scheinenden falschen geferbten heiligen aus jm selber, das ist ein heuchler.
ebenda; das ist der unterscheid der waren heiligen, und der scheinenden heiligen. 12
b; die euszerliche gerechtigkeit und scheinende frömigkeit, ist lauter trigerey on grund und warheit. 13
b; erstlich geben etlich (
türkische mönche) bey leben für so grosze scheynende gedult, dz sy gott gleich als aller ding abgestorben und unendtpfindtlich. Franck
weltb. 108
a; zu einer solchen aber blos scheinenden, erweiterung gehört auch der satz .. Kant 3, 378; ich lachte bey mir selbst über die reden, welche meine vielleicht nur scheinende, vielleicht würkliche narrheit, verursachte. Lessing 3, 226; diesz hat sie doch von manchem windbeutel gerettet, der im anfang vielleicht durch scheinende gute eigenschaften einigen eindruck auf sie gemacht hätte. Göthe 57, 117; seit der gute jüngling ... durch kälte, scheinende verachtung viel gequält, zuletzt es nicht mehr trug. 10, 292. II@55)
mundartliches und besonderheiten. II@5@aa)
pommerisch de eer schine,
die von der glucke bebrüteten eier gegen das licht halten, um zu sehen, ob sie fruchtbar oder klar sind, s. nd. korrespondenzblatt 13, 85
b. b)
preuszisch schînen,
schnell flieszen (
hierher?). Frischbier 2, 255
b. 274
a.