stuhl,
m. ,
thronus, tribunal, cathedra, sella, sedes. herkunft und form. gemeingerm. wort: ahd., mhd. stuol,
got. stols,
krimgot. stul,
anord. stóll,
schwed., dän. stol,
ags. stól,
engl. stool,
afries., as., mnd. stol,
ndl. stoel,
mlat. stolium.
germ. stola-,
idg. st(h)ālo-
in lit. pastõlai
gerüst, ablautend idg. st(h)əlo-,
aksl. stolъ
θρόνος,
κάθεδρα,
russ. stol
tisch, preusz. stalis,
lit. stãlas
dass. (
zur bedeutung vgl. Meringer
sitzber. d. akademie Wien, phil.-hist. kl. 144, VI 95);
weitergebildet (
wahrscheinlich aus stəlnā)
gr. στήλη,
äol. στάλλα säule. ableitungen mit lo-
suffix von der wurzel st(h)ā
stehen, s. Walde - Pokorny 2, 607); Trautmann
baltoslav. wb. 284; Meringer
a. a. o. 92
ff.; doch ist zugehörigkeit zu st(h)el
stellen ebenfalls möglich, s. Meillet
études sur l'étymologie du vieux slave 420, Persson
beitr. z. idg. wortforschg. 423, 4
u. 578, 1. —
das wort ist alter a-
stamm, der plural got. stolam (
dativ),
ahd. noch stuola,
im mhd. bereits [] mit umlaut stüele;
doch hält sich der umlautlose plural bis ins 16.
jh.: under zwen stulen
deutsche reichstagsakten 1, 560, 10
Weizsäcker (1387); auff den stullen arbeitten Endr. Tucher
baumeisterbuch d. stadt Nürnberg 48, 11
Lexer; die stul stellen (1496
schwäb.)
bei Steinhausen
privatbr. 1, 318; zwischen zwen stullen Luther 8, 254
W. (
a. d. j. 1521); etliche stul Kirchhof
wendunmuth 1, 150
Österley. vereinzelt erscheint anorganische (
oder nur graphische)
umlautbezeichnung auch im singular: auff ein stül
bei Steinhausen
privatbr. 1, 157 (1476).
in modernen mundarten auch in der form stull,
die freilich nicht notwendig auf verkürzung des stammvocals deutet: stull
wb. d. luxemb. ma. 432
b; stull Schmidt-Petersen
nordfries. 130
a;
auf anderer linie steht die orthographisch zu verstehende älternhd. auslautschreibung in fällen wie: stuell
altdeutsche passionsspiele a. Tirol 340
Wackernell; stull E. Tucher
baumeisterbuch 50, 12
Lexer; stuoll Judas Nazarei
v. alten u. neuen gott 47
Kück u. ö. bedeutung und gebrauch. etymologie und auszerdeutsche bedeutungsvarianten lassen als ursprünglichste bedeutung '
gestell'
erschlieszen, vgl. Hoops
reallex. 4, 296;
gemeingerm. erscheint '
hochsitz, thron' (
s. u. 1).
vereinzelt begegnen im deutschen unsichere hinweise darauf, dasz stuhl
in älterer sprache neben dem sitzgerät auch ein liegegerät sein könnte: stuollahhan
als übersetzung von '
stratorium'
ahd. gl. 1, 420, 24
neben pettiwat 1, 424, 34, beddiwadi 1, 425, 26, panchlachin Graff 2, 158; prutstuole
für '
thorus maritalis'
ahd. gl. 1, 690, 22; brûtestuol
thalamum Notker 1, 793, 30
Piper; hierzu würde sich der bergname Brünhildenstuhl,
urkundlich 1360
als Brunoldesstuol,
stellen, wenn er mit dem für 1043
bezeugten lectulus Brunihilde (
vgl. zs. f. dtsch. altert. 49, 483)
wirklich identisch ist; doch vgl. unten 2
schlusz u. 6. 11)
erhobener sitz, ehrensitz. 1@aa) '
thron'. 1@a@aα)
das gemeingerm. wort stuhl
bedeutet '
das vornehmste, eigtl. herrschaftliche sitzgerät, einen aufbau, der zugleich sinnbildliche bedeutung hat und den oder die inhaber einer gewalt aufnimmt',
vgl. M. Heyne
dtsch. wohnungswesen 53;
s. auch Meringer
sitz.ber. d. Wien. ak. 144, VI 94
f. im gegensatz zu stuhl
diente als gewöhnlicher sitz die bank,
vgl. teil 1, 1106; Heyne
a. a. o. 55;
demgemäsz stuhl '
sitz eines weltlichen herrschers'
: got. stol Daweidis
τὸν θρόνον Luc. 1, 32;
ahd. stool
tronus ahd. gloss. 3, 4, 20 (8.
jh.); stuol
tronus Notker 2, 23, 25; 24, 12
u. ö. Piper; solium stual
ahd. gloss. 1, 447; 448, 12 (8./9.
jh.);
thronus stuel, stole Diefenbach 599
a;
solium kunglicher stull 541
b; sal
vel künigs stuol
nov. gloss. 342
b;
altithronus eins kunigs stul
gloss. 26
c;
auch lat. sella regalis, regia übersetzend z. b. Diefenbach 599
a; Stieler 2177;
vgl. auch die compp. königs-, kaiser-, fürsten-, herzog-, regenten-, tyrannen-, thronstuhl;
in allen perioden der deutschen literatur wie auch der übrigen germ. dialekte in profanem und biblischem schrifttum reichlich belegt, in neuerer zeit durch das lehnwort thron
zurückgedrängt und meist nur noch in gehobener oder stilisierter sprache gebraucht. im eigentlichen sinne: der herzoge an des kuniges stuol gesaz
kaiserchron. 4987
Schröder; der könig ... satzt sich auff seinen stuel (
super thronum)
1. kön. 2, 19; zu dreien mahlen hab ich sie (
Johanna) gesehn zu Rheims auf unsrer könige stuhle sitzen Schiller 13, 176
Gödeke; Karl ... führte sie (
Isabella) auf seinen hohen stuhl A. v. Arnim
s. w. 1, 156
Grimm; häufiger in symbolischer anwendung für die königliche herrschaft belegt, schon seit dem gotischen: gadrausida mahteigans af stolam (
ἀπὸ θρόνων) jah ushauhida gahnaiwidans
Luc. 1, 52; ... thar was thes mareon stol an erdagun adalcunninges Davides thes godon
Heliand 361
Sievers; gab her imo dugidi, fronisc githigini stuol hier in Vrankon ...
Ludwigslied 6
Steinmeyer; [] darumb wann die ain in künglichen stul belibe, das land ze regieren Stainhöwel
de clar. mul. 53
lit. ver.; um sich als abkömmlinge von ihm, als gesetzmäszige besitzer des königlichen stuhls zu legitimieren Herder 24, 472
Suphan. ebenso sitz eines geistlichen von hohem range, so besonders des (
erz)
bischofs, patriarchen u. a., vgl. ags. arcestól
sedes archiepiscopalis Bosworth-Toller 48
b; bisceopstól
sedes episcopalis ib. 104
a;
suppl. 93
a; rômâniscan bisceopstól
ib. 104
a;
afries. stoel toe Utrecht Richthofen
rechtsquellen 405, 1: der Dürenge herre den stuol von Kölne brach und machte krumbe sleht
Wartburgkrieg 29, 7
Simrock; vil bose lute karten uf den bischof iren nit, des wart er schiere nach der zit von dem stule getriben
passional 18, 73
Köpke; wir Heinrich, von gots gnaden des heiligen stuoles ze Mentze ertzebischof
urkunde v. j. 1339
in monum. Boica 40, 271; de bischop (
Adelbertus) wart herliken to stole (
des erzbistums Magdeburg) gebracht
chron. d. dtschen st. 7, 60 (14./15.
jh.); (
Bonifatius) ordnet daselbst ein bischofthumb, das alszpald dem stuol zu Mayntz gewichen hat (
illico Maguntinae sedi cessit) G. Alt
buch d. chron. (1493) 155
b; der patriarch der Krichen zu sant Sophia ... flucht den Armenigen und allen den, die wider sein stul sein und glauben Schiltberger
reisebuch 110
lit. ver.; Ortlieb ... der 25. prelat des hohen stuols zuo Basel Stumpf
Schweizerchron. (1606) 702
b; neujahrswunsch an Johann Philipsen des h. stuls zu Mainz erzbischoffen S. v. Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) 325;
seit dem 18.
jh. wohl auf gelehrtem wege neu belebt: zumal ihm so viel daran gelegen war, die bischöflichen stühle mit leuten besetzt zu sehen, auf deren treue ... er sich verlassen konnte
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 1, 250; die bischöfe von Würzburg und Bamberg zagten in ihrer burg; schon sahen sie ihre stühle wanken Schiller 8, 206
Gödeke; damals hatte Maximilian Friedrich aus dem hause Königsegg den erzbischöflichen stuhl inne Ranke
s. w. 31/32, 67.
besonders aber sitz des papstes, der als päpstlicher, römischer, apostolischer, heiliger stuhl, stuhl Petri, stuhl zu Rom,
oft auch blosz als stuhl
ohne nähere bestimmung bezeichnet wird; vgl. afries. des helligha stolis to Rume Richthofen
afries. rechtsquellen 257, 8;
mnd. stol van Rome
chron. d. dtsch. st. 12, 39, 606;
ndrhein. den payslichen stoill v. Harff
pilgerfahrt 3
Groote; sdul Pedri Christa
wb. d. Trierer ma. 203
b.
seit dem 12.
jh. bis in jüngste zeit überaus häufig belegt: dô starp ... der dô ze Rôme bâbest was ... (
die Römer) bescheiden niene kunden wem si des stuoles gunden Hartmann von Aue
Gregorius 3154; sit alsus der zwelfbote harte iemerlichen trat uz der hogelobten stat des apostolischen stules
passional 318, 62
Hahn; de erste (
papst Clemens) hadde sinen stoel to Rome
chron. d. dtsch. st. 26, 127, 6; anno domini ... als der romisch stuel vacieret Knebel
chron. v. Kaisheim 206
lit. ver.; so komm ich endlich zu Sanct Peters stuhle müde Brentano
ges. schr. 2, 603.
oft für den papst selbst als inhaber der päpstlichen gewalt sowie noch abstracter für die päpstliche regierung, macht, würde, herrschaft; vom 12.
jh. an geläufig: künec Constantin, der gap so vil, als ich ez iu bescheiden wil, dem stuol ze Rome, sper, kriuz unde krone Walther v.
d. Vogelweide 25, 13
Lachmann; derzuo gab er (
Pipin) dem stuole daz hertzogentuom zuo Spolet
chron. d. dtsch. st. 8, 33, 31 (
v. j. 1362); inquisitor so ist mein nam, ich bin gesetzt vom stul zu Rom H. Sachs 14, 305, 30
Keller-Götze; wie kumpt es ... dasz der römisch stuol alle lehen erbt? Hutten
opera 3, 549
Böcking; so waren sie dem römischen
[] stuel und der gantzen verderbten clerisey unleidlich G. Arnold
kirchen- u. ketzerhistor. (1699) 125
a; später ertheilte der römische stuhl einen dispens Gutzkow
ritter vom geiste (1852) 3, 52;
bes. in der geschichtsschreibung naturgemäsz häufig: ohne die auflage des zehenten und zwanzigsten pfennings hätte der stuhl zu Rom nie die vereinigten Niederlande verloren Schiller 8, 6
Gödeke; 4, 92; unermeszlich war die aussicht, die sich ... dem römischen stuhle eröffnete Ranke
s. w. 40/41, 16; 1, 203; 4, 25; (
schäden), die der päpstliche stuhl in Italien unter und durch Napoleons mitwirkung erlitten hatte Bismarck
ged. u. erinn. 2, 196
volksausg.; nebenbei wollte er auch in Rom die nahezu fertige vereinbarung mit dem heiligen stuhle förmlich beendigen Treitschke
dtsche gesch. im 19.
jh. 3, 180.
gelegentlich mehr figürlich: dise newe ketzer, welche auff nichts anders umbgehn, dann dasz sie das gantze fundament des römischen stuls zu grund richten ... wollen Fischart
binenkorb (1588) 5
b.
übertragen von stuhl
als herrschersitz des königs ist die anwendung auf den sitz gottes als des mächtigsten und höchsten königs und herrschers im himmelreiche: bi himina, unte stols ist gudis (
θρόνος θεοῦ)
Matth. 5, 34; ne bi himile ... hwand is thes herron stol
Heliand 1509
Sievers; daz wort von dînem (
gottes) stuol sich lie, ein reiniu maget ez enphie Rudolf v. Ems
Gerhard 423
Haupt; ich hett mich im (
gott) geseczt gleich auf seinen stuell im himelreich
altd. passionsspiele i. Tirol 340
Wackernell; vernimm mein wort und höre mich vom stule, da du sitzest P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 371
b;
im sprichwort: wer alles nach seinem kopff will regieren, der setzt sich neben gottes stul Lehman
florileg. pol. (1662) 2, 671;
in jüngerer zeit vorwiegend in poetischer sprache: denn gottes lamm wird euch viel schöner kleiden und dort vor seinem stuhle weiden Gottsched
ged. (1751) 1, 339; um seinen (
gottes) stul brausen wasserfluthen Herder 6, 231
Suphan. als symbol der gewalt und herrlichkeit gottes gern in verbindung mit einem genitiv, der einen numinösen begriff enthält: wan des menschin sun sitzet uf dem stule siner gewalt (
ἐπὶ θρόνου δόξης =
vulg. in sede maiestatis)
Matthias von Beheims evangelb. Matth. 19, 28
Bechstein; Luther: da des menschen son wird sitzen auff dem stuel seiner herrligkeit; herre got ... send uns dine wishait von dem stuel diner gothait
schauspiele d. mittelalters 1, 147, 123
Mone; das er (
der herr) sitz mit den fursten und halte den stuol der glori (
solium gloriae)
erste dtsche bib. 5, 15, 38
lit. ver. desgleichen sitz der heidnischen götter, vgl. ahd. idolium abgot stuol
ahd. gloss. 2, 468, 22 (11.
jh.): (
Zeus) vater der götter und menschen! ruhst du noch oben auf deinem goldenen stuhle? Göthe I 17, 45, 2
W. ebenso der sitz Lucifers, Satans, des obersten höllenfürsten, teilweise unter dem einflusz der bibel (
z. b. apokal. 2, 13
θρόνος τοῦ σατανᾶ =
vulg. sedes Satanae): (
Lucifer) dar zuo wil ich den stuol min setzen norderen halp sin uf dem hohen himele, ich wilz im (
gott) haben gelich und ebene
genesis 1, 26
Diemer; da der stul ist Sathanases H. v. Hesler
apokal. 2827
u. ö. Helm; bei Luther: da des Satans stuel ist
apok. 2, 13; sein (
Lucifers) königlicher stuhl ist ihme genommen worden J. Böhme
schriften (1620) 2, 47.
auch: die bettel münch mochten euch auch minder guts leren, dan all ihr sach ist gericht auff bevestigung des Antichrists stul Eberlin v. Günzburg
s. schrift. 3, 5
ndr. [] 1@a@bβ) stuhl
in der bedeutung thronus erscheint häufig in festen verbalverbindungen, wo die ganze wendung nur einen bildlichen ausdruck darstellt für gewisse handlungen und vorgänge, die einen herrscher angehen, wie z. b. die herrschaft antreten; in die herrschaft einsetzen; regieren; der herrschaft berauben u. ähnl., zb.: seinen (den)
stuhl setzen, aufrichten, betreten, einnehmen, besteigen u. ähnl.: her satzte do hin den stul seines konigreiches J. Rothe
düring. chron. 27
Liliencron; (
Alboinus) richtet spil und kurtzweil zuo Verona an, dahin er den stl seines reichs hett gesetzt Seb. Franck
German. chron. (1539) 55
b; er (
Tuisko) hat erstlich den stuol seines reychs in Europam gesetzt Stumpf
Schweizerchron. (1606) 54
a; ... wer zum beherrscher der völker sich nahte, der den stul hoch über die hirten der völker gesetzet Bodmer
Noah (1752) 48, 280; gott hat im himmel seinen stuhl gesetzet Cramer
s. ged. (1781) 1, 89.
in dieser anwendung auf gott meist bereiten
nach ps. 102, 19
dominus in caelo paravit sedem suam, bei Luther der herr hat seinen stuel im himel bereit
ps. 103, 19; im himmel hat er (
gott) seinen stuhl bereitet, und überall den scepter ausgebreitet Canitz
ged. (1727) 36; er (
gott) hat seinen stul bereitet in des hohen himmels schlosz, und sein reich ist ausgebreitet durch den ganzen erdenklos Neukirch
ged. (1744) 95. und haben zu Verona ... den stuol ires reiches auffgerichtet Seb. Franck
German. chron. (1538) 55
a; und der stuel David auffgerichtet werde über Israel (
elevetur thronus Davidis super Israel)
2. Sam. 3, 10; er hat den königlichen stul uns wieder auffgerichtet Simon Dach 215
Österley. Ancöus betrat nach dem tode des Lycurgus den thracischen stuhl Lohenstein
Arminius (1689) 2, 30
b. pabst Adrianus, als er erstmals nach Rom kommen war, den päbstlichen stul einzunehmen Lehman
florileg. polit. (1662) 3, 253. pabst Julius, der 1503 den päbstlichen stuhl bestieg Gottsched
neuestes aus d. anmuth. gelehrs. (1751) 3, 428; am tage, da st. Petrus einst zu Rom den heilgen stuhl der christenheit bestiegen W. Waiblinger
w. 149
Friedrich. auf dem stuhl sitzen u. ähnl., mhd. den stuol besitzen: und Engelhard diu krône erwarp und des rîches stuol besaz Konr. v. Würzburg
Engelhard 5083
Haupt; nach keiser Vrideriches zit waren künige vünve, der nie keiner sit ze Ache wenik küniges stuol besæze
minnesinger 3, 61
a v. d. Hagen. Salomo sasz auf dem stuel seines vaters David (
sedit super thronum)
1. kön. 2, 12; und wenn er (
der könig) nun sitzen wirt auff dem stuol seynes künigreyches (
sederit in solio regni)
Züricher bib. (1531)
5. Mos. 17
D.; gott, der ihn würdig schätzt, auf Deutschlands stuhl zu sitzen König
ged. (1745) 272; in dem tausendsten jahr der erbauung Roms sasz auf dem stuhl der Cäsaren der Araber J. v. Müller
s. w. (1810) 1, 358.
auf den stuhl setzen, erheben u. ähnl. und das gegenteil vom stuhle stoszen, stürzen u. ähnl., vgl. schon got. gadrausida ... af stolam
Luc. 1, 52: nemlich von Sant Michelstag an bisz uf Sant Peterstag, als er (
d. papst) uf den stule gesatzt wart (
a. 1515)
Frankf. zunfturkunden 1, 313; jeder deutsche fürst, den die wahl seiner mitstände auf den stuhl der Ottonen setzte Schiller 9, 238
Gödeke; da konnten sie sich über die (
papst-)wahl nicht vereinigen weil ein jeglicher einen aus seiner verwandtschaft auf den stuhl erheben wollte Simrock
dtsche volksbücher 2, 38; Otto II. hat ... seinen lehrer Gerbert zum päpstlichen stuhle befördert Ranke
s. w. (1867) 1, 16; er schrib dem bapst, er sol den Teutschen gebietten, dasz sie wider den tyrannen und anplatzer des reichs auffsetzen
[] und ihn ausz dem stuol stoszen Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 125
a; die fürsten werden von dem stuol gestoszen
kampf d. schwärmer gegen Luther 33
ndr.; herunterstoszen seinen kaiser vom stuhle möchte Rudolf der Schwabe gern maler Müller
w. (1811) 1, 193.
feste wendungen anderer art bei dem stuhl schwören: nach heidnischer manier schweren sie bey dem läben des königs oder bey seinem stuol Stumpf
Schweizerchron. (1606) 12
b; ich schwere bey dem stuhl, bei meiner cron und reich Gryphius
trauerspiele 667, 209
Palm. an den römischen (
apostolischen)
stuhl appellieren: wiewol auch ausz nachfolgendem text verstanden wirdt, dasz Jo. Huss den papst für den obersten bischoff gehalten hat, so er saget, dasz er vom ertcbischoff zuo Prag an den römischen stuol geappelieret habe Vogelsang-Cochläus
ein heiml. gespräch 18
ndr.; do nu die Thüringer spüreten, dasz sie ... nichts erlangen ... konten, lieszen sie sich vernemen, dieser sachen halben an den römischen stul zu appelliren Binhardus
thüring. chron. (1613) 103. 1@a@gγ)
mit begrifflicher erweiterung bezeichnet stuhl
bisweilen auch die residenz: Alkeyr, ein sitz und stuol aller yrer künig Seb. Franck
weltbuch (1534) 15; und ward auch gemachet ein künigliche statt, ein stuol des reichs Seb. Münster
cosmogr. (1550) 1054; were die statt Rom nimmermer zu einer behausung oder stuol dess obersten reychs gerahten Stumpf
Schweizerchron. (1606) 145
a.
daher in verbaler verbindung seinen stuhl halten
soviel wie '
residieren': Buta die hauptstat, da die könige ... ihren stul hielten
M. Quad
enchir. cosmograph. (1604) 45. den stuhl rücken
die residenz verlegen: (
Constantin) der den stul des römischen reichs ausz Rom geruckt hat gen Bisancium
chron. d. dtschen st. 3, 56 (
a. 1488).
spärlicher für die residenz des papstes: der stuol kam gein Avion
chron. d. dtsch. st. 9, 582, 14 (
a. 1399); Clemens, der was der erst, der den stuol vom Rome gen Avion zoch, do er noch ist
ebda 8, 26, 27 (
a. 1362);
auch für das bistum, die diöcese: wir Mechthilt eptissin ... des closters zcu Nempczschin, grawes ordins, by Grymme gelegen, in deme stule zcu Merseburg
urkunde v. j. 1402
bei Haltaus 1760. 1@bb) '
richterstuhl',
s. rechtsalterth.4 2, 374,
daher hiesz der richter stuolsâzo
ebda. meist ist auch der stuhl des richters erhöht, vgl. tribunal hostol
ahd. gloss. 1, 298, 44 (8./9.
jh.); die hohen richterstühle Herder 12, 86
Suphan, während die schöffen auf bänken
sitzen: die bänke der schöffen und der stuhl des richters Alexis
Roland von Berlin (1840) 1, 26.
oft hatten aber auch die schöffen stühle,
und dann der richter nur einen höheren oder gröszeren rechtsalt.4 2, 409. 1@b@aα)
des rechtsprechenden richters: tribunal rihterstuol
voc. opt. 4, 135
Wackernagel; Diefenbach 595
a; duom, richte stoul
nov. gloss. 371
a; ein richterstul
mlat.-hochd.-böhm. wb. 276
b; richterstul
suggestus gloss. 565
c;
s. auch richterstuhl
teil 8, 894, richters stoil
tribunal Teuthonista 260
b Clignet; tribunal der erhabene stuel des richters Corvinus (1660) 1487;
vgl. auch got. stauastols
βῆμα Matth. 27, 19;
ahd. dincstual
tribunal ahd. gloss. 1, 294, 14,
s. dingstuhl
teil 2, 1177;
tribunal suonstuol
ahd. gloss. 2, 37, 53 (11.
jh.);
mhd. senitstuol
sitz des geistlichen gerichtes Annolied 508
Rödiger. bes. auch des richtenden herrschers: tribunal cheisar stol Diefenbach
nov. gloss. 371.
seit mhd. zeit oft belegt: si sprachen, daz des rîches (
var. rihtæres) stuol stuonde ubel lære. si namen in ze rihtære
kaiserchron. 7247
Schröder; Pilatus ... saz uf dem stul des gerichtes (
vulg.: sedit pro tribunali Joh. 19, 13)
Matthias von Beheims evangelienbuch 224
Bechstein; aller keiser und könige stüle, so da richten, müssen das recht von ihm lernen Luther 30, 2, 489
W.; eur mayestat geb wir darnebn ein königlichen stuhl und thron, darauff sie zu gricht sitzen kan und urtheln für den gemeinen nutz Ayrer
dramen 1, 239, 7
Keller; [] sonst mag der unterthan, der vor dir kniet, gerechtigkeit erheischt vor deinem stuhle, dich als tyrannen klagen an vor gott Tieck
schrift. (1828) 1, 76.
zuweilen ohne jede nähere attributive bestimmung, wo aber die beziehung auf den richter klar ist: (
schuhu, als richter) da gehören sie vor meinen stuhl Göthe I 17, 87, 14
W., (
gerichtsrat Walter zum dorfrichter Adam) ihr habt zulängst hier auf dem stuhl gesprochen H. v. Kleist 1, 384
E. Schmidt; als symbol des richterlichen amtes in verbindung mit verben, die der sphäre der rechtssprache angehören wie vor seinen (den) stuhl bescheiden, ziehen, vom stuhle verweisen
u. s. w.: der weise mann ... läszt sie (
dienerschaft) insgesammt vor seinen stuhl bescheiden Eschenburg
beispielsammlung (1795) 2, 204; man sitzt über sich als richter da, und urtheilt über das vergangene und gegenwärtige ab, als habe man einen dritten vor seinen stuhl gezogen
F. M. Klinger (1815) 12, 13; der richter sprach: wenn ihr mir den vater nicht bald zur stelle schafft, so weis ich euch von meinem stuhle Lessing 3, 94, 496
L.-M.; bildlich: die edelsten, uneigennützigsten bemühungen der menschen, haben also vor dem rhadamantischen stuhle des schicksals nichts mehr und nicht weniger zu schutz und von obhut zu hoffen G. Forster
s. schr. (1843) 5, 389; der du noch jüngst von deinem kritschen stuhle uns arme sonettisten abgehudelt Uhland
ged. (1898) 1, 112.
übertragen auf den sitz gottes als des höchsten richters, ohne dasz herrschersitz (
thron)
und richtersitz immer scharf von einander geschieden sind, unter biblischem einflusz, daher oft in religiösem schrifttum sowohl im eigentlichen wie im bildlichen sinne, vgl. got. stauastola Christaus
βήματι τοῦ Χριστοῦ Röm. 14, 10: ich sah mit minen inren ogen eins tages den gOetlichen richter sizen uf sinem stuole Heinr. Seuse 1, 70, 5
Bihlmeyer; du (
gott) sitzest auf dem stuel, ein rechter richter (
sedisti super thronum)
psalm. 9, 5;
ähnlich bei H. Sachs: du sitzest auff deim stule schlecht und bist ein richter streng und grecht 18, 52, 15
Götze; wir werden vor dem stuhl des richters (
gottes) offenbar Triller
poet. betrachtungen (1750) 1, 62;
in verbindung mit einem genitiv, der einen numinösen begriff enthält: derhalben wir auch für den stul aller genaden kommen Ringwaldt
evangelia l 1
b; und wenn ich einst dort oben am tage des gerichts, rechenschaft geben musz von meinen thaten, dann werde ich mit dieser quittung in der hand vor den stuhl der allmacht treten Heine
s. w. 3, 346
Elster. 1@b@bβ)
sitz des einzelnen schöffen bei gericht, vgl. schöffenstuhl
teil 9, 1446
f.,
seit mhd. zeit belegt: disen stul (
der schephen) erbet der vater uf sinen eldesten sun
Sachsenspiegel 3, 26, 3
Weiske-H.; und alsso nu die selbin busser yn den steten unde dorffirn der schepphin stule besaszen Joh. Rothe
düring. chron. cap. 690
Liliencr.; und da die stule (
der schöffen) besatzet waren
weisth. 6, 72;
vgl. 3, 604;
in der schönen literatur selten: zwölf stühle sind zugericht für die zwölf schöppen gut Rückert
w. (1867) 3, 40.
sitz des hauptmanns der bergschöffen: der hauptmann tritt oben an den in der schöppenbank vor der taffel stehenden stuel und zur rechten seiten ... stellen sich die herren des raths Horndorff
saltzwerk in Halle (1670) 154;
vgl. Zedler
lex. univers. (1733) 3, 1291
s. v. bergschöppenstuhl; 1@b@gγ)
erweitert zur bezeichnung eines gerichts: euch freien scheppen und gerichten desselben stules
M. C. Schütze
historia rer. Pruss. (1592)
lib. IV, F f 2
a;
daher auch für eine gerichtsstätte; so führen denn auch verschiedene örtlichkeiten, [] an denen sich alte gerichtsstätten befanden, namen wie land-, fürsten-, königs-, kaiserstuhl,
vgl. Buck
flurnamenb. 273;
rechtsalterth.4 1, 336;
namentlich der königsstuhl zu Rense: die (
artikel) zu Rense uf dem stuole gelesen wurdent E. Windecke
denkwürdigkeiten 7
Altmann; selbst auf dem stuhl zu Rense leistete der könig dem römischen reiche den eid Ranke
s. w. (1867) 1, 36;
für die sog. freigerichte, die freistühle: vristuol
a. d. j. 1420
bei Lexer 3, 523;
mnd. de vrie stöl Lübben-Walther 382
a; frigenstoil (
a. 1430
Braunschweig) Steinhausen
privatbriefe 1, 29;
altfries. fria stol Richthofen
wb. 1051
a; hie worden vil tage ... gemeine gerichte an den freien stulen umbe gehaldin Joh. Rothe
düring. chron. 699
Liliencron; alle seyne herschafft und lehen, die er ... czu lehen haben soll und ... herbracht hat, und mit namen seyne freyen stule, strassen, czolle und gerichte
v. j. 1379
bei Varnhagen
urkundenb. 177; als er den rad und ouch H. Nuwmeister vor den frien stuel gen Trienhagen geladen hadte
v. j. 1445
urkundenbuch d. st. Freiberg i. S. 3, 339, 35; nemptlyken van Mengerinckhusen van der groten eck an, dar de frigge stoel ys
v. j. 1480 (
westfäl.)
weisth. 3, 86;
vgl. 3, 87; noch jetzt giebt der kaiser freie stühle zu lehen J. Möser
patr. phant. 4, 195; ich sei geheischen und geladen zum stuhl Immermann
Münchhausen (1854) 4, 25.
weiterhin die kleinen districte oder landesbezirke der Szekler in Siebenbürgen (
mit fünf stühlen
oder gerichtsbezirken),
die sog. Szeklerstühle,
s. auch stuhlassessor, Zedler
lex. univ. (1744) 40, 1332;
Chomel (1757) 8, 1756; item Lerdepecher geschickt in den stuel ken Sent Jörgen
urkunde v. j. 1528
in quellen zur geschichte d. st. Kronstadt 2, 93, 40;
vgl. ebenda 2, 95, 15; 282, 38. 1@cc) '
lehrstuhl',
der erhöhte sitz des lehrers, besonders des hochschullehrers, vgl. die composita lesstuol
cathedra gloss. d. 13.
jh. bei Graff 6, 664; lesestul
sive lehrstul
cathedra Stieler 2177; lerstuol
cathedra voc. opt. 4, 137
Wackernagel; s. teil 6, 578; ein stul, ein hoher sitz, ab welchem man liset oder prediget Calepinus
XI ling. (1598) 210
b; ein stuel im auditorio, da der professor auffsitzet, wenn er lieset Corvinus (1660) 1259: (
sc. in der schuolen) sunder wan mac sie wol sprechen uf dem stuole ze einer lere
deutsche mystiker 2, 69
Pfeiffer; und da er nuon in ir (
der studenten) sammlung kam, da hieszen sie in uf den stuol steigen, und hieszen in antwurten uf die fragen, die im fürgelegt weren Murner
Eulenspiegel 39
Lappenberg; nachdem muste er (
der doktorand) in gebundener rede anhalten um den stul oder catheder Morhof
unterricht v. d. dtsch. sprache (1682) 1, 162; ich sah den groszen mann (
Gottsched) auf dem catheder stehn ... doch steht er gleich den riesen auf dem erhabnen stuhl ... Göthe IV 1, 18
W.; auch als meisters stuhl
bezeichnet: du macht ûf meisters stuole gesitzen wol, des hœr ich jehen Frauenlob 266, 7
Ettm., vgl. meisterstul
erlösung 3269; 3761
Bartsch u. teil 6, 1982; mein herr, auff welcher hohen schul, auff welcher alten meyster stul habt ir das zerlegen (
des kapauns) gelert? H. Sachs 9, 413, 34
Keller; er liebte es vom stuhle des meisters herab belehrungen zu ertheilen Justi
Winckelmann (1866) 1, 112.
ähnlich sitz des vortragenden sängers in der singschule oder meisterschule: sy hant gemachet ain singschuol und setzent oben uff den stuol wer übel redt vonn pfaffen Cl. Hätzlerin 1, 29, 88
Haltaus; reden und singen heisset, nachdem man auff dem stuel hat angefangen zu singen, sol der singer nicht reden, ehe er seinen gesang vollendet hat A. Puschmann
meistergesang 16
ndr.; mir sangerts, darumb hört zu ir gesangrichter inn der schönen trinck- oder singschul: sitz ich schon auff keim hohen stul, so darffs ich auch nit so hoch anfangen Fischart
Gargantua 146
ndr.; darum auch der künste stuhl
genannt: [] got grüsz die singer in der singer schule, got grüsz die meister uff der kunsten stule
meistergesang d. 15. jh. in Germania 5, 210.
doch dies auch im sinne von '
lehrstuhl': er sein sun weyter liesz studiern, er hett ein gut sinnreiches hirn, möcht wol erreichen der künsten stul, solt schicken in auff die hochschul Hans Sachs
w. 9, 446, 13
Keller; 8, 303;
die fügung selbst schon mhd.: got sizzet uf der künste stuol, er hœrt die engel singen wunniklichen, si singent al in hoher schuol unt lobent got, den edlen vürsten richen
minnesinger 3, 407
b Hagen. seltener für den sitz des einfachen schulmeisters: hoher stuhl
quelle d. 15.
jh. bei Fischer
schwäb. 5, 1907;
in übertragener anwendung nach Matth. 23, 2
super cathedram Moysi sederunt scribae et pharisaei, schon im ahd. stuol Moyses
Tatian 141, 1
Sievers; auff Moses stuel sitzen die schrifftgelerten und phariseer
Matth. 23, 2; darausz folget, das wer ettwas anders denn Moses leret, der sitzt nicht auff Moses stuel, denn darumb heyst es der herr Moses stuel, das Moses lere drauff sollt geleszen und geleret werden Luther
w. 10, 2, 88
W.; wer uf Moises stuol sitzt, lert sin ler
N. Manuel 174, 1119
Bächtold; vgl. Butschky
Pathmos (1677) 131; G. Arnold
unpart. kirchen- u. ketzerhist. (1699) 29
c.
häufig in den festen verbalverbindungen mit (sich) setzen, sitzen, besteigen
u. ähnl., die im 19.
jh. mit dem aufblühen des modernen universitätswesens auch für stuhl
im sinne von '
lehrstuhl'
zu besonderer anwendung kommen: er (
Fichte) habe sich in Jena auf Reinholds stuhl gesetzt Fichte
s. w. (1845) 8, 37; dasz der mann der gigantischen pläne (
de Lagarde) auf dem stuhle des Michaelis und Ewald sasz Wilamowitz
erinnerungen (1928) 233; im anfang des jahres ... war Gori gestorben und damit der stuhl der archaeologie verwaist Justi
Winckelmann 2, 1, 240.
predigtstuhl, kanzel; predikers stoil
ambo, analogium v.
d. Schueren
Teuthonista 260
b Clign., vgl. das compositum prediger-, predigtstuhl
teil 7, 2083
u. 2085
und predigstul (1470) Diefenbach
mlat.-hochdt. wb. 24; predigerstul
gloss. 29
a; predegestol
n. gl. 20
a; Stieler 2177.
noch mundartlich im nordwestniederdeutschen: de pastor is all up'n stohl Strodtmann
Osnabr. 231; et sleit up'n stohl
die klocke schlägt, da der prediger zur canzel geht Richey
Hamburg. 425 (
dithmarschisch); Schütze
holstein. 4, 204;
vgl. auch Dijkstra
fries. 3, 211
b.
seit mhd. zeit belegt: envorchte dich nicht, du beheldest den stul mit eren wole (
sagt der bischof zum pfaffen)
dtsche mystiker 1, 100, 23
Pfeiffer; freier: dar umme sal man nicht getuschis predien noch fabelen uffe dem stule der warheit, sunder di heilige schrift
ib. 1, 145, 29; der selb doctor
N. predigt hie ... darnach macht man 1 groszen stuol in die kirchen, da las (
vgl.lesen 3 c
teil 6, 778) er auch
chron. d. dtsch. st. 25, 214;
vgl. auch Fischer
schwäb. 5, 1907
a;
in jüngerer zeit wohl nur in gehobener sprache: ich weisz nicht, wie ein pastor sich unterstehen kann, mit hasz im herzen auf einen stuhl zu treten, wo nur liebe erschallen sollte Göthe 37, 171, 2
W.; bildlich: in deme sie (
die seele) mit tugenden gezieret ist, ist sie ein stul oder cantzel der dreyfaltigkeit Albertinus
hirnsleiffer (1664) 121.
ebenso ein aufgerichtetes, hölzernes gerüst oder eine tribüne (
suggestus)
eines jeden redners, der von oben herab zu der menge spricht, vgl. rednerstuhl
teil 8, 487: do ward Esopus gefüret uff den stuol, da die gemainen sachen der statt verkündet werdent Stainhöwel
Esopus 66
Österley; ... erwelten einen ausz in, der des morgens früe zu dem volk auf dem platz reden solt und hieszent im ein stuel stellen
chron. d. dtsch. st. 3, 138; 25, 374;
speciell im schweizer. von dem gerüste auf dem landsgemeindeplatz, von dem aus der redner sich an die menge wendet, vgl. Tobler
appenz. sprachschatz 417
a; nach dieser predigt ziehen die landeshäupter mit trommeln und pfeifen auf den zur versammlung
[] bestimmten platz, und stellen sich in einen halben kreis; ihnen gegenübre wird ein kleines gerüst aufgeschlagen, welches der stuhl (suggestus) genennet wird, auf den einige treppen führen. auf diesen stuhl tritt der regierende landammann J.
M. Afsprung
reise durch einige cantone d. eidgenossenschaft (1784) 85. 22)
amts- und ehrensitz verschiedener art, der zwar nicht immer wie stuhl 1
erhöht ist, sich aber doch durch sein aussehen, seine grösze und bisweilen durch die güte des stoffes, aus dem er gearbeitet ist, von den sitzen der übrigen abhebt, somit also noch als symbol einer würde, ehrung oder amtsgewalt des daraufsitzenden gelten kann, vgl. ein stuel bedeutet ein amt und hoheit oder ein weib Joh. Coler
traumbuch (1606) 241.
insbesondere amtssitz von hohen beamten der städte und des staates, so der ratsherren (
senatoren)
im rathaus, vgl. ratsstuhl
teil 8, 203,
eigentlich und symbolisch, für den einzelnen ratsherrn wie für den ganzen rat gebraucht, vgl. stul
collegium senatus Haltaus 1760;
für die ältere zeit anscheinend nur nd. bezeugt, vgl. curule stoil des oeversten van der stat v.
d. Schueren
Teuthonista 260
a Clign.: dar sal dann sin de borgermeister und de gantze rait uppe erin stölen sittende
urkunde v. j. 1434
bei Bauer-Collitz
waldeck. wb. 306; ok scal he (
sc. de ratman) holden eyn perd ... to des stades behof in deme iare, wanne he sit in des stades stole
Bremer statut v. j. 1330
bei Schiller-Lübben 4, 411
a; hebben vor dem sittenden stole eres rades (
vor dem teil des rates, der gegenwärtig an der regierung ist) gesworen (
a. d. j. 1413)
Lübecker urkundenbuch 5,
nr. 440; do ist erschenen vor dem sittenden stole des rades (
a. d. j. 1548)
bei Haltaus 1760; de sik dar machlik wetten in rades stole soghedan
chron. d. dtsch. st. 16, 117, 502 (1488); er chond of de stuel
er bekommt ein landesamt Tobler
appenzell. 417
b; mer thüend en andera of de stuel
wir wählen einen anderen beamten ebda; es besteht dieses collegium (
d. i. das geheime conseil) gegenwärtig aus drey männern ... mein stuhl, der dritte, steht seit sechs jahren leer Göthe IV 9, 237, 17
W.; die von ihren stühlen gestoszenen beamten verlangten wiederherstellung der gewohnten ehemaligen einrichtungen H. Zschokke
ausgew. schr. (1824) 1, 28.
seit alters in der übersetzungsliteratur und geschichtschreibung für die sella curulis des römischen consuls, prätors u. s. w., die schon in den ahd. glossen mit valtistuol 3, 623, 4
Steinm.-Siev. (11./12.
jh.)
und valzstuol 3, 645, 40 (12.
jh.)
wiedergegeben wird; bei Notker
in curuli (
sc. sella) án demo hêrstûole (
mit beziehung auf Catull 52, 2) 1, 145, 2
Piper; curulis vel eyn elffenbeyn stuoll uff eim wagen, daruff die römischen herren saszen Alberus
dict. hh 4
b; Xylander
Polybius (1574) 335;
darnach wohl zu verstehen: seelsorg und leibsorg ist der helffenbeinen stul für gott und für der welt Petri
d. Teutschen weisheit (1604) 1, e 8
a; der koth bleibt häszlich ... und die laster garstig wenn sie schon ... auf helffenbeinerne stle gesetzet werden Lohenstein
Arminius (1689) 1, 15
a; dergleichen bestrebungen hatten nicht viel zu bedeuten, wenn der opponent nichts weiter begehrte als den curulischen stuhl damit sich einzuhandeln Mommsen
röm. gesch.4 3, 6; 2, 157.
in andrer sphäre, gleichfalls im anschlusz an die antike: der stuhl, darauf die weise sprach, gabe Delphis dreyfusz wenig nach
M. G. Lichtwer
äsopische fab. (1748) 91, 9;
weiterhin der sitz des vorsitzenden bei den freimaurern, daher letzterer meister vom stuhle
genannt wird, vgl. teil 6, 1962;
seit ende des 18.
jh. belegt, mehrfach bei Göthe: (
einer) loge, bey welcher der vicebürgermeister S., so viel ich weisz, meister vom stuhl ist IV 30, 112, 1
W.; vgl. III 9, 228, 23; IV 5, 156, 14; Jean Paul
w. 3, 71
Hempel; Jung-Stilling
s. schr. (1835) 6, 542; der maurergeselle mauert in der volksversammlung so redegewaltig, als ob er seit jahren meister vom stuhl wäre W. H. Riehl
deutsche arbeit (1861) 272;
übertragen von den freimaurern, indem die zünftige wissenschaft mit der loge verglichen wird: Faust oder Guttenberg war, wie soll ich sagen? ihr (
der [] denkenden menschen) meister vom stuhl Herder 17, 130
S.; was die griechische wortmessung betrifft, so ist da bei den meistern vom stuhl — von Vosz, Böckh und Hermann bis auf Göthe, Lachmann, Ritschl u.
s. w. hinunter — noch gar keine volle einstimmigkeit E.
M. Arndt
w. 6, 15
Rösch-M. ehrensitz innerhalb der familie, so der ursprünglich erhöhte sitz des hausherrn, während die übrigen familienangehörigen und das gesinde auf bänken
saszen, vgl. Heyne
d. dtsche wohnungswesen 105;
rechtsalterth.4 1, 557
anm., auch gästen als sitz angeboten: uf sinen stul her (
st. Oswald) in (
den gast) satzte, uf die banc her selber platzte ... 'herre, ir tut nicht recht, daz ir nider fallet also di knecht uf die harten benke'
Wiener Oswald v. 65
Baeseke; vgl. auch rechtssprichwörter wie den stuhl vererbt der vater auf den sohn; wer zu den bänken nicht geboren ist, soll um den stuhl bitten Graf
u. Dietherr
dtsche rechtssprichwörter 415
nr. 120.
auch sitz der hausfrau, vgl. Heyne
a. a. o.; Schiller-Lübben 4, 411
a: de echte frouwe besitt den echten stol
ostfries. landrecht bei Schiller-Lübben
a. a. o.,
vgl. fries. thet thiu frowe skolde ammer aftne stol bisitta Richthofen
wb. 1051
b; ende een frya famna in die stoel set, ende sit deer bi
ebda. in besonderer anwendung als '
witwenstuhl',
vgl. mhd. witewenstuol
mhd. wb. 2, 2, 714
b; Scherz-Oberlin 2, 1589; wedemstul
sedes viduarum, wittwenstand Kehrein
alt- u. mitteld. wörter a. lat. urkunden 27
b sowie witwenstuhl Fischer
schwäb. 6, 906; 1770;
rechtsalterth.4 1, 598; 623: diu Sigebandes muoter den witewen stuol besaz
Kudrun 6, 1
Martin, vgl. die anm. z. d. stelle; auch als feste wendung den (witwen -)stuhl besitzen, halten
witwe sein, den (witwen-)stuhl verkehren, (ver-)rücken
sich wiederverheiraten, s. Haym
allg. teutsch. jur. lex. (1738) 1335; Zedler
lex. univ. (1748) 57, 1980; Schmeller-Fr. 2, 752;
rechtsalterth. a. a. o.: (
a. 1438) und die weil (
sie) sitzet mit irem witiben stul, so mag ir niemant kainen schaden tun ..., wenn si aber den witibstul verkoret, hat sie kint
weisth. 6, 112; unz die wittwe ihren stuhl oder stand verkehrt
urkundlich bei Westenrieder 1, 567;
auf ein erbrecht des überlebenden gatten geht nd. stoel, weduwelicken stoel
bona quae viduo vel viduae post coniugis mortem debentur Kilian (1605) 532
b.
fernerhin der ausgezeichnete sitz der brautleute, sella sponsalis, vgl. mhd. brutstuol
mhd. wb. 2, 2, 714;
anord. brúðstóll Fritzner 1, 198
a;
afries. brêdstôl
brautsitz, brautstuhl Holthausen
afries. wb. 11
b;
bair. brautstuel Schmeller-Fr. 2, 752;
vgl. teil 1, 1108
s. v. bank 3)
und brautstuhl
teil 2, 338. 33)
bezeichnung des gewöhnlichen sitzgerätes, sedes, sella. 3@aa)
meist aus holz mit vier füszen zum sitzen für eine person teils mit teils ohne rück- und seitenlehne, vgl. die zahlreichen composita wie arm-, backen-, lang-, lehn-, polster-, strohstuhl
u. a. diese bedeutung bereits im ahd. nicht selten belegt, wenn auch nicht in jedem einzelfalle zu sichern: stuol, stual
sedes, sella Graff 6, 663;
ahd. gl. 3, 685, 65
Steinm.-Siev., wird schon im mhd. die vorherrschende, vgl. Lexer 2, 1270
und weiterhin sedes stuol, stôl Diefenbach 524
a;
nov. gl. 334
a;
sedile gloss. 524
b;
sedes sedile stuol
voc. opt. 17
Wackernagel; stoil op to sitten
sedes, sedicula, sedile, sella, sellula v.
d. Schueren
Teuthonista 260
b Clign. im süden des deutschen sprachgebiets herrscht heute umgangssprachlich stellenweise, z. b. in teilen des österreichischen, sessel
als bezeichnung für den einfachen sitz, nicht stuhl,
vgl. Kretschmer
wortgeogr. 509; K. J. Schröer
weitere mitth. ü. d. ma. v. Gottschee (1870) 219;
sonst bezeichnet sessel
gegenüber stuhl
immer das gröszere, prächtigere und bequemere möbel, vgl. teil 10, 1, 632: an das vorzimmer stöszt ein kleines kabinet, schon wohnlicher und behaglicher, die stühle haben sich in sessel verwandelt Hackländer
krieg und frieden (1859) 1, 8.
entsprechend der bedeutung des gerätes im täglichen leben im schrifttum überaus häufig in dieser bedeutung: [] thie disgi, thie thar stuantun, thar sie tho munizotun, thie stuala ouh, thar sie sazun, inti iro kouf mazun Otfrid II 11, 14
Erdmann; si truogen an gesidelebreit unde lanc stüele unde tische
Kudrun 181, 1
Martin; der wein würd ... auch viel leüt ernidern von stülen, bäncken und stiegen Fischart
praktik 23
ndr.; ein weib, das abends zu bette gehet, die soll ihren stuhl, darauf sie gesessen, von der stelle rücken J. G. Schmidt
rockenphilosophie (1709) 234; also hatte er mehr nicht in seiner priesterwohnung als einen tisch, einen stuhl und ein bette
Leipziger avanturieur (1756) 1, 19; er selbst, zwischen uns sitzend, wiegte sich auf den hinterbeinen seines stuhles P. Deussen
mein leben (1922) 31. —
nicht mehr üblich ist heute die bezeichnung ein beschlagener stuhl
für einen mit leder oder stoffen überzogenen stuhl, so noch 1841
bei Krünitz 177, 238; Steinbach (1734) 2, 756;
sella pellicea Stieler 2177; über die feinsten und kostbaresten beschlagene stühle pfleget man stuhlkappen ... zu streifen
allg. ökon. lex. (
Leipzig 1731) 2386;
schon 1418
bezeugt: vor 3 stule zu besloen
Marienburger ausgabebuch 297, 29
Ziesemer. 3@bb)
überaus häufig in fester verbindung mit verben der ruhe und bewegung z. b. auf dem (einem) stuhle sitzen: wand das er uf einim stuole saz R. v. Ems
weltchron. 21951
Ehrismann; da der fürst mit seinen rähten in groszer pracht sasz, Strutha aber zur seite auf einem stuel Buchholtz
Herkuliskus (1665) 154;
bildlich: behüte sie, das sie nicht auff dem stuol der spötter sitzen, die deine warheyt verlestern Luther 10, 2, 480
W. — vom stuhl aufstehen, aufspringen, sich erheben
u. ä., sedem deserere Stieler 2177; Kramer 2 (1702), 1023
a;
gern als zeichen der ehrung oder als gebärde der erregung, des schrecks und erstaunens: die Spartaner aber stuonden, als sie diesz sahen, von iren stülen auff und lieszen in (
den alten mann) sitzen Seb. Franck
sprüchwörter (1541) 1, 30
a; hier springt Voltaire ganz aufgebracht vom stuhle auf Gottschedin
briefe (1771) 2, 70
Runkel; bei ihrem eintritt sprangen die grafen überrascht von den stühlen auf Langbein
s. schr. (1837) 31, 76; in Jupiters hause fürchten die götter dich (
Apollo) alle, sie heben wie du herein trittst von den stühlen sich auf, den kommenden sieger zu ehren Göthe 4, 321
W.; bildlich: es ist kein einziger zweck dabei erreicht worden, der es werth wäre, dasz man sich darum vom stuhl erhübe Gervinus
an Jac. Grimm 2, 71. — vom stuhl fallen, sinken
u. ä.: er ... viel onmächtig von seinem stuol
summertheil der heyligen leben (1472) 8
a; mein weib wäre beinah aus schreck vom stuhle gefallen Fr. Pocci
lust. komödienbüchl. (1877) 6, 19; der stutzer fühlt den brand und sinkt vom stule nieder Dusch
verm. w. (1754) 178, 13. — sich auf den stuhl setzen,
sedem capere, in sella considere Stieler 2177: major setzt sich auf seinen stuhl Lenz
ges. schr. 1, 9
Tieck. — (jem.) einen stuhl setzen
jem. einen stuhl anbieten, zum sitzen einladen: sellare stoil setten v.
d. Schueren
Teuthonista 260
b Clignett; einem einen stul setzen
sellam ponere alicui nomencl. lat. germ. (
Hamb. 1634) 132; Stieler 2177; Kramer 2 (1702), 1023
a; daz men ime siczen sal ein stul, ein kussen druf ...
weisth. 6, 101 (15.
jh.); einem ungebätenen gast setzt man keinen stuhl Wille
sittenlehre (1781) 158; ihm (
dem alten) wird ein stuhl gesetzt Herder 24, 507
Suphan; studenten erkühnen sich die tableaux unserer sittlichen welt auszufertigen, indesz ihnen noch kein gutes haus offen stand ... man prätendiert von uns Sterns, Richardsons ... Shakespears und gott weisz was für êtres mehr — und mancher mann von stande würde erröthen, wenn es auf ihn herauskommen sollte, dasz er diesem oder jenen literator einen stuhl gesezt hätte
d. teutsche merkur 1779, 2, 32.
nd. êmand 'n gôden stôl setten
gut aussatten Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 326
a;
aber auch mit entgegengesetzter bedeutung enem
[] enen dögden stool setten
jem. einen schlimmen dienst tun brem. niedersächs. wb. 4, 1046,
in gleichem sinne das deminutiv: eenem een stöhlken setten Richey
Hambg. (1743) 292. 3@cc)
redensarten und sprichwörter. vor allen geläufig ist zwischen zwei stühlen (
nieder)
sitzen, d. h. auf keinem von beiden, sondern (
unfreiwillig)
auf der bloszen erde sitzen, gebraucht in dem sinne '
in not und verlegenheit sein, zwischen zwei meinungen, tätigkeiten, parteien u. dergl. hin und her schwanken u. infolge dessen zu gar keinem ziel kommen, es mit beiden parteien verderben',
vgl. Wander 4, 939
f.; schon mhd.: ez ist ein wunder an mir daz ich elliu wip dur si mide ... sus bin ich an die blozen stat zwischen zwein stüelen gesezzen. an der selben stat hat si min vergezzen Walther von Metz
in v. d. Hagens minnesinger 1, 307
a;
vgl.: dâ von iu reht alsam geschiht als einem der bî stüelen zwein saz in ein bâht, und er ûf kein dâ niht sitzen wolte Ulrich von Lichtenstein
frauendienst 602, 23
L.; mit solch sinnkräftiger ortsangabe noch bis in die modernen mundarten: zwischen zweyen stülen auf der erde sitzen Kramer 2 (1702) 1023
a; Hügel
Wiener 160
b; und sitzt alsdann das schöne junckfräwlein zwischen beiden stüelen in der aschen Albertinus
hauszpolicey (1602) 158,
vgl.tusken twê stolen in de aske sitten Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 326
a;
ebenso bei Dijkstra
friesch. woordenboek 3, 211
b; e' setzt zweschent zwee still am dreck Gangler
lux. 433; Follmann
lothr. 509
b; zwischen zweyen stlen mit dem hindern in dreck sitzen Henisch (1616) 745; es kommt oft, dasz einer zwischen zwei stühlen auf dem bloszen sitzt
bei Seiler
entw. d. dtsch. kultur 8 (1924) 156.
meist abgegriffener ohne derartige angabe: dasz er under zweyen stulen nidersesze
deutsche reichstagsakten 1, 560, 10
Weizsäcker (
a. 1387); (
der bauer, der sich den rittern gleichstellen will) he sit twischen twen stolen neder Gerhard von Minden 54, 75
Seelmann; also sitzt er zwischen zweyen stuolen nidder, das er keins krieget Luther 19, 304
W.; 32, 41; (
die priester) solln auch noch widdergeben, on yhrn danck, den namen clerus und leyen, ya weniger den leyen bleyben, das sie zwischen zween stullen sitzen, gleich wie sie widder geystlich noch weltlich sind 8, 254; wer auf beyden achseln trägt, der sitzet zwischen beyden stlen nider Lehman
flor. polit. (1662) 2, 573; der und Hackert verstehen das handwerk, und Tischbein wird zwischen zwei stühlen niedersitzen, ohne dasz ihm jemand helfen kann Göthe IV 9, 93
W.; alle katholischen Deutschen sitzen zwischen zwei stühlen Treitschke
dtsche geschichte d. 19.
jh. 4, 561.
auch mundartlich verbreitet: twusken twen stölen daal sitten
brem. niedersächs. wb. 4, 1046; Fischer
schwäb. 5, 1906
b; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 593
a.
reflexivisch gewandt, erst jünger bezeugt: würden wir uns nicht alsdann ... zwischen zwei stühle niedergesetzt ... haben? Leibniz
dtsche schr. 1, 182; wer es beiden parteien recht zu machen sucht, setzt sich zwischen zwei stühle Bismarck
polit. reden 1, 304
Kohl; mundartlich Tobler
appenz. 417
b;
wb. d. lux. ma. 432
b; Leithäuser
Barmer ma. 151
b; P. Jensen
nordfries. 582.
gelegentlich in mehr oder weniger variierter fassung: dan musz er in der irr umb wandern, laufft hie zuo eym und dort zum andern, mit bOesem gwissen hin und wider, auffs letst sitzt nebem stuol darnider Burkard Waldis
streitgedichte 28
ndr.; nehmen wir uns in acht, dasz wir nicht zwischen zwei stühle fallen G. Keller 2, 160; 7, 57; der platz des unparteiischen ist auf erden zwischen den stühlen Ebner-Eschenbach
ges. schr. 1, 73.
anders auf beiden stühlen sitzen: de up beiden stolen willen sitten, de sitten dar vake tuschen dale Tunnicius
sprichw. nr. 1295
Hoffmann; [] Paetus wird geehrt von vielen, dann er sitzt auff zweyen stühlen Logau
sinnged. 353
Eitner. einem den stuhl vor die tür setzen jem. aus dem hause jagen, einen dienst, ein verhältnis u. ähnl. aufkündigen, ursprünglich ein rechtsterminus, vgl. rechtsalterth.4 1, 261; Günther
recht u. sprache 14;
seit dem 16.
jh. belegt: (
die diener) setzen ihnen (
den herren) bald den stuel vor die thür und sprechen: diene ich euch nicht, so gebt mir meinen lohn
theatr. diabol. (1569) 278
a; so setzte sie (
die gnädige frau) mir (
dem gärtner) rund heraus den stuhl vor die thüre Gottsched
dtsche schaubühne (1748) 1, 502; da es darauf ankömmt, mir den stuhl vor die thüre zu setzen (
d. i. die verlobung zu lösen) Lessing 2, 120, 6
Lachm.-M.; auch mundartlich verbreitet, enem den stool vor de döre setten
einem den contract oder den dienst aufsagen brem.-niedersächs. wb. 4, 1046; Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 326; Knothe
Nordböhm. 522;
für '
hinausweisen' Leithäuser
Barm. ma. 151
b;
wb. d. luxemb. ma. 432
b; Fischer
schwäb. 5, 1906
b.
unter den stuhl stecken verbergen, verheimlichen, s. Wander 4, 939: so musz ich dir die warheit sagen, will dirs auch undern stul nit stecken B. Waldis
Esopus 2, 185
Kurz; item St. Johannes der teuffer hat dem könige Herodi ... gar nichts untern stuel gesteckt (
d. h. kein blatt vor den mund genommen) S. Svevus
spiegel d. menschl. lebens (1588) 150
a; doch soll ichs ... dir entdekken, und nichts nicht untern stuel verstekken, so ... C. Stieler
geharnischte Venus 41, 5
ndr.; vgl. onder stoelen noch banken steken
niet verbergen, opentlijk belijden L. de Bo
westvlaamsch idiot. 957
b.
ähnlich: nicht hinterm stuhl halten: wir wollen nicht hinterm stuhl halten, sondern rein heraus euer majestät unterrichtet und gewarnt haben
brief an kaiser Sigismund v. j. 1597
bei J. G. Droysen
Gustav Adolf 1, 45.
der stuhl brennt (
mir unter dem hintern)
vor ungeduld nicht länger sitzen können: arbeiten thut wehe, der stul brent manchen Petri
d. Teutsch. weiszh. (1605) 2, j 4
b; mein stuhl brennt mir mehr unter dem hintern als dem Elias sein brennender wagen Görres
ges. briefe 2, 556;
auch im nd.: de stool brennet mi under dem eerse
ich sitze als auf glühenden kohlen brem. wb. 4, 1047;
ähnlich: aber wenn man so in banger spannung auf etwas geliebtes auf erden wartet, denkt man an jenes entsetzliche warten nicht, sondern man sitzet auf glühendem stuhle Gotthelf
geld und geist2 (1852) 197; ... als er den ohm nun drauszen erblickt, auf springt er vom feurigen stuhl, dasz es rasselt J. H. Voss
s. ged. (1802) 2, 41. 3@dd)
formelhafte verbindungen. statt und stuhl, nd. in verschiedener bedeutung: sitten in stet und stul, in stede und stoel (1488)
als femgerichtlicher terminus, vgl. rechtsalterth.4 1, 10; Schiller-Lübben 4, 367
b. to stäa un stool kamen
zur ruhe, ans ziel kommen, ostfriesisch, s. Doornkaat-Koolman 3, 326
a.
stecken und stuhl: felt der himmel, so bleibt nirgend kein stuol noch stecken stehen Petri
d. Teutschen weish. (1604) 2, D d 6
b.
vor allem stühle und bänke: alle krümmy kan ich wol erdencken hindren stlen und hindern bencken (1522)
kegelspiel v. 30
Götze; als steigerungsformel: stl und benck, butz und still (
d. i. stiel)
ruta caesa Maaler
d. teutsch spraach (1561) 393
d.
in bildlicher, halb scherzhafter übertragung im obd. für die vorstellung eines '
durcheinanders',
in stühl und bänk
als bezeichnung für gemüse oder suppe von gerste, erbsen, linsen, graupen und nudeln durcheinandergekocht Fischer
schwäb. 5, 1908
b; Sartorius
Würzburg 120; Ruckert
unterfränk. 178; Stauf v.
d. March
nordmähr. maa. (1927) 90;
in ähnlicher bedeutung als eines überstürzten '
durcheinanders'
bei Eberlin von Günzburg: do sie (
die priester) ain won gefiert haben in das volck, als ob sie etwas sonders im
[] volck weren, haben sie stl und benck zamen gesamlet, das ist allerlay geschriefft und gschicht, do mit ze beweren
sämtl. schr. 1, 176
ndr.; Christus zeygt an, wie schwer sey, an eeweyb zu leben, unsere pfaffen, münch und nunnen zeygen, wie leycht sie also leben, zychen darauff mit Hieronimo rypsz und rapsz, stuel und benck. ob Christo oder Hieronimo meer zu glauben sey, urteil ein christenmensch
ebenda 2, 25,
vielleicht isoliert aus anwendungen wie: wie dann fast die mehrern (
kranken) uber die stüel und bänck und nicht wenig behend in das vergicht (
die gicht) fallen Guarinonius
grewel (1610) 1053;
auch sonst gern in bestimmten verbalen fügungen, z. b. stl und bAenck darin (
im hirn) verrucken Fischart
Garg. 244
ndr.; sprichwörtlich: hoffart meynt, stl und bAenck sollen vor ihr auffstehen Lehman
flor. pol. (1662) 1, 426; 1, 181,
vgl. Fischart 3, 248
Hauffen; es ist aber eingerissen ein logica, dieselbig hat verblendet das liecht der natur und das liecht der weiszheit und ... hat beide weiszheit zwischen stl und bäncken nidergesetzt Paracelsus
op. (1616) 2, 342
Huser; solt aber mir hie zu schreiben nicht wol anstehen von denen, die diese kunst zwischen stül und bänck gehenckt haben und also die kunst in die finsternusz geführet?
ebda 374;
vgl.zwüsche stüel und bänk
in verlegenheit Hunziker
Aargau 263
und oben zwischen zwei stühlen sitzen
u. s. w. sp. 333.
verbreitet ist besonders stühle und bänke dazwischen werfen u. ä. '
hindernisse in den weg legen': aber der bösz feind, der ein vatter ist aller zwitracht und lügin, hat stül und benk darzwischen geworfen H. Gebweiler
beschirmung des lobs Marie (1523) a 2; ir (
die geistlichen) werdent euch nimmer zu eyniger reformation schicken wöllen, sonder werdent ... stl und bänck in den weg werffen, damit es ja nicht dahin kommen J. Sleidanus
reden 104, 66
lit. ver.; stühl und bänck darein werffen
miscere caelum terrae; moras et impedimenta alieni inferre Aler (1727) 2, 1859
a,
noch mundartlich: stüel und bänke drí wärffe Seiler
Basler ma. 283
a.
in bildlichen ausdrücken für eine verkehrung der üblichen und notwendigen ordnung, wobei bank
die bedeutung '
tisch'
hat, vgl. teil 1, 1109
nr. 4
und der stuhl gehört unter die bank und wenn er nicht darunter gehet, so säget man ihm die beine ab
M. Kirchhofer
schweiz. sprichwörter 229: darumb so dringt da manger stuel für alle tisch und penk, der pillich wol ain schamel wär, wenn man im rechen solt der eren swär O. v. Wolkenstein 103, 15
Schatz; die stiel ston auf den benken, die wagen vor dem rosz, der glaub wil gar versenken, der grund ist bodenlos Th. Murner
bei Uhland
hoch- u. nd. volkslied. (1845) 2, 908;
ders. dtsche schr. 2, 219, 2
Spanier. am häufigsten in der wendung die stühle auf die bänke stellen verkehrte ordnung schaffen, vergebliches tun, vgl. Fischer
schwäb. 5, 1906; also geschichts in aller welt, dasz man die stiel uff die benck stellt Th. Murner
narrenbeschw. 95, 36
ndr.; die stül auff die benck setzen ... da einer zu ehrn auffsteigt wider iedermans hoffnung Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 96
b;
bos in civitate die stuole auff die bencke setzen Tappius
adag. cent. septem (1545) 8
β; wann aber (
sc. rechte) leute gebrechen, so müssen stühl auf bänke gesetzet werden H. v. Schweinichen 227
Österley. ebenso die stühle springen, steigen, hüpfen auf die bänke '
es geht alles drunter und drüber',
vgl. Fischer
schwäb. 5, 1906: derhalb ... der pauern kinder ... zu mächtigen herrn und regieren der lant und adls worden, damit die stüel, als das gemain sprüchwort sagt, uf die penk gesprungen sind
Wilwolt v. Schaumburg 2
lit. ver.; wann die stül uff die benck went stygen, so will sich unglück leren gigen Seb. Brant
narrenschiff 42, 19
Zarncke; [] wo weiber regieren, steigen die stühle auf die bänke Binder 209
nr. 3982;
auch: etlich adelich fürstendiener sich underfangen, mit d stlen auf die bAenck zu hupffen, aber sein ins koth gefallen J. Nas
d. antipap. eins u. hundert (1567) 2, 172
a.
vgl. auch blätter z. bayr. volkskunde 11 (1927) 16
ff. 44)
speciellere bedeutungen und bedeutungserweiterungen ergeben sich aus besonderem gebrauch; so bezeichnet stuhl 4@aa)
einen '
tragstuhl'
oder '
tragsessel',
vgl.tragstuhl
teil 11, 1, 1, 1164: da namen sie in (
den toten Heliodor) ... und trugen in auff einem stuel davon (
in sella gestatoria) 2.
Macc. 3, 28; als er gar zu alt ist worden, hat er sich alle freitag auf einem stulle lassen in die kirche tragen S. Hüttel
chron. d. stadt Trautenau 25; Livia liesz sich auf einem stule tragen (
beim leichenbegängnis) Lohenstein
Arminius 2, 944
b. 4@bb) '
gebärstuhl',
sella parturientium, obstetricalis, auch geburts- (Stieler 2177), kind-, kreisz- (Zedler
lex. univ. 15, 1840), marter- (Stieler
a. a. o.), wehestuhl (Welsch
hebammenbuch [1671] 325; Ettner v. Eiteritz
unvorsicht. hebamme [1715] 553)
genannt, vgl. Krünitz 177, 233;
schon bei Luther: wenn ir den ebreischen weibern helfft und auff dem stuel (
efnoim) sehet, dasz es ein son ist, so tödtet in
2. Mos. 1, 16;
oft in den hebammenbüchern des 16.
bis 18.
jh.: die (
schwangere) frawe in dem namen gottes heiszen sitzen auff den stul, dazu verordnet J. Ruoff
hebammenbuch (1580) 52; wiewol auf dem stuel gemeiniglich die geburth ehe befördert wird G. Welsch
kind- oder hebammenbuch (1671) 246
u. ö.; (
wir haben) vernommen, dasz frau Caroline im august wieder zu stuhl soll, und wünschen herzlich, dasz gott ihr helfe, wenn ihre stunde kömmt
M. Claudius
an Herder, aus Herders nachlasz 1, 421
Düntzer; hört ihr den pulverthurm knallen über dem stuhl der gebährerin? Schiller 2, 329
G. 4@cc) '
nachtstuhl',
sella perforata Kirsch
cornucopia (1732) 986
a,
für die erleichterung des leibes Campe 4, 728
b;
sella familiaris Frisius (1556) 544
a; een utgehoolde stoel om te schijten
sella familiaris, sella pertusa Plantijn
thes. theut. (1573) D d 4
d;
lasanum Duez
nomencl. (1652) 80,
vgl.nachtstuhl, kammerstuhl, leibstuhl, kackstuhl, scheiszstuhl, notdurftstuol (
a. 1432)
bei Ch. Schmidt
Straszb. ma. 107
a;
euphemistisch der heimliche stuhl J. W. Zinkgref
teutsche apophthegmata (1653) 1, 249,
auch kind(e)stuhl
oder kinderstuhl,
teil 5, 761
u. 751
genannt, weil er vorwiegend von kleinen kindern benutzt wird: als nun dem lieben Gargantomänlein das scheiszstülchen anfieng zu klein zu werden, also dasz man in zu eim weitern und höhern stul muszt erhöhen Fischart
Garg. 202
ndr.; so ein mensch verstopfft ist, setze ihn auff ein gelöcherten stul und ein glut under ihn Gäbelkover
artzneybuch (1595) 1, 286
c;
scherzhaft aufgelöst: statt eines kelchs mit nektar ein glas mit glaubersalz zu genieszen, das ist bitter! statt des thrones der liebe harrt ihrer jetzt der stuhl der nacht Heine
s. w. 3, 335
Elster. schon früh für '
abort, abtritt'
gebraucht: nu hiet er über dasselb privet an dieselb maur höcher einen stl gericht, davon der ungesmach und der gestankch gieng
urkunde v. j. 1387
im urk. u. reg. z. gesch. d. st. Göttweig 1, 710; (
a. 1472) also das nichtz an dem tag ist dann ein gemaurte roren, dorinnen ein stull unten in des Gürtlers haus gericht ist Endres Tucher
baumeisterbuch 315, 25
Lexer; hab ich ine ... verdingt den stul wider aufczumachen Anton Tucher
haushaltungsbuch 128
lit. ver. besonders in der seit dem 14.
jh. häufig belegten stereotypen verbalverbindung zu stuhl gehn, vgl. unten stuhlgang;
caco ich gehe zu stuol Alberus (1540) a a 2
a;
egero (
ventrem) zu stul gen Diefenbach 196
c;
exonerare ventrem Reyher (1668) 1, 2413;
alvum solvere, dejicere Corvinus (1646) 45: ich mag des baz ze stuole gan Boner
edelstein 78, 113
Pfeiffer; wenn man den stain in wazzer wescht, so hilft er den, die niht zuo stuol mügent gen Megenberg
buch d. natur 451, 12
Pfeiffer; daz kind kan nit zu stuol gon
Till Eulenspiegel [] 24
ndr.; er ist vielleicht zuo stuol gangen inn der getäfleten sommerlauben (
ad exonerandam alvum)
Züricher bibel (1531)
richter 3, 24; der gute fürst konnte nicht anders zu stuhle gehn, als wenn er vorher ... erklecklich abgeprügelt worden! E. T. A. Hoffmann
s. w. 7, 147
Grisebach; reichlichst belegt vor allem in der medicinischen fachliteratur, bes. seit dem 16.
jh. hierher gehört auch die ursprünglich concret gemeinte, derbe redensart nicht zu stuhl kommen können, die aber nur übertragen gebraucht wird im sinne von '
mit einer sache, beschäftigung nicht fertig werden können',
ebenso wie die gleichbedeutende, noch derber empfundene wendung nicht zu potte kommen (können)
fast nur umgangssprachlich und mundartlich: ö kann nöd zö sdul kommen
er kann bei einer sache nicht schlüssig werden Christa
Trier. 203
b;
nicht fertig werden vor eifer Schön
Saarbrück. 205
b; mit einer rede nicht zu stuhl kommen können Sanders
wb. 3, 1253.
in positiver wendung stärker abgeblaszt ohne den derben klang, wobei denn auch andere bedeutungen von stuhl
mit hineinspielen können: sie (
herr pastor) werden ... ihm (
dem mädchen) auch jetzt die zähne von einander bringen, ... auf dasz wir (
die gemeinde) endlich mit Horacker zu stuhle kommen W. Raabe
Horacker (1876) 60; (
vom königstuhl zu Rhense) als ein zeichen, uns zum frommen aufgericht't am Rheinesstrand, dasz du wirst zu stuhle kommen sonsten auch, o deutsches land! Freiligrath
ges. dichtungen (1870) 3, 37; zu stuhl kommen '
zur ruhe kommen' (1813) Kluge
studentensprache 129
a. —
vereinzelt, im eigentlichen sinne, zu stuhl gewesen sein: seid ihr auch kürzlich zu stuhl gewesen? fragete der arzt weiter H. Lindenborn
die welt beleuchtender Diogenes (1742) 1, 454.
sehr oft in erweiterter bedeutung gebraucht für stuhlgang
erleichterung des leibes; in der verbalverbindung zu stuhl treiben ursprünglich wohl noch local verstanden: wrft das vederspil das asz wider von im, so sol man nemen ain stuck, ... haiszet stamone und treibt den menschen vast zu stuol Mynsinger
von falken 55
lit. ver.; ob sie die natur zu stul treibe Ortolf v. Bayrlandt (1477) 4
b; warum treibt eins (
heilmittel) zum stuhl, ein andres harn und schweisz? Triller
poet. betrachtg. (1750) 4, 46; ich konnte die ganze nacht nicht ruhen, es trieb mich öfters zu stuhle Göthe I 44, 284, 15
W. einen stuhl haben: aber man schol in (
syrup) den nicht geben, die ir stuol swærleichen habent Konr. v. Megenberg
buch d. nat. 345
Pf.; ich han kain stuol in 14 jaren nie gehabt, wa wolt dan die speis hinkomen?
chron. d. dtschen st. 25, 18, 30 (
v. j. 1513); (
der arzt fragt) hat denn auch euwer fraw zimliche deuwung oder neuwlich ein stul gehabt? Kirchhof
wendunmuth 1, 138
Österley; lieber juncker, ... habt ihr auch etliche stul gehabt?
ib. 1, 150;
mundartlich: i' kann halt kan stuhl kriag'n Hügel
Wiener dial. 160
b; einen harten, starken stuhl, viele stühle haben Kramer 2 (1702) 1023
b; hingegen pflegen auch die kinder oftmahls viel stüle zu haben Welsch
hebammenbuch (1671) 803; natürlichen stuhl haben: darumb, mein pawer, sag mir on, ob du auch hast natürlich stul! H. Sachs 9, 312, 27
Keller; diser ist einmal kranck gewesen, hat im ain doctor ein recept in die apotecken geschriben, hat er ain natürlichen stuohl gehabt und ain solchen dreck mit lawb und grasz geschissen Lindener
katzipori 187
lit. ver. durch den (
mit dem)
stuhl auszgehen, gehen, abgehen: wo nicht, so bleibt sie (
arznei) im magen und gehet durch den stul ausz Paracelsus
opera (1616) 1, 220
Huser; bald sagen solche artzneyaffen, dasz diesem patienten die leber zersprungen und schon durch den stuhl gehe Ettner v. Eiteritz
mediz. maulaffe (1719) 971; so kann ein gallenblasenstein ... mit dem stuhle abgehen Sömmerring
bau d. menschl. körpers 5, 144.
schlieszlich für die [] excremente selbst gebraucht: darumb, wann sie (
die menschen) ze stuol gegangen sint, so beschauwent sie iere stuol (
kot) Stainhöwel
Esop 57
lit. ver.; farend einmal gehn Franckfort in die mesz und besehend den stul bey den Moscovitern, ... so vergehet euch ewer sprichwort Paracelsus
chirurg. bücher (1618) 265
Huser; darausz folgt nun, dasz jetzt solch stül auszgehnd, die sind bluttig
ders. opera (1616) 1, 537
Huser; den stul besichtigen und mit einer gerten umbrüren
excrementa considerare et virga versare Henisch (1616) 1522, 68; gewöhnlich werden jene niederschläge ausgeleert und man findet sie häufig in den stühlen Sömmerring
bau d. menschl. körpers 8, 1, 343. 4@dd)
oberteil des wagens, das meist zugleich als sitz dient, der '
wagenstuhl',
vgl. teil 13, 475
u. kipfstuhl 5, 781: nach solchen worten ist er auff den wagen gestiegen und nach deme er sich gesatzet, hat der fuhrman den stul vermacht Barth
weiberspiegel (1565) h 4
b. 55) stuhl
ist die bezeichnung einer reihe von kleineren sitzgeräten ohne rückenlehne, drei- oder vierbeinig, oft zusammenlegbar: tripedica stual
ahd. gloss. 2, 261, 4 (11.
jh.)
; tripoda dristichilstuol
ahd. gloss. 3, 372, 5 (13.
jh.);
tripes tistiketstol (tristikelstol
Steinmeyer) 3, 717, 8 (13.
jh.);
tripoda dristichil stul Diefenbach
nov. gloss. 371
b;
tripes eyn dryevoisz stoel (
voc. v. j. 1507)
gloss. 597
a;
tripus stuhl mit drei füszen Aler 2, 1859
a.
häufig in den deutschen weistümern als dreibeinig(t)er, dreistaliger, dreispitziger, dreistempflicher stul, stul mit drin spitzen,
der auf den grund und boden zur bestimmung der begüterung eines landeigentümers gestellt wurde, vgl. rechtsalterth.4 1, 112
f.; 135; 258; 538.
sodann der zusammenklappbare feldstuhl, sella castrensis, s. teil 3, 1490,
eigentlich faltstuhl,
sella plicatilis, weil er zusammengefaltet werden kann, vgl. faltstuhl
und falzstuhl,
teil 3, 1302
u. 1304;
derartige stühle
scheinen gemeint zu sein, wo mangels näherer angaben doch aus der art der verwendung auf eine solche bedeutung geschlossen werden musz, so wenn dem geistlichen während des gottesdienstes ein sitz nachgetragen wurde: ministri cathedralitii diener, so auff ihre herren warten, wenn sie von der cantzel gehen oder ihnen die stüle nachtragen Corvinus (1660) 1259
a; der abbas hat einen marschalk, der ... sol dem abbas nachtragen sinen stul ze den hochgeziten, wenne er mit cruce gat
urkunde v. j. 1339
bei Schöpflin
Alsatia diplom. 2, 164,
vgl. rechtsalterth.4 1, 487;
auch für laien, vgl. kirchstul
sella plicatilis Stieler 2177; Kramer
nd.-hochteutsch (1719) 2, 122
b u. kirchenstuhl
teil 5, 812: das also in der kirchen zwar ein weiblein hett sich allgemach hiendan gesetzt nach bei der thür, das sie den lufft hett für und für, auf eim dreybeinen stuol sie sasz Fischart
flöhhatz 11
ndr.; auch als predigtstuhl
bezeichnet, weil man ihn bei der predigt möglichst nahe an die kanzel heranrückte, um besser hören zu können: sella plicatilis predigstul, den man zusammennimbt
nomenclat. lat. germ. (
Hambg. 1634) 132; ein stuel, den man zusammenlegen kan, ein predgstuel Corvinus (1660) 1260; Kirsch (1732) 986
a;
noch mundartlich: predigtstool Schütze
holstein. idiot. 4, 204.
sodann sitzgeräte mit fester hölzerner sitzfläche, sogenannte schemel, mit drei oder vier beinen, die üblichen handwerkerstühle, schusterschemel u. s. w., vgl. H. Bergner
hdb. d. bürgerl. kunstaltertümer 2, 414: (
jedermann sollte weinen) wann ein handwercksmann von seinem stuol oder ackergepew zum krieg auffstund Seb. Franck
chron. zeytbuoch (1531) 217
a; ... gewisz sie sorgte schon, den schopf euch mit dreibeingem stuhl zu bürsten ...
Shakespeare (1854) 5, 239;
vgl. tripetia dreybeinigter schemel oder stuhl Kirsch
cornucop. (1732) 1098
b;
am häufigsten wohl auf den hölzernen melkstuhl
oder melkschemel
angewendet, vgl. teil 6, 2000: der hirt sasz auf dreibeinigem stul und molk J. Grimm
kleinere schr. 1, 138. —
auf ein sitzgerät, wie es heute die pflasterer bei der setzarbeit gebrauchen, eine runde etwas ausgehöhlte holzscheibe auf einem kurzen stiel, geht vielleicht: der pflastermeister und sein gesellen, die pei ime
[] auf den stullen arbeitten Endres Tucher
baumeisterbuch 48, 11
Lexer; einem ieden (
der gesellen), der auf dem stull arbeit (
wird ein weniger leistungsfähiger knecht zugeteilt)
ebda 50, 12;
so in fester verbindung: von sant Gallen tag bisz auf sant Peterstag stullfeier (
soll der stadtbaumeister als taglohn geben) zweintzig pfenning dem meister und einem gesellen auf dem stull sechtzehen pfenning
ebda 48, 29; ... zwen pfenning einem meister und ein pfenning einem gesellen auf dem stull zu badgelt geben
ebda 48, 34
u. ö. 66)
in älterer zeit haftet dem begriff des stuhles nicht notwendig wie heute die tatsache des einsitzigen an, vgl. Heyne
d. dtsche wohnungswesen 105,
fig. 19;
das ist auch lexikalisch deutlich durch die anwendung von stuhl
im sinne von (
speise-)
sofa, ruhebett u. s. w., gewöhnlich als langstuhl
bezeichnet Krünitz 177, 205; 238,
vgl.stuhlbett;
bes. im ahd. nachweisbar: triclinium hohsedal
vel stuoal
ahd. gloss. 1, 399, 6;
triclinio stuole 1, 490, 38;
in accubitu in stuole 1, 550, 1;
recubitus stuola 1, 812, 56;
fulchra (=
fulcra) stuola 2, 470, 67,
vgl. triclinium sitzstule
voc. theuton. v. j. 1482
bei Diefenbach 595
c. 77)
eine bank mit oder ohne rückenlehne; bisellium, subsellium duorum capax ein stul, auff welchem zween sitzen mögen Calepinus
undecim ling. (1598) 163
b;
subsellium ein stul darauff die zuhörer sitzen
nomenclator lat. germ. (
Hambg. 1634) 284,
vgl. subcellium gestiel o. benck, dar uff man sitzt in einem spiel
voc. v. j. 1516
bei Diefenbach 559
a;
in gewissen maa. noch gebräuchlich für bank,
so bedeutet im schweizerischen stuehl
eine leichtbewegliche kleine bank Friedli
Bärndütsch 1, 310;
im steirischen bauernhause nennt man vierfüszige bänke ohne lehne, die an den freien seiten des tisches in der rauchstube stehen stühle,
vgl. wörter und sachen 1, 127;
bisweilen auch als niedriger stuhl
bezeichnet: niedriger stul
subsellium Stieler 2177;
nd. nederste stoil of sitten beneden den hoghen sitten
subsellium v.
d. Schueren
Teuthon. 260
b Clignett. 7@aa)
weit verbreitet zur bezeichnung des gewöhnlichen feststehenden kirchenstuhles, der meistens eine bank aus holz ist, vgl. teil 5, 812,
auch gestühl
genannt, teil 4, 1, 4263;
subsellia templorum die stüle in den kirchen Decimator
thesaurus (1608) 530
b; Corvinus (1660) 555, 1260;
mundartl. stuehl
kirchenbank Martin-L.
elsäss. 2, 593
a; štūəl
sitz in der kirche Fischer
schwäb. 5, 1907
a;
seit dem 14.
jh. oft belegt: du solt dich selben negeln in den stuol voll us ze stenne, und sunderlich die messe in der minne, als Christus voll us stuont an dem krütze H. Seuse 1, 414, 1
Bihlmeyer; (
a. 1403) item 6
m. den tischern, die die stule zu Ragnith in der kirchen haben gemacht
Marienbg. treszlerbuch 273, 33
Joachim; er kniete ... under ainer metten in ainem stuel und rüefte gar aus innigem hertzen zu got U. Füetrer
bayer. chron. 109
Spiller; er (
pfarrer) seh den dieb fein sitzen dort, und weist mit fingern auff den orth und den stul, da er solte sitzen, die im stuel theten alle schwitzen L. Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 85
ndr.; ein jeder nam der eltesten hern einen bey sich und führten sie also durch die statt in unser lieben frauwen kirchen, in ihre stett und stüle, und zuvor hielt man ein messe H. Regkman
lübeck. chron. (1619) 52; da sollt ihr ein flüstern hören, durch die stühl und auf den chören J. H. Voss
sämtl. ged. (1802) 2, 109; die communicanten saszen in einer besonderen abtheilung der stühle, zwischen chor und durchgang, rechts die männer, links die frauen L. v. Ranke
s. w. (1867) 3, 57;
bisweilen auch durch ein gitter oder eine tür abgeschlossener kirchensitz für eine oder mehrere personen, vielfach für die kirchenältesten, vornehme kirchenbesucher oder frauen bestimmt, vgl. weiberstüle in der kirchen,
subsellia ima, dicuntur nonnumquam gitterstüle,
subsellia clathrata Stieler 2177: dieselbe witfrow het ein stuol in der kirchen sanct Martens Val. Schumann
nachtbüchlein 265
Bolte; er zoge ein bund schlüssel aus dem schiebsack und versuchte
[] so lange den stul (
in der kirche) aufzuschlieszen Joh. Riemer
polit. maulaffe (1679) 178; als die bewohner des herrenhauses die kirche betraten, ... eine schmale treppe ... führte zu dem herrschaftlichen stuhle hinauf Fontane
ges. w. (1905) I 1, 43;
an den kirchenstuhl schlieszen sich verbale wendungen an wie z. b. einen stuhl in der kirche haben: er sprach: so nimm der kürchen war und lerne da, nicht in der schuhl; sie sprach: ich hab da keinen stuhl G. Voigtländer
oden u. lieder (1642) 88, 9;
vgl. Fischer
schwäb. 5, 1907
a; Krünitz 177, 199;
vielleicht auch in einem stuhl stehen
sich miteinander vertragen: der ist eyn narr, der buolen will und meynt doch halten masz und zil, dann das man wyszheit pfleg und buol mag gantz nit ston in eynem stuol S. Brant
narrenschiff 16, 90
Zarncke. weiterhin ist stuhl
ein sitz auf dem chore in der kirche Krünitz 177, 231;
sellae die stül, das chorgestül Pomey
ind. (1720) 192;
dafür auch singerstuehl
chorbänke in der kirche Martin-L.
elsäss. 2, 593
b.
der chorstuhl der geistlichen in der kirche; exedra (
absis) pristerstul Diefenbach 215
c;
exodia (
exedra) en stol der prester
ib. 217
b; stuhl eines stiftsherrn im chore
stalle Schrader 2, 1332
c: er sach dasz der abt in seiner weiszen kuthen in seinem stuol im chor stand Knebel
chron. v. Kaisheim 42, 15
lit. ver.; es waren da acht diakonen, welche ... erst sehr gleichgültig auf und abgingen, ... endlich gingen sie in die stühle Nicolai
reise durch Deutschland (1783) 1, 298. '
beichtstuhl',
vgl. confessarii tribunal beichtstuhl Pomey
ind. (1720) 193: der priester hiesz sie mit im gon und satzte sich in dem stule hin, die künigin knüwete dafür hin und bychtet gantz usz hertzen grunde H. v. Bühel
königstochter v. Fr. 4463
Merzdorf; och hett man gemacht by zwölff bichtstuolen zuo dem thuom ze Constentz, und was an jeglichem stuol geschriben, was sprachen der kond, der in dem stuol ze bicht sauss U. v. Richental
chron. d. Constanzer conzils 61
lit. ver.; da die? sie (
Gretchen) kam von ihrem pfaffen, der sprach sie aller sünden frei; ich schlich mich hart am stuhl vorbei, es ist ein gar unschuldig ding, das eben für nichts zur beichte ging Göthe 14, 129
W. 7@bb)
in specieller anwendung auf eine querbank auf schiffen, bootsmannsbank, steuerbank: transtra stuola
ahd. gloss. 1, 647, 62;
transtrum stuol thueri (
d. h. quer) 2, 706, 13; thuerstolon
transtris alts. gloss. bei Wadstein 94, 16;
transtrum schifstuol
voc. optim. 22, 62
Wackernagel; stibulum, transtrum ruderpanck, schiffstul
voc. theuton. v. j. 1482
bei Diefenbach 552
b;
amplustra, sedes nautae stewrstul
aus ders. quelle ebda 31
c; scheepmanns stoil
amplustra v.
d. Schueren
Teuthonista 334
b Verdam; stuhl
bootmannsstuhl Hoyer-Kreuter
techn. wb.5 1, 748
b. —
kurze bänke in den glashütten als sitz für die arbeiter Jacobsson
technolog. wb. 4, 343
b; Krünitz 177, 237. —
schandbank, sitz für missetäter bei gericht, sellette Schrader (1784) 2, 1333
a;
vgl. auch stühlchen, stühllein;
auch als sitz bei der hinrichtung dienend: (
a. 1641) diese arme sünderin ... wie sie sich auf dem stull hat nidergesetzet, da ist meister Valtin, der hencker, umb sie herum wie ein katz umb einen heiszen bray (
gegangen) meister Frz. Schmidt
richten 12
Keller; nd. auf dem stuhle schmöken,
vgl.schmauchen
teil 9, 954: anno 1541 ... wurden alhier zu Magdburg ... (
die brandstifter) C. B., J. J. und S.
F. mit feur zu tode auf dreyen stylen geschmocket
chron. d. dtschen st. 27, 116, 11. —
fuszbank oder fuszschemel, scabellum, vgl. auch stühlein 3,
sp. 350: denn du bist herbheltzt an der gerb (
var. kerb) den zorn den wilt du bssen an meiner hauthast fürgebaut heltzt mich ein stul deinr fssen G. Forster
frische teutsche liedlein 145
ndr.; [] die kleinen schmalen stühle oder fusztritte von holz, welche die Tahitier des nachts unter den kopf zu legen pflegen, sind auch hier bekannt J. G. Forster
s. schr. (1843) 2, 136. 88)
in freierem gebrauch übertragen auf den packsattel als einen stuhlähnlichen gegenstand: sagma sella stual saum
ahd. gloss. 1, 291, 73 (9.
jh.);
sagma stuol 1, 344, 18; stual 1, 354, 9;
sagma filtrum vel stuol
vel sǒm 3, 258, 46 (
Heinr. summ.); 3, 307, 73;
sagma stuol
voc. v. j. 1500
bei Diefenbach
nov. gloss. 324
a;
in der literatur und in späterer zeit anscheinend nicht belegt. 99)
aus der bedeutung von stuhl
als sitzgerät im weitesten sinne hat sich eine allgemeinere bedeutung '
sitz, ort, platz, stätte'
entwickelt; vergleichbar ist der oben unter 1 a
γ behandelte gebrauch von stuhl '
thronus'
als '
residenz, diöcese'
: situs stul (15.
jh.) Diefenbach
gloss. 539
b.
anfänge dieses gebrauchs zeigen sich schon im mhd.; hier und da spielt dabei noch eine mehr oder weniger gegenständliche, bildhaft gebrauchte vorstellung oder auch stilistische umschreibung eine rolle: nit anders wann ein tumbez swin, daz schœniu pluemen lazzet sin und in des bœsen horwez pfuol suochet siner ruowe stuol Laszberg
liedersaal 3, 48, 872 (
vulg. sus lota in volutabro luti Petr. 2, 2, 22); diese statt (
Erfurt) ist auch ein gewönlicher stuol der Thüring gewest (
Thuringorumque celeberrima sedes fuit) G. Alt
Schedels buch der chron. (1493) 155
b; nun seyn wir in Grecia, in der mechting stadt Athena, welche stadt ist der weisheit stuel, da die philosophi ir schul halten ... Hans Sachs 13, 580
lit. ver. häufig als stuhl im himmel (
im eigentlichen sinne biblisch, vgl. apok. 4, 2), in der hölle: nu wart der heidenschaft bekant, daz kæmen die getouften, die stuol ze himel kouften Wolfram von Eschenbach
Willehalm 16, 24; ich wollte diesen plaz nicht um einen stul im himmel tauschen Göthe 39, 151
W.; kind, was soll dein vater haben? kind, sage dus mir! 'einen stuhl in dem himmel' A. v. Arnim
w. 21, 93
Grimm; ebenso: diu bœse rede gît zaller zît ... gît einen stuol in der helle grunt Thomas v. Zirclaria
welsch. gast 7196
Rückert; sie (
seele) mag noch nit uff erd bestan, sie musz ye suochen iren stuol by Lucifer in hellen pfuol Seb. Brant
narrenschiff 89, 107
Zarncke; der teufel selbst wird sein sein mitgeselle, das hellsche feur wird sein an goldes stelle, ein greulich loch und schwefelichter pfuhl wird sein sein stuhl G. Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 41; kind, was soll deine mutter haben? kind, sage dus mir! 'einen stuhl in der hölle' A. v. Arnim
w. 21, 93
Grimm; redensartlich: sich einen stuhl im himmel verdienen: wann sie die wildbahne, die fischereyen und andere gute intraden (
einkünfte) zu sich gezogen haben, haben sie vermeynt, damit werden sie einen stul im himmel ... verdienen Prätorius
abentheuerl. glückstopf (1669) 155; einen stul im himmel wodurch verdienen
meritare una sedia cioè un grado di gloria nel paradiso Kramer 2 (1702) 1023
b;
auch mundartl.: hä heet sek en stohl em hemmel verdennt Leithäuser
Barmer ma. 151
b.
ohne erinnerung an den eigentlichen gebrauch schlieszlich völlig synonym mit platz, stätte, ort,
bes. bei abstracten, gelegentlich auch hinüber spielend in die bedeutung einer abstract gefaszten '
grundlage', '
unterlage': (
die scham ist) ain stuol der tugend
St. Georgener prediger 101, 22
Rieder; die prust ist ein
[] grundtnus und ein stuel, darinn das leben ist
problemata Aristotelis (1492) 10
a; dann gleicherweis als der stul des feurs nynndert ist denn in den feuern, der wasser nyndert denn in den wassern und der gayst nyndert denn in dem gayst also auch der stul der erden nynndert anderst wo denn in ir selbs G. Alt
Schedels buch d. chron. (1493) 12
a,
vgl. Seb. Franck
chron. zeytbuoch (1531) 11
a; (
die) menschliche sele, die got gibt und iren stuoel im hertzen hat Berthold v. Chiemsee
tewtsche theol. 187
Reithmeier; so seind wir pfaffen alle miessigenger, uber alle laster, deren müssigkeit ein urhab und stuol ist Eberlin v. Günzburg
sämtliche schriften 2, 65
ndr.; wir brauchen aber das wort hertz, wie es die heilige schrifft brauchet, nicht alleine für das glied menschliches leibes, so da ist ein stuel und brunn desz lebens J. Rhodius
neidteuffel im theatr. diabol. (1588) 2, 81
c; also seindt sie vier element auch geordnet, das eins ligt, das ander fleugt, eins also, das ander also, und haben nicht ein stul oder ort Paracelsus
opera (1616) 2, 26
c Huser; die hoffart hat iren stuol in der lungen Seb. Franck
sprüchw. (1541) 1, 12
a; das bluot ... ist ain sitz oder stul der sele
cod. med. v. j. 1472
bei Fischer
schwäb. 5, 1907
a; darauff so merckend nun, vom sitz und stul der seel, nemblich dasz sie im hertzen sitzt mitten im menschen Paracelsus
opera (1616) 2, 434
Huser. 1010)
in technischer und berufssprachlicher verwendung. 10@aa) stuhl
als bezeichnung für verschiedenartige gegenstände, denen aber das gemeinsam ist, dasz auf ihnen etwas ruht und sie daher als sitz eines darüber gelagerten oder darauf gesetzten anderen gegenstandes aufgefaszt werden; so die untergestelle oder untersätze mit kreuzweise zusammengefügten füszen der verkaufsbänke auf marktplätzen, sogenannte schragen: sollen den (
branntwein) allein denen geben, die solchen prantwein nach geschribner massen, nach pfenwerd und hallerwerdt auf den schrägen oder stuolen fail haben
bair. landtsordnung (1553) 96
b;
mundartl. stuhl
verkaufsbank am marktplatze Unger-Khull
steir. 587
a.
der untere teil einer orgel, worauf das haupt- und brustwerck steht Hübner
cur. lex.5 (1727) 1854; Zedler
lex. univ. 40, 1270,
einer telegraphenstange auf den dächern der häuser Blatschke
wb. d. elektrotechn. 1, 121;
ein fusz, worauf der schiffsmast gesetzt wird, wenn er zu kurz ist Röding (1793) 2, 752; Bobrik 675
a;
das fortlaufende postament unter einer säulenstellung, stylobates, podium Mothes
baulex. 4, 287,
vgl.säulenstuhl;
auch die säule selbst Adelung (1780) 4, 850; Krünitz 171, 198;
besonders ein hölzerner träger, ein senkrecht stehendes stück zimmerholz in einem gebäude Adelung
a. a. o.; Mothes
baulex. 4, 273; 287;
hölzerne grundmauer eines turmes: (
a. 1481) in disem jar wolt der neu thuren (
turm) ... umfallen, dan die maur wasz zu ring. also gab der zimermaister ... ain rath, man solt von grund auf ain hilzin stock oder stuol darunder ziechen und dasz tagwergk darauf setzen Knebel
chron. von Kaisheim 335, 1
lit. ver.; die steinerne untere haupt- oder grundmauer eines hauses: die häuser sollen steinerne stühle oder vierungen (
also untere hauptmauern) haben
Bayreuth. stadtordnung bei Schmeller-Fr. 2, 752;
das hölzerne räderlose gestell an einem geschütz, die laffete J. G. Hoyer
allg. wb. d. artillerie (1804) 2, 2, 201;
dafür auch studel,
s. teil 10, 4, 258, 2: lade die büchsz ... mach ein stuel, der sich hoch oder nider lasz treiben, und leg die stang darauff L. Fronsperger
kriegsbuch (1573) 2, 217; den höltzern stullen oder laffneten Chr. Fr. v. Geiszler
artillerie (1718) 72;
ein gestell unter der zerkleinerungsmaschine in den walzenmühlen, auch schrotstuhl, walzenstuhl
genannt, Karmarsch-Heeren
2 2, 706,
vgl.mühlstuhl
bei Th. Haym
teutsches jur. lex. (1738) 699.
besonders aber das gestell aus holz, das dach eines hauses zu tragen, der dachstuhl,
s. teil 2, 668; Wachter (1737) 1637; Mothes
baulex. 4, 287: nach solchem machen sie sich an das tach ... und setzen desselbigen stul auf seine mauren Agyrtas
grillenvertreiber (1670) 28;
bisweilen ist in niedersächsischen gegenden jedoch auch das ganze holzwerk eines hauses bis unter das dach als stuhl
bezeichnet Strodtmann
idiot. Osnabr. (1755) 231; das haus brennt 'bis auf den stuhl' ab,
[] wenn nur das dach abbrennt Krünitz 177, 199.
ferner das die kirchenglocken tragende hölzerne gerüst, der glockenstuhl Wachter (1737) 1638: ward die grosz glock zu
s. Laurentzen gegossen, ist lange zeit auff dem kirchhof gehanget, biss der stuol in den thurn gemachet ward Stumpf
Schweizerchron. (1606) 386
b; das kind es denkt: die glocke hängt da droben auf dem stuhle Göthe 1, 204, 10
W.; ... und währt es nicht lange, so hing sie (
die glocke) läutend mit macht im stuhl ... Mörike
ges. schr. 1, 256
Göschen. 10@bb)
aufgestellte maschinen oder teile derselben, die etwas halten, so besonders das gestell des webers, der weber-
oder webstuhl,
s. teil 13, 2671
u. 1274; Prechtl 20, 240: wan die weber kunnen wol ze tal under die stüele (
hs. H. stüedel) lassen hangen einen grossen strangen garnes, das niht zuo dem tuoche kunt Konr. v. Ammenhausen
schachbuch v. 11487
Vetter; (
a. 1421) nota von der lynenwobere, deckelechere und barchenmechere wegen ... daz dann iglich meistere under in mogen haben vier getzauwe und stule, doch daz man je zur zijt nit me dann uff drin stulen weben
Frankfurter zunfturk. 1, 293
u. ö.; licia sunt fila, quibus in telis textrices implicant stamina das wäbergeschirr, gerüst dardurch der zettel auff dem stul gezogen wirdt Calepinus
undec. (1598) 820
b; unter andern waren bey diesen bürgern vorhanden: 85 stühle zum tuchmachen ..., 5 stühle zum raschmachen Fr. Nicolai
beschreib. einer reise d. Deutschland (1783) 1, 25; der faden eilet von dem rocken des webers raschem stuhle zu Göthe 2, 147, 171
W.; zünftiger meister seines gewerbes war er in jüngeren tagen geworden, hatte aber mit dem ersten stuhle, auf dem er für eigene rechnung musselin zu weben begann, unglück Gutzkow
ges. w. (1872) 1, 56; am tage da liegt a iberm stuhle (
in der fabrik) G. Hauptmann
weber (1892) 15; hier is uf de fabrike abgesehen. de mechanschen stihle, die wolln se doch aus d'r welt schaffen
ib. 108;
bildlich: nachdem e. e. w. ... mich under andern priestern, so hie verpfrundt und auserhalb der stat sind, ouch berueft hat, uns furgehalten, die religion, so e. e. w. kurtzlich angenommen, ouch zu gebrauchen und zu ieben
etc. oder unser pfrunden zu verlassen, ursach das dieselbigen unser pfrunden wir versehen haben, — wie wir dann wol wissendt — und auf zwaien stuelen gewürckt haben (
d. h. zwei pfründen an verschiedenen orten gehabt haben)
urk. a. d. j. 1546
bei K. O. Müller
aktenst. z. gesch. d. reform. in Ravensberg 56. —
so auch für das gestell des strumpfwirkers, der strumpfwirkerstuhl Jacobsson 7, 481
b; Adelung (1780) 4, 851: aber übersetzungen sind ja keine leinwand, keine strümpfe, dasz sie auf einem stuhle gewebt werden könnten Chr. Fr. Nicolai
leben des S. Nothanker (1773) 1, 98; strumpfwirker liegen an hundert stühlen still Göthe III 1, 82
W.; desgleichen des bortenwirkers oder posamentiers Schwan (1783) 2, 740
b.
bei der eisenbahn eine stütze für die zwischenschwellen, der schienenstuhl, unterstützungsstuhl,
bei maschinen soviel wie lager, träger, der lagerstuhl Mothes
baulex. 4, 287
a: zwischen schienen und tragstein oder schwelle noch einen dritten körper, einen stuhl (chair) von gegossenem eisen anzubringen Karmarsch-Heeren
2 1, 620.
teil der radwelle eines dampfschiffes Hoyer-Kreuter
5 1, 438
a: die drei wellentheile ruhen auf sogenannten stühlen,
d. h. säulengestellen von guszeisen, welche zum festen gerüst der maschine gehören Bobrik 191
a. 10@cc)
sonstige verschiedenartige technische einrichtungen; so der hölzerne stab am topp der bramstengen, in dem das flügelspill, das aus einer eisernen stange besteht, steht, der flügelstuhl Röding 2, 752; Kluge
seemannssprache 275;
anders der bramstengenstuhl Röding 2, 751; Kluge
seemannsspr. 796;
vgl. auch stühlchen 3 b,
sp. 348. —
in der bergmannssprache: [] '
der krumme teil am grubenlicht, darinnen oben der wirbel des hackens gehet, unten daran aber das eigentliche grubenlicht, als eine lampe befestiget ist'
bergm. wb. (1778) 540. —
der teil des gewehrschlosses, worin der zapfen der nusz seine unterstützung findet, der nuszdeckel, dafür auch studel,
s. teil 10, 4, 258
nr. 4, Winckell
hdb. für jäger (1865) 3, 355.
im älternhd. von einem teil der armbrust: eym bricht der bogen, senw und nusz, der duot am anschlag manchen schlypf, dem ist verruckt stuol oder schyppf, dem loszt das armbrust, so ers rürt Seb. Brant
narrenschiff 73, 15
Zarncke; im stechen verlor ers (
Wilhelm Tell) nimmer, es wer dan die senn zerstochen ... oder der stul wer verritscht Fischart
Garg. 283
ndr. —
die unterlage der ablaszröhren beim salzbergbau, der ablaszstuhl Scheuchenstuel 3: zu des stollens mundtloch wird erstmalen ein stul gesteckt und auch zu dem schacht, der erst gesuncken ist, ... ein stul aber wird ausz dreyen stämpfeln gemacht, die in die erd gesteckt seind, und ausz eim viereckichten brett Ph. Bech
Agricolas bergwerckbuch (1621) 102.
eine winde im bergwerk, die haspel, die als ober-
und unterstuhl
bezeichnet wird Mothes
baulex. 4, 287: jedoch weil eine haspel etwas höher gebauet als die andere, und also an den obersten stul oder haspel die sole tieffer heraus gewunden werden musz, so theilen sich die haspelleute Hondorff
saltzwerk zu Halle (1670) 34. 10@dd)
bei schichtweise übereinander gelagerten gegenständen oder massen wird die untere schicht, die die unterlage einer oberen bildet, als stuhl
betrachtet und bezeichnet; so macht in den schmelzhütten das erz, wenn sich im schmelzen ein erz auf das andere setzt, einen stuhl Adelung (1780) 4, 850; Jacobsson 7, 491
a;
vgl. auch nasenstuhl,
teil 7, 416.
ferner garben, die in der mitte des kreuzschabers zu liegen kommen Unger-Khull
steir. 587
a: die garben werden dann zum austrocknen auf dem felde in sogenannte kreutzschober, welche die form eines kreutzes haben, dergestalt zusammengesetzt, dasz auf jeder der vier seiten fünf garben aufeinander liegen, und in der mitte unten eine garbe den sogenannten stuhl, und oben eine den hut bildet
verhandl. u. aufsätze d. k. k. landwirtschaftsgesellschaft in Steyermark (1822) 10, 13. —
etwas anders anatomisch, die stufenförmig gefurchten, gewulsteten gaumenfalten beim pferde, auch staffel (
s. d.)
genannt, im 16.
jh. in der verbalverbindung den stuhl stechen (
vgl. die staffel stechen)
zur ader lassen, s. u. das subst. stuhlstechen: wann aber ein pferd gar wenig truncke und auch nit voll oder faist sonder abkommen were, soll man ihm den mund mit wein und saltz oder mit essig und saltz waschen. wann es nit helffen wolt, mag man ihme czu maul lassen oder den stuol stechen Hörwart von Hohenburg
kunst der reiterei (1581) 21
b; offt im tag reyben sie inen (
den rossen) gleichfalls das maul, zungen und die stüel mit essig und saltz, damit sie lustig bleiben zum essen Seuter
roszarznei (1588) 92. 10@ee)
sonstige fachsprachliche anwendungen. im salzwerk zu Halle die einteilung der salzbrunnen Hübner
cur. lex. (1727) 1854; Mothes
baulex. 4, 287;
literarisch schon in den bergwerksbüchern des 16.
u. 17.
jh. belegt: in diesem born (
zu Halle) ist das höchste und meiste gut ein stuel, das ist acht und viertzig pfannen, darüber darff keiner haben Mathesius
Sarepta (1578) 125
b; der deutsche brunnen wird in zwey und dreiszig stüle abgetheilt. ein stul hat vier quart oder viertel, und ein quart zwölff pfannen Hondorff
saltzwerk zu Halle (1670) 4. —
das flugbrett der bienen am bienenstock: so viele als neben den stuhl herabfallen, wenn es finster wird, bleiben ... die gantze nacht hausen liegen Joh. Gedde
vollkom. bienenmeister (1727) 15; wenn ihr sehet die wespen die toden bienen verlassen, dasz sie solche nicht mehr fressen vor dem stul und sich in die stöcke hineinwagen
ib. 63. —
in der naturkunde der fruchtboden oder fleischige teil des kopfes der artischocke, vgl. das comp. artischockenstuhl
hannöv. kochbuch (1808) 46; Jacobsson 7, 491
a; Oken
allg. naturgesch. 3, 735;
auch [] niederl. stoel der artisjokken Sicherer-Akveld 1, 1056
a: als nun der gute domine priester ihnen nachgefolget mit dem ablesen der blätter (
der artischocken), ist man endlich auff das underste, welches der stuel genandt wirdt, kommen
gepflückte fincken (1665) 148;
ähnlich das unterste ende einer blumenzwiebel Schrader 2, 1333
a;
mundartl. der krautartige stamm einer einzelnen noch stehenden kartoffelpflanze, comp. hess. erpelsstoul;
auch der zwergbohnen und anderer gewächse Schmidt
westerwäld. idiot. 241; Kehrein
Hessen-Nassau 1, 398;
vgl. niederl. stoel van aardappeln v. Dale 2, 1717
a. —
weiterhin ein auf zinsen ausstehendes kapital, auch hauptstuhl,
s. teil 4, 2, 634,
genannt, vgl. stuhldieb, stuhljunker, stuhlräuber 1,
heute veraltet Zedler 40, 1270; Haltaus (1758) 1760; Adelung (1780) 4, 850
b; Campe 4, 728
a. —
im älternhd. auch fachausdruck in der notationslehre in der musik: die herlichen toni, als 1. 3. 5. 7. haben gewalt und macht uber ihre stüle ein viii. zu zeitten eine x. und unter sich nur eine 2. wie folget
M. Agricola
musica choralis deudsch (1533) d 4
a.